Kapitel 10


Tag 19, Dienstag


Sade hatte in der Nacht kein Auge zugemacht. Sie und Lauri hatten die ganze Zeit geredet. Besser gesagt, er hatte auf sie eingeredet, war dann für zwei Stunden verschwunden um was zu essen, war wiedergekommen und hatte weitergeredet. Sade konnte sich an kein einziges Wort erinnern.
Jetzt stand sie im Badezimmer vor dem Spiegel und betrachtete ihr gerädertes Gesicht. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und sah in dem künstlichen Licht furchtbar blass aus. Ihr Kopf schmerzte aufgrund des Schlafentzugs und ihre Hände zitterten. Sie wollte doch nur ein bisschen schlafen.
Sie putzte sich die Zähne, wusch sich und versuchte, sich etwas Farbe zu verpassen. Doch es half nicht wirklich.
Erschöpft verließ sie das Bad. Lauri saß auf dem Bett und sah unverschämt frisch aus. Doch er schaute sie besorgt an, stand auf und legte ihr einen Arm um die Schultern.
„Es tut mir leid, dass ich dich die ganze Nacht wachgehalten hab“, murmelte er. „In deinem Zustand.“
Sade lächelte gequält. Das fiel ihm aber früh ein.
„Lauri, setz dich“, bat sie ihn und schob ihn zum Bett zurück. „Es geht um meinen...Zustand.“
„Was ist?“, fragte Lauri. Nun war auch er ziemlich blass.
„Ich befinde mich in keinerlei Zustand. Nicht mehr. Ich habe die Abtreibung vornehmen lassen, bevor ich gegangen bin.“
Lauri runzelte die Stirn und dachte eine Weile darüber nach. Es erschreckte ihn nicht wirklich, immerhin hatten sie es zusammen beschlossen und es war definitiv eine Erleichterung zu wissen, dass man nicht mit achtzehn Vater wurde.
„Wieso...hast du mir das nicht früher gesagt?“
Sade lachte bitter auf und setzte sich neben ihn. „Und wann, zum Beispiel?“
Lauri konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und umarmte seine ehemalige Freundin. Sie lehnte sich an ihn und dachte an Olli. Sie würde ihn gerne noch mal sehen, bevor sie Helsinki wieder verließ. Auf der anderen Seite allerdings befürchtete sie, dass es ihr das Herz brechen würde, ihn noch einmal zu verlassen.
Aber wäre es das nicht wert? Ihr Herz für ein Lächeln von ihm.
Sie spürte, dass ihr die Tränen kamen. Sie war mit den Nerven vollständig am Ende. Hoffentlich war das alles bald vorbei. Sonst würde sie es nicht mehr länger aushalten, das wusste sie.
„Was willst du jetzt tun?“, flüsterte Lauri in ihr Haar.
„Wirst du meine Eltern anrufen?“, stellte sie die Gegenfrage. Lauri wich ein Stück zurück und sah sie an.
„Du willst also nicht zurück nach Kuopio.“ Es war keine Frage.
„Nein“, antwortete Sade dennoch. Er nickte nachdenklich und fuhr sich durchs Haar. Sie fragte sich, ob er überhaupt nicht müde war. Sie hätte hier und jetzt einschlafen können, vom Fleck weg, einfach ins Land der Träume abrutschen und...
„Sade? Schläfst du?“ Lauri rüttelte sie unsanft wach.
„Ich hab Hunger“, murmelte sie und stand auf. „Lass uns runtergehen, etwas essen.“
Lauri stimmte zu und die beiden machten sich auf den Weg in den Frühstücksraum. Sade fühlte sich furchtbar kraftlos, als Lauri sie an der Hand zu einem freien Tisch führte. Fast war sie froh, dass er hier war. Aber auch nur fast. Denn sie war davon überzeugt, dass er nicht ohne Grund hier war.
Lauri platzierte Sade auf einem Stuhl und ging ans Buffet, um etwas zu essen zu holen. Er wusste immer noch genau, was sie mochte und gerne zum Frühstück aß. Er fragte sich, wann er ihr sagen sollte, wozu er hier war – und wie. Sie würde auf keinen Fall zustimmen, wenn er sie einfach damit konfrontierte. Aber er hatte nicht mehr viel Zeit. Wenn sie erst mal volljährig war, würde sie bestimmt Hals über Kopf türmen. Schon wieder. Er musste sie überzeugen.
Als er an den Tisch zurückkam, lag Sade mit dem Kopf auf der Platte und schlief tief und fest. Lauri grinste über diesen Anblick, aß in Ruhe sein Brötchen und packte Sades Essen in Servietten, die er sich in die Taschen steckte. Dann hob er Sade vom Stuhl hoch und hievte sie sich auf den Rücken.
„Was ist denn los?“, murmelte sie, als sie vor dem Fahrstuhl standen.
„Nichts“, antwortete Olli, stieg ein und setzte sie nicht ab, bis sie im Zimmer waren. Dort legte er sie vorsichtig aufs Bett und deckte sie zu. Er selbst zog sich die Schuhe aus und legte sich neben sie.
Sade wachte noch einmal kurz auf und sah Lauri, der ihr übers Gesicht streichelte. Sie lächelte leicht und schloss die Augen. Es war ein schönes Gefühl, fast so wie früher. Dennoch galt ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen Olli.
Wo er jetzt wohl stecken mochte?

Und auf in eine neue Runde, dachte Ilkka, als er an der Haustür klingelte. Gestern hatte ihn die Sucherei wirklich geschafft. Hoffentlich würden sie das Mädchen heute finden. Er konnte nicht fassen, dass er es geschafft hatte, sie abhauen zu lassen. Olli hatte extra alle möglichen Leute in Helsinki angerufen und sie gebeten, nach Sade Ausschau zu halten. Und was tat er? Ließ sie entwischen.
Zu seiner Verteidigung musste er sagen, dass er sie sich erst mal hatte ausruhen lassen wollen, bevor er ihr Olli auf den Hals hetzte. Sie hatte ziemlich fertig ausgesehen. Wer hätte denn damit rechnen können, dass sie am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe aufbrechen würde?
Der Türöffner wurde betätigt und Ilkka stieß die schwere Haustür auf. Im Treppenhaus kam Olli ihm schon entgegen.
„Los geht’s“, sagte er, als er an Ilkka vorbeirauschte. Ilkka stöhnte auf und folgte ihm. Das konnte ja wieder heiter werden.
Die beiden liefen Richtung Innenstadt, um die verbleibenden Hotels abzuklappern. Viele blieben Gott sei Dank nicht mehr, Olli hatte in seinem Wahn dafür gesorgt, dass nur noch fünf übrig waren, die in Frage kamen.
Ilkka glaubte langsam, sein Freund war besessen von dem Mädchen. Er hatte ihn noch nie wegen irgendetwas so einsatzfreudig erlebt. Einen derartigen Aufriss zu machen war total untypisch für Olli. Das Mädchen musste ihm wirklich was bedeuten.
Sie wäre die Erste, dachte Ilkka kopfschüttelnd. Die Erste, die Olli am Herzen lag. Und sie lief ihm davon. Herzlichen Glückwunsch.
Vielleicht interpretierte er in das Verhalten aber auch etwas hinein. Vielleicht machte sich Olli einfach nur Sorgen, immerhin hatte das Mädchen es alles andere als leicht. Wahrscheinlich ließ sie einfach nur Ollis soziale Ader zum Vorschein kommen. War doch auch mal ganz nett.
Beim ersten Hotel hieß es, es gäbe überhaupt keinen Gast mit dem Vornamen Sade und ein Mädchen, auf das Ollis Beschreibung passte, sei hier auch nicht aufgekreuzt. Zu dumm, dass er ihren Nachnamen nicht kennt, dachte Ilkka, als sie auch beim dritten Hotel keine zufriedenstellende Antwort bekamen.
Beim Vierten hab es wenigstens ein junges Mädchen namens Sade, doch das war mit ihren Eltern unterwegs und laut Schätzung der Rezeptionsdame auch nicht siebzehn sondern höchstens vierzehn.
Das letzte Hotel erteilte ihnen erst gar keine Auskunft. Olli musste sich stark zusammenreißen, um der Dame an der Anmeldung nicht ins Gesicht zu springen und sie anzubrüllen, sie solle ihm gefälligst sagen, ob seine Sade hier wohnte oder nicht. Doch er ließ es. Stattdessen bedankte er sich artig und verließ mit Ilkka das Hotel.
„Und jetzt?“, fragte Ilkka vorsichtig. Olli sah ihn niedergeschlagen an.
„Jetzt gehen wir einen trinken.“

Sade wachte gegen dreizehn Uhr auf und streckte sich ausgiebig. Sie fühlte sich schon viel besser. Zufrieden setzte sie sich auf und entdeckte einen Strauß Blumen auf dem Tisch. Lauri saß auf einem Stuhl daneben.
„Was soll das denn?“, fragte sie lächelnd.
„Dachte, die gefallen dir vielleicht“, sagte er verlegen. Sade kletterte aus dem Bett und umarmte ihn.
„Das tun sie. Danke, Lauri.“
„Hast du Hunger?“, wollte er wissen.
„Um ehrlich zu sein hab ich einen Mordskohldampf.“
„Zieh dich an, ich lad dich zum Essen in der Stadt ein.“
Sade umarmte ihn erneut dankbar und verschwand im Bad. Knapp fünf Minuten später war sie fertig zum Aufbrechen.
Lauri und sie liefen Hand in Hand durch die Straßen und blieben vor fast jedem Restaurant stehen um eine ausgiebige Diskussion darüber zu führen, warum dieses eine gute beziehungsweise schlechte Wahl war.
„Wie früher“, grinste Lauri, als sie sich endlich in einem griechischen Restaurant niederließen.
„Was heißt früher, wir sind noch keine zwei Monate getrennt“, erinnerte Sade ihn und trank den Ouzo, den es vor dem Essen gab, in einem Zug weg.
„Es war ein schöne Zeit, oder?“ Lauri schaute sie ernst an, was Sade ein wenig irritierte. Sie hatte die Trennung für die richtige Entscheidung gehalten. Damals.
„Ja, es war klasse.“
„Fehlt es dir gar nicht?“, fuhr Lauri fort. Sade versteifte sich.
„Bist du deswegen hier?“
„Ich bin wegen dir hier, Sade. Ich hab mir Sorgen gemacht. Du warst immerhin einfach weg. Was meinst du, wie froh ich war, als ich dich durch Zufall gefunden hab.“ Lauri griff über den Tisch nach ihrer Hand. Sade ließ es zu und starrte auf seine Finger.
„Ich hab’s nicht ausgehalten“, murmelte sie schließlich. „Wir wollten es doch beide nicht.“
„Aber ich wollte doch auch nicht, dass zu wegläufst. Deine Eltern stehen solche Ängste aus, seit du weg bist! Versteh das doch.“
„Lauri, sie wollen mich verheiraten! Was sollte ich denn tun?“
„Die hätten sich schon wieder beruhigt. Und selbst wenn nicht, wir hätten das schon irgendwie gepackt.“
Sade sah ihn fest an und entzog ihm ihre Hand. „Ich dachte, wir haben uns darauf geeinigt, dass es kein „uns“ mehr gibt.“
„Schon.“ Lauri senkte den Kopf. „Aber das waren doch außerordentliche Umstände. Glaubst du wirklich, ich hätte dich im Stich gelassen?“
„Nein“, gab Sade kleinlaut zu. „Danke, Lauri. Wirklich. Aber ich schaff das schon alleine.“
„Ich weiß, dass du es alleine schaffen würdest. Der Punkt ist, dass ich dir nicht helfen will, weil ich denke, dass du Hilfe brauchst, sondern weil du mir viel bedeutest.“
Sade lächelte leicht und strich ihm mit den Hand über die Wange. Er war schon süß. Schon immer gewesen. Immerhin kannte sie ihn seit der Grundschule und sie hatte sich immer auf ihn verlassen können. Warum also auch nicht jetzt?
Sie bestellten ihr Essen, als der Kellner kam. Dann griff Lauri wieder nach ihren Händen.
„Ich hab nachgedacht“, begann er vorsichtig. „Über diese ganze Sache. Bitte komm mit mir zurück nach Kuopio.“
„Nein“, sagte Sade geschockt. „Auf keinen Fall.“
„Bitte. Lass es uns da klären. Zu Hause. Mit allen, die es betrifft.“
„Es betrifft aber nicht alle, Lauri.“ Langsam wurde sie sauer. „Es betrifft dich und mich. Und wir sind beide hier.“
„Ich weigere mich, die Sache in einem kleinen Hotelzimmer in einer fremden Stadt zu regeln“, erwiderte Lauri.
„Ich werde nicht nach Kuopio zurückgehen“, beharrte Sade stur. „Überhaupt, was gibt es zu klären? Das Baby ist weg, ich bin bald achtzehn und wir können tun und lassen was wir wollen. Und ich will nicht zurück nach Kuopio.“ Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. Lauri seufzte und sagte nichts mehr, bis das Essen kam. Das hatte er sich irgendwie leichter vorgestellt. Seit wann war Sade so willensstark? Sie hatte sich meistens dem Willen anderer gebeugt, was wohl hauptsächlich an ihrem Mangel an Selbstbewusstsein gelegen hatte. Trotzdem hatte Lauri sie geliebt, für ihre liebenswürdige und manchmal etwas seltsame Art. Und auch, weil sie sich nie auf große Streits eingelassen hatte. Aber nun...was war nur mit ihr passiert?
Zugegeben, man ließ nicht alle Tage ein Abtreibung vornehmen. Wahrscheinlich hatte das ihren Dickkopf gestärkt. Oder die Angst vor dem, was sie in Kuopio erwartete, ließ sie derartig stur werden.
Stumm aßen sie ihr Essen. Lauri beobachtete Sade unauffällig. Sie hatte sich äußerlich kaum verändert, nur die Müdigkeit und der Stress waren ihr deutlich anzusehen. Aber irgendwas an ihr war anders. An ihrer Art. Ihrer Ausstrahlung.
Lauri lächelte leicht. Er wollte sein Vorhaben auf alle Fälle durchsetzen. Sie zu sehen bestätigte ihn nur darin.
Nach de Essen machten sich die beiden wieder auf den Rückweg. Sade schien in Gedanken versunken zu sein, jedenfalls sagte sie kein Wort und lief mehrere Male gegen Laternenmasten, bis Lauri sie schließlich wieder an die Hand nahm und sicher durch die Straßen Helsinkis führte.
Als sie wieder beim Hotel angekommen waren, ließ Lauri sich den Schlüssel geben, schob Sade in den Fahrstuhl und brachte sie ins Zimmer. Immer noch vollkommen in Gedanken versunken setzte sie sich aufs Bett. Lauri zog sich einen Stuhl heran und setzte sich vor sie.
„Sade“, begann er. „Was ist?“
„Ich will nicht nach Kuopio zurück“, wiederholte sie. „Dort ist nichts mehr, was für mich von Bedeutung ist.“
„Und was ist mit mir?“, fragte Lauri verletzt. Doch Sade lächelte nur sanft.
„Lauri, wir haben uns getrennt. Wir hatten eine schöne Zeit, doch das ist vorbei.“
Er schaute sie eine Weile mit gerunzelter Stirn an und spielte mit ihren Fingern. Dann räusperte er sich.
„Ich möchte, dass wir es noch mal versuchen.“ Lauri wartete auf Sades Reaktion, doch die blieb aus. Hauptsächlich, weil Sade vor Schreck keine Luft mehr bekam.
„Was?“, röchelte sie schließlich.
„Komm mit mir zurück nach Kuopio. Deine Eltern können uns gar nichts, wenn du erst mal achtzehn bist.“
„Lauri“, flüsterte sie immer noch geschockt. „Aber...das geht doch nicht.“
„Warum nicht? Du fehlst mir.“
„Lauri, sei nicht albern. Wir haben uns getrennt, weil wir uns nicht mehr lieben, es sind keine Gefühle mehr da.“ Sade stand auf und lehnte sich an die Wand. „Wir waren uns doch einig, dass es keinen Sinn machen würde.“
„Wir könnten es doch zumindest versuchen.“
„Und wenn es nicht klappt? Wo soll ich dann hin? Zu meinen Eltern? Lauri, denk doch mal nach.“
„Es wird nicht schief gehen. Es wird alles gut. Wir haben doch uns.“ Auch er war aufgestanden und hatte sich direkt vor ihr aufgebaut. Sade konnte sich nicht helfen, sie glaubte ihm kein einziges Wort.
„Lauri, wirklich. Ich werde nicht nach Kuopio zurückgehen. Nicht mit dir oder mit sonst wem. Es tut mir leid.“
Lauri legte ihr die Hände auf die Schultern und sah ihr direkt in die Augen.
„Ich meine es todernst, Sade. Komm mit mir zurück. Komm mit mir zurück und heirate mich.“
Bevor Sade irgendetwas erwidern konnte, spürte sie Lauris Lippen auf ihren. Sie stemmte ihr Hände gegen seine Brust, doch es half nichts. Ihr kamen die Tränen. Sie liebte diesen Jungen nicht mehr. Sie liebte Olli. Und sie wollte bei ihm sein.

Olli seufzte. Das mit dem Trinken hätte er nicht sagen sollen. Ilkka hatte das Ganze ein bisschen zu ernst genommen und kotzte sich gerade im Gebüsch die Gedärme aus dem Leib. Dabei war es noch nicht mal vier Uhr!
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Ilkka ruhig nach Hause gehen können, doch er wollte unbedingt noch mit in das allerletzte Hotel, das bei Olli gegenüber lag.
„Schlafen kann ich auch dann noch“, hatte er gesagt. Also hatte Olli ihn mitgenommen. Was er jetzt ein wenig bereute, als sein Freund, weiß wie eine Wand, aus dem Gebüsch hervorkam.
„Können weiter“, ächzte er und schleppte sich weiter die Straße entlang. Olli lief ein Stück hinter ihm, damit er merkte, falls Ilkka stumpf ins Koma fallen sollte. Wäre er vorneweg gegangen, hätte er es wahrscheinlich nichtmal mitbekommen.
Er glaubte nicht wirklich daran, dass er Sade ausgerechnet in diesem Hotel finden würde. Aber er wollte sich nicht am Ende vorwerfen müssen, er hätte nicht ausnahmslos alles versucht.
Kurz darauf standen sie vor dem Gebäude und schauten an der Fassade hinauf.
„Das’ aber hoch“, stellte Ilkka entgeistert fest.
„Genauso hoch wie das, in dem ich wohne“, kommentierte Olli und zog seinen betrunkenen Kumpanen ins Foyer. Hier zeugte alles von Mittelmaß, die Einrichtung, die Gäste, die Empfangsdame. Und auf genau die trat Olli zu.
„Hallo“, begrüßte er sie lächelnd, bekam aber nur ein kurzes Nicken als Resonanz. „Ich bin auf der Suche nach jemandem.“
„Wenn Sie nicht zufällig mich suchen, bezweifle ich, dass ich helfen kann“, antwortete die junge Frau und strich sich eine Haarsträhne zurück. Immer noch lächelte Olli freundlich.
„Ich suche ein Mädchen. Sie ist siebzehn und heißt Sade. Etwa einssiebzig...“
„Dunkles Haar und in Begleitung eines blonden Jungen im selben Alter?“
Olli starrte sie perplex an. Bis auf die Begleitung stimmte alles. Was zur Hölle?
„Äh...ja“, sagte er perplex. Hatte er sie tatsächlich gefunden? Aber was hatte es mit dem Jungen auf sich? Er glaubte nicht, dass sie sich hier in Helsinki einen Kerl geangelt hatte. Aber wer war der Junge?
„Zimmer 412“, sagte die Frau bereitwillig. „Viel Glück.“
„Danke.“ Olli packte Ilkka am Arm und zog ihn zum Fahrstuhl. Ilkka zwinkerte der Empfangsdame freundlich zu und dann schlossen sich die Türen.
„Ist sie echt hier?“, fragte Ilkka, der anscheinend wieder etwas klarer im Kopf war.
„Sehr gut möglich“, antwortete Olli und trat nervös von einem Beim aufs andere. In seinem Kopf drehte sich alles. Wenn er Glück hatte, würde er gleich seiner Sade gegenüberstehen. Seiner kleinen Schwester.
Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock und die beiden Jungs stiegen aus.
„412, oder?“ Ilkka ging von Tür zu Tür, bis er endlich vor der richtigen stand. „Olli! Komm her, hier ist es.“
Olli ging zu Ilkka und stand unschlüssig vor der rot gestrichenen Holztür. Sie hatte tatsächlich eine Klinke, die man von außen öffnen konnte.
„Hör mal“, flüsterte Ilkka und legte ein Ohr an die Tür. Olli tat es ihm gleich. Er hörte gar nichts. Dennoch drückte er die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich.
Zuerst sah er den blonden Jungen, der ein Mädchen küsste. Dann erkannte er Sade – sie weinte und versuchte, den Jungen wegzustoßen. In dem Moment setzte es bei Olli aus.
„Was zur Hölle“, brüllte er und rannte auf die beiden zu. Er stieß den Jungen unsanft zu Boden und stellte sich vor Sade, die mit dem Rücken an der Wand hinunterrutschte. Olli stand schwer atmend da, in seinem Kopf pulsierte es.
„Fass sie ja nicht an“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Dann drehte er sich um und hockte sich vor Sade.
„Olli“, schluchzte sie. Er lächelte und strich ihr über den Kopf, so wie er es immer tat. Erneut kamen Sade die Tränen. Er hatte ihr so gefehlt.
„Es wird alles gut.“ Olli legte seine Arme um sie, zog sie hoch und drückte sie fest an sich. Dann wandte er sich Ilkka zu. „Pack bitte ihre Sachen.“ Er warf dem Jungen auf dem Boden einen wütenden Blick zu. „Sade checkt aus.“
Ilkka machte sich ohne Widerrede an die Arbeit und Lauri blieb vollkommen perplex liegen. Wer waren diese Kerle?
Olli strich Sade wieder über den Kopf und sah ihr ins Gesicht. Sie wischte sich die Tränen weg und lächelte überglücklich.
„Ich hab mir so gewünscht, dass du kommst“, flüsterte sie und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.
„Ich werde immer kommen, wenn du mich brauchst“, sagte Olli. „Es könnte nur manchmal etwas länger dauern, wenn du nicht aufhörst, vor mir davonzulaufen.“
„Du hast mir gefehlt“, nuschelte sie in sein T-Shirt.
„Und du mir erst, Prinzessin.“ Er drückte sie erneut und küsste sie auf die Stirn. „Bitte, tu mir das nie wieder an. Ich ertrag es nicht, wenn ich nicht weiß, dass es dir gut geht.“
Sade nickte kaum merklich.
„Fertig“, verkündete Ilkka und hielt Sades Tasche hoch. Dann zeigte er auf den Jungen, der immer noch vollkommen geschockt dalag. „Wer ist das eigentlich? Soll ich den auch einpacken?“
„Das ist Lauri“, sagte Sade leise und schaute Olli an. „Ich erzähl es dir später, okay?“
„Okay.“ Olli strich ihr über die Haare und sie verließen mit Ilkka das Zimmer. An der Rezeption bezahlten sie die letzten zwei Nächte und ließen das Hotel und Lauri hinter sich. Ilkka machte sich auf den Weg nach Hause und Olli und Sade gingen zu dessen Wohnung.
Sade schaute sich neugierig in Ollis Zuhause um. Es sah genauso aus, wie sie gedacht hatte. Etwas chaotisch aber sehr gemütlich.
„Setz dich“, sagte er und wies auf das Sofa, während er ihre Tasche ins Schlafzimmer trug. Sade folgte der Anweisung und ließ sich auf der äußersten Kante der blauen Couch nieder. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass sie wieder bei ihm war. Es war alles so schnell gegangen. Und plötzlich fühlte sie sich wieder sehr müde.
„Willst du was essen?“, fragte Olli, der sich mittlerweile in der Küche befand.
„Nein, danke“, rief sie. „Ich will mal wieder ein Nacht durchschlafen.“
Olli steckte den Kopf in die Tür und grinste. „Das Schlafzimmer ist nebenan. Zieh dich um, mach es dir bequem. Ich trink nur schnell einen Kaffee.“
Sade nickte, stand auf und ging in sein Schlafzimmer. Das Bett war nicht ganz so groß wie das im Sommerhaus, aber urbequem, wie sie feststellte, als sie sich darauf setzte, um sich Schuhe und Jeans auszuziehen. Aus ihrer Tasche angelte sie ihre Shorts und das T-Shirt, in dem sie schlief. Schnell zog sie sich um und legte sich dann hin. Im Zimmer befanden sich keinerlei Fotos und auch sonst gab es kaum persönliche Gegenstände. Anscheinend diente es wirklich nur zum Schlafen.
„Fertig?“, Olli erschien in der Tür.
„Ja.“
„Wollte nur „Gute Nacht“ sagen“, erklärte er und setzte sich auf die Bettkante. „Ich siedle wieder aufs Sofa um.“
„Du kannst auch hier schlafen“, sagte Sade kleinlaut.
„Das würde dich nicht stören?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ganz im Gegenteil.“
„Okay.“ Grinsend sprang Ollis aufs Bett, sodass Sade ein Stück in die Luft geschleudert wurde. Dann kroch er unter die Decke und sah sie an. „Ich bin froh, dass du wieder da bist.“
„Ich bin froh, dass du mich gefunden hast“, erwiderte sie und rutschte dicht an ihn heran. Olli legte die Arme um sie und sein Kinn auf ihren Kopf.
„Gute Nacht, Prinzessin“, flüsterte er und strich ihr über den Rücken.
„Olli?“
„Hm?“
„Lass mich bitte nicht los.“
„Nein“, murmelte er. „Nie.“
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