Kapitel 13

4. Woche


Letzter Tag Freitag


Vorsichtig schlich Sade ins Badezimmer. Sie putzte sich schnell die Zähne, wusch sich und zog sich an. Sie hatte Shorts und T-Shirt unter Ollis Handtüchern versteckt. Ihre Schlafklamotten stopfte sie in den Rucksack.
Der Spiegel verriet ihr, dass sie genauso müde aussah, wie sie war. Sie und Olli waren erst weit nach Mitternacht nach Hause gekommen. Sie hatten am Meer gesessen und über Gott und die Welt gesprochen. Der Kuss im Aquarium war jedoch nicht zur Sprache gekommen.
Sade strich sich über die Lippen, lächelte und warf einen Blick auf die Uhr. Es war fünf Uhr sieben. Um Punkt sieben Uhr würde die Fähre nach Stockholm ablegen. Das waren zwar noch knapp zwei Stunden, aber sie wollte sicher gehen, dass Olli nicht vorher aufwachte und etwas mitbekam. Sie wollte ihn in aller Stille verlassen und hoffte, dass das für beide die schmerzloseste Variante war.
Leise ging Sade wieder ins Schlafzimmer, um den Rucksack zu holen. Bereits gestern hatte sie gepackt, während Olli duschen gewesen war. Doch wenn er es bemerkt hatte, hatte er es sich nicht anmerken lassen. Sie trug ihr Gepäck leise aus dem Schlafzimmer und warf noch einen Blick auf den schlafenden Olli, bevor sie die Tür schloss.
Dann ging sie in die Küche, nahm Stift und Zettel zur Hand und schrieb ihm eine kurze Nachricht.
Mit Schwung setzte sie anschließend den Rucksack auf und schaute durch das offene Fenster auf das gegenüberliegende Hotel. In keinem der Fenster war irgendeine Art von Regung wahrzunehmen. Sie fragte sich, ob Lauri mittlerweile wieder in Kuopio angekommen war und wie es ihrer Familie ging. Der Gedanke, sie nie wieder zu sehen, war seltsam. Aber gleichzeitig fühlte sie Schmetterlinge im Bauch. Jetzt war alles vorbei. Die ganze Angst der letzten Wochen konnte von ihr abfallen.
„Happy Birthday to me“, murmelte Sade und grinste schief. So hatte sie sich ihren achtzehnten Geburtstag nie vorgestellt. Aber es wäre ja auch langweilig gewesen, wenn sie vorher gewusst hätte, wie er werden würde.
War es an dieser Stelle Zeit für einen Rückblick? Immerhin war das ein ziemlich endgültiger Abschied. Sade schloss die Augen und rief sich ihre Kindertage in Erinnerung. Dann ihre Schulzeit und ihre frühe Jugend. Doch kein Ereignis in den letzten achtzehn Jahren schien ihr mehr von Bedeutung. Alles wurde von dem Schmerz überschattet, den dieser Abschied verursachte. Der Abschied von Olli und den schönsten Wochen ihres Lebens.
Ich bin so albern, dachte Sade und senkte den Kopf. Auch dieser Schmerz würde vergehen, so wie er immer verging. Spucke drauf, Pflaster drüber und zurück blieb im schlimmsten Fall eine kleine Narbe, die daran erinnerte, dass irgendwann in der Vergangenheit mal etwas passiert war.
Ihre Knie wurden weich, als sie die Wohnungstür ansteuerte und sie war sich sicher, dass sie noch nie so langsam Treppen hinab gestiegen war. Es war als würde sie gegen etwas kämpfen, dass sie zurückhielt.
Doch endlich kam Sade auf der Straße an. Sie schaute in den dämmerigen Himmel und machte sich auf den Weg zum Hafen.
Lauri, der zufällig am Fenster gestanden hatte, schmiss Sami wortwörtlich aus dem Bett und erklärte ihm lautstark seine Entdeckung.

Ilkka fuhr vor Schreck hoch und knallte mit dem Kopf gegen das Regal, das über seinem Bett angebracht war. Fluchend und schimpfend sah er sich um. Hatte er gerade tatsächlich sein Handy gehört?
Er tastete den Boden ab und fand das kleine Ungetüm in seiner Hosentasche. Wahrhaftig, es klingelte! Um sechs Uhr morgens!
„Wehe, es ist nicht wichtig“, knurrte er, als er abnahm.
„Sade ist weg“, meldete Olli sich.
„Schon wieder?“, gähnte Ilkka.
„Ja. Hör mal, ich brauch deine Hilfe.“
„Die einzige, die Hilfe braucht, ist Sade.“
„Hör bitte auf, Witze zu reißen, Ilkka.“
„Entschuldige. Also, was kann ich für dich tun?“ Ilkka stieg aus dem Bett und suchte schon mal seine Klamotten zusammen. Er bezweifelte, dass er den Auftrag, den Olli ihm geben würde, vom Bett aus erledigen konnte.
„Fahr zum Hafen und schau nach, ob sie da ist“, bat Olli ihn.
„Zum Hafen? Denkst du nicht, dass sie einfach zurück nach Hause ist?“ Ilkka fluchte, als er mit dem Kopf in der Öffnung seines T-Shirts hängen blieb. Dann warf er einen kurzen Blick nach draußen. Toll, ausgerechnet heute, dachte er missmutig.
„Was würdest du denn tun, wenn du von Finnland die Schnauze voll hättest und endlich achtzehn wärst?“
„Okay, okay, ich verstehe deinen Standpunkt“, räumte Ilkka ein. „Ich mach mich gleich auf den Weg.“ Damit legte er auf und schlüpfte in seine Jeans. Er überprüfte die Anwesenheit der Haustürschlüssel und seines Handys, zog sich eine dünne Jacke an und schlich sich aus der Wohnung, um seine Mutter nicht zu wecken.
Vor der Haustür setzte er die Kapuze auf. Bei dem Wetter würde er mit Sicherheit nicht zum Hafen laufen. Gott sei Dank fuhr die Straßenbahn gleich gegenüber los.

Lauri und Sami blieben atemlos an der Straßenecke stehen. Sie waren vollkommen durchnässt, doch das störte reichlich wenig. Immerhin war es warm, da kam eine Abkühlung sogar gerade recht.
„Wo ist sie hin?“, keuchte Sami und sah sich suchend um. Er hätte schwören können, dass Sade gerade erst hier um die Ecke verschwunden war.
„Keine Ahnung. Ich kenn mich hier aber auch so gar nicht aus.“ Lauri richtete sich auf und versuchte, sich zu orientieren. Aber in diesem Teil Helsinkis war er noch nie zuvor. Alles war ihm komplett fremd und er hatte keine Ahnung, wo es zum Zentrum oder sonst wohin ging. Mit anderen Worten, sie hatten sich verlaufen.
Eigentlich hielt Lauri all das mittlerweile für überflüssig. Selbst wenn dieser komische Kerl Sade tatsächlich von der Seite gewichen war, wie wollte Sami sie nach Hause holen? Ab diesem Tag war sie volljährig und wenn ihr Bruder nicht ein paar verdammt gute Argumente für die Rückkehr nach Kuopio aus dem Hut zauberte, bezweifelte Lauri ernsthaft, dass Sade je wieder in ihre Heimatstadt zurückgehen würde.
Er fragte sich ernsthaft, was ihn ein paar Tage zuvor geritten hatte, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sicher, er liebte sie noch...irgendwie. Aber damit war er doch eindeutig zu weit gegangen. Fast war er diesen beiden Haudegen dankbar, dass sie die Szene so unschön unterbrochen hatten.
Trotzdem. Er wollte Sade zurück holen, er wollte sie weiterhin um sich haben. Er wusste, dass er sie zu nichts zwingen konnte. Deswegen hoffte er, dass sie einfach wieder zur Vernunft kommen und freiwillig mitkommen würde.
Es war seine einzige Hoffnung.
Lauri wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Der Regen rann ihm mittlerweile in die Augen und er wurde immer stärker. Wehe, wenn es diesen Aufriss nicht wert war.
Er drehte sich um, als er hinter sich die Straßenbahn hörte. Ungläubig starrte er ins Fenster. Da saß sie! Da war Sade!
„Sami“, rief er, doch die Straßenbahn war längst außer Reichweite, hinterherlaufen machte keinen Sinn. Lauri kniff die Augen zusammen, um die Nummer zu erkennen. „Komm mit“, sagte er und lief, ohne auf Sami zu warten, los zur nächstgelegnen Haltestelle. Flüchtig überflog er die Fahrpläne, bis er den richtigen gefunden hatte. Verwirrt schaute er auf die Endstation. Hafen?
„Scheiße“, fluchte Sami, der es im selben Moment entdeckt hatte.
„Jetzt haben wir ein Problem“, stellte Lauri überflüssigerweise fest.
„Warte mal, ich geh den da hinten mal fragen, wie man am schnellsten dahin kommt“, sagte Sami und deutete auf einen jungen Mann, der gerade die nächste Querstraße entlangging. Lauri nickte und schaute Sami hinterher, wie dieser, dem Typen folgend, um die Ecke verschwand.
Sami tippte dem Mann auf die Schulter und schaute einen Moment später in ein verwundertes Gesicht.
„Entschuldigung“, sagte er hastig. „Wie kommt man am besten zum Passagierhafen? Weißt du das vielleicht?“
Sein Gegenüber nickte langsam und nannte ihn eine schnelle Busverbindung von einer Haltestelle aus, die etwa einen Kilometer Richtung Westen lag. Sami nickte, bedankte sich und verschwand wieder.
Der junge Mann grinste, als er weiterging. Er hatte diesen Fremden gerade so ziemlich in die falscheste aller falschen Richtungen geschickt. Aber na ja, Spaß musste sein. Außerdem hatte der Tourist ihm ohne es zu ahnen eine wichtige Information geliefert.
Ilkka grinste noch breiter und holte sein Handy raus, um Olli Bescheid zu sagen.

Sade seufzte und trat von einem Fuß auf den anderen. Die Schlange vor ihr wollte und wollte nicht kürzer werden. Sie setzte den Rucksack ab und schob ihm mit dem Fuß vor sich her, wenn es denn mal weiter ging.
Sie hatte nur ein wenig von dem Regen abbekommen und betrachtete mit etwas Schadenfreude die vollkommen durchnässten Passagiere, die gerade von draußen kamen. Ob Olli schon wach war?
Endlich war sie an der Reihe. Sie zeigte ihren Ausweis und ihr Ticket und bekam ohne Probleme die Schlosskarte für ihre Kabine. Sie setzte den Rucksack wieder auf und machte sich nun auf den Weg, das Schiff zu betreten.
Ihr war etwas mulmig zumute. Sie würde ihr Heimatland verlassen und das womöglich für eine sehr, sehr lange Zeit. Was würde sie in Schweden erwarten?
Sie stolperte, als sie von hinten angerempelt wurde.
„Jag är ledsen“, sagte die Person und griff nach Sades arm. „Är du i ordning?“
Sade schaute den Jungen verwirrt an und versuchte, mit ihrem Schulschwedisch seine Frage zu verstehen.
„Ja“, sagte sie schließlich auf Englisch. „Alles in Ordnung, danke.“
„Gut.“ Der Junge lächelte und verschwand dann in der Menge. Jetzt erst bemerkte sie die Gänsehaut, die ihre Arme überzog. Er hatte Ollis Augen.
Verdammt, tu ich hier das richtige?, dachte sie und wäre beinahe wieder umgedreht. Doch sie nahm all ihren Mut zusammen und bahnte sich ihren Weg durch den Gang zum Schiff und dort angekommen bis zu ihrer Kabine. Sie lud nur schnell ihren Rucksack ab und machte sich dann daran, das Schiff zu erkunden. Es war zehn vor sieben, es würde noch eine Weile dauern, bis es ablegte.
Gemütlich schlenderte sie über den Teppichboden in den Gängen, nahm Kneipe, Restaurant und Laden unter die Lupe und beschloss dann, zum Ablegen an Deck zu gehen. Sie lief ans Heck und lehnte sich auf das Geländer. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und die Sonne kam heraus.
Der Regen ist gegangen, dachte Sade und grinste schief. Sade on lähtenyt.
„Hej.“ Neben ihr tauchte der Junge von vorher auf. „Reist du ganz alleine?“, wollte er wissen. Sade war einen Moment abgelenkt von seinen Augen. Der Gedanke an Olli holte sie ein und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Das war alles. Es sollte nicht sein.
„Ja“, antwortete sie schließlich und lächelte. „Und du?“
„Ich bin mit ein paar Freunden von der Uni unterwegs“, antwortete er. Sade hätte beinahe laut losgelacht. Ein schwedischer Student also. Ob er wohl aus Småland kam? „Wie heißt du, wenn ich fragen darf?“
„Sade“, antwortete sie und wie auf Kommando setzte der Regen wieder ein. Der Junge sah in den Himmel und drehte die Handfläche nach oben.
„Lass uns reingehen, ja?“
„Okay“, stimmte Sade zu. Sie warf noch einen letzten Blick auf Helsinki.
Bis dann, Olli, dachte sie und schloss die Augen. Sie stellte sich vor, wie er ihr über den Kopf strich und lächelte. Dann öffnete sie die Augen wieder und folgte dem Schweden, der ihr bereits die Tür aufhielt.
„Ich bin übrigens Oliver“, stellte er sich vor, als sie an ihm vorbeiging. Diesmal konnte Sade sich das Lachen nicht verkneifen. „Was?“, fragte er verwirrt.
„Nichts. Ich kenn nur jemanden, der so ähnlich heißt.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf und atmete tief durch. Sie spürte, wie ein paar Stockwerke unter ihr die Maschinen angeworfen wurden. Jetzt hieß es wohl endgültig Abschied nehmen.
Einen Moment lang befürchtete sie, dass sie jeden Moment Panik bekommen und fluchtartig das Schiff verlassen würde. Doch dann spürte sie Olivers Hand auf der Schulter und beruhigte sich. Alles würde gut werden.
Gerade, als die Tür hinter ihnen zufiel, kam Olli am Hafen an. Doch er sah nur noch, wie die riesige Fähre ablegte und sich mit einem lauten Signal des Nebelhorns in Richtung Schweden verabschiedete.
Olli war wie erstarrt. Er war zu langsam gewesen. Und obendrein war er nicht rechtzeitig am Hafen angekommen. Ganz langsam wurde ihm klar, dass es seine Schuld war. Er hatte Sade verloren. Schon wieder. Weil er zu langsam war.
Mit zitternder Hand holte er den Zettel aus der Hosentasche, den er am Morgen in der Küche entdeckt hatte.

Du hast gesagt, du erträgst es nicht, wenn du nicht weißt, dass es mir gut geht.
Keine Sorge, ich tu es dir nicht noch mal an.
Mir wird es gut gehen.

Ich liebe dich.


Olli drehte sich um und lächelte. Dann machte er sich auf den Heimweg.
Gott sei Dank war sie sowieso nicht sein Typ.

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THE END

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Wem das nun gar nicht gefallen hat oder sich ein ein klein wenig anderes Ende für die beiden Gewünscht hätte, der sollte vielleicht hier noch einmal gucken: The other chapter 13
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