I. But you were history with the slamming of the door

„War das die letzte?“ Ich klappte den Karton zu und schlug als abschließende Geste darauf.
„Ja.“ Ira wartete, bis ich zurückgetreten war, dann schloss sie die Türen des Kleintransporters und vergewisserte sich, dass diese auch sicher nicht während der Fahrt aufgehen würden. Dann warf sie einen Blick hinauf zu dem Fenster des Zimmers im zweiten Stock des Mehrfamilienhauses in Byåsen, das bis eben noch ihres gewesen war.
„Fertig?“ Torkild kam gerade aus der Haustür und legte einen Arm um Ira. „Alles okay?“, fragte er leise. Ira nickte und lächelte.
„Es ist irgendwie so unwirklich“, sagte sie und lehnte sich gegen ihren Freund.
„Frag mich mal, ich muss ab jetzt erst mal alleine wohnen“, grinste ich und unterdrückte einen Stich von Traurigkeit. Ich hatte fast zwei Jahre mit meiner besten Freundin zusammen gewohnt, doch nun hatten sie und Torkild, nach drei Jahren Beziehung, beschlossen sich eine Wohnung zusammen in Saupstad zu nehmen. Ich war aus allen Wolken gefallen, aber ich gönnte ihnen das Glück. Und irgendwie war mir ja klar gewesen, dass Ira und ich nicht ewig einen auf Junggesellinnen machen konnten. Trotzdem fing ich jetzt schon an dieser Zeit hinterher zu trauern.
„Das glaub ich nicht“, meinte Torkild. „Petter leistet dir bestimmt gerne Gesellschaft und er hat sogar schon einen Nachmieter gefunden. Also, wenn du einverstanden bist.“
„Aha“, machte ich nur. Für einen Moment hatte ich die Befürchtung, Petter selber wäre auf die Idee gekommen, bei mir einziehen zu wollen. Nicht, dass ich generell abgeneigt war, irgendwann mit meinem Freund zusammen zu ziehen. Nur eben irgendwann mal, nicht nach nur vier Monaten.
Aber dann fiel mir ein, dass Petter was das anging eine noch ablehnendere Einstellung hatte. Daher würde es ihm sicher im Leben nicht einfallen, irgendwo anders als in seiner eigenen Wohnung residieren zu wollen.
„Du klingst ja begeistert“, stellte Torkild grinsend fest.
„Na ja, ich weiß ja noch nichts darüber“, meinte ich schulterzuckend. „Seid ihr fertig mit Putzen?“ Wir hatten die Arbeitsteilung ausgelost, da die Jungs gemeint hatten, wir würden nie und nimmer alle Kisten schleppen können, wir könnten uns glücklich schätzen, ihre helfenden Hände dabei zu haben. So kam es, dass Ira und ich in aller Ruhe ihren Kram in den Transporter geladen hatten, während Torkild und Petter inklusive Schürzen die gesamte Wohnung schrubben durften. Es war zwar nicht nötig, aber es ging um das Prinzip.
„Ja. Dein werter Freund geht richtig in der Arbeit auf, er hat gerade eben noch den Kühlschrank ausgewischt.“
„Niemals!“
„Doch.“ Torkild grinste und küsste Ira auf die Wange. „Aber erwarte ja nicht, dass ich sowas auch mache, Schatz.“
„Keine Sorge, du würdest glatt vergessen ihn wieder einzuräumen“, zog Ira ihn auf und lachte, als er ihr eine leichte Kopfnuss gab.
„Fertig!“ Petter kam aus dem Haus und nahm sich die Schürze ab, nicht aber das Kopftuch. Ein Accessoire, das er ziemlich oft trug. Ich fand es niedlich.
„Gute Arbeit, Petter.“ Ich nahm ihm die Schürze ab und drückte ihm seine Autoschlüssel in die Hand. „Wollen wir los?“
Die anderen drei nickte synchron und so stiegen Ira und Torkild in den Kleintransporter und Petter und ich fuhren mit seinem Auto hinterher, um auch beim Beziehen der Wohnung zu helfen.
Als wir bei der Wohnung ankamen, erwarteten uns bereits Torkilds Eltern, die ebenfalls in Saupstad lebten. Sein Vater konnte handwerklich gesehen fast alles und so hatte er sich bereit erklärt, sich um elektrische Anschlüsse und dergleichen zu kümmern, ehe Torkild und Petter die Wohnung in Brand setzen oder einen internationalen Stromausfall verursachen würden.
„Was ist das eigentlich für eine Mitbewohnerin, von der Torkild gesprochen hat?“, fragte ich Petter, als wir einige Stunden später dabei waren, ein Bücherregal im Wohnzimmer zu füllen.
„Mitbewohner“, korrigierte Petter mich und ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. Es kam immerhin nicht alle Tage vor, dass einem der eigene Freund einen männlichen Mitbewohner aufschwatzen wollte.
„Okay, Mitbewohner. Was soll das alles?“
„Er wechselt in unser Team“, erklärte Petter. „Er ist auch Kombinierer und startete im Moment für...ähm...ja, für irgendein Land halt.“
„Soso.“
„Ja. Und er braucht ziemlich dringend eine Bleibe, weil er ja schon bald mit dem Training hier beginnen soll. Und da dachte ich, ich frag mal mein gütiges Herzblatt, ob er nicht bei dir unterkommen könnte.“ Petter schnitt mir eine Grimasse und rückte sein Kopftuch zurecht.
„Wie heißt er denn?“, wollte ich wissen und schaute verwirrt auf den Buchdeckel eines Schmökers mit dem Titel „Keine Pizza mehr für Ira“. Wer hatte ihr das denn geschenkt? Was für eine fiese Geste. So viel zum Thema `der Gedanke zählt`.
„Hmm...Jan? Jon? Nein, ich glaube Jan“, überlegte Petter und kratzte sich mit einem Selbsthilfebuch zum Abgewöhnen von Fingernägelkauen an der Schläfe.
„Mehr weißt du nicht über ihn?“
„Doch, er benutzt Fischer-Ski und auch eine andere Sprunganzugmarke, Spinner oder Spinno oder so.“
„Gut, das werde ich bei meiner Entscheidung berücksichtigen“, lachte ich und stellte ein Buch zum Herstellen von Schokoladenpralinen neben „Keine Pizza mehr für Ira“. Einfach aus Prinzip.
„Also...eigentlich...ähm“, druckste Petter und ich beäugte ihn kritisch von der Seite.
„Was ist? Hast du vergessen mir noch etwas zu sagen?“
„Nun...ja. Ich soll dem Trainer schon heute Bescheid geben ob das klappt, da Jan – oder war es doch Jon? – schon nächste Woche ankommt.“
Ich schüttelte lachend den Kopf und blätterte in „Loipenliebe – Die Kunst des Langlaufs“, während ich über die ganze Sache nachdachte. Wobei es eigentlich nicht viel nachzudenken gab. Warum sollte Jan – oder Jon – nicht bei mir einziehen? Wahrscheinlich war es eh nur übergangsweise und wenn wir uns überhaupt nicht verstanden, hätte er sicherlich genug Verstand, sich kurzfristig eine neue Bleibe zu suchen. Außerdem hatte ich so jemanden, den ich mit meinen furchtbaren Kochkünsten und meinem Singen unter der Dusche terrorisieren konnte.
„In Ordnung“, sagte ich schließlich. „Schickt ihn zu mir.“
„Wirklich? Danke, Silja, das ist wirklich lieb von dir.“ Petter gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe und vertiefte sich dann wieder in ein Buch über Piraten. Wahrscheinlich suchte er neue Anregungen für Kopftücher.
Ich ließ ihn stehen und schlenderte in die Küche, wo Ira gerade mit Torkilds Mutter ein paar Topfblumen auf der Fensterbank platzierte. Ich grinste; das war eindeutig nicht Iras Idee gewesen. Sie konnte mit Grünzeug nur umgehen, wenn sie Messer und Gabel zur Hilfe hatte. Ich war da kein Stück besser.
„Oh, Silja, du kommst wie gerufen“, rief Torkilds Mama aus und drückte mir einen Topf mit einer kümmerlich aussehenden Pflanze in die Hand. Ob das so sein sollte? „Würdest du die ins Wohnzimmer auf den kleinen Beistelltisch neben dem Sofa stellen? Ihr hattet da doch sicher auf immer ein kleines Blümchen, oder?“
„Nein, die Fernsehzeitung“, antwortete ich leise und verdrückte mich dann. Hoffentlich würden sie nicht die ganze Wohnung in einen Urwald verwandeln, ich reagierte auf einige Pflanzen leicht allergisch, wusste aber nicht genau auf welche. Und bei so einer Vielfalt würde ich mich hier wahrscheinlich dumm und dämlich kratzen.
„Du sollst einräumen, nicht lesen“, rügte ich Petter halbherzig, als ich den Topf so genau wie möglich in der Mitte des kleinen Tisches aufstellte. Also, viel ansprechender sah das auch nicht aus. Ich persönlich zumindest fand es besser, wenn Johnny Depp oder Paul Walker einen vom Titelblatt der Fernsehzeitung anlächelten. Dieses Pflänzchen erregte bei mir lediglich Mitleid. Mit Sicherheit wäre sie auf einem liebevoll hergerichteten Salatteller wesentlich zufriedener.
„Ist schon alles eingeräumt“, behauptete Petter, vergaß dabei wohl aber den Stapel Bücher auf dem er in eben diesem Moment saß. Lächelnd ging ich zu ihm, zog ihn hoch, schob ihn zum Sofa und setzte ihn neben das Pflänzchen. Mir ging es auch immer besser, wenn ich bei Petter war, warum also nicht auch dem mageren Möchtegernbusch?
Als ich auch die letzten Bücher, bis auf das was Petter in der Hand hielt, im Regal verstaut hatte, ließ ich mich neben ihm auf das Sofa fallen.
„Fertig“, seufzte ich und schaute mich in dem Raum um. Es war wirklich schön geworden, gemütlich und freundlich. Aber ich fand immer noch, dass eine Fernsehzeitung fehlte.
„Gut gemacht, Silja.“ Petter legte einen Arm um mich und zog mich an sich, ohne überhaupt von seinem Piratenbuch aufzuschauen. Ich schloss die Augen und zog die Beine an. Ich konnte mir wirklich gut vorstellen, mit Petter zusammenzuziehen.
Irgendwann.

Einige Tage später wurde ich unsanft von der Türklingel geweckt. Wahrscheinlich ein wichtiges Paket, dachte ich und fragte mich sofort, wo ich diesen Satz schon einmal gehört hatte. Während ich noch darüber nachdachte, kam ich an der Wohnungstür an und öffnete sie.
„Moin Silja.“ Petter küsste mich kurz und schob sich dann mit einem Holzteil, das aussah wie die Seite eines Bettes, an mir vorbei.
„Was ist das?“
„So ein Holzteil, die Seite von einem Bett“, erklärte Petter und lief schnurstracks in Iras altes Zimmer.
„Und was macht die Seite eines Bettes in meiner Wohnung?“, gähnte ich und trat einen Schritt zur Seite, als Magnus mit der offenkundig anderen Seite an mir vorbeirauschte. Schnell schaute ich an mir herunter, ob ich auch angezogen war.
Glück gehabt.
Nicht, dass ich dem Paketboten nackt die Tür öffnen würde, aber sicher war sicher.
„Vorsicht!“
„Torkild?“ Ungläubig starrte ich ihm hinterher, als er das Kopf- oder Fußende des Bettes in Iras Zimmer schleppte. Als die drei zusammen wieder herauskamen, versperrte ich ihnen den Weg, indem ich die Wohnungstür zuschlug und mich mit verschränkten Armen davor stellte.
„Hat mir einer von euch vielleicht was zu sagen?“, wollte ich streng wissen.
„Du hast Ira ausgesperrt“, antwortete Torkild auf die Tür zeigend. Stöhnend öffnete ich die Wohnungstür wieder und wie erwartet stand Ira mit dem andern Kopf- oder Fußteil davor.
„Entschuldige, Silja“, sagte sie. „Wir wollten dich anrufen, aber der Möbelwagen kam heute ganz früh an und wollte unbedingt loslegen, da dachten wir, wir überraschen dich.“ Lächelnd ging sie an mir vorbei und ich vergrub das Gesicht in den Händen.
„Möbelwagen? Überraschen?“, nuschelte ich.
„Eigentlich sollten Jans – oder Jons – Möbel erst heute Abend ankommen“, erklärte Petter endlich.
„Ja, das weiß ich“, murmelte ich.
„Aber der Verkehr war so gut, dass sie jetzt schon da sind und sie wollten unbedingt jetzt schon anfangen, um früher wieder daheim zu sein, verstehst du?“
„Nein, aber das ändert wohl nichts an der Sachlage. Und wo ist Jan? Oder Jon?“
„Ja, der kommt wirklich erst heute Abend, der fliegt ja.“
„Ich werd bekloppt“, brachte ich nur hervor und ließ mich auf das Sofa fallen, dass in meinem Wohnzimmer stand. Oder musste ich jetzt schon unser Wohnzimmer sagen? Immerhin war der materielle Teil meines Mitbewohners ja schon teilweise hier.
„Werd lieber aktiv“, forderte Petter mich auf. „Unten ist noch eine Menge, das hochgetragen werden will.“
„Was machen eigentlich die Möbelpacker?“, wollte ich wissen.
„Die kommen gleich mit dem Schrank.“ Petter packte meine Handgelenke und zog mich schwungvoll hoch. „Na los, Schlafmütze. Zieh dich an und dann geht es los.“
Ich nickte lustlos, verzog mich ins Badezimmer und stand viel zu bald darauf auf der Straße vor einem relativ kleinen Laster. Wenigstens würde es anscheinend keine Platzprobleme geben.
Die lange Seite des Lasters schmückte ein deutscher Schriftzug, doch wegen der aufgeklappten Tür konnte ich nicht erkennen, aus welchem Land er kam und das Nummernschild war vom Herbstmatsch so verdreckt, dass kaum noch weiße Stellen frei lagen.
Kaum den Muskelkater vom letzten Umzug überwunden, machte ich mich nun daran, den anderen zu helfen. Zum Mobiliar gehörten außer dem Bett und dem großen Kleiderschrank noch ein kleineres Schränkchen, zwei Regale, ein Schreibtisch samt Stuhl und diverse elektronische Geräte. Nichts allzu ausgefallenes also.
In vielen der Kisten klapperte es verdächtig und ich nahm an, dass wir es hier entweder mit einem ausgewachsenen Musik-, Film- oder Spielefreak oder einer Mischung aus allem zu tun hatten.
Müde und steif in den Gliedern schleppte ich Kiste um Kiste nach oben, Ira sorgte einsatzfreudig dafür, dass alle Kartons anständig in ihrem alten Zimmer angeordnet und gestapelt. Ab und zu meinte ich, einen leicht wehleidigen Blick auf ihrem Gesicht zu sehen, was sich bestätigte, als wir gegen Ende des Prozederes alleine im Raum standen. Sie schaute sich um und seufzte schwer.
„Es ist immer noch irgendwie unwirklich“, meinte sie. „Dass das hier jetzt das Zimmer von jemand anderem ist.“
„Du kannst es jederzeit zurückhaben, dann schicken wir Jan-Jon halt zu Torkild“, witzelte ich und öffnete einen der Kartons, um einen Blick hineinzuwerfen. Obenauf lagen ein paar Bücher, die sich auch in meiner Sammlung fanden. Skandinavische Krimis, sogar auf Norwegisch. Natürlich, wie konnte der Junge für Norwegen starten, wenn er die Nationalität nicht hatte.
Ich griff nach einem Buch von Kjell Ola Dahl und blätterte darin herum. Wenn ich nach etwas gesucht hatte, fand ich es nicht, denn die Seiten waren weitestgehend sauber und weder verknittert noch abgegriffen.
„Das solltest du nicht tun, du Schnüfflerin“, grinste Ira.
„Ist doch nur ein Buch“, argumentierte ich, legte es aber trotzdem zurück und verschloss den Karton wieder.
„Ich meine, ich bereue es nicht, mit Torkild zusammengezogen zu sein“, griff Ira das Thema wieder auf. „Aber es war eine schöne Zeit hier.“
Lächelnd legte ich einen Arm um meine beste Freundin. „Wenn du mal einen allergischen Schock wegen all dem Grünzeug bekommst, bist du hier jederzeit willkommen.“
„Das meiste ist eh schon wieder draußen, wir haben nur ein paar Alibi-Blumen stehen lassen“, lachte Ira. „Tori hat ein unheimliches Talent dafür, gegen diese ollen Pötte zu rennen und sie runterzuschmeißen.“
„Sicher, dass das keine Absicht ist?“
„Nein, da bin ich mir absolut nicht sicher.“ Sie schaute zur Tür. „Wo sind die Herren der Schöpfung eigentlich?“
Wir verließen das Zimmer und fanden die Jungs im Wohnzimmer, wo sie vor dem Fernseher hockten und sich irgendeine Sportzusammenfassung anschauten.
„Was wird das denn?“, wollte ich wissen.
„Wir haben auf euch gewartet.“ Petter schaltete das Gerät aus und sah auf. „Der Typ kommt doch erst in ein paar Stunden, wollen wir nicht vorher was essen gehen? Ich lad dich ein.“
„O danke!“ Torkild schlang seine Arme um Petters Hals, der diese unwirsch abschüttelte.
„Ich hab natürlich Silja gemeint. Mit dir will ich immerhin nicht ins Bett“, fügte er grinsend hinzu und ich schlug ihm lachend auf den Hinterkopf.
„Idiot.“
„Du weißt doch, wie es gemeint ist.“ Petter streckte lachend die Hand aus und zog mich auf seinen Schoß.
„Ja, ja.“ Ich küsste ihn und stand dann wieder auf. „Wartet bitte kurz, ich will nur schnell unter die Dusche.“
So schnell es ging duschte ich mich wach, föhnte meine Haare und zog mich an. Dann endlich machten wir uns auf den Weg in ein kleines italienisches Restaurant ein paar Straßen weiter.
Es wurde ein nettes Essen, Torkild und Ira erzählten uns von den ersten Pannen in ihrer neuen Wohnung, zum Beispiel von Torkilds Versuch, das Küchenfenster zu putzen, wobei er eine Blume runtergeworfen hatte, oder als er einen Ring unter dem Beistelltisch im Wohnzimmer hervorholen wollte, gegen selbigen stieß und eine Blume runtergeworfen hatte oder als er seinen Helm achtlos in eine Ecke geworfen und dabei eine Blume umgeschmissen hatte. Endlich verstand ich, was Ira gemeint hatte.
Petter erzählte von einem Laden, in dem es Unmengen an Kopftüchern gab und warf mir dabei immer wieder verschwörerische Blicke zu, immerhin waren es nur noch knapp zwei Monate bis Weihnachten.
Und ich dachte darüber nach, was für ein Vogel wohl heute Abend vor meiner Tür stehen würde und eine Wohnung mit teilen wollte.
Als wir uns voneinander verabschiedeten war es bereits fünf und der Kellner extrem genervt von Torkild und Petter, die sich wohl ein, zwei Bier zu viel gegönnt hatten. Ira versprach, Petter heile zu Hause abzuliefern, ich kniff ihm boshaft grinsend in die Wange und wünschte ihm eine erholsame Nachruhe, bevor ich mich zu Fuß auf den Heimweg machte.
Dort angekommen brachte ich die Wohnung soweit auf Vordermann, dass sie auf den ersten Blick einen guten Eindruck vermittelte und ging dann in Iras altes Zimmer, das demnächst wohl den Titel „Jans Zimmer“ beziehungsweise „Jons Zimmer“ innehaben würde. Ich konnte es mir nicht vorstellen mit jemand anderem als Ira zusammenzuleben, so sehr ich es auch versuchte. Hoffentlich war der Typ wenigstens nett, sodass man mit ihm leben konnte, auch wenn einen sonst nichts verband.
Nachdenklich öffnete ich einen der Kartons die oben auf lagen und zog eine Zeitschrift heraus. Sie war eindeutig in Deutsch geschrieben, soviel war selbst bei mir aus der Schulzeit hängen geblieben. Ich blätterte eine Weile darin herum und schaute mir dann das Cover genauer an. Sie kam allem Anschein nach aus der Schweiz. Sofort beschlich mich ein böser Verdacht, zusammenhängend mit einer schlimmen Erinnerung.
Im nächsten Moment klingelte es auch schon an der Tür. Ich legte die Zeitung zurück, schloss den Karton und ging an die Tür. Als ich sie öffnete, stockte mir der Atem und ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden.
Wenigstens wusste ich jetzt mit Sicherheit, dass mein neuer Mitbewohner nicht Jon hieß.
„D-du?“, stammelte ich und starrte ihn entgeistert an. Ihm hatte es gleich mal komplett die Sprache verschlagen. Zwischen uns baute sich eine solche Spannung auf, dass keiner von uns auf den anderen zugehen konnte, es war wie eine Wand.
Er hatte sich kaum verändert. Seine Haare waren kürzer und er war gewachsen, aber ansonsten hatte er immer noch die gleichen ebenen, sanften Züge und die tiefbraunen Augen. Das schmale Gesicht zeigte keine Regung.
„Du lässt mich bei dir wohnen?“, fragte er schließlich matt.
„Ich wusste ja nicht, dass du es bist“, gab ich ebenso dumpf zurück.
„Du würdest einen Wildfremden bei dir einziehen lassen?“
„Und was ist mit dir?“
„Ich wusste auch nicht, dass du es bist.“
„Du würdest bei einer Wildfremden wohnen?“, äffte ich ihn nach.
„Ich hab kein Problem damit, bei dir zu wohnen. Ich bin nicht derjenige von uns, der gesagt hat ‚Ich will dich nie wieder sehen, nie wieder!“
Verletzt zuckte ich zusammen und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Er war wieder da. Nach fünf langen Jahren stand er plötzlich wieder vor der Tür und tat, als wäre das, was zwischen uns passiert war, eine Kleinigkeit gewesen. Etwas, das eben passierte.
Aber es war keine Kleinigkeit gewesen. Es war das schlimmste, was mir je passiert war und die Wunden waren immer noch nicht verheilt. Ich konnte nicht glauben, dass er so leichtfertig damit umgehen konnte. Andererseits hatte es damals schon den Anschein gehabt, als wäre es ihm nicht schwer gefallen. Er hatte einfach ein Kapitel seines Lebens beendet und hinter sich gelassen.
Und dieses Kapitel war ich.
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