III. And I just knew my eyes were drying up forever


„Darf ich…rein?” Unsicher schaute Jan auf den Koffer in seiner Hand und wieder zu mir.
„Klar.“ Ich trat einen Schritt beiseite und schloss die Tür hinter ihm. Ich atmete einmal tief durch und drehte mich dann zu ihm um. „Die linke Tür“, murmelte ich und zeigte in die Richtung, in der Iras altes Zimmer vom Wohnraum abging. „Meins ist gleich nebenan. Die Küche ist dort hinten.“ Ich zeigte auf die Nische, in der sich der Küchenbereich befand, der nur durch eine halbe Wand vom Wohnbereich abgetrennt war, der Rest lag frei.
„Danke.“ Jan schleppte sein Gepäck in sein neues Zimmer; ich folgte ihm und lehnte mich in den Türrahmen. Ich schaute eine Weile zu, wie er versuchte, den Inhalt seiner Kartons zu identifizieren um selbigen schon mal gedanklich einen Platz zu verschaffen.
„Brauchst du mich?“, wollte ich mit einer Kopfbewegung in Richtung der Kartons wissen.
„Schon, aber nicht zum Auspacken“, murmelte Jan leise, doch ich hörte es trotzdem. Wortlos drehte ich mich um und knallte seine Zimmertür hinter mir zu. So musste er gar nicht erst anfangen.
Die Tränen steckten im Hals fest, sie kamen nicht an die Oberfläche, wie schon seit fünf Jahren nicht mehr. Ich ging in die Küche und setzte Wasser auf. Während es heiß wurde, stützte ich mich auf die Arbeitsfläche und starrte aus dem Fenster darüber.
Ich musste an Petter denken und fühlte mich schuldig. Ich hatte ihm nie von Jan erzählt, ich wusste auch nicht, ob die beiden sich kannten. Ich hatte Petter erst vor nicht ganz zwei Jahren durch Ira und Torkild kennen gelernt und es hatte mich einige Überwindung gekostet, mit ihm auszugehen. Monatelang war ich ihm immer wieder ausgewichen und selbst nach unserer ersten Verabredung, bei der er sich großartig verhalten und sehr auf mich eingegangen war, hatte es eine Ewigkeit und unzählige weitere Treffen gedauert, bis ich endlich dazu bereit war, sowas wie eine ernsthafte Beziehung mit ihm einzugehen. Er wusste, dass ich in der Hinsicht irgendwie traumatisiert war und ging auch jetzt noch sehr verständnisvoll damit um. Doch genaueres wusste er nicht. Es lag nicht daran, dass ich ihm nicht vertraute, sondern einfach daran, dass ich nicht über Jan hatte reden wollen. Mit niemandem. Ich hatte Angst davor, mir einzugestehen, dass ich immer noch an ihn dachte, dass er der Grund war, warum ich nachts manchmal keinen Schlaf fand, dass ich keinem Jungen mehr so nahe kommen wollte wie ihm und das nach über vier Jahren.
Und jetzt, wo Jan wieder da war, wurde mir klar, dass es immer noch so war. Und ich fand das Petter gegenüber nicht fair. Er war großartig und hatte es nicht verdient, dass so ein emotionales Gespenst seine Beziehung durcheinander brachte.
Und ich würde das auch nicht geschehen lassen. Ich hatte Jan abgehakt. Den alten Jan. Der neue Jan war lediglich mein Mitbewohner, uns verband nichts, keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft. Sollte er doch hier wohnen, sich mit den Jungs anfreunden und hier glücklich werden. Von mir hatte er nichts zu erwarten.
Ich erschreckte mich fürchterlich, als ich bemerkte, dass Jan direkt neben mir stand und mich besorgt anschaute. Als ich einen erschrockenen Satz nach hinten machte, rutschte ich aus und landete mit dem Hintern voran auf den kalten Fliesen. Seufzend lehnte ich mich gegen den Küchenschrank und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Du hast mich zu Tode erschreckt.“
„Entschuldige.“ Jan setzte sich neben mich und reichte mir eine Tasse Tee. „Das Wasser hat gekocht und du warst nicht ansprechbar, da dachte ich mir...hier.“
„Danke.“ Ich nahm einen Schluck und fragte mich, wie weggetreten ich wohl war, dass er sogar von mir unbemerkt Tee machen konnte.
„Wenn du willst such ich mir eine neue Wohnung“, setzte Jan an. „Aber es wäre nett wenn ich so lange hier bleiben könnte, bis...“
„Nein“, unterbrach ich ihn und Jan schaute mich entgeistert an. „Ich meine, nein, du musst dir keine andere Wohnung suchen. Bleib von mir aus hier.“ Ich schaute ihn ernst an. „Ich hab das wahr gemacht, was ich damals gesagt habe“, log ich. „Was früher war, gibt es nicht mehr. Ich kenne dich nicht mehr. Und eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass ich es nie wirklich tat.“
„Und...das heißt?“
„Wir beginnen bei null. Oder beginnen gar nicht. Wie auch immer.“ Ich stand auf und ging zum Sofa, wo ich mich hinsetzte, die Beine unterschlug und den Fernseher anschaltete.
Jan folgte mir und schaltete den Fernseher aus.
„Nein“, sagte er ruhig. Ich schnitt eine Grimasse.
„Weißt du, das hier ist nicht „Wer wird Millionär“, es ist nicht so, als hättest du die Wahl.“
„Dachtest du wirklich, ich würde nie wieder kommen? Wir würden uns nie wieder sehen?“
„Das mag dich jetzt überraschen, aber ja, das dachte ich. Anscheinend war diese Annahme genauso falsch wie die, dass du mich nie einfach verlassen würdest und dich ohne ein Wort in die Schweiz absetzen würdest.“
Ein leichtes Lächeln huschte über Jans Gesicht.
„Du erinnerst dich ja doch.“
„Natürlich, du Mistkerl!“, brüllte ich, sprang auf und wollte in mein Zimmer verschwinden. Doch Jan stellte sich mir in den Weg.
„Dann können wir doch gar nicht bei null anfangen, Silja.“ Ich bekam eine Gänsehaut, als er meinen Namen aussprach. Er hatte vermutlich recht, das konnten wir nicht. Allerdings verbesserte dieser Umstand die Ausgangssituation nicht unbedingt. „Ich weiß, dass die Sache...also...aber...“ Er senkte den Blick und ich war froh, dass ihm die Worte fehlten. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie ertragen hätte. „Der Brief...“, fuhr er schließlich fort, doch ich fiel ihm sofort ins Wort.
„Nie gelesen. Verbrannt“, knurrte ich wütend und machte einen Schritt zu Seite, um an ihm vorbeizukommen, doch Jan reagierte schnell und hielt mich fest.
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Mein voller Ernst. Ich habe es dir gesagt, Jan. Und nichts was du sagst oder tust wird meine Einstellung dazu ändern.“
Für einen Moment sah er so aus, als wollte er protestieren, doch dann seufzte er resigniert.
„Fein. Nur noch eine Frage.“
„Und die wäre?“
„Wo ist die Fernsehzeitschrift?“

Der nächste Tag war ein Sonntag und ich erwachte mit der festen Überzeugung, dass irgendetwas anders war. Ich schlug die Decke zurück und fror nicht. Ungewöhnlich für Anfang Oktober, in der Tat. Grübelnd stand ich auf und ging zur Heizung, die ich seit Ewigkeiten nachts immer ausstellte und erst am Morgen wieder an, damit ich nicht den ganzen Tag frieren musste.
Sie lief bereits.
Ich legte die Stirn in Falten. Hatte ich vergessen, sie runterzudrehen? Nein, mit Sicherheit nicht.
Dann stöhnte ich auf und schlug wütend mit der flachen Hand an die Wand. Was erlaubte der sich? Der konnte doch nicht einfach morgens in mein Zimmer schleichen und meine Heizung anstellen! Nur weil er früher immer eher wach war als ich und das Zimmer schon vorgewärmt hatte hieß das noch lange nicht, dass er sich diese Freiheit jetzt einfach rausnehmen konnte.
Schlecht gelaunt stampfte ich in die Küche, wo ein kleiner Zettel lag, der mir mitteilte, dass sich Jan bereits beim Training befand. Ich nahm den Zettel, zerknüllte und aß ihn. Man, war ich stinkig. Wahrscheinlich war es doch die falsche Entscheidung gewesen, ihn hier wohnen zu lassen. Am besten, ich hätte ihm ein Hotelzimmer besorgt und die Schlösser ausgetauscht.
Apropos Schlösser, hatte er überhaupt einen Schlüssel? Oder erwartete er jetzt von mir, dass ich den ganzen Tag hier rumsaß und auf den hochwohlgeborenen Herren wartete?
Mittlerweile auf 210 ging ich duschen, zog ich mich an und nahm mein Handy zur Hand.
„Ja?“, ertönte Petters leise Stimme nach kurzer Zeit.
„Petter? Alles klar?“
„Ach, du bist es.“ Er klang ehrlich erfreut. „Ich sitz gerade in einer Teambesprechung. Willst du nicht herkommen? Dann fahren wir hoch an den Fjord und gehen eine Runde spazieren.“
„Perfekt. Wann bist du fertig?“
„Fahr ruhig los, das dauert nicht mehr lange.“
„Alles klar. Danke, Petter.“
„Hm“, machte er, legte dann aber auf, weil eine wütende Stimme sich erkundigte, ob der Herr Tande Selbstgespräche führe oder ob er tatsächlich die Dreistigkeit besäße, während der Sitzung zu telefonieren.
Grinsend packte ich mich winterfest ein, schwang mich aufs Rad und fuhr die paar Kilometer bis zum Sportzentrum von Byåsen, wo Petter trainierte.
Ich stellte mein Rad ab und schloss es fest, da wir sicher mit Petters Auto fahren würden. Anschließend wollte ich gerade das Gebäude betreten, als Jan mir schon entgegen kam. Ich versuchte ruhig zu bleiben und wünschte ihm einen guten Morgen.
„Moin. Was machst du denn hier?“, wollte er überrascht wissen.
„Und du? Petter meinte, du trainierst nicht in Byåsen“, gab ich zurück. Jan nickte.
„Richtig, aber das war eine Sitzung den Weltcup betreffend.“
„Verstehe.“
„Silja!“ Petter kam aus der Tür, legte seine Arme um mich und küsste mich kurz. „Schön, dass du da bist.“
Ich lächelte und lehnte mich beruhigt gegen ihn. Wäre ich ein Möchtegernbusch, ich wäre in diesem Moment aufgeblüht.
„Ich hoffe, sie hat sich bis jetzt gut benommen“, sagte er grinsend zu Jan. „Du weißt ja wie das ist, Frauen sind schwer zu erziehen.“ Er streifte meine Schläfe mit den Lippen und schaute Jan offen und fragend an. So konnte man Jans Blick allerdings nicht beschreiben. Eher als überrumpelt und schockiert. In diesem Moment kam auf meine Liste Petters guter Eigenschaften noch die dazu, dass er Jan mit nur zwei Sätzen mundtot machen konnte.
„Kann nicht klagen“, murmelte Jan schließlich.
„Gehst du nach Hause? Hast du einen Schlüssel?“, wollte ich wissen und ärgerte mich über den besorgten Ton in meiner Stimme. Und wenn er vor der Haustür erfror, was ging mich das an?
„Äh ja. Nein. Also ja, geh ich und nein, hab ich nicht.“
„Ich geb dir meinen. Bist du in ein paar Stunden dann da, um mich reinzulassen?“
„Ja.“
„Gut.“ Ich gab ihm meinen Schlüssel und schob Petter zu seinem Auto. Er schloss auf und ich ließ mich mit einem Seufzer in den Beifahrersitz fallen. Petter nahm am Steuer Platz und fuhr los.
„Du musst nicht nach Hause“, sagte er schließlich. Ich schaute ihn verwundert an.
„Du musst nicht heim, wenn du nicht willst, Silja.“ Er schaute mich kurz aber eindringlich an. „Ich merk doch, dass irgendwas bei euch beiden nicht stimmt. Hat er dir was getan?“
„Nein, nein“, seufzte ich.
„Bist du sicher? Wenn er dir komisch kommt, sag mir bitte Bescheid. Das klingt jetzt doof, aber wenn ich daran denke, dass der Typ dir doof kommt, klappt mir das Messer in der Tasche auf.“
Ich musste lachen und beugte mich zu Petter, um ihm einen Kuss auf den Mundwinkel zu geben.
„Das ist lieb von dir. Aber er kommt mir nicht blöd oder komisch. Wir kennen uns nur von früher und...ja. Das war es eigentlich schon.“
Ich ignorierte Petters zweifelnden Blick und lächelte unbeirrbar weiter. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm die ganze Geschichte mit Jan zu erzählen. Dazu würde zunächst mal Ira herhalten müssen. Das war wahrscheinlich die einzige Sache die ich ihr in vier Jahren Freundschaft nicht erzählt hatte.
Aber so wie die Umstände waren, wurde es langsam mal Zeit.

„Ich wusste nicht, dass du wieder einen Freund hast.“
Jan lief langsam neben mir her, die Hände tief in den Taschen vergraben. Der Abend war kalt und es war schon seit Stunden stockfinster. Wir wollten eigentlich nur kurz Schlüssel für ihn anfertigen lassen, da Ira ihre behalten hatte und ich darauf bestand, dass es auch so blieb. Hätte ich gewusst, dass er auf dem fünfminütigen Weg ein privates Gespräch beginnen würde, hätte ich ihn an einen Stuhl gefesselt und wäre alleine gegangen.
„Ich hätte ja angerufen aber...oh, nein, warte, ich hatte deine Nummer nicht. Ich hätte natürlich auch einen Brief schreiben können, aber...oh, nein konnte ich auch nicht. Aber eine E-Mail...oh warte, nein...“
„Schon gut, schon gut, ich hab’s verstanden. Du musst nicht gleich so zynisch werden.“
„Ich finde, das ist mein gutes Recht.“
„Seid ihr schon lange zusammen?“, wollte Jan weiter wissen. Ich schaute ihn misstrauisch an. Was genau bezweckte er mit diesem Verhör?
„Nicht lange“, antwortete ich. „Knapp vier Monate.“
„War er der erste...nach...“
„Ja, er war der erste nach dem davor“, blaffte ich ihn an. Ich sah absolut keine Notwendigkeit ihn über derlei Dinge aufzuklären. Doch er ließ sich von meinem Tonfall nicht mal ansatzweise aus der Ruhe bringen.
„Und war ich der davor?“
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, sagten Jan und ich im Chor und ich schaute ihn sauer an.
„Das hast du früher schon immer gesagt, wenn du richtig sauer auf mich warst“, grinste er und schaute in den Himmel. „Ich konnte es nicht. Jemand anderen finden, meine ich.“
„Herzergreifend“, maulte ich und stellte genervt fest, dass ich gerade heute meinen MP3-Player vergessen hatte. Jan hatte ein furchtbares Talent dafür, Worte zu finden, die mich trafen, die mich berührten, über die ich nachdachte, ob ich wollte oder nicht. Und da ich das im Moment definitiv nicht wollte, durfte ich diese Worte nicht hören.
Überrascht stellte ich fest, dass ich sowas wie Angst hatte. Aber wovor? Ich hatte Ira und Petter und all die anderen wunderbaren Menschen in meinem Leben. Warum sollte Jan mit seinen Groschenromanformulierungen dieses Leben auf den Kopf stellen?
Endlich betraten wir den Laden und ich trug mein Anliegen vor, nämlich eine funktionstüchtige Nachbildung des Haus- und Wohnungstürschlüssels anfertigen zu lassen. Bei dem Wort funktionstüchtig schaute der Herr hinterm Tresen mich etwas irritiert an, aber ich war angespannt, da rutschten mir schon mal dämliche Sachen heraus. Dennoch bat er uns, einen Moment Platz zu nehmen. Wir setzten uns auf zwei Stühle am Fenster und ich betrachtete schweigend die wenig befahrende Straße.
Plötzlich juckte es an der Hand. Gedankenverloren kratzte ich mir die Stelle und nieste gleich darauf einmal. Dann juckte es auch an der anderen Hand und ich zog verwirrt die Augenbrauen hoch. Mein Blick traf Jans, der eine kurze Kopfbewegung in Richtung Fensterbrett machte.
„Primeln“, sagte er kurz. „Du hast eine leichte Allergie gegen Primeln. Gegen Benjaminbäume übrigens auch.“
„Und woher weiß Herr Professor Doktor Schmid das so genau?“, wollte ich missmutig wissen.
„Einfacher Test. Bei uns im Wohnzimmer hast du immer geniest, bis der Arzt kam, also hab ich immer mal ein paar Pflanzen auf den Balkon verbannt. Als die Primeln und der Ficus mal eine Zeit lang nicht da waren, ging es dir schlagartig besser.“
„Wieso hast du mir das nie erzählt?“, fragte ich erstaunt.
„Du hast auch nie über deine Allergie geredet. Ich dachte, es wäre dir unangenehm. Wer gibt schon gerne zu, dass Pflanzen ihn umbringen könnten?“ Jan grinste und ich gab ein prustendes Geräusch von mir, als ich das Lachen unterdrückte. Schnell hielt ich mir die Hand vor den Mund und schaute wieder aus dem Fenster.
Kurz darauf waren die Schlüssel fertig, ich bezahlte und Jan und ich verließen den Laden wieder.
„Wie viel hast du bezahlt?“, wollte er wissen und zückte schon sein Portmonee.
„Nee, lass mal, ich werd schon wegen der Schlüssel nicht am Hungertuch nagen. Hier.“ Ich drückte ihm die Schlüssel in die Hand und schaute ihn ohne zu lächeln an. „Willkommen zurück.“
„Danke.“ Jan schaute kurz nachdenklich seine Schlüssel an, dann lief er mir hinterher, da ich schon weitergegangen war.
„Na los, raus damit“, sagte ich nach einer Weile. „Ich merk doch, dass du noch was sagen willst, du kneifst immer den Mund so nervös zusammen, wenn du krampfhaft versuchst, die Klappe zu halten.“ Ich hätte mich selber treten können. Er war anscheinend nicht der einzige, dem gewissen Eigenarten im Gedächtnis geblieben waren. Aber das mit dem Treten ließ ich lieber. Sah mit Sicherheit etwas seltsam aus, auf offener Straße.
„Es ging um...vorhin. Um Petter und...so.“ Jan spielte mit den Schlüsseln in seiner Tasche herum und schaute mich schließlich von der Seite an, doch ich ignorierte ihn. Er sollte bloß nicht glauben, dass mich das interessierte, was er zu sagen hatte.
„Liebst du ihn?“, fragte Jan schließlich geradeheraus
„Ich glaube, dazu ist es noch zu früh“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.
„Aber du...könntest ihn lieben?“, hakte er unsicher nach. Ich zuckte mit den Schultern. „Als ich in der Schweiz war – weit weg von dir – da ist mir einiges klar geworden, Silja.“
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“
„Zynismus!“
„Ja, ja“, knurrte ich.
„Ich meine, natürlich hab ich auch Mädchen kennen gelernt. Nette Mädchen, hübsche Mädchen, zweifellos.“
„Und da ist dir was klar geworden? Dass Monogamie der größte Fehler deines Lebens war?“
„Ja, allerdings. Da musste ich die Jahre mit dir erst mal wieder wettmachen und bin durch die Betten getobt wie Katrina über New Orleans.“
„Zynismus!“
„Ja, ja.“ Jan strich sich übers Gesicht und atmete durch, bevor er weitersprach. „Nein, eigentlich ist mir klar geworden, dass das Besondere nicht war, was ich für dich gefühlt habe, sondern...nein, warte, das war falsch.“
„Du machst dir in so einem Moment Sorgen um Grammatik?“, wollte ich ungläubig wissen. Dieser Typ war doch nicht zu fassen.
„Jein. Richtig müsste es heißen: Das Besondere ist nicht, was ich für dich fühle, sondern was ich für niemanden außer für dich fühlen kann. Verstehst du?“
„Präsens, ja, hab ich von gehört.“ Ich schloss die Haustür auf und musste über Jans entnervtes Stöhnen hinter mir grinsen. Natürlich zeigte ich ihm das nicht und drehte mich auch auf dem Weg in die Wohnung nicht ein einziges Mal zu ihm um.
„Du wirst es mir nicht leicht machen, oder?“, meinte Jan, als ich mich auf den Weg ins Bad machte, um mich umzuziehen und so schnell wie möglich ins Bett zu verschwinden.
„Was?“, fragte ich ehrlich verwirrt und schaute ihn ratlos an.
„Abschiede machen einem bewusst, was man gewonnen hat, was man gefühlt und was man als selbstverständlich genommen hat. In dem Moment, als du damals am Flughafen gegangen bist, wurde mir erst bewusst, wie viel du mir bedeutest. Ich liebe dich nicht, weil ich dich brauche, Silja. Ich brauche dich, weil ich dich liebe. Und deswegen werde ich dich nicht aufgeben.“
„Mist, ich hätte mitschreiben sollen, dann hätte ich es dir vorlegen können, wenn du das nächste Mal Hals über Kopf das Land verlässt“, sagte ich so gefasst wie möglich. Dann betrat ich das Badezimmer, zog mich aus und stellte mich zum zweiten Mal an diesem Tag unter die Dusche.
Während mir das Wasser übers Gesicht lief, fiel mir ein weiterer Satz ein, den Jan mal gesagt hatte:
Tränen sind Worte, die das Herz nicht sagen kann.
Wie recht er doch hatte.
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