Kapitel 12


Tag 21, Donnerstag


Auch an diesem Morgen wachte Olli vor Sade auf. Er streckte sich vorsichtig und schaute dann zu ihr rüber. Sie lag auf der Seite und hatte ihm ihr Gesicht zugewandt. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig.
Ihr muss ja furchtbar warm sein unter der Decke, dachte Olli. Sade hatte das Deckbett bis zur Nase hochgezogen, doch es schien ihr nicht besonders viel auszumachen, dass es schon jetzt durch die morgendliche Wärme unglaublich warm im Zimmer war.
Olli schlug seine eigene Decke zurück und streckte dann die Hand aus, um an Sades Stirn zu fühlen, ob sie schwitzte. Doch es schien ihr gut zu gehen. Wahnsinn. Er selbst würde das nie und nimmer aushalten.
Wie auf Kommando bekam er Durst. Langsam stand er auf und schlich sich ins Wohnzimmer. Die Uhr am Herd zeigte halb zehn an. Er hatte also ziemlich lange geschlafen. Sie waren nach dem Freizeitpark und einem schönen Abendessen todmüde ins Bett gefallen.
Er trank ein Glas Saft und schaute aus dem Fenster. Hatte er sich das eingebildet, oder hatten da gerade zwei Menschen am Fenster im Haus gegenüber gestanden? Tja, manche Menschen hatten einfach kein Leben. Olli zuckte gleichgültig mit den Schultern. Dann hörte er sein Handy im Wohnzimmer klingeln. Er rannte hin, damit der Anrufer Sade nicht wecken würde, und nahm ab.
„Olli“, meldete seine Mutter sich. „Ich sitze hier wie auf glühenden Kohlen, weil du dich nicht meldest. Was ist los bei dir?“
„Alles okay“, antwortete er verwirrt. Was sollte denn los sein?
„Was ist mit diesem Mädchen? Mit Sade?“
„Nichts ist mit ihr, sie schläft.“ Er verstand diese Aufregung wirklich nicht.
„Sie ist also bei dir?“
„Ja.“
„Und wann geht sie wieder?“
Olli schaute perplex sein Handy an. „Was? Wieso sollte sie gehen?“, wollte er schließlich von seiner Mutter wissen. Minna seufzte.
„Olli, soll sie etwa bei dir bleiben? Sie muss zurück nach Kuopio.“
„Sie muss gar nichts“, zischte Olli. „Morgen wird sie achtzehn, dann kann sie tun, was sie will.“
„Was sie will, oder was du willst?“
„Ich will, dass sie glücklich ist“, entgegnete Olli. „Und ich wüsste nicht, was daran falsch sein sollte.“
„Wenn sie so etwas wie eine Puppe für dich ist, dann solltest du sie schleunigst wegschicken“, riet Minna ihm.
„Du spinnst doch. Sade ist doch kein Spielzeug, sie ist ein Mensch, der mit zufällig eine Menge bedeutet. Also hör du auf mit diesen lächerlichen Vermutungen und Anschuldigungen. Ich werde Sade zu nichts zwingen, aber ich werde sie auch nicht im Stich lassen.“
„Was ist sie für dich?“
„Was?“
„Was ist sie für dich? Was siehst du in ihr?“
Olli legte die Stirn in Falten. An sich eine recht gute und berechtigte Frage. Was genau sah er eigentlich in ihr?
„Sie ist wie eine Schwester“, antwortete er schließlich, weil er glaubte, dass das der Wahrheit am nächsten kam. Minna schwieg eine Weile. Dann hörte er sie wieder seufzen.
„Dann lass sie gehen, Olli“, sagte sie dann. „Sonst wird sie nicht glücklich.“
„Tut mir leid, aber ich glaube, über ihr Glück kann Sade immer noch ganz gut selber entscheiden“, fuhr Olli seine Mutter an und legte auf. Wütend schaltete er das Handy aus. Das durfte doch nicht wahr sein, was redete seine Mutter für einen Blödsinn? Wieso sollte er Sade gehen lassen? Und warum bitte konnte sie denn nicht glücklich sein, wenn sie bei ihm war?
„Weiber“, brummte Olli und ging zurück ins Schlafzimmer. Sade schlief immer noch, also legte er sich wieder neben sie und schaute sie eine Weile nachdenklich an. Er verstand die Welt nicht mehr. War er wirklich so blind, dass er etwas übersah? Aber was? Was wäre denn daran so schlimm, wenn sie einfach ein bisschen bei ihm bleiben würde? Vielleicht könnte sie hier zur Schule gehen und ihren Abschluss machen.
Er war nie schlecht gewesen in der Schule, er könnte ihr helfen, sie könnte einen guten Abschluss machen und sich ein eigenes Leben aufbauen, dass sie nach ihren Vorstellungen gestalten könnte.
Er sah wirklich keinen größeren Makel an dieser Möglichkeit. Im Gegensatz zu seiner Mutter. Warum sollte Sade hier unglücklich werden? Er verstand es einfach nicht.
In Gedanken ging er alles wieder und wieder durch, ihr erstes Treffen, die Zeit im Sommerhaus und die paar Tage, die sie jetzt hier in der Hauptstadt war. Er konnte sich nicht erinnern, ihr in irgendeiner Form wehgetan zu haben. Sie hatte auch nie etwas erwähnt, dass er etwas falsch machte oder sie sich bei ihm unwohl fühlte. Ganz im Gegenteil.
Also warum zur Hölle sollte sie hier nicht glücklich werden?
„Du bist gruselig“, holte Sades Stimme ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.
„Was?“
„Was starrst du mich so an? Das ist gruselig“, erklärte Sade und schlug erst jetzt die Augen auf. Sie schob die Decke ein Stück zurück und grinste.
„Ich hab nur nachgedacht.“
„Ich weiß, ich bin von dem Rattern aufgewacht“, zog sie ihn auf und gähnte.
„Werd hier ja nicht frech, junges Fräulein“, warnte er sie spielerisch und drehte sich auf den Rücken. „Was willst du heute machen?“
„Nichts“, murmelte Sade und verkroch sich komplett unter der Decke. „Es ist so gemütlich hier.“
Olli sah sie an und zog sie dann mit einem Arm zu sich heran.
„Von mir aus, wir könnten uns ja einen Film ausleihen.“
„Oder drei.“
„Oder drei.“
Sade legte den Kopf auf seine Schulter und spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Verliebt sein war ein schönes Gefühl. Hindernisse und Probleme hin oder her, sie fühlte sich wohl bei Olli und besonders den letzten ganzen Tag mit ihm wollte sie genießen, ohne sich über alles und jeden Gedanken zu machen.
„Dann würd ich sagen, besorgen wir uns gleich die Filme und eine Menge zu essen und legen los“, schlug Olli vor.
„Ja, ja, gleich“, gähnte Sade und schloss die Augen. Sie war noch nicht so richtig und wach und wollte diesen Moment vol und ganz auskosten. So schön war sie schon lange nicht mehr aufgewacht.
„Wenn du jetzt wieder einschläfst, sing ich“, drohte Olli und stach Sade in die Seite. Sie murrte nur unwillig und stach zurück.
„Ich schlaf schon nicht ein.“
„Das sagen sie alle“, erwiderte Olli und stach Sade erneut. „Los, Sade, auf. Duschen, anziehen, Tag begrüßen. Ist vielleicht der letzte schöne Tag, bald gibt’s Regen.“
„Ist mir egal“, murrte Sade und klammerte sich unwillkürlich an Ollis Shirt. Der letzte schöne Tag. Nun ja.
„Ist alles okay?“, wollte er wissen.
„Klar. Ich lieg nur gerne so.“ Und das war noch nicht mal gelogen.
„Na toll, du siehst in mir also nur ein Kuschelobjekt.“ Olli schob gespielt beleidigt die Unterlippe vor und schmollte einige Minuten.
„Blödsinn. Du bist auch ein toller Achterbahnfahrer.“
„Du weißt wirklich, was Männer anmacht“, stöhnte Olli und drückte sich selbst ein Kissen aufs Gesicht. „Ein toller Achterbahnfahrer“, wiederholte er leidend.
„Besser als nichts, oder?“
„Halt einfach die Klappe“, witzelte er und drückte Sade das Kissen ins Gesicht. Überrascht stellte er fest, dass sie dem Befehl folgte.
Zwei Minuten später war sie wieder eingeschlafen.

Ilkka erwachte langsam. Sehr langsam. Er hatte sich irgendwann mal vorgenommen, die Zeit zu stoppen, vom langsamen Wiedererlangen des Bewusstseins bis hin zum vollkommen wachen Zustand. Nach drei Malen hatte er es aufgeben, da er beim Aufwachen einfach nicht genug Kraft aufgebracht hatte, den Knopf der Stopuhr zu drücken. Das tragische Ende eines geniales Experiments.
Schon wieder Sonne, stellte er fest, als er sich endlich dazu durchgerungen hatte, die Augen zu öffnen. Als er sich ein bisschen räkelte, stellte er fest, dass er einen Muskelkater im rechten Unteram hatte.
„Hoffentlich vom Volleyball“, murmelte er, war sich aber relativ sicher, dass er den Arm für keinerlei andere anstrengende Zwecke verwendet hatte.
Er rollte sich förmlich aus dem Bett und warf einen kurzen Blick auf den Wecker. Zehn Uhr vierunddreißig.
Ich liebe Semesterferien, dachte er zufrieden und wankte pfeifend ins Badezimmer. Er drehte die Dusche an, stellte sich drunter und schloss die Augen. Das Wasser machte ihn etwas munterer und so war er hinterher in der Lage, sich zu rasieren, ohne nennenswerte Fleischwunden zu hinterlassen.
In der Küche fand er Brötchen, die seine Mutter gekauft hatte. Er schmierte sich drei Stück und setzte sich im Wohnzimmer vor den Fernseher. Er war ein großer Mann und er hatte großen Hunger.
Na ja, allzu groß war er nicht, aber drei Brötchen waren ja nun auch nicht gerade ein gesamter Schweinebraten. Sein Onkel Petteri schaffte es, so einen ganz alleine zu vernichten. Deswegen wurden bei Familienfesten entweder zwei Braten gemacht oder Petteri wurde gar nicht erst eingeladen. Ilkka fand das irgendwie gemein, konnte es aber auch gut verstehen. Er hätte auch keine Lust, zwei Schweinebraten zu machen. Wenn er gewusst hätte, wie sowas ging. Ach, Nebensächlichkeiten.
Zufrieden biss Ilkka in die erste Brötchenhälfte und schaltete Eurosport ein. Es lief gerade das letzte Championsleague-Finale. Allerdings hatte er das bereits gesehen, als es tatsächlich stattgefunden hatte. Trotzdem schaute er es sich an, zumindest zum Teil. Sprich, er schaltete immer auf Eurosport zurück, wenn auf den Musiksendern gerade nichts Vernünftiges gespielt wurde.
Wenn er so drüber nachdachte, könnte er sich mal informieren, wer in nächster Zeit in Helsinki auftreten würde. Dann könnten er und Olli mal wieder einen feuchtfröhlichen Abend zusammen verbringen. Apropos, er könnte ihn nachher mal anrufen. Immerhin hatten sie sich seit Dienstag nicht mehr gesehen.
Ilkka hatte die Brötchen aufgegessen und brachte den Teller in die Küche. Draußen neben dem Küchenfenster hing ein Thermometer, das unbarmherzige siebenundzwanzig Grad anzeigte.
„Widerlich“, befand Ilkka und stellte den Teller in die Spüle. Dann öffnete er das Fenster. Die schwüle Luft sprang ihn förmlich an und er schaute flehend in dem Himmel.
„Regen! Bitte! Regen!“, murmelte er. Dann stutzte er. Plötzlich kam ihm der vorherige Abend wieder in den Sinn. Die beiden Jungs an der Ampel. Den Blonden hatte er vorher schon einmal gesehen. Natürlich! Das war der Knirps aus dem Hotel gewesen.
Regen. Regen. Regen. Sade!
Ilkka klappte die Kinnlade runter. Die beiden hatten nicht über das Wetter geredet, sondern über Ollis Kleine – Sade!
„Mist, Mist, Mist!“, fluchte Ilkka und stürmte zum Telefon. Aber wer war dann der Typ, der bei dem Knirps gewesen war? Wahrscheinlich brachte er eine Menge Ärger, soviel konnte Ilkka sich noch zusammenreimen.
Hektisch wählte er Ollis Nummer und wartete, bis die Verbindung aufgebaut war. Dann starrte er den Hörer ungläubig an.
Warum hatte Olli gerade jetzt das Handy aus?

Fußball.
Nein, da war gerade Sommerpause.
Formel 1.
Ach, das war langweilig, der Sieger der Gesamtwertung stand eh schon so gut wie fest.
Olli seufzte tief. Langsam gingen ihm die Themen für innere Monologe aus. Er schaute zu Sade, die neben ihm auf der Bank saß und anscheinend eine ganze Menge mit sich selbst auszudiskutieren wusste. Sie saßen jetzt schon eine gute halbe Stunde stumm nebeneinander am Töölönlahti und Olli fragte sich, was Sade so sehr beschäftigte. Sie war den ganzen Tag schon extrem ruhig und extrem anhänglich gewesen. Das zweite störte ihn ja gar nicht weiter, aber ihre Wortkargheit machte ihn nervös. Das hatte bisher noch nie etwas Gutes geheißen. Warum sollte sich das jetzt geändert haben?
Er hatte diesen Spaziergang nach drei Stunden Dauerfernsehen vorgeschlagen und sie hatte sich nicht lange bitten lassen. Die Filme waren zwar gut gewesen, aber es ging doch nichts über ein wenig frische Luft. Auch wenn man diese Luft hier nicht unbedingt als frisch bezeichnen würde.
„Wollen wir weitergehen?“, fragte Olli schließlich vorsichtig.
„Ja. Machen wir“, antwortete Sade und erhob sich langsam. Olli tat es ihr nach und schaute sie besorgt an.
Lächle, bat er sie im Stillen. Verdammt, jetzt lächle doch endlich.
Doch sie ging einfach stumm weiter und ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Sie liefen Richtung Osten, hatten also die bereits untergehende Sonne im Rücken. Ist es wirklich schon so spät?, wunderte Olli sich, als er sich kurz umdrehte.
„Sade?“
„Hm?“
„Was willst du später mal werden? Ich meine, wenn das alles hier vorbei ist? Wie stellst du dir dein Leben vor?“
„Schön“, war Sades knappe Antwort.
„Schön?“
„Ja, schön. Ich möchte glücklich leben, einen vernünftigen Job haben und einen Mann, der mich liebt. Es ist wichtig, dass man jemanden hat, auf den man sich verlassen kann. Dann sind die anderen Probleme im Leben gleich nur noch halb so schlimm.“
„Und das fehlt dir im Moment?“, hakte Olli nach. Sade warf ihm einen seltsamen Blick zu und seufzte.
„Na ja, ich glaube, dass ich mich auf dich verlassen kann. Und das ist ein gutes Gefühl.“ Sie zuckte mit den Schultern und trat einen kleinen Stein vom Gehweg auf die Straße. Olli nickte nachdenklich.
„Und du?“, gab Sade die Frage schließlich zurück.
„Um ehrlich zu sein – ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, was ich will. Aber ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg. Mir wird immer klarer, was mir wichtig ist und was nicht.“
„Das ist gut zu hören. Ich wünsch dir alles Gute bei deiner Findung.“ Sade grinste schief und steckte die Hände in die Hosentaschen. Olli nickte dankend. Er brachte es nicht über sich, ihr zu sagen, wie sehr sie selbst diese Findung beeinflusst hatte. Er fand, dass es irgendwie abgedroschen klang. Obwohl es wahr war.
„Wollen wir oben in Linnanmäki etwas essen?“, fragte er deswegen, um vom Thema abzulenken. Sade sah ihn ungläubig an.
„Kannst du etwa schon wieder Burger essen?“
„Du nicht?“
„Doch klar“, antwortete sie.
„Gut. Dann los.“ Er nahm ihren Arm und zog sie über die Straße zur Straßenbahnhaltestelle, die in diesem Moment anfuhr. Olli und Sade sprangen rein, die Türen schlossen sich und die Bahn fuhr an.
Sami und Lauri, die gerade um die Ecke kamen, mussten hilflos mit ansehen, wie ihnen die beiden vor der Nase wegfuhren.

„Und?“ Olli schaute Sade von der Seite an und streckte seine Beine von sich. „Wie feiern wir nun deinen Geburtstag?“
„Was?“ Sade blickte ernsthaft verwirrt zurück.
„Na ja, du wirst immerhin achtzehn! Das muss doch gefeiert werden.“ Olli stieß sie leicht an. Sie saßen auf einer Bank in Linnanmäki und genossen den Sommerabend. Selbst an das schwüle Wetter gewöhnte man sich.
„Ach, weißt du, ich glaube, ich verzichte.“ Sie lächelte ihn leicht an. „Weißt du, im Moment bin ich froh, wenn ein Tag einfach mal ganz ruhig verläuft.“
„Kann ich verstehen.“ Olli legte einen Arm auf die Rückenlehne der Bank und starrte vor sich hin. Sade saß zusammengesunken neben ihm und kämpfte mit der Müdigkeit. Sie fühlte sich ausgelaugt und traurig. Aber zumindest war sie bei Olli, das war alles, was im Moment zählte.
„Olli!“ Ein kleines Mädchen mit dunklem Pferdeschwanz war an der Bank aufgetaucht und schaute breit lächelnd zu Olli hoch. Als dieser sie erkannt, lächelte er zurück.
„Hallo Saara. Wo ist denn deine Mama?“
„Da“, antwortete Saara und zeigte auf eine Frau, die gerade zur Bank geschlendert kam. Sade betrachtete das kleine Mädchen nachdenklich. Zum ersten Mal fragte sie sich, wie ihr Kind wohl geworden wäre und es versetzte ihr einen kleinen Stich im Herzen.
„Entschuldigung. Hallo, Olli“, begrüßte Saaras Mutter ihn und nahm ihre Tochter auf den Arm. Nun nahm diese auch von Sade Notiz.
„Mama, wer ist das?“, wollte sie wissen.
„Das ist bestimmt die Freundin von Olli“, antwortete ihre Mutter.
„Sind die verliebt?“
„Ja, mit Sicherheit“, lachte die Frau. Sade schaute Olli an und wartete drauf, dass er die Sache korrigierte. Doch er grinste Saara nur an und winkte, als die beiden sich zum Gehen wandten.
„Eine Bekannte meiner Mutter“, erklärte Olli schließlich, als die beiden weg waren. Sade nickte nur. „Irgendwann möchte ich auch mal so eins haben“, murmelte er plötzlich. Er dachte eine Weile darüber nach, wie es wohl wäre, Vater zu sein. Dann sah er die Tränen in Sades Augen. Betroffen nahm er sie in den Arm. „Entschuldige, das war blöd.“
„Nein, es ist ja dein gutes Recht, ein Kind zu wollen“, entgegnete Sade. „Ich hatte nur noch keine Gelegenheit mich...mit gewissen Dingen auseinander zu setzen, weißt du.“
„Hm, ja. Nimm dir ruhig die Zeit.“
„Nicht heute“, flüsterte Sade. „Heute will ich nicht traurig sein.“
„Hm“, machte Olli und sah sich um. Dann fiel ihm etwas ins Auge. „Komm mit“, sagte er, zog Sade von der Bank hoch und zerrte sie hinter sich her. Vorm Riesenrad blieb er stehen. „Ich hoffe, du hast keine Höhenangst.“
„Fürchterliche.“
„Umso besser.“ Olli kaufte zwei Karten und ehe sie es sich versahen, saßen sie in einer der Gondeln. Das Rad drehte sich langsam und nach einer Weile bot sich ihnen wieder der gleiche wunderschöne Ausblick wie am Vortag.
„Ich liebe diese Stadt“, stellte Sade begeistert fest. „Sie ist wirklich toll.“
„Nicht wahr?“, grinste Olli. „Schön, dass du dich hier wohl fühlst“, sagte er dann im ernsteren Ton.
„Das tu ich“, strahlte Sade und beinahe hätte Olli sie gefragt, ob sie nicht einfach hier bleiben wollte. Doch im letzten Moment verließ ihn der Mut.
Das Rad drehte sich langsam weiter und die beiden schauten stumm auf die Stadt hinunter, in deren Straßen noch reges Treiben herrschte.
Hier oben gibt es keine Sorgen, dachte Sade plötzlich. Hier oben gibt es nur ihn und mich. Sie hob den Blick und sah Olli an.
„Danke“, sagte sie. Olli schaute sie verwirrt an.
„Wofür?“
„Für alles. Dafür, dass du mir geholfen hast, mich getröstet hast und die Einsamkeit vertrieben hast.“ Sie atmete tief durch. „Das war glaub ich das schlimmste. Die Einsamkeit, obwohl lauter Menschen um mich rum waren.“
„Gern geschehen“, lächelte Olli und streckte den Arm aus, um Sade über die Wange zu streichen. „Das war mit Abstand einer der besten Sommer, die ich je hatte, Sade. Danke.“
Sie lächelte. Dann schweiften ihre Blicke wieder voneinander ab, um den Ausblick in sich aufzunehmen.

Nervös trommelte Ilkka mit den Fingern auf die Tischplatte. Siebzehn Anrufe. Siebzehn Mal hatte er versucht, Olli anzurufen, doch das Handy blieb aus. Bei ihm zu Hause hatte auch keiner aufgemacht.
Ilkka hoffte inständig, dass beiden nur nicht geöffnet hatten, weil sie sich gerade im Bett austobten. Sollten sie nämlich irgendwo in der Stadt unterwegs sein, war die Wahrscheinlichkeit, dass diese beiden Stalker sie fanden nämlich ziemlich hoch.
Himmel, Arsch und Zwirn, konnten sie das Mädchen nicht einfach in Ruhe lassen? Wenn sie sie heute nicht schnappten, würde es sowieso zu spät sein. Und Ilkka war überzeugt davon, dass Olli die Kleine nicht kampflos abtreten würde. Keine Ahnung, was sie mit ihm angestellt hatte, aber er schien sie aus irgendeinem Grund zu mögen.
Ilkka stöhnte auf und versuchte es erneut. Diesmal bekam er ein Freizeichen!
„Ja?“, meldete Olli sich keine Sekunde später.
„Wo warst du denn den ganzen Tag?“, brüllte Ilkka, von dem gerade die gesamte Spannung abgefallen war.
„Mein Handy war aus. Wir waren in Linnanmäki. Was ist denn los?“
„Hör zu, der kleine Blonde und irgendein Freund von ihm sind in Helsinki. Ich hab sie zufällig belauscht, die wollen Sade zurück holen. Macht besser, dass ihr zurück in deine Wohnung kommt.“
Es herrschte eine lange bedrückte Stille am anderen Ende der Leitung. Dann räusperte Olli sich.
„Okay, danke, Ilkka“, murmelte er und legte auf. Ilkka warf sein Handy weg und ließ die Stirn auf die Tischplatte knallen. Hoffentlich würde das gut gehen.
Olli steckte sein Handy wieder in die Tasche und schaute sich um. Es fiel ihm niemand auf, doch das wollte nichts heißen.
„Ist etwas?“, wollte Sade verwirrt wissen. Sie hatten beschlossen, den Heimweg zu Fuß anzutreten, obwohl er ziemlich lang war.
„Nein, das war nur Ilkka. Männergerede“, grinste Olli und versuchte, die Gegend unauffällig zu erkunden. Er kannte Helsinki wie seine Westentasche, wenn er wollte, hätte er diese Landeier in Null Komma Nix abgehängt. Aber er wollte Sade nicht beunruhigen. Der Tag war so gut verlaufen, er wollte ihr das jetzt nicht kaputt machen. Unter keinen Umständen.
Jetzt hatte er sie entdeckt. Sie schlichen in einigen Metern Entfernung nahe der Bäume hinter ihnen her.
Amateure, dachte Olli düster und grinste. Dann nahm er Sades Hand.
„Komm, ich zeig dir was.“
Damit rannte er los, Sade hinter sich herstolpernd. Sie mussten ein ganzes Stück laufen, doch es lohnte sich. Als Olli sich an der Eingangstür zum Aquarium umschaute, war von den beiden keine Spur zu sehen. Zufrieden schob er Sade in das Innere und sie liefen die Treppen hoch zur Kasse.
„Olli, ich hasse Fische“, murmelte Sade unsicher, als er zwei Eintrittskarten kaufte.
„Auch kleine Nemos?“, fragte er lächelnd und wedelte mit den Tickets vor ihrer Nase. „Ein bisschen pädagogisch Wertvolles muss schon sein, wenn du hier bist.“
Er nahm ihre Hand und sie folgte ihm brav in die Ausstellungsräumlichkeiten. Tatsächlich gab es hier auch ein paar hübsche bunte Fische, die Sade gefielen.
Vor dem Becken mit den Haien, Rochen und noch ein paar anderen Artgenossen blieben sie eine Weile stehen und betrachteten das Treiben darin.
„Du hasst Fische?“, hakte Olli endlich nach.
„Kann sie nicht ertragen“, antwortete Sade. „Meeresgetier macht mir eine fürchterliche Angst, weißt du.“
„Nee, wusste ich nicht.“ Olli grinste breit. „Na, dann pass ich hier drin besser auf dich auf. Nicht, dass du mir noch wegklappst“, witzelte er und zog sie weiter.
„Danke.“ Sade trottete nachdenklich hinter ihm her. Der letzte Abend und sie verbrachten ihn in einem Aquarium. Na, herzlichen Glückwunsch.
Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Olli sich die Nase an einem Becken mit Clownsfischen plattdrückte.
„Guck mal!“, sagte er fasziniert. „Nemos!“
„Toll“, lachte sie. Sie konnte sich Olli schwer als Vater vorstellen. Er war ja selber noch ein Kind.
Langsam gingen sie weiter. Sade konnte nicht sagen, was ihr mehr Angst machte, die Fische oder die Art und Weise, wie Olli selbige bestaunte. Er schien wirklich einen Faible für diese Dinger zu haben.
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht mal merkte, dass sie gegen ein Aquarium lief. Erschrocken wich sie zurück und entdeckte die japanische Riesenkrabben, die an der Scheibe saßen. Sie fühlte die Panik in ihr aufsteigen, die Tiere waren für ihren Geschmack viel zu nah an ihr dran.
Sade taumelte ein paar Schritte zurück und stieß gegen Olli. Sie fuhr herum und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
„Alles okay?“, wollte er überrascht wissen. Sade schüttelte den Kopf. „Sind es diese hässlichen Shrimps?“ Sade nickte. „Och Mensch, Sade.“ Er strich ihr über den Kopf und schloss sie dann in die Arme. „Entschuldige.“
Sade seufzte nur und sagte nichts. Für diese Umarmung hielt sie auch liebend gerne japanische Riesenkrabben aus. Sie klammerte sich an ihn und spürte, wie ihr die Tränen kamen. Nicht wegen der Krabben, sondern weil sie ihn verlassen würde. Sie hatte nie geglaubt, dass es so weh tun könnte, einen Menschen zu verlieren. Allerdings hatte sie auch nie geglaubt, einen Menschen so lieben zu können, wie sie Olli liebte.
„Warum haben wir uns nicht irgendwann anders getroffen?“, murmelte sie in sein T-Shirt.
„Irgendwann anders?“
„Ja. Vor zwei Jahren. Oder in drei Monaten. Warum jetzt? Warum gerade dann, wenn alles so verdammt kompliziert ist?“ Sade fing an zu schluchzen und klammerte sich noch mehr an Olli.
„Was ist daran schlimm?“
„Alles!“, rief Sade. „Ich hätte mir gewünscht, dass du mich als normales Mädchen kennen lernst, nicht als hilfsbedürftige kleine Göre.“
„So hab ich dich nie gesehen.“
„Aber so ist es doch!“ Sade hob den Kopf und schaute Olli aus traurigen Augen an. „So ist es doch.“
„Und selbst wenn“, murmelte Olli. „Es ist mir egal, was uns zusammengeführt hat. Wenn auch nur ein bisschen von dem Mädchen in dir steckt, das ich in den letzten Wochen kennen gelernt habe, dann bist du einer der wundervollsten Menschen, die ich kenne.“ Er streichelte ihr sanft über die Haare. „Warum machst du dir da eigentlich so viele Gedanken drum?“
„Du hast es wirklich nicht verstanden, oder? Warum ich gegangen bin? Warum ich dir nicht mehr zur Last fallen wollte?“
„Anscheinend nicht.“
„Ich liebe dich, Olli“, sagte Sade fest. „Ich liebe dich so sehr, dass es weh tut. Ich wollte nicht, dass du mich aus Mitleid bei dir behältst.“
Olli starrte sie aus großen Augen an. Also doch! Seine Mutter hatte recht gehabt. Sade war tatsächlich in ihn verliebt.
Aber warum wollte er sie unbedingt bei sich haben und sie beschützen? Warum ertrug er den Gedanken nicht, sie zu verlieren? Und warum schlug sein Herz so schnell, wenn er sie jetzt ansah?
„Es tut mir leid, Olli“, schluchzte Sade. „Ich hab so viel Mist gebaut in meinem Leben. Ich hab so viele Chancen vertan und mir selber immer wieder ein Bein gestellt. Es tut mir leid, dass du darunter leiden musstest.“
„Du bist so dumm“, erwiderte er. „Du bist so dumm, wenn du glaubst, dass du mich so einfach loswirst.“
Sade strömten die Tränen übers Gesicht, als Olli sich zu ihr runterbeugte um sie zu küssen. Der Griff seiner Arme verstärkte sich und sie konnte seinen Herzschlag an ihrer Schulter fühlen. Sie schloss die Augen, als er ihr ein paar Tränen von der Wange wischte und sie erneut küsste.
Sie wünschte sich so sehr, dass dieser Augenblick niemals enden würde.
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