Kapitel 8


3. Woche


Tag 15, Freitag


Sade gähnte ausgiebig, als sie aus dem Bus ausstieg. Es war halb drei Uhr morgens und ihr tat jeder Muskel im Leib weh. Wie sie diese Langstreckenbusse hasste.
Nachdem der Busfahrer ihr ihren Rucksack gereicht hatte, machte sie sich auf den Weg Richtung Hauptbahnhof. Wie lange war sie nun schon nicht mehr hier gewesen. Das letzte Mal hatte sie ihren Vater zu einem Eishockeyspiel begleitet. Das musste etwa drei Jahre her sein.
Sie kam an die Mannerheimintie und lief ein Stück an ihr entlang. Wie gewöhnlich für einen Freitag waren die Straßen noch immer voll mir betrunkenen Menschen, hauptsächlich Jugendlichen in ihrem Alter. Ein paar warfen ihr prüfende Blicke zu, die ihr noch mehr das Gefühl gaben, dass sie hier nicht hingehörte. Sie war in einer wesentlich kleineren Stadt aufgewachsen und hatte nie etwas anders erlebt. Und das hier war etwas komplett anderes.
Sade überquerte die Straße und folgte der Postikatu bis zur nächsten Ecke. Dann machte sich ihr Magen bemerkbar. Ohne zu zögern betrat sie den McDonald’s, vor dem sie stand und ließ sich dort erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Der Regen hatte die Hauptstadt noch nicht erreicht, doch vom Meer her wehte ein kühler Wind, der die Hitze nicht so unerträglich drückend erscheinen ließ. Außerdem stand auch die Sonne schon längst nicht mehr am Himmel.
Nachdem Sade sich ein wenig ausgeruht hatte, ging sie sich Essen holen und setzte sich dann wieder hin. Nachdenklich starrte sie nach draußen, während sie aß. Die Menschen sahen so fröhlich und sorglos aus. Bei manchen fragte sie sich, ob sie wohl mit Olli befreundet waren, versuchte aber, den Gedanken so schnell wir möglich wieder zu verdrängen. Sie wollte nicht an ihn denken. Es machte sie so verdammt traurig, nicht bei ihm zu sein.
Auch um sie herum saßen einige Jugendliche in Ollis Alter, die sich lärmend und gestenreich ihren Freunden mitteilten. Der ganze Raum war von Lachen und lauten Stimmen erfüllt, was Sade ein gewisses Gefühl der Sicherheit gab. Sie fiel zwischen all diesen Gruppen gar nicht weiter auf, war nur eine Auswärtige auf der Durchreise.
Der Gedanke, sie könnte Jenna über den Weg laufen entlockte ihr ein belustigtes Grinsen. Das wäre mit Sicherheit ein interessanter Zufall. Ob Jenna Olli sagen würde, wo sie steckte? Würde er kommen um sie wieder einzusammeln?
Fast wünschte Sade sich, dass das junge Mädchen, das gerade zur Tür hereinkam, Jenna wäre. Doch dann machte sie sich wieder klar, dass das alles andere als gut wäre. Weder für sie selbst noch für Olli.
Das erste Mal seit ihrer Abreise fragte sie sich, ob ihre Eltern sie hier finden würden. Sie wusste genau, dass diese Möglichkeit recht unwahrscheinlich war, doch sie wusste auch, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sie das Glück kräftig in den Hintern getreten hätte.
Sade setzte sich die Kapuze ihrer dünnen Baumwolljacke auf und senkte den Kopf. Zu allem Überfluss hatte sie immer noch keine Ahnung, wo sie hin sollte. Sie würde sich vorerst eine Unterkunft suchen müssen. Aber wo sollte sie die um vier Uhr morgens denn bitte finden?
Als sie aufstand und ging, beschloss sie, erst mal ihren Rucksack am Hauptbahnhof einzuschließen und dann weiterzusehen.
Sie überquerte also die Straße und betrat das große alte Gebäude, in dem es vor Menschen nicht gerade wimmelte, durch den Vordereingang. Ihre Schritte hallten im Eingangsbereich und sie beeilte sich, ihr Gepäck loszuwerden. Sie bekam hier drin aus irgendeinem Grund ein unangenehm beklemmendes Gefühl.
Geradezu erleichtert trat sie kurz darauf wieder auf die Straße und sah sich um. Wie konnte sie nun am einfachsten die Zeit totschlagen? In irgendeinen Club kam sie nicht rein, sie war immerhin noch keine achtzehn und erst recht nicht vierundzwanzig. Viel blieb ihr da nicht mehr übrig. Wenigstens war es warm, sodass sie sich zumindest nicht gezwungenermaßen drinnen aufhalten musste. Sie könnte auch einfach spazieren gehen und sich Helsinki bei Nacht ein wenig zu Gemüte führen.
Also spazierte sie los. Sie steuerte Töölö an, nahm jedoch nicht den Weg über die Mannerheimintie, sondern lief die Töölönlahdenkatu entlang und kam kurz darauf am Finlandia-Haus vorbei. Rechts von ihr lag der Töölönlahti ruhig da.
Sade schlenderte fünf Minuten durch den Park, bis ihr das erste Mal jemand entgegen kam. Es war ein Junge, mit Sicherheit nicht älter als sie, der kaum noch gehen konnte. Er grinste sie nur dümmlich an und wankte weiter.
Kurz darauf begegnete sie seinen beiden Kumpels, die ihn schon überall suchten. Bereitwillig sagte sie ihnen, wo der Junge hingeschwankt war. Wenigstens etwas, das ich aus Kuopio kenne, dachte Sade belustigt. Wenn es etwas gab, was jede Stadt in Finnland verband, waren es mit Sicherheit die betrunkenen Minderjährigen.
Sade spürte, wie die Müdigkeit in ihre Knochen kroch, doch sie lief weiter. Es dauerte gut eine Stunde, bis sie auf der anderen Seite des Sees war. Irgendwann setzte sie sich auf eine Bank oberhalb der Bahnschienen und schaute über den Teil der Stadt, den sie von hier gut im Blick hatte. Sie hatte keine Ahnung, welcher das war, immerhin kannte sie sich hier nicht aus. Sie nahm allerdings an, dass es sich um Taka-Töölö handelte.
Sie zog die Knie an und dachte wieder an Olli. Das hier war seine Stadt, hier war er groß geworden. Sie hätte sich gerne alles von ihm zeigen lassen. Sade schloss die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, mit Olli hier zu sitzen.
Über diesen Gedanken schlief sie schließlich ein.

Tag 16, Samstag


Es dauerte eine Weile, das Haus sauber zu machen, alles einzupacken und sicherzugehen, dass am Ende auch tatsächlich alles verschlossen und der Strom abgestellt war.
Olli warf seine Tasche auf den Rücksitz, stieg in den BMW und fuhr los. Es war bereits nach neun und er würde bestimmt zweieinhalb Stunden bis nach Helsinki brauchen. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, zu spät dran zu sein. Aber immerhin war er ja in der Nacht auch nicht untätig gewesen und ein bisschen Schlaf hatte er gebraucht.
Nun fuhr er noch schneller als sonst den Schotterweg entlang und hoffte inständig, Sade möglichst noch heute zu finden. Es war ihm ein Rätsel, wie sie überhaupt so leicht vor ihrer Familie fliehen konnte, eine einzige Nachfrage am Schalter im Busbahnhof hatte gereicht und er hatte gewusst, wo sie hinwollte.
Helsinki also, dachte Olli, als er auf die Asphaltstraße abbog. Tja, meine Liebe, da hast du dich verschätzt. Das ist mein Territorium.
Auch wenn ein Fünftel der finnischen Bevölkerung in der Hauptstadtregion lebte, es würde nicht allzu lange dauern, Sade aufzuspüren. Davon war Olli überzeugt. Es sei denn natürlich, sie hätte Helsinki schon wieder verlassen. Oh Gott, bitte nicht!
Er trat das Gaspedal noch ein bisschen mehr durch und versuchte, seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Warum bildete er sich eigentlich ein, dass Sade ohne ihn total aufgeschmissen wäre? Sie war alt genug, auf sich aufzupassen.
Oder war es am Ende gar etwas anderes?
Stur versuchte er, alle Gedanken, die ihn durcheinander bringen könnten zu verdrängen. Er musste sich auf die Straße konzentrieren und nachdenken. Wo könnte Sade sein?
Überall, war die traurige Schlussfolgerung.
Verdammt noch mal, er hatte schon seine Kumpels in Kruununhaka wiedergefunden, nachdem er sie in Otaniemi verloren hatte. Er würde dieses Weib ausfindig machen und wenn es das letzte war, was er tat.
Als er Stunden später auf den dritten Ring fuhr, hatte sich seine Nervosität nur noch gesteigert. Er wünschte sich jetzt einen verdammten Mäyräkoira oder sonst etwas, was ihn beruhigen würde. Vielleicht auch etwas Valium oder so.
Er angelte sein Handy aus seiner Hosentasche und wählte eine Nummer.
„Hallo?“, meldete sich die Stimme am anderen Ende.
„Hey, Minna. Ich komme heute schon nach Hause“, sagte er. Er nannte seine Mutter grundsätzlich beim Vornamen.
„Ach, wieso denn? Wurde es dir zu langweilig?“, wollte seine Mutter wissen und Olli hörte, dass sie grinste. Irritiert fragte Olli sich, was seine Mutter wohl für ein Bild von ihm hatte.
„Das auch. Ist eine längere Geschichte. Bei der ich eventuell auch noch deine Hilfe brauche“, fügte er hinzu und stellte sich das überraschte Gesicht seiner Mutter vor. „Nein, ich habe nichts angestellt“, kam er ihr dann zuvor. Er kannte sie doch.
„Dann ist ja gut.“
„Ich fahr jetzt nach Helsinki rein. Wir sprechen uns, bis dann.“
„Tschüss.“
Sie legten auf und Olli steckte sein Handy wieder zurück in die Tasche. So, jetzt musste er wirklich nachdenken. Wo sollte er anfangen zu suchen?
Nach einigem Hin und Her entschied er sich, erst mal sein Gepäck nach Hause zu bringen und dann zu Fuß und mit der U-Bahn weiterzumachen. Das würde schneller gehen als mit dem Auto. Und er wäre wesentlich flexibler.
Also schmiss er knapp zwanzig Minuten später seine Tasche in den Flur und knallte kurz danach die Wohnungstür wieder hinter sich zu.
„Sade, wo bist du“, murmelte er vor sich hin, als er durch das Treppenhaus rannte. Die drei Stockwerke kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Als er die Haustür aufriss, wäre er fast in eine Person gerannt. Überrascht riss Olli die Augen auf:
„Minna!“

Sade spürte, wie sich jemand neben sie setzte. Sie war im Halbschlaf. Die Bank war furchtbar unbequem, aber sie war zu müde, um sich großartig darum zu kümmern. Sie wünschte sich in das Bett im Sommerhaus zurück – in Ollis Bett.
Schließlich richtete sie sich auf. Sie wollte lieber gar nicht wissen, was die Person neben ihr von ihr hielt.
Sade streckte sich ausgiebig und drückte den Rücken durch. Es gab keinen Knochen in ihrem Leib, der nicht schmerzte. Wenigstens war die Nacht warm und trocken geblieben. Fast war sie versucht, von Glück zu sprechen. Aber das erschien ihr in ihrer Situation irgendwie grotesk.
Die Person neben ihr war eine Frau mit Hund. Im selben Alter wie meine Mutter, fiel Sade auf und ein unangenehmes Gefühl überkam sie. Doch das verflog, als die Frau sie anlächelte.
„Ich hab dich nicht wach bekommen, also dachte ich, ich warte einfach.“
Sade musste wohl sehr dumm aus der Wäsche schauen, denn die Frau fing bei ihrem Gesichtsaudruck laut an zu lachen.
„Warum schläfst du hier?“
Ja, warum? Streng deinen Kopf an, Sade, befahl sie sich selbst.
„Ich bin auf der Durchreise und habe vergessen, ein Hotelzimmer zu reservieren.“
Großartig, für diese Kreativität bekommst du ja nicht mal einen Blumentopf, führte Sade ihren inneren Monolog weiter.
„Wirklich?“, fragte die Frau skeptisch.
„Ja, wissen Sie, ich bin in Mikkeli hängen geblieben und erst um drei Uhr nachts hier angekommen. Da hätte ich dann ja auch kein Zimmer mehr bekommen“, erklärte Sade weiter und schlug in Gedanken ihren Kopf immer wieder gegen die Bank. Und zwar sehr, sehr hart.
Doch die Frau zog nur eine Augenbraue hoch ohne einen Kommentar abzugeben. Stattdessen sagte sie nach einigem Nachdenken:
„Wie wär’s wenn ich dir jetzt erst mal bei mir zu Hause ein Frühstück mache und du solange eine Dusche nimmst oder dich ein bisschen ausruhst. Du siehst aus, als könntest du das gebrauchen.“
Das wunderte Sade gar nicht. Immerhin hatte sie seit knapp drei Wochen kaum eine ruhige Minute gehabt. Obwohl, wenn sie so darüber nachdachte – nein, das wollte sie nicht. Sie wollte nicht schon wieder an Olli denken. Er war Geschichte. Vermutlich würde sie ihn sowieso nie wieder sehen.
„Das wäre wirklich großartig“, stimmte Sade dankbar zu. Also standen sie und die Frau auf und liefen los. Sade ging etwas steif. Die Nacht hatte wirklich ihren Tribut gefordert. Sie beschloss, wenn möglich nie wieder eine Nacht auf einer Bank zu verbringen. Nie wieder.
Die Frau wohnte in Kallio in einem Haus neben einem Park. Die Wohnung war im ersten Geschoss, sodass Sade ihren Rucksack nicht allzu weit schleppen musste.
Nachdem sie hereingebeten wurde und die Frau sich als Kaisa vorgestellt hatte, lud Sade ihr Gepäck ab und bekam von Kaisa prompt zwei Handtücher in die Hand gedrückt. Entweder konnte die Frau Gedanken lesen oder Sade roch aufgrund des schweißtreibenden Wetters schon etwas streng.
Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und ging ins Badezimmer, das, wieder Rest der Wohnung, nicht gerade mit Ikea-Möbeln ausgestattet war. Kaisa schien eindeutig zu der Art Leute zu gehören, die sich über Geld keine Sorgen machen mussten.
Sade gefiel die Wohnung, sie war teuer eingerichtet, aber nicht protzig oder geschmacklos. Die Person, die hierfür verantwortlich gewesen war, hatte eindeutig gewusst, was sie tat.
Vorsichtig stieg sie in die Dusche und drehte das Wasser auf. Trotz des Wetters ließ es ziemlich heiß werden und schloss die Augen. Sie fragte sich, wie es ihren Eltern ging und vor allen Dingen, wo sie waren. Noch sechs Tage, dann war sie volljährig.
Ja, und was dann?
Sade schlang die Arme um ihren Oberkörper und fühlte sich plötzlich total hilflos. Sie würde nicht einfach so wieder nach Hause können, sollte sie ja überhaupt jemals wieder willkommen sein. Und außer ihrer Familie hatte sie ja niemanden.
Olli, ich brauch dich, dachte sie und hätte sich für den Gedanken am liebsten geschlagen. Sie konnte doch nicht erwarten, dass er immer uneingeschränkt für sie da war und sie bei sich aufnahm, weil sie ihr Leben nicht auf die Reihe bekam. Er kannte sie doch gar nicht richtig. Sie war vor zwei Wochen zufällig in sein Leben getreten, dafür konnte man ihn doch nicht für den Rest seines Lebens leiden lassen.
Du liebst ihn, du dummes Stück, sagte eine andere Stimme in ihrem Kopf. Du willst bei ihm sein, weil er dir was bedeutet, nicht, damit er dir den Hintern rettet!
Sade seufzte, wusch sich die Tränen vom Gesicht und drehte das Wasser ab.

Olli wurde immer atemloser und atemloser und Minnas Kinnlade sank immer tiefer und tiefer während er erzählte, was er in den letzten zwei Wochen erlebt hatte.
Er lief unruhig vor dem Sofa auf und ab, auf dem Minna saß. Er hatte gehen wollen um Sade zu suchen, aber sie hatte ihm quasi befohlen, ihr erst mal zu erzählen, was zur Hölle eigentlich los war.
Wild gestikulierend berichtete er von Sades Schwangerschaft und lächelte bei der Erinnerung an den Kinobesuch. Er war sich nicht sicher, ob Minna ihm gedanklich folgen konnte. Es tat so gut, alles einfach mal zu erzählen, nicht immer nur darüber nachzudenken.
„Und dann hat sie mich geküsst und ist in den Bus gestiegen“, schloss er schließlich. Minna starrte ihn ungläubig an. Sie hatte alles erwartet, Drogen, Autototalschaden, Brandlegung. Aber eine Minderjährige auf der Flucht, die sich in ihren Sohn verliebte überstieg selbst ihren Verstand.
„Und was hast du getan?“, fragte Minna, als ihr nicht besseres einfiel.
„Ich konnte nichts tun!“, rief Olli aus. „Ich hab nachgefragt, wo sie hingefahren ist und bin dann heute morgen zurück nach Helsinki gefahren. Verstehst du das nicht? Ich muss sie finden!“
„Bist du etwa auch in sie verliebt?“
Olli runzelte die Stirn und hielt in der Bewegung inne. Verwirrt schaute er seine Mutter an.
„Bitte?“
„Ob du genauso in sie verliebt bist, wie sie in dich.“
„Ach Minna“, lachte Olli. „Sade ist nicht in mich verliebt.
Beinahe hätte seine Mutter gelacht. Ihr war ja klar, dass Olli in der Hinsicht ein bisschen naiv war, aber dass er es selbst jetzt nicht gemerkt hatte – unglaublich.
„Warum hat sie dich dann geküsst?“, fragte Minna in der Hoffnung, dass es ihrem Sohn so verständlich werden würde.
„Zum Abschied“, antwortete er und wurde zunehmend ungeduldig. „Ich hab jetzt wirklich keine Zeit, diesen Quatsch mit dir auszudiskutieren.“
„Das ist kein Quatsch, Olli. Dieses Mädchen ist in dich verliebt. Deswegen ist sie von dir weggegangen. Verstehst du das nicht?“
„Nein. Warum sollte sie denn gehen, wenn sie in mich verliebt wäre?“
„Weil sie dir nicht zur Last fallen will. Und wahrscheinlich auch, um ihren Gefühlen aus dem Weg zu gehen.“ Minna stand auf und baute sich vor ihrem Sohn auf, obwohl dieser sie locker um einen Kopf überragte. „Wenn du ihr helfen willst, versuch sie zu finden und schnell wieder loszuwerden. Sie hat schon genug andere Probleme.“
Olli sah seine Mutter verständnislos an. Wie konnte sie so etwas sagen?
„Ich lasse Sade nicht im Stich“, zischte er, drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Wohnung.
Minna sah ihm lächelnd nach. In diesem Moment war sie wirklich stolz auf ihren missratenen Bengel.

Sade hockte auf Kaisas Sofa und schaute Fernsehen. Kaisa selber war einkaufen gefahren, nachdem sie Sade angeboten hatte, die Nacht hier zu verbringen und ihr ein anständiges Abendessen zu machen. Natürlich hatte Sade dankbar angenommen. Sie hätte wirklich nicht gedacht, dass sich ihre Probleme vorläufig so einfach lösen ließen. Auch wenn es nur für eine Nacht war.
Sie schaute auf, als sie die Wohnungstür hörte. Kurz darauf stand ein junger Mann in der Wohnzimmertür und schaute sie an wie eine Kuh wenn’s donnert. Wenn sie richtig informiert war, musste das Ilkka sein, Kaisas Sohn. Nach dem, was sie erzählt hatte, war er einundzwanzig und eigentlich ein recht netter Junge. Das würde sich ja jetzt zeigen.
Sade sprang vom Sofa, zupfte sich die Klamotten zurecht und hielt ihm die Hand hin.
„Hi“, sagte sie leise und lächelte. Gott, war ihr das unangenehm. Immerhin war das hier sein Zuhause und sie ein Eindringling.
„Selber hi“, gab er zurück und schüttelte ihre Hand. „Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber hierfür brauchst du schon eine verdammt gute Erklärung.“
Sade wurde knallrot und starrte zu Boden. „Kaisa hat mich eingeladen“, murmelte sie verlegen. Ilkka runzelte die Stirn, doch dann lächelte er.
„Na dann, willkommen. Ich bin Ilkka.“
„Sade.“
Da sie immer noch zu Boden schaute, merkte sie nicht, dass ihr Gegenüber sie eingehend musterte und sich dann streckte.
„Freut mich. Bleibst du nur zum Essen?“
„Ähm...ich...eigentlich über Nacht, aber ich...“
„Cool.“ Damit drehte Ilkka sich um und ging auf sein Zimmer zu. „Bin gleich wieder bei dir.“
Sade sah ihm verwirrt nach und setzte sich dann wieder aufs Sofa. Er mochte ja wirklich ganz nett sein, aber auch ein bisschen hektisch, fand Sade. Vielleicht täuschte der Eindruck aber auch nur.
Knapp fünf Minuten später kam Ilkka wieder ins Wohnzimmer und setzte sich neben Sade.
„Darf man fragen, wo du herkommst?“, wollte er wissen und nahm ihr die Fernbedienung weg. Sade sah ihn erst etwas irritiert an, dann zuckte sie mit den Schultern.
„Fragen darf man immer.“
„Und würde man auch eine Antwort bekommen?“
„Schon möglich.“
„Und?“
„Was und?“
„Wo kommst du her?“
„Kuopio“, antwortete Sade und holte sich die Fernbedienung zurück. Diesmal war es an Ilkka, etwas verwirrt aus der Wäsche zu gucken.
„Und was machst du dann hier?“, stellte er sich dumm. Für ihn war die Situation etwas unangenehm, aber wenn sie Lunte riechen würde, würde sie höchstwahrscheinlich wieder abhauen.
„Wenn ich das wüsste“, seufzte sie, drückte ihm die Fernbedienung in die Hand und stand auf.
„Wo willst du hin?“, fragte Ilkka.
„Was trinken.“
In dem Moment hörten sie die Wohnungstür, die geöffnet wurden und gingen beide in den Flur. Kaisa stand mit zwei großen Tüten im Türrahmen und lächelte.
„Ihr zwei habt euch also bereits kennen gelernt“, stellte sie fest.
„Ja“, murmelte Ilkka und trug die Tüten in die Kirche. Kaisa und Sade folgten ihm. Er räumte schweigend die Lebensmittel weg, während Kaisa das Essen vorbereitete. Sade stand daneben und kam sich recht nutzlos vor.
Auch das Essen selber verlief eher ruhig, obwohl Kaisa vehement versuchte, die beiden zum Reden zu bringen. Aber Ilkka war auf eine seltsame Art sehr schweigsam, die Sade anscheinend ebenfalls dazu brachte, den Mund zu halten. Es war wie verhext.
„Wie alt bist du eigentlich?“ Ilkka sah Sade von der Seite an. Die beiden hatten angeboten, sich um das Geschirr zu kümmern.
Sade hob den Kopf und sah ihn an.
„Siebzehn“, antwortete sie und beobachtete, wie Ilkka kaum merklich nickte und weiter abwusch. Unter normalen Umständen hätte er ihr gut gefallen, er hatte kurze blonde Haare und helle Augen. Aber dies waren keine normalen Umstände. Insbesondere wegen Olli. Unwillkürlich senkte sie den Kopf. Es tat so weh, an ihn zu denken.
„Hm“, machte Ilkka schließlich und trocknete sich die Hände ab. „Machen deine Eltern sich keine Sorgen? Immerhin bist du ganz alleine unterwegs.“
Sade schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. Sie war sich nicht sicher, warum ihr diese Frage so seltsam vorkam, aber das tat sie.
„Was ist?“, wollte Ilkka verwirrt wissen, als er ihren Gesichtsausdruck sah.
„Nichts“, antwortete Sade schnell. „Gar nichts.“
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