Kapitel 9


Tag 17, Sonntag


Auch dieser Tag begann mit strahlendem Sonnenschein. Langsam wurde es echt unnormal.
Ilkka streckte sich und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. An die Decke starrend überlegte er sich, was er mit diesem Tag anfangen würde.
Vielleicht eine Runde laufen gehen und sich dann mit jemandem zum Mittagessen treffen. Man musste die freie Zeit bestmöglichst nutzen.
Er konnte allerdings auch einfach bis zum Nachmittag weiterschlafen und sich dann noch mal überlegen, was er tun konnte.
Da sein Magen allerdings fordernd knurrte, beschloss Ilkka, erst mal zu frühstücken.
Er kletterte umständlich aus dem Bett und schlurfte gähnend in die Küche. Seine Mutter stand gerade mit dem Telefon in der Hand am Kühlschrank und redete wild auf jemanden ein.
Ilkka stellte auf Durchzug und schüttete sich Müsli in eine Schüssel. Dann ertränkte er sein Frühstück in Milch, ging ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa, um etwas Sport beim Essen zu schauen. Allerdings lief nichts wirklich interessantes, nur irgendeine Fußballspiel von der WM 2002.
„Langweilig“, befand er und schlang sein Müsli hinunter. Dann brachte er die Schale zurück in die Küche und wollte wieder in sein Zimmer. Auf dem Weg dorthin wagte er einen Blick ins Gästezimmer. Es war leer.
„Wo ist denn...ähm...das Mädchen?“, rief er seiner Mutter zu, die immer noch telefonierte.
„Die ist schon weg“, antwortete diese. „Wollte in ein Hotel, oder so.“
Ilkka erstarrte. Weg? Wie, weg? Sie konnte doch nicht weg sein!
Na toll, jetzt würde er wirklich Ärger kriegen.

Sade schlenderte am Hafen entlang. Ihren Rucksack hatte sie im Hotel gelassen. Das Zimmer war bis Freitag gebucht. Sie wusste auch schon, was sie danach machen würde. Und irgendwie freute sie sich darauf.
Auch wenn es am Anfang nur eine Schnapsidee gewesen war, vielleicht würde es ja gut gehen. Außerdem würde sie Olli dort vielleicht wirklich vergessen.
Sie setzte sich auf eine Bank und starrte aufs Meer hinaus. Sie fragte sich, ob Olli noch im Sommerhaus war. Vielleicht lag er gerade noch im Bett und wachte ganz langsam auf. Sade schlang ihre Arme um den Oberkörper und schloss die Augen. Sie träumte sich an den See zurück, in die Nacht, die sie und Olli auf dem Steg verbracht hatten. Das Gefühl seiner Nähe, sein Lächeln, seine Augen.
Als wäre er bei mir, schoss es ihr durch den Kopf und sie musste lächeln. Wenn ihr schon die Liebe zu Lauri manchmal albern vorgekommen war, hatte sie hier den Beweis, dass es noch schlimmer ging. Aber das war ihr egal. Es war ein schönes Gefühl.
Langsam stand sie auf und ging weiter. Sie fragte sich, wie sie die letzten fünf Tage in Finnland rumkriegen sollte. Immerhin hatte sie hier kaum etwas zu tun. Sie konnte natürlich ins Kino gehen oder sich irgendwelche Museen anschauen. Aber erstens konnte sie Museen nicht leiden und zweitens bereitete es ihr Unbehagen, einfach so durch die Öffentlichkeit zu laufen. Helsinki war zwar groß, aber unmöglich war gar nichts.
Plötzlich erinnerte sie sich an Ollis Worte. Ich kann alles machen. Und du auch.
Wie schön das wäre, dachte sie und lächelte traurig. Wenn das der Fall wäre, würde sie sofort zurück zu ihm fahren und den Rest ihres Lebens mit ihm an diesem See verbringen. Ja, das wär’s.
Sade schlug die Richtung zur Innenstadt ein und kaufte unterwegs in einem Supermarkt etwas zu trinken und zu essen, obwohl sie keinen wirklichen Appetit hatte. Aber der würde im Laufe des Tages noch kommen, das wusste sie.
Kur darauf stand sie im Eingangsbereich des Hotels und wollte ihren Schlüssel abholen. Da entdeckte sie jemanden am Fahrtsuhl, der ihr den Rücken zudrehte. Er kam ihr irgendwie bekannt vor, doch sie kam nicht darauf, woher sie ihn zu kennen glaubte.
Schulterzuckend trat sie an die Rezeption und holte den Schlüssel. Bestimmt hatte sie sich das nur eingebildet.

Tag 18, Montag


Aus irgendeinem Grund hatte sie von Weihnachten geträumt. Und das Mitte Juli.
Sade schwang sich aus dem Bett und ging duschen. Es schlief sich wirklich gut in dem Hotelbett. Sie hatte weder einen Alptraum gehabt (obwohl sie kein großer Fan von Weihnachten war) und war auch nicht mitten in der Nacht aufgewacht.
Nachdem sie geduscht hatte, zog sie sich an und verließ das Hotel um irgendwo zu frühstücken. Es war erst sieben Uhr und sie wusste, dass sie einen langen Tag zum totschlagen vor sich hatte. Genau wie Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Freitagmorgen würde es dann soweit sein.
Gut gelaunt schlenderte Sade durch die Straßen, die um diese Zeit noch nicht wirklich gefüllt waren. Auch die Hitze hielt sich in Grenzen, erst zum Mittag würde es wahrscheinlich wieder brütend heißt sein.
Sie ließ sich in einem Café nieder und bestellte ein reichliches Frühstück mit Croissants, Brötchen und viel Kakao. Das würde ihre sowieso schon gute Laune noch ein Stückchen heben. Und hoffentlich die Gedanken an Olli vertreiben, die sich immer wieder in ihr Bewusstsein zu schleichen versuchten.
Als das Essen kam, schlug Sade sich mit großem Appetit den Bauch voll und vergaß alles um sich herum. Doch Olli konnte sie nicht ausblenden, das war einfach nicht möglich.
Kind, dich hat’s aber erwischt, würde ihre Mutter jetzt sagen. Was hat auch stimmte. Es hatte sie total erwischt. Und genau deswegen kam sich nicht drum herum, sich wie ein dummer Teenager zu fühlen, der die falschen Prioritäten im Leben hatte. Sprich, nur Jungs im Kopf.
Dabei war ihre tatsächliche Situation um einiges ernster. Doch auch hier hatte sie gehandelt wie ein bockiges Kind: sie hatte einfach ihre Siebensachen gepackt und sich vom Acker gemacht. Sehr erwachsen.
Aber was solle sie auch tun? Sie wurde ja nicht wie eine Erwachsene behandelt, konnte man da wirklich von ihr erwarten, wie eine zu agieren?
Trotzig kaute sie auf ihrem Croissant rum und streckte ihrem Spiegelbild in der Fensterscheibe die Zunge raus. Dann war sie eben ein Sturkopf und konnte nicht vernünftig mit Konflikten umgehen. Gerade deswegen war sie ja auch abgehauen, um diesem Konflikt zu entgehen. Es hätte ja eh niemand auf ihre Meinung gehört oder selbige auch nur ansatzweise respektiert.
Sie dachte an das Gespräch mit ihren Eltern und Lauri zurück. Lauris Eltern hatten ganz locker reagiert, obwohl sie natürlich auch geschockt waren. Doch sie trauten dem jungen Paar zu, die Situation vernünftig zu handhaben. Auch als Lauri und Sade ihnen eröffnet hatten, dass sie gar kein Paar mehr waren, hatten sie relativ reagiert.
Ganz anders Sades Eltern. Die hatten quasi in derselben Minute, in der Sade ihnen die Neuigkeit erzählt hatte, den Hochzeitstermin festgesetzt. Lauri und sie hatten ganz schön rumgedruckst, bevor sie damit herausgerückt waren, dass sie nicht vorhatten zu heiraten. Nicht jetzt und auch sonst nie.
Dann war die Hölle losgebrochen. Sades Mutter hatte geweint und geschrieen und gejammert und ihre Vater hatte schlicht und einfach getobt. Sade hatte noch nie in ihrem Leben so viel Angst gehabt.
Außer vielleicht vor der Abtreibung selber. Von der auch Lauri nichts wusste. Sie war abgehauen, bevor sie es ihm hatte sagen können. Obwohl er auch dafür war, hatte er keine Ahnung.
Fast wäre Sade aufgesprungen, um ihn anzurufen und ihm Bescheid zu geben. Der Arme musste ja durch die Hölle gehen. Doch dann verließ sie ganz plötzlich der Mut dazu und sie trank einfach stillschweigend ihren Kakao aus.

„Ich sterbe gleich.“
„Stell dich nicht so an.“
„Echt, du bringst mich noch um.“ Olli hielt an und schaute sauer drein. „Das hast du verdient. Wirklich. Und jetzt komm weiter.“
Stöhnend folgte seine Begleitung ihm durch die morgendlichen Straßen Helsinkis. Er hielt diese Aktion für vollkommen sinnlos, konnte es aber irgendwo nachvollziehen, dass Olli so durch den Wind war.
„Frühstück“, murmelte er mit einem verklärten Grinsen auf dem Gesicht, als sie an einem gut besuchtem Café vorbeikamen.
„Frühstück kriegst du, wenn wir sie gefunden haben“, motzte Olli. Unaufhaltsam stürmte er drauflos.
Mission: impossible, dachte der andere und gähnte ausgiebig.
„Jetzt erzähl mir doch mal, was es mit dieser Suchaktion eigentlich auf sich hat“, bat er und hoffte, Olli würde sich zum Erzählen hinsetzen oder zumindest anhalten. Doch weit gefehlt, er schritt unbeirrt voran, fing aber trotzdem an zu reden.
„Ich hab dieses Mädchen im Urlaub getroffen. Na ja, besser gesagt hab ich sie fast über den Haufen gefahren. Hab sie dann mitgenommen, damit sie ins Trockenen kommt. Dachte, sie wäre irgendwie auf der Durchreise oder so.“
„Aha. Und dann?“
„Ist sie am nächsten Morgen weitergezogen. In den Bus gestiegen und weg war sie. Ich hatte da schon so ein seltsames Gefühl.“
„Soso.“ Konnte er nicht endlich zum Punkt kommen?
„Ein paar Tage später sitz ich in Mikkeli in einem Café.“
„Hunger...“
Olli überging diesen Einwurf. „Jedenfalls kam ein Typ auf mich zu mit einem Bild. Er sagte, er suche seine Tochter. Und dreimal darfst du raten, wer auf diesem Bild war.“
„Deine Mutter?“
„Du bist echt zu dämlich manchmal“, knurrte Olli sauer.
„Ja, ja, ´tschuldigung. Also dieses Mädchen.“
„Genau. Und am Abend sitzt sie plötzlich wieder bei mir vor der Tür, total aufgelöst und fertig mit den Nerven. Hab sie dann dabehalten. Allerdings hab ich erst Tage später erfahren, was los ist. Die Kleine ist nämlich minderjährig und nach einer Abtreibung, die ihre Eltern nicht wollten, von zu Hause abgehauen und will jetzt einfach nur verhindern, dass man sie vor ihrem achtzehnten Geburtstag findet.“
„Der da wann wäre?“
„Freitag.“
„Und dann?“
Endlich blieb Olli stehen und starrte nachdenklich vor sich hin. „Ich hab keine Ahnung“, murmelte er.
„Und warum willst du sie finden? Bis Freitag entdeckte sie hier doch keiner.“
„Ich hab keine Ahnung“, wiederholte Olli.
„Hm. Wieso ist sie jetzt eigentlich hier?“
„Sie ist auch von mir abgehauen.“
„Warum das denn? Langsam glaub ich, die hat einen gewaltigen Schaden.“ Wieder ein ausgiebiges Gähnen.
„Das hab ich ehrlich gesagt auch noch nicht so ganz verstanden.“ Außerdem geht’s dich nichts an, sorry, fügte er in Gedanken hinzu.
Nachdenklich lief Olli weiter. Er hatte noch mal mit Minna darüber gesprochen, was sie am Samstag gesagt hatte. Er musste zugeben, dass sie vielleicht gar nicht so Unrecht hatte, mit ihrer Vermutung. Aber das stand erst mal an zweiter Stelle. Zunächst wollte er Sade finden. Er wollte wissen, dass er ihr gut ging.
Und er wollte sie bei sich haben.

Sie hatte den ganzen Tag in der Innenstadt verbracht, davon mindestens drei Stunden im Akademischen Buchladen. So etwas hatte sie in Kuopio noch nie gefunden. Bücher über alles Mögliche in allen möglichen Sprachen. Sie mochte so ruhige Orte und sie liebte es, in den Regalen zu schmökern und versteckte Schätze zu finden. Und davon gab es in diesem Laden wirklich so einige.
Danach war sie nebenan in die Stockmann-Filiale gegangen und hatte sich dort nach Herzenslust ausgetobt. Sie liebte die Hauptstadt jetzt schon. Und wieder einmal hatte sie sich vorgestellt, all dies mit Olli zu teilen. Wie es wäre, abends zu ihm nach Hause zu kommen und von ihrem Tag zu erzählen.
Okay, jetzt hör ich mich an, als wäre ich steinalt, hatte sie belustigt festgestellt und einen Ring anprobiert. Sie wurde aus sich selbst einfach nicht schlau. Hatten ihre Erfahrungen sie weiser und reifer gemacht, oder war sie immer noch der selbe alberne Teenager wie eh und je? Oder vielleicht eine Mischung aus beidem?
Als sie beim Kamppi angekommen war, hatte sie sich bei Pizza Hut Mittagessen geholt und beim Essen darüber nachgedacht, was sie als nächstes tun konnte.
Dann war es ihr eingefallen: Kino. Dort war es dunkel. Für mindestens zwei Stunden würde sie keine Angst haben müssen, dass man sie entdecken konnte. Sie konnte sich einfach zurücklehnen und den Film genießen.
Jetzt saß sie in dem weichen Sessel, hatte die Füße auf die Lehne vor sich gelegt und ließ sich von der Werbung berieseln. Der Saal war alles andere als voll, nur fünf weitere Kinogänger hatten sich in die Vorstellung verwirrt. Sade selbst hatte bereits vergessen, in welchem Film sie war. Aber es war ihr auch egal.
Als der Film schließlich begann, war sie schon tief und fest eingeschlafen.
Einer der anderen Besucher weckte sie eineinhalb Stunden später. Grinsend machte er sie darauf aufmerksam, dass sie jetzt gehen könne, sie hätte den miesen Film überstanden. Sade lächelte verlegen und sah zu, dass sie das Kino verließ.
In der Hauptstadt hatte der Abend inzwischen Einzug gehalten. Es wehte ein leichter Wind, dennoch war es alles andere als kühl. Dieser Sommer schien gar nicht mehr enden zu wollen.
Ein bisschen matschig schlenderte Sade zum Hotel zurück. Sie kaufte sich noch schnell eine Flasche Wasser, die sie innerhalb von fünf Minuten austrank. Sie kam mit dem Flüssigkeit auffüllen kaum hinterher.
Sade machte noch einen Umweg um den Töölönlahti herum. Sie brauchte noch etwas frische Luft und die Zeit, nachzudenken. Auch wenn sich ihre Gedanken wirklich nur im Kreis drehten und sie ihrer langsam müde wurde. Sie hielten sie auf Trab und ließen sie unruhig werden, je länger Sade sie zuließ.
Freitag ist es vorbei, redete Sade sich selber gut zu. Dann bist du volljährig und kannst alles hinter dir lassen.
Erstaunlicherweise half der bloße Gedanke tatsächlich. Sade fühlte sich besser und schlug endlich den Weg zurück zum Hotel ein. Sie war sich nicht sicher, wie spät es war, aber sie schätze, dass es in etwa neun Uhr war. Zufrieden stellte sie fest, dass sie den Tag ja ganz gut rumgekriegt hatte. Sie hätte wirklich erwartet, dass es langweiliger werden würde. Oder noch schlimmer: angsteinflößender.
Sie runzelte bei dem Gedanken die Stirn. Wie dramatisch das klang. Dabei konnte ihr doch gar nichts passieren. Eigentlich. Was konnten ihr ihre Eltern schon anhaben? Vor allem bis Freitag. In drei Tagen konnten sie unmöglich eine Hochzeit auf die Beine stellen oder sonst irgendwelche Sperenzien planen.
Machte sie sich am Ende etwa zu viele Gedanken? War diese ganze Katz-und-Maus-Spiel vollkommen sinnlos? Hatte sie möglicherweise überhaupt nichts zu befürchten?
Sade kam sich unglaublich bescheuert vor. War dieser ganze Aufriss vollkommen grundlos gewesen? Hatte sie tatsächlich ohne Sinn und Verstand gehandelt? Das würde ja heißen, dass sie diese ganze Tour vollkommen umsonst gemacht hatte.
Doch dann ließ sie ein Gedanke in der Bewegung innehalten. Nein, umsonst war sie bestimmt nicht gewesen. Immerhin hatte sie Olli getroffen. Schon allein diese Erfahrung war all das wert gewesen. Jeder Moment, den sie mit ihm verbracht hatte, war einfach wundervoll gewesen. Selten zuvor, wenn überhaupt, war sie so glücklich gewesen wie mit Olli. Diese Erinnerung wollte sie für nichts in der Welt missen.
Mit einem bittersüßem Gefühl im Bauch legte sie das letzte Stück bis zum Hotel zurück und summte dabei vor sich hin.
Langsam füllten sich die Straßen Helsinkis. Viele hatten auswärts zu Abend gegessen und machten sich nun auf den Heimweg. Andere gingen jetzt erst essen. Und wieder andere begannen um diese Zeit ihre Sauftour.
Sade begegnete einigen fröhlichen Gesichtern. Umso erleichterter war sie, als sie endlich beim Hotel ankam und den Rest des Abends beim Fernsehen in ihrem Zimmer verbringen konnte. Sie missgönnte niemandem seine Freude, aber im Moment konnte sie sich einfach nicht vollkommen mitfreuen. Oder so.
Sie holte sich ihren Schlüssel ab und ging zum Fahrstuhl. Ihr viel wieder die Person ein, die ihr bekannt vorgekommen war. Doch die Erinnerung war verblasst, der Moment war zu kurz gewesen und das Gefühl zu vage.
Mit den Gedanken ganz woanders fuhr sie bis zu ihrem Stockwerk hinauf und stieg aus dem Fahrstuhl. Ihr Zimmer befand sich ein ganzes Stück den Flur entlang.
Sie schloss die Tür auf, trat ein und erschrak fürchterlich. Auf ihrem Bett saß eine Person, mit blonden kurzen Haaren.
Ilkka!, dachte sie im ersten Moment. Sie hatte keine Ahnung, wie sie auf ihn kam.
Die Person erhob sich, kam auf sie zu und schaute ihr die ganze Zeit in die Augen. Sade war unfähig, sich zu bewegen. Der Schock saß tief in ihren Knochen.
Die Person stand jetzt dicht vor ihr, griff über sie hinweg und schloss die Tür hinter ihr. Dann nahm sie Sade den Schlüssel um und steckte ihn ins Schloss.
„Hi“, sagte Lauri und drehte den Schlüssel um.

Olli lag auf dem Sofa und starrte an die Decke. Er hatte beschlossen, es für heute gut sein zu lassen. Morgen war ja auch noch ein Tag.
Sie hatten unzählige Hotels im Laufe des Tages abgeklappert. Aber entweder hatte sie sich dort nicht einquartiert oder man hatte keine Auskunft erteilt. Natürlich war es auch möglich, dass sie gar nicht mehr in der Hauptstadt war oder es irgendwie geschafft hatte, unter falschem Namen einzuchecken. Aber Olli musste sich daran festhalten, was er hatte. Und an dem, was er wusste.
Seufzend setzte er sich auf. Noch zwei Tage. Mittwoch und Donnerstag. Dann war sie achtzehn. Volljährig. Dann konnte sie tun was sie wollte. Ob ihre Eltern sie nun fanden oder nicht.
Eigentlich gab es keinen Grund, sich großartig Sorgen zu machen. Außer dem, dass sich ein minderjähriges Mädchen aus Ostfinnland in der Hauptstadt rumtrieb, in der es sich nicht auskannte. Und dieses Mädchen lag ihm zufällig am Herzen.
Frauen bringen nur Ärger, dachte Olli und ging in die Küche. Dort kochte er sich einen Kaffee und steckte sich eine Zigarette an. Und sie treiben einen in den Selbstmord, fügte in Gedanken hinzu.
Er riss ein Fenster auf und setzte sich auf die Fensterbank. Auf der Straße vor dem Haus war nicht viel los, hier und da lief mal jemand vorbei. Genau gegenüber davon befand sich ein ziemlich mittelklassiges Hotel. Das hatte er ja vollkommen vergessen? Warum hatte er da eigentlich noch nicht gefragt? Na ja, vielleicht würde er am nächsten Nachmittag mal vorbeischauen. Auch wenn das wirklich ein zu unglaublicher Zufall wäre.
Er sah in einem Fenster im vierten Stock einen blonden Jungen, der unruhig auf und ab lief. Er schien sich mit jemandem zu unterhalten, doch Olli konnte niemanden sonst sehen. Nach einer halben Minuten wandte er sich gelangweilt ab, schloss das Fenster und ging wieder in sein Wohnzimmer. Er schloss die Vorhänge und machte den Fernseher an. Doch natürlich lief nichts gutes. Oder besser gesagt nichts, was ihn ablenken könnte. Das hätte ihn auch sehr gewundert.
Stattdessen beschäftigte ihn die Aussage seiner Mutter immer noch. Er konnte nicht glauben, dass Sade in ihn verliebt war. Sowas hätte er doch merken müssen, oder? Und sie hatte sich doch nie ungewöhnlich benommen – also, ungewöhnlicher als sonst. Nur als Jenna da gewesen war, hatte Sade sich ein wenig merkwürdig verhalten. Doch wenn er so darüber nachdachte, konnte er schon verstehen, dass sie sich in Gegenwart einer vollkommen Fremden wahrscheinlich unwohl gefühlt hatte. Bei ihm und Sade war das etwas anderes gewesen. Sie hatten eine seltsame Verbindung, ein Vertrauen. Olli wusste nicht, wie er es erklären konnte. Sade war ihm so wichtig, obwohl er sie gerade erst kennen gelernt hatte. So etwas hatte er noch nie erlebt.
Dennoch glaubte er nicht, dass Sade in ihn verliebt war. Genauso wenig wie er in sie. Nur weil die Chemie stimmte musste das noch lange nicht heißen, dass sie die Liebe seines Lebens war. Das waren doch sowieso nur romantische Hirngespinste.
Olli gähnte. Er wusste, dass er langsam ins Bett gehen sollte. Immerhin wollte er am nächsten Tag die Suche fortsetzen.
Also schlurfte er ins Bad, wusch sich und putzte sich die Zähne. Dann losch er alle Lichter in der Wohnung und ging in sein Schlafzimmer. Er kroch unter die Decke und schloss die Augen. Doch wie erwartet fand er keinen Schlaf.
Nachdenklich starrte er an die gegenüberliegende Wand. Seine Gedanken kreisten um die vergangenen Wochen, seine Eltern und seine eigene Zukunft. Oft genug hatte Minna ihn gefragt: „Wie stellst du dir eigentlich dein späteres Leben vor?“
Nie hatte er eine Antwort gewusst. Alles, was ihm wichtig war, hatte er im Hier und Jetzt. Worauf sollte er also hinarbeiten?
Ob er wohl einen guten Familienmenschen abgab? Oder war er eher von natur aus ein Einzelgänger?
Olli machte sich einen Spaß daraus, die wildesten Lebensgeschichten in seinem Kopf zusammenzuspinnen, in der Hoffnung, sich selbst damit in den Schlaf zu bringen.
Doch erst der Gedanke an eine einsame Zukunft als bärtiger Einsiedler in den Wäldern Lapplands ermüdete ihn genug, dass er darüber einschlief.
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