II. I finished crying in the instant that you left


Müde ließ ich mich auf meinen Platz in der dritten Reihe fallen und warf einen verstohlenen Blick auf den Platz neben wir. Wo Jan wohl steckte? Normalerweise war er immer schon vor mir in der Schule, da er nur einige Minuten entfernt wohnte. Manchmal brachte er sogar Frühstück mit weil er wusste, dass ich als passionierte Langschläferin morgens nie zum Essen kam. Dann saß er auf dem Platz neben meinem und wartete auf mich, damit wir uns noch unterhalten konnten, bis der Unterricht anfing. Jan war zwei Jahre älter als ich, deswegen hatten wir während des Schultages nicht allzu viele Gelegenheiten, miteinander zu reden. Daher hatte sich dieses morgendliche Ritual eingespielt.
Doch heute war es anders. Unwillkürlich wurde ich unruhig, etwas stimmte nicht, dass ahnte ich. Jan und ich kannten uns seit dem Kindergarten und waren seit drei Jahren ein Paar, seit ich elf und er dreizehn war. Es war die typische Geschichte von Jugendliebe und ich war irgendwie stolz darauf. Stolz darauf, dass ich das Mädchen war, dass der netteste und witzigste Junge den ich kannte liebte. Auch wenn unsere Eltern immer sagte, wir seien zu jung um zu verstehen, was Liebe war, glaubte ich daran, dass Liebe sich so anfühlen musste. Warm und schützend und endlos. Ich genoss die zärtliche Selbstverständlichkeit, mit der wir miteinander umgingen, nichts, das uns peinlich oder unangenehm voreinander sein musste.
Die Unsicherheit, die seine Abwesenheit in mir auslöste, war mir völlig neu. Wenn er krank war, rief er eigentlich immer am Abend vorher oder gleich früh am Morgen an, damit ich in der Schule Bescheid sagte, wenn er aus familiären oder sportlichen Gründen nicht zur Schule kam, war ich eine der ersten, die davon wusste. Umso schwerer wog die Angst in diesem Augenblick in mir.
Zögernd stand ich auf und verließ den Klassenraum. Vielleicht hatte er mich ja am Morgen nicht mehr erwischt. Ich ging schnurstracks zum Lehrerzimmer und fragte nach Jans Klassenlehrer.
„Jan?“, fragte dieser überrascht. „Es wundert mich, dass du davon nichts weißt, Silja. Er zieht heute mit seiner Familie um.“
„Er...zieht um?“, stotterte ich ungläubig. Was zur...?
„Ja, in die Schweiz. Der Flieger geht in zwei Stunden.“
Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich herum und raste aus der Schule. Der nächste Bus brachte mich zum Hauptbahnhof und von da aus fuhr ich weiter zum Flughafen. Jan? Umziehen? Das konnte doch nicht wahr sein, das hätte er mir doch gesagt. Sagen müssen...Er würde mich doch nicht einfach so zurücklassen.
Ich hetzte in das Flughafengebäude und schaute mich suchend um. Hatte er etwa schon eingecheckt?
Noch während ich das dachte, entdeckte ich ihn auf einer Bank in der Nähe der Schalter. Er saß alleine dort, vollkommen in sich zusammen gesunken, den Blick auf den Boden gerichtet.
Mit den Tränen kämpfend lief ich zu ihm und als er hochschaute, verpasste ich ihm eine schallende Ohrfeige. Dann drehte ich mich wieder um und wollte gehen, doch Jan war schneller.
„Silja!“
Die Art wie er es sagte, ließ mich erschaudern. Immer noch versuchte ich, die Tränen zurück zu halten. Die Wut, die Trauer, die Enttäuschung drohte die Überhand zu gewinnen. Wieso? Wieso wollte er einfach so aus meinem Leben verschwinden? Ohne ein Wort, ohne Grund.
„Lass mich in Ruhe“, fauchte ich und wischte mir die erste Träne von der Wange. Jan hatte mich von hinten umarmt und hielt mich fest, es war sinnlos sich zu wehren.
„Silja, bitte. Ich hab mir das nicht ausgesucht.“
„Aber du hast es dir ausgesucht, mir kein Sterbenswörtchen zu sagen“, wimmerte ich. „Kein Wort...kein einziges Wort.“
„Ich konnte es nicht. Ich wollte dir doch nicht...ich hab dir einen Brief geschrieben. Er liegt bei euch im Briefkasten.“
„Na toll! Und auf die Idee, dass ich mich von dir verabschieden will, kommst du nicht? Du bist so ein Mistkerl!“
„Silja...“
„Nein! Verdammt noch mal, Jan, ich liebe dich. Wie konntest du nur...die Vorstellung, dass du mich verlässt...ohne ein Wort...wie...“ Ich wurde von einem Schluchzen unterbrochen, das meinen ganzen Körper erzittern ließ.
„Du...liebst mich? Das hast du mir nie gesagt.“
„Ja, verdammt, was meinst du, warum ich hier stehe und mir die Augen ausheule, weil du weggehst? Es bricht mir das Herz!“
„Das wollte ich nicht“, murmelte Jan und legte sein Gesicht an meine Schulter.
„Dachtest du etwa, es wird besser, wenn du leise, still und heimlich das Land verlässt?“
„Ja. Ich schätze, das dachte ich.“
„Du bist so ein Idiot“, schluchzte ich und schlug die Hände vors Gesicht, als ein neuer Schwall Tränen ausbrach. Schluchzend und zitternd lag ich in seinem Arm um wusste nicht, was ich tun sollte. Was ich tun konnte. Was ich tun wollte. Es tat so weh, dass er das mit uns anscheinend einfach so abhaken wollte. Immerhin hatte ich keine Adresse von ihm, keine neue Telefonnummer, Himmel, ich wusste ja nicht mal in welche Stadt er ziehen würde!
„Ich...kann für die Schweiz starten. Als Kombinierer“, flüsterte Jan irgendwann.
„Lass mich verdammt noch mal endlich los“, verlangte ich. Das letzte, was ich mir jetzt anhören wollte, war ein Vortrag über die tolle sportliche Karriere, die ihn Tausende von Kilometern entfernt von mir erwartete.
„Weißt du, es gibt einen Spruch: Manchmal muss man weglaufen um zu sehen, wer dir folgt. Es ist schön zu wissen, dass du mir gefolgt bist und mich nicht einfach hast gehen lassen.“
„Du kannst vielleicht von mir erwarten, es zu ertragen dass du gehst, aber du kannst nicht von mir verlangen, dich gehen zu lassen, ohne dich noch einmal in den Arm genommen zu haben.“ Ich drehte mich um und schlang meine Arme um seinen Hals. „Ich werde jede Erinnerung, die wir gemeinsam haben, verbannen. In dem Moment, in dem du gehst, werde ich dich aus meinem Leben streichen. Ich will dich nie wieder sehen, nie wieder. Aber ich werde nichts bereuen, Jan. Nichts.“
Damit stieß ich ihn von mir weg und lief mit langen Schritten zum Ausgang. In dem Augenblick, in dem ich an die frische Luft trat, hörten die Tränen auf zu fließen und der Schmerz war nur noch ein dumpfes Pochen in meiner Brust. Ich ging und ließ Jan hinter mir.
Den Brief las ich nie.
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