Kapitel 7


Tag 14, Donnerstag


Laut der Uhr auf seinem Handy war es zwei Uhr morgens. Olli rieb sich verschlafen die Augen und sah noch mal hin. Es war immer noch zwei Uhr.
Jenna, die neben ihm lag, gab im Schlaf seltsame Laute von sich. Es schien, als würde sie davon träumen, verfolgt zu werden und total außer Atem zu sein. Es hörte sich sehr seltsam an.
Er schwang sich aus dem Bett und verließ so leise wie möglich das Schlafzimmer. Sade hatte es freundlicherweise für diese Nacht geräumt. Der Vorschlag war sogar von ihr gekommen. Nun befürchtete Olli, dass sie ahnte, was los war. Und was sie davon hielt. Er wollte sie auf keinen Fall vor den Kopf stoßen. Immerhin wollte er eigentlich für sie da sein und jetzt verbrachte er die Nacht mit irgendeinem Mädchen, statt sich um sie zu kümmern. Ein schöner Freund war er.
Total verschlafen torkelte Olli zum Badezimmer und warf dabei einen flüchtigen Blick zum Sofa. Dann ging er seinen Bedürfnissen nach und schlich zurück zum Schlafzimmer. Auf halbem Weg fiel ihm etwas auf: das Sofa war leer!
Verwirrt blieb er stehen und sah sich um. Doch Sade war nirgendwo zu sehen. Nicht in der Küche und wenn sie auf Toilette gegangen wäre, hätte er ihr Begegnen müssen. Wo steckte sie?
Zumindest ihr Rucksack war noch da, er stand friedlich in der Ecke neben dem Fernseher. Damit war Ollis erste Vermutung als falsch erwiesen worden. Warum sollte sie auch abhauen? Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass sie weglief.
Olli wusste genau, dass er nicht wieder einschlafen könnte, bevor er wusste, wo Sade steckte und ob alles in Ordnung war. Sie hatte sich schon am Nachmittag so seltsam benommen.
Da er absolut keine Ahnung hatte, wo er mit dem Suchen beginne sollte, ging er erst mal auf die Veranda und sah sich dort um. Es war mal wieder eine ziemlich warme Nacht. Als er sie nicht entdeckte, ging er einmal ums Haus herum und beschloss dann, dass es nicht Schaden konnte, am See nach ihr zu suchen.
Schnell lief er das kleine Stück bergab und schlug dann die Richtung zur Sauna ein. Doch noch bevor er drei Meter gekommen war, entdeckte Olli Sade, die auf dem Steg saß und auf den See hinaus blickte. Erleichtert atmete er auf und schlenderte dann zu ihr.
„Hey“, rief er schon von weitem, um sie nicht zu erschrecken. Sade drehte sich nicht um.
„Hallo“, murmelte sie, als er sich neben sie setzte.
„Dass wir uns hier treffen“, witzelte Olli schwach und sah sie von der Seite an. Sie starrte weiterhin mit traurigem Blick vor sich hin. „Soll ich wieder gehen?“, fragte Olli leise.
„Nicht nötig“, flüsterte Sade. „Ich denk nur nach, dass kann ich auch, wenn einer neben mir sitzt und mich vollquasselt.“
„Wenn du meinst“, erwiderte Olli und streckte die Beine aus.
„In zwei Wochen werd ich achtzehn. Dann kann ich endlich tun und lassen, was ich will. Und ich muss nicht nach Hause. Und du bist mich dann endlich los.“
Olli sah sie geschockt an. „Wieso sollte ich dich loswerden wollen?“
Sade lächelte ihn nur an, sagte aber nichts. Verwirrt kratzte Olli sich am Kopf.
„Ich werde einfach nicht schlau aus dir“, murmelte er. „Erst ist alles in Ordnung, dann plötzlich wieder nicht. Sag mir doch, wenn ich irgendwas getan hab.“
„Wenn man so will, hast du nichts getan, sondern ich. Deswegen muss ich auch damit klar werden.“
„Sagst du mir auch, was es ist?“
„Lieber nicht.“
„Weißt du, du scheinst immer irgendwelche Geheimnisse mit dir rumzutragen. Ist ja eigentlich auch normal, aber wenn man Geheimnisse hat, die einen total auffressen – und das tun sie offensichtlich mit dir – ist es meistens besser, darüber zu reden. Oder vertraust du mir nicht?“
„Doch. Aber das hat zu viel mit dir zu tun.“ Sade legte sich auf den Rücken und schaute in den Himmel. Eine Weile verging, bevor sie weitersprach. „Ich bin so blöd. Ich kann es selber kaum fassen, wie bescheuert ich bin.“
„Hey, Selbstbeschimpfung hat noch niemandem geholfen. Genauso wenig wie daraus resultierende Depressionen. Also, weniger Selbsthass, mehr Offenheit. Onkel Olli hat ein Ohr für dich.“
„Danke“, grinste Sade. „Aber das würdest selbst du nicht verstehen können.“
„Du machst mich verdammt neugierig, Weib“, brummte Olli missmutig.
„Hm“, machte Sade nur und schloss die Augen. Olli sah sie kurz an und wandte seinen Blick dann auf das Wasser. Ob ihr immer noch das mit ihren Eltern zu schaffen machte? Aber was sollte das mit ihm zu tun haben? Oder war sie etwa doch sauer, weil sie wegen Jenna zurückstecken musste? Er kam auf keinen Nenner, so sehr er es auch versuchte. Sade war ihm im Moment ein wahres Rätsel.
„Weißt du, was mir im Sommer am meisten fehlt?“, sagte er schließlich und sah aus dem Augenwinkel, wie Sade sich aufsetzte.
„Nein. Was?“
„Die Sterne.“
Sade sah ihn erst ein wenig verwundert an und lächelte dann leicht. Eine Weile saßen sie stumm beieinander und hingen ihren Gedanken nach. Doch dann stand Olli auf und klopfte sich den imaginären Schmutz von der Hose.
„Warte kurz“, befahl er und schon war er verschwunden.
Drei Minuten später hörte Sade ihn wieder über den Steg auf sie zu kommen. Sie drehte sich um und entdeckte, dass er etwas unter den Armen trug.
„Was ist denn das?“, fragte sie ungläubig.
„Schlafsäcke“, erklärte er und ließ selbige auf den Steg fallen, wobei einer um ein Haar im See gelandet wäre. Sade konnte ihn im letzten Moment festhalten.
„Und wozu?“, wollte sie wissen.
„Was denkst du denn – zum Schlafen natürlich.“
„Du willst hier schlafen?“, sagte Sade ungläubig. „Was ist mit Jenna?“
„Ach, die schläft tief und fest.“ Olli rollte die Schlafsäcke aus und krabbelte seinerseits in einen von ihnen. „Außerdem kann man mit dir viel besser die Sterne vermissen.“
Sade schüttelte lächelnd den Kopf und kroch ebenfalls in einen Schlafsack. Sie robbte an Olli heran und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick und strich ihr über die Haare.
„Wenn wir aufwachen warten wir bis Jenna weg ist und dann holen wir uns ein paar DVDs. Was hältst du davon?“
„Eine Menge“, nuschelte Sade in den warmen Stoff hinein.
„Sehr gut.“ Olli verschränkte die Arme unterm Kopf und lächelte vor sich hin. Wenn Jenna erst mal weg wäre, würde der Alltag – falls man das so nennen konnte – endlich wieder hergestellt sein. Hoffentlich würde Sade dann wieder normal werden – oder ihm zumindest sagen, warum das nicht möglich war.

Jenna machte sich am nächsten Mittag auf den Weg nach Joensuu. Sade und Olli brachten sie noch zum Auto, das direkt hinter Ollis BMW stand.
„Also dann“, sagte sie, bevor sie in den Volkswagen stieg. „Macht’s gut. Rufst du mich an?“, fragte sie mit einem strahlenden Lächeln an seine Adresse. Sie erwartete anscheinend keine Antwort, denn sie war schon fast eingestiegen, als Ollis Räuspern sie in der Bewegung erstarren ließ.
„Ich denke nicht“, sagte er und sowohl Jenna als auch Sade schauten ihn verwundert an.
„Nicht?“, stieß Jenna zwischen den Zähnen hervor. „Und warum nicht?“
„Das passt einfach nicht. Entschuldige.“
„Seit wann bist du denn auf feste Beziehungen aus?“, zischte Jenna biestig.
„Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht“, erwiderte Olli ruhig und legte einen Arm um Sades Schultern, die das Ganze etwas perplex verfolgte.
„Hat das etwa was mit ihr zu tun?“, wollte Jenna wissen.
„Unter anderem“, räumte Olli ein. Jenna stieß laut die Luft aus und stieg in ihren Wagen.
„Du bist ja krank“, befand sie. „Sie ist deine Schwester, man!“ Damit knallte sie die Autotür zu und wendete so rasant, dass sie eine riesige Staubwolke aufwirbelte. Kurz darauf war das Auto aus Ollis und Sades Sichtfeld verschwunden.
„Hehe“, machte Olli nur. „Da hat sie wohl etwas falsch verstanden. Komm, wir fahren nach Mikkeli.“
Sie gingen wieder ins Haus, sammelten ein paar Sachen zusammen und machten sich anschließend auf den Weg in die Stadt. Wie die letzten zwei Wochen war es ziemlich heiß, doch heute lag etwas in der Luft. Der Regen würde sehr bald kommen.
Olli und Sade brüteten in dem BMW vor sich hin, obwohl sie beide ihre Fenster auf hatten. Zum Glück dauerte der Weg nicht allzu lange und als sie endlich aus dem Wagen stieg, seufzte Sade vor Erleichterung.
„Meine Klamotten kleben an meinem Körper“, ächzte sie und zupfte an dem schweißnassen Shirt herum, das sie trug.
„Willkommen im Club.“ Olli grinste und zog sich sein T-Shirt kurzerhand aus. Unwillkürlich wich Sade einen Schritt zurück und drehte sich um. Sie atmete einmal tief durch um ihren Herzschlag wieder in den Griff zu bekommen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Musste er ihr es denn so schwer machen?
„Ist was?“, fragte Olli mit einem spielerischen Unterton.
„Nö, wieso?“
„Magst du mich etwa nicht anschauen?“, stichelte er.
„Ach was.“
„Na dann.“ Olli schlich sich von hinten an Sade heran und schlang seine Arme um sie. Sie spürte seinen warmen Körper, der ihr nasses T-Shirt an ihren Rücken presste.
„Oh, iieh!“, rief sie aus und machte sich von ihm los. „Das ist ja widerlich.“
Olli lachte nur und zog sich sein Shirt wieder an.
„Los, gehen wir“, meinte er und schloss das Auto ab. Sade folgte ihm brav und zupfte im Gehen die ganze Zeit an dem Stoff herum. Sie hasste das Gefühl, wenn er feucht an ihrem Rücken klebte. Das war ein Aspekt am Sommer, den sie überhaupt nicht ausstehen konnte.
Sie gingen eine Weile in sehr langsamen Tempo Richtung Innenstadt, um eine Videothek zu finden. Das war gar nicht so leicht in einer Stadt, in der man sich nicht auskannte. Allerdings waren die Straßen relativ leer, die Leute, die konnten, blieben in ihren Häusern oder Wohnungen und genossen die Erfindung des Fernsehers.
„Olli?“, sagte Sade nach einer Weile zögerlich. Olli blieb stehen, als er merkte, dass sie nicht weiterging.
„Ja?“, fragte er misstrauisch. Sie hatte so einen komischen Gesichtsausdruck, so abwesend.
„Können wir uns hier in einer halben Stunde wieder treffen? Ich muss was besorgen.“
„Hm“, machte Olli und lächelte leicht. „Und ich darf nicht wissen, was, oder?“
„Richtig“, murmelte Sade und senkte den Kopf. Olli hatte ein mulmiges Gefühl im Magen bei dem Gedanken, sie alleine gehen zu lassen, doch er legte einfach eine Hand auf ihre Haare und zuckte mit den Schultern.
„Wehe, du bist spät dran“, witzelte er schwach. Dann steckte er seine Hände in die Hosentaschen und ging weiter. Als er sich nach einer halben Minuten umdrehte, was Sade schon aus seinem Sichtfeld verschwunden.
Verwirrt lief er weiter die Straße entlang und dachte über ihr seltsames Verhalten nach. Was hatte sie jetzt schon wieder vor? Er wurde das Gefühl nicht los, dass es Ärger geben würde, weil er sie hatte gehen lassen. Dieser bohrende Gedanke, dass etwas passieren würde. Man wusste nicht wann, man wusste nicht was aber irgendetwas würde passieren. Und vermutlich war es nichts Gutes.
Nachdenklich kaufte er sich eine Cola und schlenderte weiter. Ob ihre Eltern sich noch hier in der Gegend aufhielten? Ehrlich gesagt konnte er sich das nicht so wirklich vorstellen. Allerdings konnte er sich genauso wenig vorstellen, dass sie einfach aufgegeben hatten.
Hauptsache, der Kleinen passiert nichts, dachte Olli und blieb stehen. Er stand direkt vor einer Videothek. Zufrieden ging er hinein. Wie automatisch steuerte er die Horror- und Actionfilme an. Schließlich besann er sich aber doch. Immerhin war er nicht alleine.
Er stellte sich vor ein Regal und runzelte die Stirn. Auf was für Filme Sade wohl stand? Er hatte keinen blassen Schimmer. Auf einen Liebesfilm hatte er keine Lust und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass Sade sich mit ihm so eine Schnulze anschauten wollte. Sowas war etwas für Paare oder fürs erste Date.
Schließlich entschied er sich für eine Komödie. Damit würde er ja wohl nichts falsch machen. Er las sich den Text auf der Rückseite der DVD genau durch, um mögliche Fettnäpfchen zu vermeiden. Er hatte sich das angewöhnt, nachdem er für sich und seine damalige Freundin „Friedhof der Kuscheltiere“ ausgeliehen hatte. Was er nicht gewusst hatte, war, dass ihr Hamster in der Nacht zuvor das Zeitliche gesegnet hatte. Das Mädchen hatte drei Stunden lang geweint und den Film hatte er bis heute nicht bis zum Schluss gesehen.
Nachdem Olli die Videothek wieder verlassen hatte, ging er im gemütlichen Tempo zum Treffpunkt zurück. Er hatte noch eine gute Viertelstunde, bis sie sich wieder treffen wollten und er ging nicht davon aus, dass Sade jetzt schon wieder da war.
Er dachte über Jenna nach und darüber, warum er ihr gesagt hatte, dass er sie nicht mehr anrufen würde. Wie blöd war er eigentlich, es war doch immer gut, sich ein, zwei Möglichkeiten warm zu halten.
Du bist ein Idiot, du magst Jenna noch nicht mal, schalt er sich selbst. Sie war irgendwie zu...ja, was eigentlich? Zu zickig, zu avanciert? Wahrscheinlich. Aus irgendeinem Grund war er dessen über. Das Landleben machte ihn zu einem richtigen Bauernbengel. Olli grinste bei dem Gedanken. Und selbst wenn, Veränderung war immer mal ganz gut. Er war zufrieden hier, aus irgendeinem Grund fehlte ihm sein Leben in der Stadt kaum. Hier gab es nur ihn. Und Sade natürlich. Sie war wirkliche eine äußerst angenehme Gesellschaft. Wie eine Schwester eben. Und nicht so kompliziert wie Jenna.
Auf einmal schämte er sich. Er dachte nur an sich und wie es ihm ging. Er vergaß manchmal einfach, was Sade durchgemacht hatte. Es musste hart sein, niemanden zu haben, dem man vertrauen konnte, außer einem Fremden Bengel aus der Hauptstadt. Olli versuchte, sich das Gefühl vorzustellen, doch es ging nicht.
Jetzt war dieses ungute Gefühl wieder da, dieses Unwohlsein. Hoffentlich war Sade okay. Er würde so lange für sie da sein, wie sie ihn brauchte, das war mal sicher.
Als Olli wieder am Treffpunkt angelangt war, saß Sade schon auf dem Bordstein und brütete in der Hitze vor sich hin. Ihre Stirn lag auf ihren Knien und die Arme hatte sie vor dem Bauch verschränkt.
„Sade?“, fragte Olli besorgt.
„Ich sterbe“, nuschelte sie. „Ich werde einen Hitzschlag bekommen und elendig dahinsiechen.“
„Es sei denn du stehst jetzt auf und wir fahren zurück, um schwimmen zu gehen.“ Olli griff ihr unter die Arme und zog sie vom Bürgersteig hoch. Folgsam trottete sie hinter ihm her zum Auto und in tiefem Schweigen fuhren sie zurück zum Sommerhaus.

Nachdem Sade und Olli eine ausgiebige Runde geschwommen waren, machten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich. Sie hatten sich ein Sixpack auf den Tisch gestellt und ein paar Brötchen zum Aufbacken in den Ofen geschoben.
„Hier.“ Sade reichte Olli ein kleines Päckchen, als sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. „Ein kleines Dankeschön.“
„Cool, danke.“ Olli hielt sich nicht sehr lange an dem Papier auf, mit dem das Geschenk umwickelt war und bereits zwei Sekunden später hielt er das Album von Uniklubi in der Hand. Sade lächelte schüchtern.
„Du hast mal gesagt, dass du das ganz gerne hättest“, murmelte sie und spielte nervös mit ihren Fingern. Sie hoffte sehr, dass es Olli gefallen würde.
„Wow.“ Er drehte und wendete die Plastikhülle ein paar Mal, dann legte er die CD beiseite, um Sade zu umarmen. „Das ist toll, vielen Dank.“
„Kein Problem“, erwiderte Sade und genoss seine Nähe. Sie schloss die Augen und legte die Arme um ihn. Ihr kamen fast die Tränen, wenn sie an die Aussichtslosigkeit ihrer Situation dachte. Sie hatte sich den einen Kerl verliebt, den sie kaum kannte und der Mädchen wie sie eigentlich nichtmal ansah. Es war zum verrückt werden. Sie war einfach nicht gerade vom Glück verfolgt. Und dazu kam dann auch noch Pech.
Schließlich schob Olli die DVD in den Spieler und startete den Film.
„Ich wollte keinen Liebesfilm nehmen“, erklärte er beiläufig und grinste sie an. „Das ist nur was für Verliebte.“
Sade zwang sich zu einem Lächeln. Doch eigentlich war ihr zum Heulen zumute.
Da der Film eine Komödie war, konzentrierte Sade sich darauf, bei jeder Poente zu lachen und dabei möglichst ehrlich zu wirken. Doch das war bei Gott nicht einfach. Sie wusste, dass Olli sie im Auge hatte. Das hatte sie von Anfang an gemerkt. Er meinte es ja nur gut, immerhin wollte er sie ja nur aufheitern. Trotzdem fiel es ihr schwer, die ganze Zeit glücklich und unbeschwert zu wirken.
Schließlich bemerkte sie, dass er eingeschlafen war. Sein Kopf ruhte auf seinem Brustbein und er atmete tief und gleichmäßig. Sade lächelte, hockte sich vor ihn und beobachtete ihn eine Weile beim Schlafen. Ja, sie liebte diesen Jungen. Und genau deswegen musste sie jetzt gehen.

Olli schreckte auf. Er hatte schlecht geträumt. Irgendetwas verrücktes von menschenfressenden Erbsenschoten.
Abgefahren, dachte er und stand auf. Während er sich ausgiebig die Augen rieb stellte er fest, dass Sade weg war. Sie war wahrscheinlich ins Bett gegangen und hatte ihn nicht wecken wollen.
Er streckte sich und holte sich sein Bettzeug aus dem Schrank im Wohnzimmer. Dann legte er sich aufs Sofa, machte den Fernseher aus und schloss die Augen. Es war zwar erst zehn, aber ihm kam es vor, als hätte er seit Tagen kein Auge mehr zugemacht.
Etwa zehn Minuten später beschloss er, lieber doch noch mal nach Sade zu sehen. Vielleicht konnte sie ja auch nicht einschlafen.
Er stand auf, schlich zum Schlafzimmer und trat ein.
Sie war nicht da. Und was noch viel schlimmer war: ihr Rucksack war ebenfalls verschwunden.
Olli fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Sie hatte es schon wieder getan. Sie hatte schon wieder das Weite gesucht. Dieses dumme Gör! Sie hatte ja keine Ahnung, was sie tat. Sie wusste doch nichtmal, wohin sie sollte. Warum haute sie denn einfach ab?
Olli fluchte lautstark und schnappte sich dann seine Autoschlüssel. Er musste sie finden. Hätte sie nicht wenigstens die Nacht abwarten können?
Er rannte zum Auto, ließ den Motor an und raste davon. Schon als er den Schotterweg verließ, sah er die dunklen Wolken am Himmel. Die heiße, schwüle Phase war also endgültig vorbei.
Mit viel zu hoher Geschwindigkeit fuhr er Richtung Mikkeli. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie dorthin gefahren war. Wahrscheinlich wollte sie zum Busbahnhof und sich sonst wohin absetzen. Und wenn sie erst mal in einem Bus saß, würde es viel zu schwer sein, sie zu finden. Das wusste er.
Wenn er Glück hatte, würde sich der Kartenverkäufer an sie erinnern, falls er sie verpasste. Aber wie wahrscheinlich war das schon? Mädchen in ihrem Alter gab es genug in Finnland. Und auch wenn nicht alle davon in Mikkeli Busfahrkarten kauften, war es doch recht unwahrscheinlich. Besonders, wenn die Angestellten in Schichten arbeiteten. Dann gab es keine Chance, ihr rechtzeitig auf die Spur zu kommen.
Olli schnaubte. Was hieß hier eigentlich rechtzeitig? Sie konnte nirgendwo hin. Wenn sie nicht gerade den Rest ihres Lebens in ihrem Zelt fristen wollte, musste sie irgendwo wieder auftauchen. Und dann wären wahrscheinlich ihre Eltern zur Stelle. Selbst wenn sie in zwei Wochen achtzehn werden würde, wäre es immer noch verdammt schwer, sich vor den Behörden und ihren Eltern zu verstecken. Immerhin war sie schon seit mehr als zwei Wochen verschwunden. Wenn er ehrlich war, es hatte ihn schon ein bisschen gewundert, dass nie die Polizei vor der Tür gestanden hatte um Sade abzuholen.
Wahrscheinlich war es gar nicht mal so blöd von ihr, den Standort zu wechseln. Früher oder später hatte man sie hier aufgespürt. Warum regte er sich eigentlich so auf? Er sollte lieber froh sein, dass er sie los war.
Fluchend schlug Olli aufs Lenkrad. So ein Schwachsinn, er würde Sade nicht im Stich lassen. Er würde bis zum Ende für sie da sein. Und länger. Er hatte diese Nervensäge zu sehr ins Herz geschlossen, als dass er sie einfach in ihr Verderben ziehen lassen würde. Na gut, das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber er bezweifelte stark, dass es so gut für sie war, alleine durch die Weltgeschichte zu tingeln.
Olli musste zugeben, dass ihn dieser ausgeprägte Beschützerinstinkt wirklich ein wenig überraschte. Immerhin war er Einzelkind und keine seiner Beziehungen hatte länger als ein paar Monate gedauert. Er konnte nicht gerade behaupten, ein Experte in emotionalen Bindungen zu sein, sobald es über die Liebe zu den Eltern hinausging. Andererseits war das hier etwas ganz anderes. Sie war wie eine Schwester für ihn, da war es doch nur normal, dass er sie vor Gefahren beschützen und für sie da sein wollte.
Olli wurde immer unruhiger. Nervös trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad und ließ dreimal das Getriebe aufheulen, als er die Gänge nicht richtig einlegte. Verwundert stellte er fest, dass er schwitzte, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief. Es war zwar immer noch schwül, selbst im Auto, aber trotzdem überraschte es ihn.
Endlich passierte er die Ortseinfahrt von Mikkeli. Er ging mit der Geschwindigkeit runter, fuhr aber immer noch deutlich über dem Limit. Er warf einen Blick auf die Uhr. Selbst wenn sie sofort aufgebrochen war, als er eingeschlafen war, dürfte sie gerade erst hier angekommen sein. Er bezweifelte, dass sie sich ein Taxi gerufen hatte. Es war also nur der Bus geblieben und der fuhr eine Weile, weil er an jedem Hühnerstall Halt machte. Olli selbst mochte Langstreckenbusfahrten nicht. Zu unbequem, zu langweilig und vor allen Dingen viel zu lange.
Mit Schwung fuhr er auf den Parkplatz des Busbahnhofes. Gott sei Dank kannte er sich hier gut aus, sonst hätte ihm die Suche wirklich den Rest gegeben.
Er hielt genau vor dem Gebäude, sprang aus dem Auto und schloss es im Laufen ab. Im Stillen dankte er der Entwicklung der Technologie für die Erfindung der Fernbedienung. So musste er sich wenigstens um das Auto keine Sorgen machen.
Bei Sade sah das schon ganz anders aus. Wo zur Hölle war sie? Er konnte sie in der Eingangshalle nirgendwo entdecken. Entweder war sie auf einem der Bussteige oder schon weg. Olli hoffte, dass ersteres zutraf und sprintete durch die Tür, die zu den Bussen führte. Draußen angekommen sah er sich hektisch um. Einige Busse standen schon bereit. Er stand direkt vor dem nach Vaasa, rechts davon stand der, der über Kuopio nach Joensuu fuhr. Aus irgendeinem Grund schloss er diesen kategorisch aus.
Er lief ein paar Meter nach rechts, konnte Sade aber nirgends entdecken, weder auf den Bussteigen noch in einem der Busse. Also rannte er links runter.
Dann entdeckte er sie. Sie hievte gerade ihren Rucksack in den Gepäckraum. Als er sicher verstaut war, schlug der Busfahrer die Klappe zu und die beiden drehten sich um. Sade erbleichte, sie schien regelrecht in sich zusammenzufallen. Sofort ging Olli zu ihr und nahm sie in die Arme. Er drückte ihren Körper mit der einen Hand fest an seinen, mit der anderen hielt er ihren Hinterkopf.
„Du bist so blöd“, murmelte er und hielt sie noch fester.
„Ich kann nicht bleiben“, gab sie zurück. Olli spürte, wie sein T-Shirt feucht wurde an der stelle, wo ihre Augen waren.
„Wo willst du denn hin?“
„Weiß ich nicht.“
„Ich lass dich nicht gehen.“
„Das wirst du wohl müssen.“
„Aber warum denn? Was ist denn bloß passiert?“
Sade antwortete nicht. Stattdessen machte sie sich von ihm los und schaute ihn mit traurigen Augen an. Seine Haare klebten schweißnass an seiner Stirn, seine Wangen waren rot vor Aufregung und durch sein dünnes Shirt zeichneten sich die Schlüsselbeine ab. Und selbst so sah er noch gut aus.
„Auf Wiedersehen. Danke für alles, Olli.“
„Ich meinte das ernst“, sagte er. „Ich lass dich nicht einfach so gehen. Nicht ohne Grund. Bitte!“
Sade lächelte kurz. Dann beugte sie sich vor, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz auf die Lippen. Doch bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich der Busfahrer ein, der bis dahin recht überrumpelt daneben gestanden hatte.
„Entschuldigung, Fräulein, aber wir müssen wirklich los.“
„Natürlich.“ Sade reichte ihm ihre Fahrkarte und lächelte leicht. Der Busfahrer nickte und stieg schon ein.
„Geh nicht“, bat Olli.
„Ich mach dir ja doch nur Schwierigkeiten“, erwiderte Sade und umarmte ihn ein letztes Mal. „Ich bin vom Unglück verfolgt. So ist das nun mal.“
Sie löste sich von ihm und ging an ihm vorbei, eine Hand auf seiner Schulter. Olli hörte, wie sie in den Bus steig, der Motor angeworfen wurde und sich das Ungetüm langsam rückwärts bewegte. Er wagte nicht, aufzusehen. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass er es nicht ertragen konnte. Deshalb versuchte er zu ignorieren, dass der Bus langsam das Gelände verließ und ihm die Person nahm, die ihm so viel bedeutete, wie er es nie für möglich gehalten hatte. Er hatte das Gefühl, als würde ihm gerade gewaltsam ein Stück seines Herzens aus dem Körper gerissen werden und er konnte nur zuschauen.
Müde sank er auf die Knie und schaute endlich auf. Der Himmel war von dicken dunklen Wolken behangen und ließ die sonst so helle Sommernacht dunkel erscheinen.
Als der Regen kam wurde Olli klar, dass er Sade verloren hatte.
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