V. And there where things I’d never do again
but then they‘d always seemed right


„Du siehst müde aus“, stellte Ira einige Tage später fest. „Spielt Petter die ganze Nacht PlayStation, oder was?“
Ich schüttelte erschöpft den Kopf und rollte weiter Teig aus, den wir in Kürze zu Keksen verarbeiten wollten. Seit Jan und Petter so aneinander geraten waren, hatte ich mich bei Petter einquartiert – bzw. war bei ihm einquartiert worden – um einerseits Jan aus dem Weg zu gehen und Petter, der ob Jans kleinen aber feinen Geständnisses doch etwas aufgebracht war, zu beruhigen.
„Ich schlaf nicht gut in letzter Zeit“, sagte ich leise und fluchte, als ich mich an einer Ausstechform schnitt.
„Und hast du eine Ahnung, woran das liegen könnte?“
„Spontan würde ich schätzen es liegt daran, dass mein Ex-Freund aus dem Nichts aufgetaucht ist und jetzt eine Art Kleinkrieg mit meinem Freund austrägt.“
„Ja. Tori hat mir erzählt, bei der letzten Sitzung haben Petter und Jan sich solange hinter dem Rücken des Chefs mit Keksen beworfen, bis keiner mehr da war. Als Petter nach dem Teller gegriffen hat, ist Tori eingeschritten.“ Sie rollte mir den Augen und sah dann meinen erschütterten Blick. „Oh. Entschuldige.“
„Kein Ding, du kannst ja nichts für den Testosteronhaushalt der beiden.“ Ich seufzte und strich Kuvertüre auf einige der ausgestochenen Plätzchen. „Weißt du, das Irre ist ja, dass die beiden sich gar nicht so unähnlich sind.“
„Meinst du?“
„Guck sie dir doch an. Einer sturer als der andere. Und je mehr ich die beiden vor der Nase hab, desto mehr Gemeinsamkeiten fallen mir auf. Zum Beispiel haben beide ein gutes Gespür für Menschen und sind ziemlich hilfsbereit.“
„Silja...versteh das jetzt nicht falsch...aber...hast du dich vielleicht nur in Petter verliebt, weil er so ist wie Jan?“
Ich hielt inne und dachte darüber nach. Zu einem Ergebnis kam ich ziemlich schnell.
„Petter lässt Sachen schneller auf sich beruhen, Jan dagegen ist ziemlich hartnäckig. Es ist schön, wenn man sich nicht immer erklären muss.“
„Du meinst also, du hast in Petter das gefunden, was du bei Jan vermisst hast?“, hakte Ira nach. Ich nickte langsam.
„Ich denke schon.“
Ira schob das Blech mit den fertigen Keksen in den Ofen und stellte die Eieruhr. Während sie sich die Hände wusch, hatte sie die Stirn nachdenklich in Falten gelegt und als sie fertig war, schaute sie mich forschend an.
„Aber manchmal stört es dich.“ Es war keine Frage sondern eine Feststellung. Schuldbewusst schaute ich zu Boden und fuhr mir mit den mehligen Händen durchs Gesicht.
„Alles hat seine Vor- und Nachteile. Manchmal wünschte ich, Petter würde versuchen, mir mehr aus der Nase zu ziehen. Ich weiß, dass es albern ist, aber es kostet mich manchmal Überwindung, mich mitzuteilen. Und wenn ich an dem Punkt bin, hat Petter schon drei andere Dinge gemacht und unser Gespräch vollkommen vergessen. Aber insgesamt glaub ich, dass es mir so lieber ist.“
„Glaubst du, hm?“ Ira lächelte mild und wischte mir etwas Mehl von der Wange. „Sieh bloß zu, dass du dir bald darüber klar wirst, was du willst.“
„Meinst du, ich sollte wieder nach Hause gehen? Ich kann doch nicht ewig bei Petter rumhängen“, wollte ich wissen. „Ich mein, Jan aus dem Weg zu gehen bringt es doch auch nicht.“
„Du willst zurück?“
„Meine Vernunft will, dass ich zurück gehe. Wir sind doch alle erwachsen, wir müssen doch mit so einer Situation zurecht kommen.“
„Mag sein“, sagte Ira schulterzuckend. „Aber was willst du?“
„Auswandern“, seufzte ich und wusch mir endlich das Gesicht ab.
„Das wird warten müssen.“ Torkild stand mit ernster Miene in der Küchentür. „Du wirst im Krankenhaus erwartet.“
Ich schlug mir die Hand vor den Mund und Ira sog entsetzt die Luft ein.
„Jan...?“, presste ich hervor. Torkild nickte.
„Ja. Er ist während der Prügelei ausgerutscht und mit dem Kopf auf einen Stein gefallen. Das war ein Anblick, erst prügeln er und Petter sich wie die Tiere und im nächsten Moment hat Petter Jans Kopf im Schoß und versucht die Blutung mit seiner linken Socke zu stillen.“
„Wo ist Petter?“, wollte ich wissen und versuchte das Bild aus meinem Kopf zu verdrängen. Diese beiden waren wirklich unglaublich.
„Zu Hause. Aber das wird noch richtig Ärger geben. Die haben schon im Vereinsheim angefangen, sich mit Christbaumschmuck zu bewerfen.“ Torkild schüttelte den Kopf. „Ich weiß schon warum ich gegen diesen frühzeitigen Weihnachtshype bin.“
„Danke für die Ausführung deiner Sichtweise, Schatz, aber können wir dann los?“ Ira hielt bereits unsere Jacken in der Hand und sah Torkild ungeduldig an.
„Oh. Ja. Natürlich.“ Er machte eine Geste um uns zu bedeuten ihm zu folgen und wir machten uns auf den Weg ins Krankenhaus. Während der Fahrt starrte ich aus dem Fenster und versuchte dieses Gefühl der Besorgnis loszuwerden, das mir die Brust zuschnürte. Ich musste Petter so schnell wie möglich anrufen. Aber was sollte ich denn sagen? Fragen ob die Socke wieder sauber geworden war? Das war doch alles komplett absurd, diese ganze Situation war eine absolute Katastrophe. Außerdem interessierte mich seine Socke reichlich wenig.
„Wir sind da.“ Torkild hielt genau vor der Tür und Ira und ich stiegen aus, damit er einen Parkplatz suchen konnte. Wir gingen zur Rezeption und wurden über Jans Aufenthaltsort informiert.
„Ich kann Krankenhäuser nicht leiden“, zischte Ira, die bereits einen Blinddarm weniger hatte. Sprich, gar keinen mehr.
„Kannst dich bei den Testosteronbeuteln bedanken“, murrte ich und klopfte an die Zimmertür, hinter der sich laut Auskunft Jan verbergen sollte.
„Ja?“
Ich stieß die Tür auf und entdeckte ihn sofort. Er lag im Bett, einen dicken weißen Verband um den Kopf und einen knallpinken Schal um den Hals.
„Was zur...“
„Die Krankenschwester wollte kurz lüften und hat mir ihren Schal dagelassen“, erklärte Jan ungefragt und strich über die pinke Wolle.
„Reizend. Aber was ich eigentlich wissen wollte: Was zur Hölle fällt dir und Petter ein euch zu schlagen wie die Kinder? Was verspricht man sich von so einem Quatsch?“
„Nichts“, meinte Jan schulterzuckend. „Es war so aus dem Moment heraus. Du weißt schon...one moment in time und – zack – hat der andere eine hängen.“ Er zuckte mit den Schulter und ich zeigte ihm einen Vogel.
„Du musst aber ganz schön hart aufgekommen sein“, stellte ich fest.
„Geht, ist nur eine Wunde, ich kann heute noch...oh. Ich verstehe. Sehr witzig.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. Ich schaute zu Ira, die leise vor sich hin grinste.
„Ich kenn ihn zwar nicht, aber ich kann verstehen, was du an ihm gefunden hast“, flüsterte sie mir zu. „Ich geh mal eben den Arzt suchen, vielleicht können wir dich gleich einpacken“, sagte sie dann laut und verließ das Zimmer. Mit einem tiefen Seufzer setzte ich mich auf eine Stuhl, der in der Nähe der Tür stand und schaute Jan an.
„Hat Petter viel mitbekommen?“, wollte ich wissen.
„Fast gar nichts, der Typ ist verdammt schnell.“
„Ihr beide brennt doch.“ Ich zog meine Handschuhe aus und legte sie auf meine Knie. Als ich hochsah bemerkte ich Jans reumütigen Blick.
„Es tut mir leid“, murmelte er. „Wir machen es dir nicht gerade leicht. Es ist einfach so über uns gekommen. Weißt du, wir haben kein wirkliches Problem miteinander.“
„Stimmt, das einzige Problem bin ich“, stellte ich dumpf fest.
„Es ist nicht deine Schuld“, versicherte Jan mir. „Und du weißt doch, leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Und bei uns kann es ja nur bergauf gehen.“
„Hoffen wir’s. Sonst wander ich wirklich aus.“
„Ich könnte die Schweiz empfehlen“, witzelte Jan. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, woraufhin er betroffen auf seine Hände starrte.
„Entschuldige. Blöder Witz.“
„Wenigstens scheint es dir schon wieder gut zu gehen“, meinte ich schulterzuckend. „Das...macht mich doch sehr...froh.“ Ich räusperte mich und vermied Jans Blick, indem ich aus dem Fenster starrte.
„Alles klar.“ Ira kam wieder herein und machte eine aufscheuchende Geste. „Los, Rambo, aufstehen, wir verschwinden von hier.“

Als wir wieder zu Hause waren, war es schon relativ spät und die Kekse angebrannt. Ira hatte mir am Telefon erzählt, dass die Küche stank wie der Raucherlehrerzimmer an unserer alten Schule und dass die Küche nur dank Toris Mutter, die vorbei gekommen war um die Blume zu gießen, das ganze Haus noch nicht abgefackelt war.
Ähnlich erfreut hatte Petter am Telefon geklungen. Es ginge ihm soweit gut, aber allein mich in der Nähe dieser „aggressiven Bohnenstange“ zu wissen würde ihn wahnsinnig machen. Aber er konnte verstehen, dass ich ganz gerne mal wieder daheim schlafen würde und versprach, am nächsten Tag mal vorbeizukommen.
Danach stöpselte ich das Telefon aus und setzte mich zu Jan aufs Sofa.
„Und, was hat dein Herzblatt zu vermelden?“, wollte er wissen.
„Noch so ein dummer Spruch und ich verpass dir einen Schlag auf die Stirn“, drohte ich.
„Hab ich heute noch nicht genug abbekommen?“
„Erstens: nein. Und zweitens: was legst du dich überhaupt mit ihm an?“
„Pff. Wer von so einem tollen Mädchen geliebt wird, kann doch wohl mal eine Ohrfeige einstecken.“
„Auf sowas lass ich mich gar nicht erst ein“, seufzte ich und stand auf. „Du solltest bald schlafen gehen, deinem Schädel zuliebe. Nacht.“
„Silja? Danke.“
„Wofür?“
„Dass du sofort gekommen bist. Das hättest du nicht tun müssen.“
„Ich weiß. Wenn Torkild nicht gewesen wäre, hätte ich ja nicht mal davon erfahren. Dank lieber ihm.“ Gleichgültig schaute ich Jan an und fragte mich, warum er schon wieder so wissend und ruhig lächelte. Wahrscheinlich waren bei dem durch den Aufschlag jetzt sämtliche Lichter ausgegangen.
„Werde ich bei Gelegenheit.“
„Großartig. Bis morgen.“ Ich verschwand ins Bad und kurz darauf in meinem Zimmer. Im Schlafanzug hockte ich mich im Schneidersitz auf den Boden und zog einen Schuhkarton unter dem Bett hervor. Nachdem ich ein paar alte Geburtstagskarten aus dem Weg geräumt hatte, fand ich, wonach ich gesucht hatte: Jans Brief. Den ich natürlich nicht verbrannt, nur nie gelesen hatte. Aber das ging ihn, wie ich fand, überhaupt nichts an.
Minutenlang drehte und wendete ich den Brief in meinen Händen und dachte darüber nach, ob ich ihn lesen sollte, oder nicht. Einerseits glaubte ich nicht daran, dass er viel ändern würde. Was interessierte mich Jans Geschwätz von vor fünf Jahren. Andererseits hatte ich das Bedürfnis zu erfahren ob das, was in dem Brief stand, tatsächlich etwas war, woran ich mich hätte festhalten können. Nicht, dass das jetzt noch einen Unterschied machen würde.
Schließlich stöhnte ich auf, warf den Brief zurück in den Karton und schob selbigen wieder unters Bett. Am besten ich würde das Teil wirklich verbrennen.
„Ach, verdammt.“ Ich zog die Schachtel wieder hervor, holte den Brief heraus und riss ihn auf. Tief durchatmend faltete ich das Blatt auseinander und überflog den Text. Es war ohne Zweifel Jans Handschrift.

Liebe Silja,

wie du vielleicht gemerkt hast bin ich in der Schweiz. Und ich schätze, du wirst nicht verstehen, warum ich dir nichts davon erzählt habe, dass ich weggehe. Weggehen muss.
Meine Eltern haben mir davon vor ungefähr vier Wochen erzählt. Plötzlich hieß es: wir ziehen weg. Ich war total geschockt und habe ewig überlegt, wie ich es dir beibringen könnte. Ich habe sogar eine Liste gemacht, mit Dingen, die ich tun wollte, bevor wir umziehen.
Doch dann hab ich einen furchtbaren Fehler gemacht. Ich habe beschlossen, dass ich es dir nicht sagen werde. Ich habe mir eingebildet, dass es so besser ist. Ein Abschied würde uns beiden das Herz brechen und sowieso wäre es doch viel schöner, die Zeit die uns noch bleibt unbeschwert zu genießen.
Deswegen hab ich es immer vor mir hergeschoben und mich darum gedrückt, dir zu sagen, dass ich dich verlassen muss. Ich wollte selber nicht darüber nachdenken, ich hatte zu große Angst. Ich hatte Angst vor der Veränderung. Mein ganzes Leben dreht sich um dich und darüber nachzudenken, dass man mir einfach meinen Grund zu leben wegnehmen würde, war so furchtbar schwer.
Also hab ich jeden Tag mit dir als einzelnen gelebt und gehofft, dass der Tag des Abschieds nicht kommen würde.
Doch die Hoffnung war umsonst. Ich sitze hier, von meinen Koffern umgeben und versuche vergeblich, bei dem Gedanken dich verlassen zu müssen, nicht zu weinen. Morgen werden wir umziehen und du hast keine Ahnung. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was ich dir damit antue, was ich dir damit aufbürde, Silja. Du hast keine Ahnung, wie leid es mir tut. Ich wollte dir niemals wehtun. Vielleicht kannst du mir irgendwann verzeihen. Du bist mein ein und alles und ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird.
Hier ist übrigens die Liste, die ich vor einem Monat geschrieben habe:
- noch einmal mit ihr nachts spazieren gehen
- ihr endlich die silberne Halskette kaufen
- mit ihr ein Iglu bauen
- ihr für alles danken, was sie getan hat
- eine ganze Nacht aufbleiben und ihr beim Schlafen zusehen
- ihr endlich sagen, dass ich sie liebe

Ähm...mit „ihr“ bist natürlich du gemeint. Ich denke das war...klar. Ich bereue es sehr, dass ich nur vier Punkte der Liste geschafft habe. Na gut, du wirst nur von dreien wissen, beim Vierten hast du geschlafen.
Deswegen möchte ich die letzten beiden auf diesem Weg erledigen: Silja. Danke für alles, deine Freundschaft und deine Nähe sind das wundervollste, was mir passieren konnte.

Ich liebe dich mehr, als Worte es ausdrücken können.

Jan

PS: Anbei meine neue Adresse falls du...na ja...mir schreiben willst. Eine Briefbombe wär auch okay. Hauptsachen ein Zeichen von dir.


Ich kam nicht mehr dazu, die Adresse zu lesen, da ich vor lauter Tränen nichts mehr sehen konnte. Ich lies die Hand, die den Brief hielt, sinken und kniff die Augen zusammen, woraufhin die Tränen leise aufs Papier tropften.
„Wenn du ihn noch mehr aufweichst, wird es schwer ihn anzuzünden.“ Jan ging neben mir in die Knie und nahm mir den Brief aus den Hand. Ich sank gegen seinen Oberkörper und schluchzte vor mich hin.
„Es tut mir so leid“, wimmerte ich schließlich. „Ich hab immer nur an mich gedacht, ich bin auf die Idee gekommen, wie schlecht es dir dabei ging.“ Jan holte überrascht Luft, als ich meine Arme um ihn warf. „Ich wollte einfach glauben, dass du ein widerlicher Egoist bist.“
„Oh. Danke.“
„Damit es leichter ist, sauer auf dich zu sein“, fuhr ich fort, ohne auf seinen Kommentar zu reagieren. „Ich wollte dich doch nur vergessen. Es tut mir leid, Jan.“
„Hmhm. Mach dir keine Gedanken. Jeder macht Fehler, das weiß ich besser als kein anderer. Ich hätte den Mut haben müssen, es dir zu sagen. Persönlich.“ Er legte seine Arme um mich und strich mir über den Kopf.
„Oh Gott und ich war so gemein zu dir.“
„Oh ja, das warst du.“ Jan lachte leise und drückte mich fest. „Komm schon Silja. Es ist alles okay. Ich bin nur froh, dass du den Brief nicht verbrannt hast.“
„Wie...hätte...ich...ihn...verbrennen...können“, schluchzte ich. „Ich hab...dich...geliebt.“
„Ich weiß“, murmelte Jan geistesabwesend. „Ich weiß, mein Schatz.“
Langsam beruhigte ich mich und löste mich von ihm. Jan strich mir mit der Handfläche über die Wange und lächelte leicht.
„Los, ich mach uns einen Kakao“, schlug er vor. „Ich glaube, wir haben eine Menge, worüber wir reden müssen.“
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