VII. …then we see what we want to see


„Er...liebt...mich...nicht....määääähr!“ Ira heulte herzzerreißend auf und ich zuckte erschrocken zusammen. Schon ihr Anblick, als sie vor zehn Minuten vor der Tür gestanden hatte, hatte mir einen Mordschrecken eingejagt. Sie musste auf dem ganzen Weg hierher geweint haben, ihr Gesicht war blass und ihre Haare standen wirr vom Kopf ab. Dabei hatte ich mich auf einen schönen ruhigen Tag eingestellt. Aber dank Torkild Rasmussen Aam war dieser nun dahin.
„Wie kommst du denn darauf, Ira?“, fragte ich so vorsichtig wie möglich und legte einen Arm um meine beste Freundin, die wie ein Häufchen Elend neben mir auf dem Sofa hockte. Hoffentlich würde Jan nicht jetzt nach Hause kommen, seine Goschenromanweisheiten waren das letzte, was Ira jetzt noch fehlte.
„Er...hat...er....hat....ooooooh!“ Wieder heulte sie auf und vergrub ihren Kopf an meiner Schulter. Der Gute musste ja richtig losgelegt haben, so leicht geriet Ira nämlich nicht aus der Fassung.
„Ganz ruhig“, murmelte ich verzweifelt und strich ihr über den Rücken. Ira nickte, atmete ein paar Mal tief durch und putzte sich die Nase. Dann sah sie mich aus roten Augen an.
„Ich glaub, er hat eine andere“, flüsterte sie schließlich.
„Was?“, rief ich entsetzt und rührte in Gedanken schon den Beton für Torkild an.
„Er verhält sich so seltsam in letzter Zeit. Er ist kaum noch zu Hause, redet nicht mit mir und wenn ich ins Zimmer komme, versteckt er ständig irgendwelche Zettel vor mir oder so. Und neulich hab ich ihn durch Zufall in der Stadt gesehen – in einem Schmuckladen. Als er mich bemerkt hat, ist er wie James Bond auf Tauchstation gegangen.“ Sie grinste leicht. „Na ja, du kennst den Trottel ja. Jedenfalls mach ich mir Sorgen.“
„Hmhm“, machte ich und musste zugegeben, dass das wirklich etwas seltsam klang. Obwohl ich mir Torkild absolut nicht als den untreuen Weiberhelden vorstellen konnte. Er war so ein lieber Kerl und er und Ira hatten nie wirkliche Probleme in ihrer Beziehung gehabt. Wieso sollte er also eine andere haben?
„Was sagst du dazu?“, fragte Ira schließlich.
„Ich denke, du solltest mit ihm und nicht mit mir reden“, antwortete ich. „Vom Totschweigen wurde noch kein Problem gelöst.“
„Das sagt ja die Richtige“, stichelte Ira.
„Wie bitte?“, brachte ich erstaunt heraus.
„Wer ignoriert denn seine Gefühle für einen gewissen Ex-Freund hier wie ein Weltmeister, hm?“
„Können wir uns bitte auf ein Problem beschränken? Und zwar auf deins? Bitte?“
Ira schüttelte den Kopf und putzte sich erneut die Nase.
„Ich will Torkild nicht verlieren“, flüsterte sie schließlich. „Ich liebe ihn.“
„Mach dich mal nicht verrückt.“ Ich drückte meine beste Freundin an mich. „Dafür gibt es bestimmt eine ganz logische Erklärung – zumindest logisch für Torkild.“
„Hoffentlich“, lachte Ira und trank endlich einen Schluck von dem Saft, den ich ihr h9ingestellt hatte. In dem Moment flog die Tür auf und Jan stürmte herein. Gefolgt von Petter und Torkild. Ira und mir klappte die Kinnlade herunter. Was war das denn für eine Mischung?
„Silja“, platzte Torkild heraus. „Ich muss mit dir reden, es geht um...“ In dem Moment entdeckte er Ira und hielt inne. „...um...Jan.“
„Was?”, fragte ich.
„Ja, was?“, schloss Jan sich mir an und vergriff sich an meinem Saft. Ich trat ihm in die Kniekehle und stand dann auf, um Petter zu begrüßen.
„Ja, weißt du, du musst mit Jan reden, er verbreitet ein unheimlich schlechtes Karma in unserem Team“, stammelte Torkild weiter.
„Wie jetzt?“ Jan stemmte beleidigt die Hände in die Hüften. „Erstens stimmt das nicht und zweitens ist das auch Petters Schuld.“
„Ist doch nicht meine Schuld, wenn du die Finger nicht von Silja lassen kannst“, murrte Petter und legte einen Arm um mich. Ira und ich schaute uns an und rollten die Augen.
„Was ist hier eigentlich los?“, wollte ich von Torkild wissen.
„Tori?“, meldete auch Ira sich ängstlich zu Wort. Torkild stöhnte auf und ließ sich neben Ira aufs Sofa fallen.
„Es tut mir leid, Schatz“, murmelte er, woraufhin Ira sich erschrocken die Hand vor den Mund schlug. Ich wollte zu ihr, doch Jan hielt mich am Arm fest, woraufhin Petter ihm eine Kopfnuss verpasste.
„Lasst das“, zischte ich.
„Was ist denn nur los, Tori?“ Iras Stimme zitterte leicht.
„Fass meine Freundin nicht an“, flüsterte Petter sauer.
„Ich wollte nicht, dass du es erfährst“, gab Tori zurück und fuhr sich nervös durch die Haare.
„Ich fasse an wen ich will“, motzte Jan im Flüsterton zurück und schlang beide Arme um mich.
„Jan!“, gab ich erschrocken von mir.
„Du wolltest nicht, dass ich was erfahre?“, fragte Ira.
„Lass sie sofort los oder ich erstick dich mit deinem Tamponkostüm.“ Petters Schulter bebten vor Zorn und langsam bekam ich wirklich Angst.
„Ich wollte eine Geburtstagsfeier für dich organisieren“, seufzte Torkild. „Aber ich bin so schlecht im Verheimlichen.“ Traurig schaute er sich auf die Hände und ich schnitt eine Grimasse. Geburtstagsfeier, hm? Oh man.
„Zwing mich doch!“, provozierte Jan Petter, woraufhin dieser begann ihn zu würgen.
„Geburtstags...feier?“, stotterte Ira ungläubig. „Und...im Schmuckladen?“
„Petter!“, zischte ich erschrocken, schlang meine Arm um seine Taille und versuchte ihn von Jan wegzuzerren.
„Na, ich brauch ja auch ein Geschenk für dich, oder?“ Torkild sah Ira niedergeschlagen an. „Jetzt ist die ganz Überraschung dahin.“
„Das macht nichts“, lächelte Ira und küsste Torkild erleichtert. „Der Gedanke zählt.“
Torkild lächelte und die beiden drehten sich zu uns um. Petter würgte Jan noch immer, diesem hing mittlerweile die Zunge aus dem Mund ich stand immer noch hinter Petter und versuchte ihn wegzuziehen.
„Was...tut ihr da?“. Wollte Torkild verwirrt wissen.
„Ich bring diese kleine Schmeißfliege um, damit er endlich meine Freundin in Ruhe lässt“, stieß Petter zwischen den Zähnen hervor. Ira warf ihm einen mitleidigen Blick zu und sah dann zu mir, woraufhin ich schuldbewusst die Schultern hängen ließ.
„Petter, was meinst du, welche Strafe du kriegst wenn du unseren Neuzugang tötest, noch bevor er eine Startberechtigung hat?“, gab Torkild zu bedenken.
„Kann nicht schlimmer sein als ihn die ganze Zeit um Silja herumschwänzeln zu sehen.“
„Er wohnt hier“, seufzte Ira,
„Na und? Ich hab im Mietvertrag nicht die Klausel zum Begrapschen der Mitbewohnerin gesehen“, wetterte Petter weiter. Jan war mittlerweile blau angelaufen und wehrte sich nicht mehr.
„Petter, jetzt lass ihn los!“, brüllte ich unvermittelt, woraufhin dieser Jan vor Schreck fallen ließ. Jan landete auf den Knien, fasste sich an die Kehle und hustete gequält.
„Whops“, murmelte Petter. „Den hatte ich ganz vergessen.“
Ich rollte mit den Augen und hockte mich neben Jan. Sein Gesicht hatte immer noch eine ungesunde Farbe aber wenigstens hatte es nicht mehr die von Frostschutzmittel.
„Zeig mal her“, sagte ich leise und nahm seine Hände vom Hals. Petters Fingerspuren waren deutlich zu erkennen. „Am besten zu legst dich hin“, schlug ich vor und half ihm hoch. Jan stützte sich auf mich, als ich ihn in sein Zimmer brachte und ihn auf seinem Bett ablud. Anschließend ging ich wieder zu den anderen.
„Petter, im Ernst, so geht das nicht“, sagte ich und sah ihn ernst an. „Ich weiß ja, dass er dich nervt, aber sowas kann Schäden hinterlassen.“
„Als würde das bei dem einen Unterschied machen. Er ist doch der, der die Grenzen nicht kennt“, motzte Petter.
„Er kennt die Grenzen sehr gut“, erklärte ich. „Er überschreitet sie bewusst, um dich zu provozieren. Er weiß genau, was er tut, Petter. Willst du ihm diese Genugtuung wirklich geben?“
„Ich hab dir gesagt, ich werde mich nicht mit ihm messen“, antwortete Petter. „Wenn er seine Psychospielchen spielen will, muss er damit rechnen, dass er einen auf den Deckel bekommt.“
„Aber ihr könnt euch doch nicht ständig gegenseitig verletzen!“, entgegnete ich flehend.
„Das stimmt.“ Petter sah mich eindringlich an. „Er wird es sein, der verletzt wird, wenn er es zu weit treibt. Zumindest körperlich. Seelisch könnte er gar nicht mehr leiden.“ Plötzlich flackerte so etwas wie Mitgefühl in Petters Blick auf und ich war vollkommen verwirrt.
„Petter...“
„Ich weiß, dass Jan kein persönliches Problem mit mir hat“, fuhr Petter fort. „Ich hab ja eigentlich auch keins mit ihm. Wir sind uns ähnlich. Wir kämpfen um das was wir...“ Er unterbrach sich und schaute mich an. „...lieben.“ Damit drehte er sich um und verschwand aus der Wohnung. Ich starrte die Tür mit offenem Mund an und drehte den Kopf dann langsam zu Torkild und Ira, die ebenso überrumpelt aussahen.
„Er hat dir gerade gesagt, dass er dich liebt“, stellte Ira fest.
„Ja.“
„Er weiß es.“
„Er weiß was?“, hakte ich verwirrt nach. Ira lächelte leicht.
„Dass er nichts mehr zu verlieren hat.“

„Hunger?“
„Hält sich in Grenzen.“ Jan setzte sich in seinem Bett auf und nahm trotz allem den Teller Suppe entgegen, den ich ihm hinhielt.
„Wie geht’s dem Hals?“
„Kennst du das, wenn die Gummiteile von Socken zu eng sitzen? So ungefähr fühlt sich das gerade an.“ Er streckte die Zunge raus und strich sich über die Würgemale.
„Das tut mir leid“, meinte ich und ließ mich auf der Bettkante nieder.
„Du hast mich ja nicht gewürgt“, entgegnete Jan schulterzuckend. „Red dir bloß keine Schuldgefühle ein, Petter und ich sind alt genug die Verantwortung für unsere Idiotie zu übernehmen.“
„Da bin ich ja beruhigt“, sagte ich sarkastisch. Jan grinste und schlürfte seine Suppe. Er sah immer noch irgendwie blass aus und die Druckstellen am Hals hoben sich deutlich ab. Gedankenverloren streckte ich die Hand aus und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber. Die beiden konnten doch nicht im Ernst erwarten, dass sich auf diese Weise irgendetwas lösen würden. Sie hatten Ärger mit ihren Trainern, mal ganz abgesehen von Verletzungen wie diesen. Das war doch hirnrissig, so würden sie nichts erreichen. Oder war ihnen das etwa klar? Bei Petter hatte sich das fast so angehört, als wüssten die beiden sehr wohl um die Schwachsinnigkeit ihres Verhaltens. Und was meinte Ira damit, Petter hätte nichts mehr zu verlieren? Diese Sache nahm wirklich Formen an, die ich nicht mehr verstand.
„Silja? Ist alles okay?“ Jan schaute mich fragend an. Er hatte den Teller bereits beiseite gestellt. Als ich bemerkte, dass ich meine Hand immer noch an seinem Hals hatte, lief ich knallrot an und zog sie schnell zurück.
„Entschuldige, ich war in Gedanken.“
„Ist doch kein Problem“, lächelte er. „Machst du dir Sogen?“
„Ja. Schon“, gab ich zu und legte die Hände in den Schoß. „Du und Petter...das ist doch nicht mehr normal.“
„Nein“, murmelte Jan nachdenklich. „Ich muss zugeben, da hab ich wirklich meinen Meister gefunden, der Junge lässt sich nicht so einfach hinters Licht führen. Jeder andere wäre bestimmt schon in irgendeiner Weise aus dem Feld gezogen, aber er versucht einfach weiterhin munter mich umzubringen.“
„Jan, das ist nicht witzig.“
„Frag mich mal, sowas kann echt wehtun.“ Jan schnitt mir eine Grimasse und ich rollte mit den Augen. Nahm der das Ganze überhaupt ernst?
„Wenn das für dich nur ein Spiel ist, solltest du es beenden“, riet ich ihm kalt. „Dann hätte Petter endlich seinen Frieden wieder.“ Ich schaute hinunter auf meine Hände. „Und ich auch.“
„Oh, keine Sorge“, beeilte sich Jan zu sagen. „Das ist kein Spiel.“
„Na toll.“
Und du darfst auch nicht denken, dass du ein Preis oder sowas für uns bist.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. So hatte ich das ja noch gar nicht gesehen.
„Das zwischen Petter und mir ist kein Wettkampf oder so. Es ist unsere Art mit der ganzen Sache umzugehen. Irgendwie müssen Angst, Unsicherheit und Eifersucht ja kompensiert werden.“ Jan lächelte unbekümmert. „Ob du’s glaubst oder nicht, ich schätze Petter als Menschen. Aber als dein Freund ist er ein rotes Tuch für mich.“
„Ich verstehe“, murmelte ich. Wer hätte gedacht, dass sowas wie Vernunft hinter dem albernen Verhalten stand?
„Silja?“
„Hm?“
„Ich weiß, dass du Petter nicht weh tun willst. Aber manchmal ist man sich einfach selbst der Nächste. Egal wie du dich entscheidest, entscheide nicht nach Vernunft, okay? Du kannst es eh nie allen recht machen.“
„Wie kommst du darauf, dass ich vor einer Entscheidung stehe?“, wollte ich wissen. „Die Entscheidung hab ich vor vier Monaten getroffen. Ich bin Petters Freundin.“
Jan lächelte und strich mir über den Kopf.
„Ich mag die Art wie du denkst. Aber du solltest dir angewöhnen, weniger auf deinen Verstand zu hören.“
„Und das von dir“, murmelte ich. „Es tut mir leid, Jan, aber in dieser Sache hat das Herz Sendepause. Ich werde weder Petter verlassen noch mich selbst wieder deiner Willkür aussetzen. Im Gegensatz zum Herz kann der Verstand nämlich lernen. Daher verlass ich mich in dieser Sache lieber darauf.“
„Typisch“, grinste Jan. „Wenn du schon dein Herz nicht konsultieren willst, dann versuch es mal mit Ira.“
„Ira?“, fragte ich verwirrt. Was hatte der Typ jetzt schon wieder vor?
„Ja. Sie ist eine erstaunliche Beobachterin, weißt du. Genau wie Petter. Dir kannst du vielleicht was vormachen, aber nicht den anderen, Silja.“ Jan lächelte triumphierend, woraufhin ich wütend aufstand und mich neben seinem Bett aufbaute.
„Lass meine Freunde da raus“, zischte ich. „Ich warne dich, Jan. Ich weiß, dass du Leute bearbeiten kannst. Aber wenn du eine krumme Tour mit ihnen versuchst, prügle ich dich höchstpersönlich zurück in die Schweiz.“
„Heh“, machte Jan. „Hat dir das gerade dein Verstand oder dein Herz gesagt?“
„Äh...also...das ist doch...“
„Siehst du, ist doch gar nicht so schwer.“ Er zwinkerte und ich spürte die Wut meinen Hals hoch krabbeln. Dieser Typ war doch unglaublich! „Du magst es vielleicht nicht glauben, aber ich will wirklich nur dein bestes.“
„Nein“, sagte ich kühl und ging zur Tür. „Das mag ich wirklich nicht glauben.“

„Der Typ ist ja wirklich unglaublich!“, rief Ira aus, als ich ihr am nächsten tag von Jans und meinem Gespräch erzählte.
„Ja, Wahnsinn, oder?“
„Ja, ich kann nicht fassen, dass er Petter tatsächlich mag.“ Ira schüttelte den Kopf. „Und er hält mich wirklich für eine gute Beobachterin?“
„Ira“, murrte ich mahnend und sich lächelte verlegen.
„Ich sag das jetzt nicht gern, aber möglicherweise hat er Recht. Meinst du wirklich, es ist das beste auf Teufel komm raus bei Petter bleiben zu wollen?“
„Ich will nicht auf Teufel komm raus bei Petter bleiben“, erwiderte ich. „Ich will einfach bei Petter bleiben. Punkt aus.“
„Dann tu das.“ Ira verschränkte die Arme und nickte.
„Werd ich auch.“
„Gut.“
„Ich bleibe bei Petter.“
„Ja.“
Wir schauten uns eine Weile in die Augen. Dann stöhnte ich auf und schlug mir die Hände vors Gesicht.
„Ich hasse das! Das hat er früher schon immer gemacht. Er zwingt mich zum Nachdenken indem er mich verunsichert.“
„Er ist auf jeden Fall nicht auf den Kopf gefallen“, grinste Ira.
„Nein. So ein Mist. Wenn Petter doch nur etwas fester zugedrückt hätte“, schimpfte ich.
„Du wünscht Jan den Tod, weil er intelligent ist und ich gut kennt?“
„Nein. Weil er intelligent ist, mich gut kennt und das schamlos ausnutzt!“ Wütend warf ich mir einen unserer selbstgebackenen Kekse in den Mund und zermahlte ihn regelrecht.
„Aber er hat doch Recht, Silja. Du willst den bequemsten Weg nehmen, einfach bei Petter bleiben und Jans Existenz am besten ignorieren. Dabei vergisst du aber, dass es hier nicht nur um Petter und Jan geht, sondern vor allem um dich. Du siehst nur deine Angst und die Gefahr, Petter zu verletzen.“ Ira beugte sich vor und sah mich verschwörerisch an. „Das ist es, nicht wahr? Du willst ihn nicht verletzen, um dir nicht vorwerfen zu müssen, dass du genauso bist wie Jan. Denn dann müsstest du auch einsehen, dass jeder Mal Fehler macht. Dass Entscheidungen treffen unangenehm ist und dass man nicht immer die richtige treffen kann. Folglich müsstest du einsehen, dass man Fehler auch verzeihen kann. Und dann wärst du an dem Punkt, an dem du einsehen müsstest, dass Jan eine zweite Chance verdient hat, weil er dich nicht brutal und gedankenlos weggeworfen, sondern einfach nur einen Fehler gemacht hat, um dich zu schützen. Kombiniert mit der Tatsache, dass Jan zufällig deine große Liebe ist wärst du gezwungen, selber eine Entscheidung zu treffen, die in deinem Kopf so aussieht: Petter verletzen oder Petter nicht verletzen. Und genau da liegt der Denkfehler. Die Entscheidung wäre: Glück oder Unglück. Diese Entscheidung hängt weder von Petter noch von Jan ab. Wen du nimmst ist egal. Hauptsache du nimmst den, den du aufrichtig liebst, Silja.“
„Du bist auch einer von diesen Pro-Herz-Menschen, oder?“, knurrte ich, als Ira fertig war. Sie schnitt mir eine Grimasse und zuckte mit den Schultern.
„Tut mir leid, aber in dem Punkt stimm ich mit Jan vollkommen über ein. Oder denkst du, es war eine Vernunftentscheidung, mit Torkild zusammen zu ziehen? Immerhin sind wir erst drei Jahre zusammen und überhaupt noch sehr jung. Außerdem ist er ein Chaot vor dem Herren.“ Sie lächelte selig. „Aber mit ihm zu zusammen zu wohnen, jeden Morgen neben ihm aufzuwachen und abends mit ihm einzuschlafen macht mich glücklicher als eine fünfstöckige Schokotorte.“
Ich lachte auf und aß noch einen Keks. Vielleicht hatte Ira ja recht.
„Vielleicht sollte ich wirklich mal den Kopf abstellen und einfach nach Gefühl entscheiden“, meinte ich. „Egoistisch, rücksichtslos und...Moment.“ Ich ließ die Stirn auf die Tischplatte knalle und seufzte. „Nein, Ira, ich kann das nicht. Ich kann das nicht einfach abstellen.“
„Merk ich schon“, murmelte Ira. „So hab ich das noch nie gesehen.“
„Nein? Wie dann?“
„Als den Mut, deine eigenen Interessen durchzusetzen, ohne den Zwang sie vor der Welt zu rechtfertigen. An dich selber glauben und das beste aus deinem Leben zu machen. Wenn du ein gutes Herz hast, wird die Entscheidung sowieso so ausfallen, dass sie nicht rücksichtslos und egoistisch ist. Die Tatsache, dass es dein Herz ist, schließt doch nicht aus, dass es auch andere glücklich machen will.“
„Du redest daher wie Jan“, stellte ich fest, musste aber grinsen.
„Sag ich ja, ein sehr intelligenter Mann, dein Jan.“ Ira steckte sich lachend einen Keks in den Mund und ich zeigte ihr einen Vogel.
„Magst du ihn?“
„Wen?“
„Jan. Magst du ihn?“ Auf Iras Urteil konnte ich mich in sowas immer verlassen. Sie hatte mir auch versichert, dass Petter wirklich ein guter Kerl ist. Und sie hatte Recht behalten.
„Ja, sehr. Er ist ein netter Kerl, wenn auch etwas verquer. Außerdem liebt er dich über alles. Allein das reicht mir schon um zu wissen, dass er ein guter Mensch ist.“
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