Kapitel 11


Tag 20, Mittwoch


Als Sade aufwachte, saß Olli schon aufrecht im Bett und las ein Buch. Sie schielte kurz auf den Titel und sah ihm dann ins Gesicht.
„Du trägst eine Brille?“, fragte sie grinsend. Er sah sie überrascht an.
„Nur zum Lesen. Guten Morgen.“
„Morgen.“ Sade setzte sich auf und streckte sich ausgiebig. Olli legte das Buch zur Seite.
„Was hältst du von Frühstück?“, wollte er wissen.
„Eine ganze Menge.“
Sie standen auf und gingen in die Küche. Olli verwies Sade auf einen Stuhl am Küchentisch und begann, alles mögliche für ein mehr oder minder reichhaltiges Frühstück zusammen zu tragen. Nachdem er Geschirr, Brot, Butter und ein paar Wurstarten, die ihm seine Mutter vorbeigebracht hatte, auf den Tisch gestellte hatte, setzte auch er sich und sie begannen zu essen.
„Weißt du, ich hab mit folgendes gedacht“, sagte Olli irgendwann kauend. „Wie wär’s, wenn wir heute nach Linnanmäki fahren würden und uns einen lustigen Tag machen? Wenn du sowas magst, wenn nicht, dann...“
„Ich liebe sowas“, unterbrach Sade ihn lächelnd. Sie hielt eine Menge von der Idee. Wo sonst konnte man Sorgen und Erinnerungen besser abschütteln, als ihm Vergnügungspark? Und Linnanmäki hatte sie schon als Kind geliebt.
„Ich lad dich natürlich ein“, fügte Olli hinzu.
„Was? Unsinn, das musst du doch nicht.“
„Hey, du bist hier in meiner Stadt. Als Gastgeber bestehe ich drauf.“ Er zwinkerte ihr zu und begann, den Tisch abzuräumen. Sade schaute ihm stumm zu. Sie fragte sich, ob er verstanden hatte, warum sie in erster Linie nach Helsinki gekommen war. Warum sie ihn verlassen hatte.
Er machte jedenfalls nicht den Eindruck. Sein Benehmen war ganz normal. Wenn er etwas ahnte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.
„Geh du ruhig zuerst ins Bad“, bot Olli ihr an. „Frauen brauchen ja ihre Zeit, nicht wahr?“
„Chauvi“, schimpfte Sade grinsend. Sie holte sich ein paar Klamotten aus ihrer Tasche und ging sich anziehen.
Beim Zähneputzen fiel ihr erst wieder ein, dass Lauri ja immer noch im Hotel gegenüber wohnte. Falls er nicht kurzfristig ausgezogen war.
Neugierig ging sie zum Fenster und schaute auf die Straße hinaus. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber es war schon einiges los da unten. Doch in den Fenstern des Hotels tat sich gar nichts. Wo mochte Lauri gerade stecken?
Nachdenklich wusch sie sich das Gesicht und zog sich um. Sollte sie Olli vielleicht doch sagen, was sie am Freitag vorhatte? Eigentlich konnte er sie ja gar nicht zurückhalten, immerhin wäre sie volljährig. Und wahrscheinlich würde er es auch gar nicht versuchen. Er versuchte ja lediglich, sie von ihren Eltern fern zu halten.
Doch sie befürchtete, dass sie es nicht ertragen würde, ihn zu verlassen, wenn er sie bitten würde, nicht zu gehen.
„Was hast du bloß mit mir angestellt?“, murmelte sie vor sich hin und betrachtete sich im Spiegel. Sie sah genauso aus wie immer, vielleicht ein bisschen roter. Sie neigte zu Sonnenbrand. Aber sonst war alles beim Alten geblieben.
Dabei war alles anders.
Zum ersten Mal fragte sie sich, ob es sich zum Besseren oder zum Schlechteren gerändert hatte. Sie hatte ihr Zuhause und ihre Familie zurückgelassen – dafür war sie frei. In gewissem Sinne. Und sie hatte Olli gefunden, ohne den sie die letzten Wochen wahrscheinlich nie und nimmer durchgestanden hätte.
Umso mehr tat der Gedanke weh, dass sie ihn wieder verlassen musste. Aber was sollte sie tun? Sie konnte ihm doch nicht ewig am Rockzipfel hängen. Das würde er ja auch nicht wollen. Und um ihn nicht in die Verlegenheit zu bringen, ihr aus Höflichkeit und Mitleid seine Hilfe anzubieten, beschloss Sade, dass sie den Mund halten würde. Sie würde es auch alleine schaffen. Davon war sie überzeugt.

Der Tag war mindestens genauso warm wie die Tage zuvor in der Hauptstadt. Doch seit Mittelfinnland durch den Regen abgekühlt worden war, rechnete man auch hier jeden Tag mit der Schlechtwetterfront. Man ersehnte sie fast.
Olli fühlte sich verspannt. Oder angespannt? Jedenfalls zogen sich seine Muskeln schmerzhaft zusammen, als er sich an den vorigen Abend erinnerte. Er sah Sade mit Tränen in den Augen vor sich und schaute sich unwillkürlich um. Doch dieser Lauri war nirgendwo zu sehen. Und auch sonst sah keiner von den Menschen auf der Straße so aus, als würde er Ärger bedeuten.
Sade nahm ihre Umgebung mit großen Augen in sich auf. Sie sieht fast sorglos aus, schoss es Olli durch den Kopf. Wie ein ganz normales Mädchen.
Was sie ja eigentlich auch war, das bestritt er gar nicht. Aber irgendetwas an ihr kam ihm so anders vor. Etwas hob sie aus der Menge hervor und weckte in ihm Dinge wie Sorge und Angst, wenn er daran dachte, dass ihr etwas passieren könnte. Was ganz sicher an ihrer Vorgeschichte lag. Nicht nur an Sades, sondern auch an ihrer gemeinsamen, so kurz sie auch sein mochte.
Unwillkürlich griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest. Er tat, als würde er ihren verwirrten Blick gar nicht bemerken und schaute teilnahmslos in eine andere Richtung. Er fragte sich, ob er mit Sade darüber reden sollte, was seine Mutter gesagt hatte.
Verliebt. Die Vorstellung kam ihm irgendwie albern vor. Aber seine Mutter hatte in solchen Sachen oft einen wesentlich besseres Durchblick als er – nun ja, eigentlich immer. Er hatte lange über Minnas Darstellung nachgedacht, sodass sie ihm mittlerweile gar nicht mehr allzu abwegig vorkam. Es konnte immerhin sein.
Aber er wollte Sade nicht irgendetwas unterstellen. Besonders nicht so etwas ernstes. Außerdem ließ ihn das dastehen, wie einen eitlen Pfau, der sich einbildete, dass jedes Mädchen ihm sofort verfallen war. Er wusste, dass er nicht die schlechteste Partie war, rein optisch zumindest. Aber er bezweifelte, dass Sade auf jemanden wie ihn stehen würde. Er konnte nicht genau sagen, warum. Vermutlich, weil sie ziemlich ernst und ruhig schien und wahrscheinlich auch eher nach so jemandem suchte. Er selbst war mitunter ziemlich ausgelassen, albern und verantwortungslos. Auch das war ihm durchaus bewusst. Seiner Meinung nach passte das einfach nicht zusammen.
Sie liefen bis Taka-Töölö zu Fuß und stiegen dort in eine Straßenbahn, die ziemlich direkt vor dem Vergnügungspark hielt.
„Ich war schon ewig nicht mehr da“, strahlte Sade, die ihre Vorfreude nicht verstecken konnte. Mal abgesehen davon, dass sie keinen Grund sah, das überhaupt zu versuchen. Fröhlich schaute sie aus dem Fenster und genoss die Schönheit der Hauptstadt im Sommer.
„Vielleicht sollten wir dann morgen gleich noch mal gehen“, witzelte Olli. „Damit du den Rückstand aufholen kannst.“
„Genau. Und dann fahren wir Achterbahn um die Wette, wer sich als erstes übergibt, kauft dem anderen einen Burger.“ Sie strecke die Zunge raus und grinste breit. Olli lächelte.
„Du solltest dich in der Hinsicht nicht mit mir anlegen“, warnte er. „Ich bin der Prinz der Achterbahnen.“
„Na und? Ich bin die Königin.“ Sade reckte den Hals und versuchte, königlich auszusehen, doch es erinnerte mehr an den sterbenden Schwan. Olli musste lachen.
„Das werden wir ja sehen.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. Sie hakte ihren Daumen in seinem Gürtel ein und legte den Kopf an seine Schulter.
Nein, dachte Olli. Er würde das Thema Liebe nicht anschneiden. Sie waren Freunde, nichts weiter. Er hatte sie gerne um sich und würde alles tun, damit sie wieder ein unbeschwertes Leben führen könnte. Aber das hatte doch nichts mit Liebe zu tun. Weder von seiner, noch von ihrer Seite.
Zufrieden stieg er aus, als die Bahn hielt. Es war besser, wenn er nicht darüber reden würde. Im schlimmsten Fall würde er sie mit so einer Behauptung so sehr kränken, dass er sie wieder verlieren würde. Und er konnte sich nichts schlimmeres vorstellen als das.

Laut Plan hatte er noch eine halbe Stunden.
Er streckte die Beine aus und schloss die Augen. Das war ja wohl mächtig in die Hose gegangen. Aber wenigstens wusste er jetzt, wo sie war. Ihre Eltern könnte er immer noch informieren, wenn er wieder zurück in Kuopio war.
Nachdenklich ließ er den Blick über den Bahnsteig wandern. Es war relativ wenig los, wahrscheinlich hielten die Leute sich an einem Tag wie diesem lieber im Inneren auf, statt mit dem Zug durch die Weltgeschichte zu gondeln.
Er dachte an Sade. Er hatte ihr Gesicht genau vor Augen. Und das des Vaters, als er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Wahrscheinlich war der Satz „Die Hölle bricht los“ für genau diese Situation erfunden worden.
Ehrlich gesagt hatte er es selber kaum glauben können, als er davon erfahren hatte. Er hatte genau gewusst, dass es ihr Leben total durcheinander würfeln würde. Und es war so gekommen. In ihrem Leben stand kein Stein mehr auf dem anderen, es war ein einziger Trümmerhaufen.
Ein wenig ärgerte er sich darüber, dass Sade einfach so abgehauen war. Sie hätte zumindest mit ihm reden können, immerhin war er ein wichtiger Teil ihres Lebens. Das hatte er jedenfalls geglaubt. Doch statt bei ihm Hilfe zu suchen, war sie einfach getürmt und hatte ihre Familie in Angst und Schrecken versetzt.
Auf der anderen Seite konnte er voll und ganz nachvollziehen, dass sie total durcheinander gewesen sein musste und einfach keine Ahnung hatte, wohin sie sich wenden sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, was es hieß, schwanger zu sein und unter solch einem Druck zu stehen. Kurzschlussreaktionen waren wahrscheinlich das normalste der Welt in einer solchen Situation.
Er fuhr sich durchs Haar und sah auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten.
Und wieder versank er in Gedanken. Doch diesmal gingen seine Erinnerungen weiter zurück, an die Zeit, bevor das Chaos in ihrer aller Leben ausgebrochen war. Er erinnerte sich an das fröhliche Mädchen, das Sade früher gewesen war. Er kannte keinen Menschen, der öfter gelacht hatte. Doch mit der Schwangerschaft war alles anders geworden.
Ihm fehlte die alte Sade. Sie hatte ihm Halt gegeben. Er selber war ein eher, wie hatte sie es genannt, verkniffener Mensch. Er war zielstrebig und erreichte immer, was er wollte. Dazu war ihm fast jedes Mittel recht.
„Entspann dich doch mal“, hatte sie oft gesagt. „Sei mal ein bisschen lockerer.“
Lockerer. Sehr witzig. Wie sollte er locker sein, wenn sie sich einfach aus dem Staub machte? Das würde doch jeden unlocker machen.
Doch auch dieses Mal würde er sein Ziel erreichen. Davon war er fest überzeugt. Er verfügte über einen eisernen Willen und das würde er ausnutzen.
Endlich wurde der Zug nach Helsinki angesagt.
Hoffentlich schaffte dieser unfähige Lauri es, Sade im Auge zu behalten, bis er da war.
Sami erhob sich und drehte den Kopf in die Richtung, aus der der Zug kommen sollte.
Er würde seine Schwester nach Hause bringen und wenn es das letzte war, was er tat.

Sade und Olli standen vor der alten Achterbahn und schauten hoch zu den Schienen. Sie runzelte die Stirn und schirmte die Augen mit der Hand ab.
„Ich hatte sie irgendwie größer in Erinnerung“, schlussfolgerte sie. Olli grinste.
„Das letzte Mal, als du sie gesehen hast, warst du wahrscheinlich ein bisschen kleiner.“ Er schaute zu ihr herunter. „Noch kleiner.“
Sade schnitt ihm eine Grimasse und stellte sich in die Schlange. Olli folgte ihr. Es war relativ voll, die ganzen Touristen schienen den Mittwoch als Freizeitpark-Tag erkoren zu haben und trieben nun in Linnanmäki ihr Unwesen.
Sade sah an Olli hoch. Er sah einfach umwerfend aus, dabei trug er ein ganz normales T-Shirt und Shorts. Ein paar Haarsträhnen fielen ihm in die Augen und er versuchte, sie mit einer typischen Kopfbewegung abzuschütteln.
Ob ihm überhaupt bewusst war, dass ihm fast alle Mädchen nachschauten? Er sah immer so tagträumerisch aus, als würde ihn nichts etwas angehen. Allerdings machte er nie den Eindruck, als wäre er unaufmerksam. Sade schüttelte den Kopf. Sie kannte dieses Phänomen der rosaroten Brille, wenn alles an einem Menschen einfach perfekt schien. Immerhin war sie schon vorher verliebt gewesen. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass Lauri im Gegensatz hierzu lediglich eine Schwärmerei gewesen war. Olli ließ sie stärker fühlen, als je zuvor. Jede Emotion erschien ihr intensiver, jeder noch so schwache Gedanke an ihn machte sie übermäßig glücklich oder todtraurig.
„Wir sind dran“, riss Olli sie aus ihren Gedanken. Sade lächelte und ließ sich von dem jungen Mann in den Wagen helfen. Olli folgte ihr, sie wurden gesichert und ab ging die wilde Fahrt.
Sade liebte das Gefühl, wenn der Wagen in die Tiefe raste und kniff lachend die Augen zusammen. Olli lächelte bei dem Anblick.
„Wie ein Kind“, brüllte er und machte ihren Gesichtsausdruck nach.
„Und? Bis übermorgen bin ich doch auch eins“, meinte sie.
„Auch wieder wahr. Freust du dich aufs Erwachsensein?“
„Das wird sich zeigen“, antwortete sie und riss erschrocken die Augen auf, als es wieder bergab ging. Olli lachte über ihren Gesichtsausdruck und strich ihr über den Kopf.
Als sie heil aus der Achterbahn rausgekommen waren, klapperten sie alle anderen Fahrgeschäfte, in denen man durchgeschleudert oder ähnliches wurde, ein- bis fünfmal ab. Als sie schließlich bei der Wasserbahn ankamen, war es bereits Nachmittag, da sie zwischendurch auch gegessen hatten.
„Abkühlung gefällig?“, fragte Olli mit einem diabolischen Grinsen, als sie in die Gondel stiegen.
„Wir werden ja sehen, wer hier abgekühlt wird“, brummte Sade und setzte sich hin. Die Fahrt ging ganz ruhig los, doch das Schwanken ließ nicht lange auf sich warten.
„Wirst du seekrank?“, wollte Olli scherzhaft wissen.
„Eigentlich nicht. Für dich könnte ich aber eine Ausnahme machen“, fügte sie hinzu und grinste breit. Olli stand erschrocken auf und setzte sich auf die andere Seite der Gondel. Im nächsten Moment fuhr die Gondel unter dem Wasserfall lang und Sade wurde von oben bis unten klitschnass. Olli hing vor Lachen schief auf seinem Sitz und drohte jeden Moment ins Wasser zu fallen.
„Du hast das kommen sehen!“, warf Sade ihm vor, musste aber selber lachen, als sie ihr T-Shirt auswrang.
„Oh, ja, Baby“, grölte Olli. Sade zuckte mit den Schulter, stand auf und ließ sich einen Moment später auf Ollis Schoß nieder. Sie schlang beide Arme um seinen Hals und drückte sich fest an ihn. Als sie wieder aufstand, zeigte sich ein nasser Abdruck auf seinen Klamotten und auch er selbst sah aus, wie ein begossener Pudel.
„Du bist so fies.“
„Rache ist Blutwurst“, erwiderte sie schulterzuckend und wrang weiter ihre Klamotten aus. Olli sah ihr eine Weile stumm dabei zu. Dann kam die Gondel am Ende an und die beiden stiegen aus.
„Wie wär’s mit ein bisschen Luft zum Trocknen?“, schlug Olli vor und zeigte mit dem Finger auf den freien Fall.
„Bin dabei“, sagte Sade, hakte sich bei Olli unter und die beiden liefen das kurze Stück zu dem etwa fünfzig Meter hohen Turm. Auch hier herrschte reges Treiben und es dauerte gut zwanzig Minuten, bis die beiden dran waren. Sie setzte sich nebeneinander, legten die Sicherheitsbügel an und dann ging es nach oben.
Mit jedem Moment übersah man Helsinki ein wenig besser. Der Sommertag neigte sich den Ende zu und das rote Licht der untergehenden Sonne wurde vom Meer reflektiert. Davor erhob sich das grüne Dach des Doms.
Sade bekam den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu. An diese Aussicht hatte sie sich nicht erinnert. Dabei war das einer der schönsten Anblicke überhaupt.
„Beeindruckt?“, zog Olli sie auf.
„Aber wie.“ Sade strahlte ihn an und genoss den Moment. Olli lächelte, griff nach ihrer Hand und drückte sie.
„Danke für einen wundervollen Tag“, sagte er und streckte sich weit, um ihr über den Kopf zu streicheln.
„Das kann ich nur zurückgeben“, erwiderte Sade glücklich. Sie sah in sein Gesicht und bekam eine Gänsehaut. Der Moment war perfekt. Es gab nur sie beide hier oben. Er hielt immer noch ihre Hand und lächelte. Sade schluckte und nahm all ihren Mut zusammen.
„Olli...ich...“, begann sie, doch bevor sie zuende reden konnten, stürzten sie in die Tiefe.

Unschlüssig stand Ilkka vor dem Schaufenster und dachte darüber nach, ob seine Mutter bei dem Anblick einer nackten Frau an seiner Zimmertür wohl einen Herzkasper erleiden oder ihn einfach nur enterben würde.
Dabei war Viktoria Silvstedt wirklich heiß. Er fragte sich, ob wirklich nur Männer einen Sinn für Ästhetik hatten. Noch nie hatte er eine Frau sagen hören, dass das schwedische Model eines der attraktivsten Geschöpfe dieser Erde waren.
Allerdings hatte er sowas in der Art auch noch nie über Brad Pitt gesagt. Immerhin war das ein Mann.
Frauen und Männer sind einfach zu unterschiedlich, dachte er und wandte sich ab. Er musste das Poster wohl oder übel Poster sein lassen, wenn er seiner Mutter nicht zehn Jahre ihres Lebens stehlen wollte. Und welcher Sohn wollte das schon?
Er schlenderte gemächlich die Straße entlang. Ob er noch bei Olli vorbeischauen sollte? Er könnte sich erkundigen, wie es der Kleinen – wie war gleich ihr Name? – ging. Er konnte ihren Gesichtsausdruck, als sie Olli gesehen hatte, nicht vergessen. Komisch, er hatte nie erwähnt, dass die beiden was laufen hatten. Dass sie in ihn verliebt war, war offensichtlich. Das hatte er nicht nur am Blick sondern auch an Ollis Erzählungen gemerkt. Er mochte ja ein wenig verplant sein, aber blöd war Ilkka bei weitem nicht.
Oder lief da am Ende gar nichts? Hatte Olli es tatsächlich geschafft, von der Kleinen – verdammt, wie war doch gleich der Name? – die Finger zu lassen? Schwer vorstellbar. Immerhin war er zwei Wochen lang mit ihr alleine gewesen. Er kannte doch seine Pappenheimer. Und Olli ganz besonders.
Ilkka machte einen kurzen Abstecher in einen Supermarkt um sich ein Eis zu kaufen und ging dann weiter. Wo war er?
Ach ja, Olli, der Aufreißer. Er fragte sich manchmal, wie der Junge es schaffte, die Mädchen anzuziehen wie das Licht die Motten. Er sah wirklich ganz gut aus, aber er merkte es nie, dass ein Mädchen ihn mochte, bis sie zu ihm hinging und ihr Anliegen deutlich machte.
Aber Ilkka musste zugeben, ansonsten konnte er es sich schon vorstellen, dass Mädchen Olli mochten. Er war freundlich, nett und hilfsbereit und das sah man ihm an. Es gab kaum einen Moment, in dem er nicht lächelte. Sein Charakter spiegelte sich in seinem Gesicht wieder. Und sein Charakter war einer der besten, die Ilkka kannte.
Ilkka gähnte ausgiebig und schaute auf die Uhr. War es wirklich schon acht Uhr durch? Wo war der Tag geblieben? Er hatte doch nur ein wenig schwimmen gehen wollen und sich mit ein paar Freunden zum Beachvolleyball getroffen. Wie die Zeit verflog.
Dann würde er eben nicht mehr bei Olli und – ach, er gab es auf – vorbeischauen. Das konnte er auch noch am nächsten Tag machen.
Das Display seines Handys zeigte „Kaisa“ an, als seine Mutter ihn anrief.
„Joo?“, machte er und wich einer Straßenlaterne auf. Dass die Dinger aber auch immer da auftauchten, wo er langgehen wollte.
„Wo bist du? Das Essen wartet.“
„Bin unterwegs. Noch...ähm...“, er sah sich kurz um, „ja, zehn Minuten.“
„Okay. Bis gleich.“
„Joo“, machte er wieder und legte auf. Er steckte das Handy zurück in die Tasche und dieses Mal schaffte er es nicht, der Laterne auszuweichen.
Fluchend und mit Kopfschmerzen ging er weiter. An einer Ampel musste er kurz warten. Auf der anderen Seite standen zwei junge Männer in seinem Alter. Der eine hatte blondes Haar und war relativ schmächtig, der andere war bestimmt so groß wie Olli und hatte ein richtiges Schwimmerkreuz.
K.O. in der ersten Runde, dachte Ilkka grinsend und zog sich seine Baseballcap, die ihn eigentlich vor der Sonne schützen sollte, tief in die Stirn, damit die beiden nicht sahen, dass er lachte. Mit gesenktem Kopf ging er los, als es grün wurde und achtete darauf, gerade zu gehen.
Die beiden unterhielten sich angeregt, doch die einzigen Worte, die er aufschnappte, waren „On tärkee miulle, et Sade tuu takaisin“. Ilkka runzelte die Stirn. Der Dialekt war unverkennbar, die Jungs mussten aus dem Osten sein. Das würde auch erklären, warum es für den Kerl wichtig war, dass der Regen zurückkam, so wie er sagte. Hatte wohl endlich aufgehört zu schütten da oben. Ilkka fand zwar, dass er ein bisschen jung aussah für einen Bauern, aber nun ja. Er war eben ein Stadtkind.
Unwillkürlich sah Ilkka in den Himmel.
Na, dachte er. Lange lässt der Regen hier aber auch nicht mehr auf sich warten.
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