Kapitel 4


Tag 7, Donnerstag


„Aufstehen, wir haben eine Menge zu tun.“ Olli riss Sade die Decke weg und lächelte über ihren müden und überraschten Gesichtsausdruck.
„Was soll das?“, murrte sie und tastete nach ihrer Bettdecke, die sich mittlerweile auf dem Boden befand.
„Du hast dich hier jetzt zwei Tage ausgeruht, es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen“, erklärte Olli und sprang auf das Bett.
„Und was?“, fragte Sade müde und setzte sich gähnend auf. Olli war schon in kompletter Montur, sogar die Schuhe hatte er schon angezogen.
„Zuerst mal besorgen wir die etwas zum Schwimmen“, meinte Olli. „Du kannst doch bei dem Wetter nicht nicht schwimmen.“
„Ach, geht schon...“, murmelte Sade und wünschte sich zurück ins Land der Träume.
„Red nicht. Steh auf. Wir fahren nach Mikkeli und machen uns einen richtig schönen Tag.“
„Aber ich hab nicht so viel Geld.“
„Sieh es als Geschenk.“
„Aber...“ Sade hielt inne. Aber mein Vater, hatte sie sagen wollen. Doch es kam ihr nicht über die Lippen. Trotzdem verstand Olli. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Ich pass auf dich auf.“

Eine halbe Stunde später befanden sich die zwei auf dem Weg nach Mikkeli. Olli hatte das Radio aufgedreht und sang aus vollem Hals mit. Auch Sade setzte ein paar Mal mit ein. Je mehr sie mit Olli zusammen war, desto leichter fiel es ihr, alles – wenn auch nur für eine Weile – zu vergessen.
Immer wieder trafen ihre Augen die von Olli und jedes Mal fühlte sie sich ein bisschen leichter. Sie hatte da Gefühl, seit Jahren nicht mehr so sorglos gewesen zu sein.
Schließlich drehte sie die Lautstärke runter und sah Olli an.
„Erzähl mir was von dir“, bat sie. Olli sah sie zwar erst etwas verwirrt an, legte dann aber los.
„Ich bin Olli“, begann er und grinste. „Ich bin sensationelle zweiundzwanzig und kein Stück weiser.“
„Soll in den besten Familien vorkommen“, kommentierte Sade.
„Apropos Familie“, fuhr Olli fort. „Meine Mutter ist Anwältin, mein Vater Professor an der TKK in Espoo. Ich bin ein ganz schön verwöhntes Blag“, witzelte er.
„Und was hast du für Hobbies?“
„Ausgehen“, antwortete Olli prompt. „Und Eishockey spielen ist auch ganz lustig. Im Sommer Fußball.“
„Ausgehen, oho“, zog Sade ihn auf und suchte auf dem Rücksitz nach der Flasche Wasser, die sie mitgenommen hatten.
„Ja, ich bin ein Frauentyp, weißt du.“
„Natürlich“, meinte Sade und drehte sich wieder nach vorne. Olli schaute sie gespielt empört an.
„Was denn? Bin ich.“
„Also hast du eine Freundin?“, hakte Sade nach und trank einen Schluck ziemlich warmes Mineralwasser.
„Ach Quatsch. Dazu bin ich viel zu polygam veranlagt.“
„Ah. Dann kann ich mich richtig glücklich schätzen, dass du es so lange mit mir aushältst, was?“, bemerkte sie halb im Spaß.
Olli dachte eine Weile nach. Schließlich sah er sie an. „Bei dir ist das was anderes“, erklärte er. „Du bist wie eher wie eine Schwester.“
Sade grinste. „Also hab ich keine Chance bei dir? Verdammt!“ Sie streckte ihm die Zunge raus und warf die Flasche wieder zurück auf den Rücksitz. Der Inhalt war mittlerweile wirklich nahe an der Grenze zu ungenießbar. Aber das war wohl das Opfer, das man für dieses großartige Sommerwetter bringen musste.
„Na, das haben wir ja wohl schon ganz am Anfang geklärt, oder?“
„Da ist was dran“, räumte sie ein und rutschte im Sitz ein Stück weiter nach unten. „Dann muss ich mir darum wenigstens keine Sorgen machen.“

„Das ist nicht dein ernst, oder?“ Sade sah ungläubig auf Olli, der verständnislos zurückschaute.
„Wieso denn?“, fragte er und sah an sich hinunter. Er trug knallrote Bermudashorts und sah, Sades Meinung nach, aus wie Sebastian die Krabbe im Sommerurlaub.
„Du siehst aus wir gargekocht“, antwortete Sade und schob ihn zurück in die Umkleidekabine. Sie selbst war bereits, dank tatkräftiger Unterstützung von Ollis Kreditkarte, voll ausgestattet.
„Oho, was hast du denn jetzt vor, meine Liebe?“, witzelte Olli und grinste anzüglich.
„Ich kleide dich vernünftig ein.“
„Was heißt hier vernünftig? Seh ich nicht geschmeidig aus?“ Olli stemmte die Hände an die Hüfte und versuchte verführerisch auszusehen. Unter lautem Lachen drehte Sade sich von ihm weg und durchsuchte die Kleiderständer nach einer anständigen Hose.
„Muss es bunt sein?“, rief sie Olli irgendwann zu.
„Nee, Schwarz ist okay.“
„Alles klar.“ Sade suchte eine kleine Auswahl an schwarzen Shorts heraus und ging damit zurück zu Olli, der immer noch in seiner Kabine hockte. Sie reichte ihm die Hosen hinein. „Probier die mal an“, meinte sie und lehnte sich an die Wand neben den Vorhang der Kabine. Kurz darauf kam Olli in schlichten Shorts heraus, die bis kurz unters Knie reichten.
„Sind die gut?“, fragte er Sade und drehte sich einmal. Ein etwas älterer Herr lächelte in ihre Richtung.
„Na, junger Mann, Ihre Freundin hat sie aber ganz schön in der Hand, was?“, fragte er freundlich. Olli lächelte zurück und legte einen Arm um Sades Schultern.
„Und wie. Die Frau ist total kontrollsüchtig.“
„Red keinen Quatsch“, zischte Sade und rammte Olli leicht den Ellenbogen in die Seite. Der Mann lachte und ging.
„Was denn?“, wollte Olli mit Unschuldsmiene wissen.
„Ich hab keinen Kontrolltick!“, klärte Sade ihn auf. „Ich finde nur, dass die roten Shorts etwas von einem Hummer hatten.“
„Ich geb dir gleich Hummer“, sagte Olli und nahm sie spielerisch in den Schwitzkasten. „Mir steht Rot ganz fantastisch, verstanden?“
„Ja, ja, schon gut“, gab Sade lachend nach, während sie versuchte, sich aus Ollis Armen zu befreien. Schließlich ließ er freiwillig los und rieb sich nachdenkend das Kinn.
„Aber ich glaube du hast recht, die schwarzen Shorts sind besser.“ Damit verschwand er wieder in der Umkleidekabine und zog sich um. Anschließend bezahlte er die Hose und sie beendeten den Einkaufsbummel offiziell.
Eine Weile gingen sie durch die Straßen Mikkelis und redeten über alles und nichts. Olli versuchte, trotz seiner Neugier, die Sache mit Sades Vater nicht anzusprechen. Es war das erste Mal, dass er sie so fröhlich erlebte und das wollte er nicht kaputt machen. Er stellte fest, dass das Mädchen wirklich eine ausgezeichnete Gesellschaft war. Wären seine Eltern noch dabei gewesen, wäre er sich wie auf einem Familienausflug vorgekommen. Vielleicht konnte er sie ja irgendwann mal mitnehmen, wenn er mit seinen Eltern irgendwo hinfuhr.

„Auf keinen Fall!“
„Aber wie!“
„Niemals!“
Olli stöhnte auf und rollte mit den Augen. „Wenn ich es dir doch sage. Willst du es sehen?“
„Pah, ich wette der Beweis liegt in Helsinki“, meinte Sade und wechselte die Hand, mit der sie ihre Taschen trug.
„Natürlich.“
„Dann müsste ich ja erst dahin kommen.“
„Eben“, grinste Olli.
„Ich glaub dir sowieso kein Wort. Du bist niemals zum hübschsten Jungen deiner Abschlussklasse gewählt worden.“
„Natürlich. Das haben wir aus Spaß am Ende gemacht. Mister- und Misswahlen. Und ich hab gewonnen.“
„Warst du der einzige Kandidat?“
„Weiber“, schmollte Olli. „Wissen nie, was sie an einem haben.“
„Ich frag ja nur“, verteidigte Sade sich. „Mal abgesehen davon, hab ich dich ja gar nicht.“
„Und auf diese Weise wirst du das auch nicht ändern!“ Olli beschleunigte seine Schritte und tat furchtbar beleidigt. Sade holte ihn wieder ein und sah ihn von der Seite an. Er hatte die Augen geschlossen und trug die Nase so hoch, dass er aussah wie ein Hund, der in der Luft schnüffelte.
„Hey, Olli“, meinte Sade nach einer Weile.
„Ja?“, fragte er, doch es war zu spät. Mit einem dumpfen Geräusch lief er gegen eine Straßenlaterne und ließ vor Schreck seine Plastiktaschen fallen. Sade grinste breit über sein erstauntes Gesicht.
„Alles klar?“, wollte sie wissen und begutachtete seine Nase, die etwas rot war, aber sonst nicht weiter gelitten hatte.
„Ja“, murrte Olli und schielte sie sauer an. „Du hast das kommen sehen, oder?“
„Vielleicht.“
„Gemeinheit“, beschwerte er sich und sammelte seine Tüten wieder ein.
„Da hilft nur eins“, befand Sade und steuerte den nächsten Kiosk an. Sie kaufte sich und Olli zwei Wassereis und hielt ihm eins mitsamt Papier an die Nase.
„Ich krieg Frostbeulen“, brummte Olli.
„Wovor hast du Angst? Dass du nicht den Preis zu Mister Nasenschwellung gewinnst?“
„Du kannst mich mal, Sade.“
„Ja, ja, gleich.” Sie nahm das Eis wieder weg und drückte es ihm in die Hand. „Besser?“
„Vielleicht“, äffte er sie nach und legte dann einen Arm um ihre Schultern. „Kann ich dich nicht in meine Dienste nehmen? Als Krankenschwester? Du kannst auch bei mir wohnen.“
Sade seufzte leise und lächelte schwermütig. „Nichts lieber als das, Olli.“
Er sah sie kurz verwirrt an und beschloss dann, nicht weiter darauf einzugehen. Stattdessen dirigierte er sie mit Hilfe seines Arms weiter in die Richtung, in die sie vorher gegangen waren. Eine Weile liefen sie stumm nebeneinander her und Olli merkte, dass Sade ununterbrochen nachdachte. Ihm fiel ein, dass er immer noch nicht wusste, worum es hier eigentlich genau ging, aber ihm wurde auch klar, dass ihm das eigentlich ziemlich egal war. Noch. Im Moment machte es ihm einfach Spaß, Zeit mit ihr zu verbringen. Aber früher oder später würde er aus ihr rauskriegen, was los war.
„Was ist los?“, fragte er Sade, als er bemerkte, wie sie herzhaft gähnte. „Es ist erst halb vier.“
„Du hast mich zu früh geweckt“, erklärte sie und gähnte erneut.
„Wann warst du das letzte Mal im Kino?“
„Was?“, gab Sade ungläubig zurück. Was heckte der jetzt wieder aus? Und wie schaffte er es, sie immer wieder zu verblüffen?
Olli blieb stehen und grinste triumphierend über ihren Gesichtsausdruck. „Wir könnten ins Kino gehen“, meinte er. „Ich lad dich ein.“
„Das kannst du doch nicht machen“, widersprach Sade. „Du kannst mich doch nicht hier durchfüttern.“
„Ich kann alles machen, was ich will.“ Olli grinste und beugte sich zu ihr hinunter. „Und du auch. Also, was ist?“
„Äh...okay“, willigte sie ein und ließ sich von ihm mitziehen. Während Olli sich den Weg zum nächsten Kino durchfragte, dachte sie über das nach, was er eben gesagt hatte. Alles machen, was ich will.
Schön wär’s, dachte Sade bei sich. Wenn ich das könnte, wäre ich jetzt nicht hier.
Aber wo wäre sie denn dann? Es gab eigentlich keinen Ort, an dem sie sein könnte. Außer natürlich ihr Zuhause. Und hier. Wobei offensichtlich war, welche die bessere Alternative war. Aber was, wenn er innerhalb der nächsten drei Wochen abreisen würde?
Dann musste sie eben alleine weiterziehen. Das hatte auch geklappt, bevor sie ihn getroffen hatte.
Und trotzdem hoffte sie, dass sie so lange bei ihm bleiben konnte. Er gab ihr eine seltsames Gefühl von Sicherheit, obwohl er ein furchtbarer Chaot war und manchmal ziemlich kopflos schien. Er war in so vielen Dingen total anders als sie. Aber vielleicht war es gerade das.
Und in drei Wochen würde eh alles vorbei sein.
Mittlerweile hatte Olli das Kino gefunden und sie standen an der Kasse, um zwei Karten für irgendeinen Film zu kaufen. Welchen hatte Sade nicht mitbekommen. Er hatte sie zwar gefragt, aber sie hatte nur genickt, ohne die Frage mitbekommen zu haben.
Sie sah zu ihm hoch, in sein lächelndes Gesicht, als er mit der Kartenverkäuferin sprach. Und plötzlich fühlte sie sich glücklich.
Alles wird gut, schoss es ihr durch den Kopf. Ganz sicher.
Sie folgte Olli zum Kinosaal. Die Tür war noch zu, also blieben sie davor stehen und Olli betrachtete die Poster, die an der Wand hingen. Nach einer Weile drehte er sich zu Sade um und runzelte fragend die Stirn.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er. „Du bist so...apathisch.“
Statt zu antworten, schlang Sade ihre Arme um Ollis Körper und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. „Danke“, murmelte sie. „Danke für alles.“
Er nahm sie fest in die Arme und legte sein Kinn auf ihren Kopf. „Du denkst doch wohl nicht schon wieder daran, abzuhauen, oder?“
„Nein.“
„Gut. Denn dieses Mal würde ich dich suchen. Egal wo.“
„Vor dir würde ich nicht weglaufen“, sagte Sade leise.
„Dann ist ja gut.“ Er löste sich von ihr und nahm ihr Hand. „Komm, lass uns reingehen.“
Er betrat mit ihr den Kinosaal und sie suchten sich Plätze in der hinteren Reihe. Bereits als der Film begann, stellte Olli fest, dass Sade eingeschlafen war. Ihr Kinn lag auf ihrem Brustbein und sie rutschte immer weiter nach rechts. Es fehlte nicht mehr viel, und sie wäre umgekippt.
Olli grinste und zog sie mit einem Arm zu sich, sodass sie an seiner Schulter lag. Vorsichtig strich er ihr über die Wange.
Meine kleine Schwester, dachte er und konzentrierte sich wieder auf den Film.

„Ich hab nicht geschlafen. Nur gedöst.“ Sade gähnte ausgiebig und Olli brach in Gelächter aus.
„Und wie du geschlafen hast. Hatte schon Angst, du fängst an zu schnarchen.“
„Sehr witzig“, murrte sie und blieb an einer roten Ampel stehen.
„Aber wenn es dich beruhigt, du sahst niedlich aus.“
„Na, danke schön.“ Sade streckte ihm die Zunge raus und schlug mit einer Plastiktüte nach ihm. Sie waren wieder auf dem Weg zum Auto. Eigentlich hatten sie in einem Restaurant zu Abend essen wollen, aber mittlerweile war beiden eher nach Tiefkühlpizza und faul auf dem Sofa hängen.
„Hast du überhaupt etwas von dem Film mitbekommen?“
„Ja, ungefähr die letzten zwanzig Minuten“, behauptete Sade und erntete einen strengen Blick von Olli. „Na gut, vielleicht waren es auch die letzten zwei.“
„Ihr Frauen seid unmöglich“, seufzte Olli und sie überquerten die Straße.
Olli sah ihn zuerst. Dann Sade. Sie blieb vor Schreck wie angewurzelt stehen und starrte ihn ungläubig an. Er kam genau auf sie zu, schien sie aber noch nicht gesehen zu haben. Olli machte automatisch einen Schritt rückwärts.
„Nach links“, sagte er zu Sade. „Los, lauf schon.“ Er packte ihre Hand und zerrte sie einfach mit sich. Er würde sie nicht diesem Kerl überlassen. Zwar hatte er keine Ahnung, was er ihr angetan hatte, aber das interessierte jetzt nicht. Sade musste hier weg!
Nach ein paar Metern sah Olli sich um und entdeckte Sades Vater, der gerade um die Ecke sprintete. Er hatte sie also entdeckt.
Sade selbst hatte die Augen zugekniffen und rannte einfach nur. Olli verstärkte den Griff seiner Hand und legte noch an Tempo zu. Er merkte, dass ihr die Kraft ausging. Tränen strömten über ihr Gesicht.
Wie konnte man so eine Angst vor dem eigenen Vater haben?
Olli schlug den Weg in eine enge Gasse ein und gleich darauf bog er wieder ab. Er kannte Mikkeli, er hatte hier mehr Sommer zugebracht, als er zählen konnte.
Das war seine einzige Hoffnung. Dass Sades Vater die Wege nicht kannte und ihnen nicht mehr lange folgen konnte.
Als sie wieder an eine relativ große Straße kamen, beschloss Olli, dass ein Versteck angebracht war. Er zog Sade über die Straße und kurz danach standen sie in dem relativ kleinen Gebäude des Bahnhofes. Er schaute durch ein Fenster hinaus und entdeckte Sades Vater, der sich auf der anderen Straßenseite suchend umsah.
„Komm“, sagte Olli und schob Sade in die Frauentoilette.
„Was hast du vor?“, wollte sie ängstlich wissen, als er sein T-Shirt auszog.
„Ich beobachte die Lage“, erklärte Olli und zog sich eines der neuen Shirts über. Er nahm seine Mütze ab, richtete sich die Haare schnell und strich Sade dann beruhigend über die Haare. „Keine Sorge. Ich lass nicht zu, dass er dich kriegt.“ Dann verließ er die Damentoilette wieder und ging ein paar Schritte. Er war sich sicher, dass Sades Vater ihn nicht erkennen würde, das erste Mal auf dem Marktplatz hatte er immerhin auch eine Mütze getragen. Zudem war er einer von vielen gewesen. Er konnte in Ruhe warten, bis die Luft wieder rein war.
Schließlich sah er, wie ihr Vater durch die offene Tür des Haupteingangs die Halle betrat. Obwohl er wusste, dass Sades Vater ihn nicht erkennen würde, wurde Olli auf einmal sehr nervös. Er beobachtete den Mann, während er so tat, als würde er eine Zeitung an einem Stand des Kiosks studieren.
Ihr Vater sah sich um. Blieb eine Weile auf der Stelle stehen und drehte sich, während seine Augen hektisch durch den Raum wanderten. Ollis Herz machte einen Satz, als sein Blick für einen Augenblick an der Tür zur Toilette hängen blieb. Doch endlich drehte er sich auf dem Absatz um und stürmte förmlich aus dem Bahnhofsgebäude.
Erleichtert atmete Olli aus, wartete noch einen Moment und ging dann zurück in die Damentoilette. Um die verwunderten Blicke der Anwesenden kümmerte er sich reichlich wenig.
Sade saß, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Boden und weinte leise vor sich hin. Sie hatte die Knie ans Kinn gezogen und die Tränen liefen ungehindert ihre Wangen hinab.
„Alles okay“, sagte Olli sanft und kniete sich vor sie. Sade schien durch ihn hindurchzusehen, also griff er nach ihrer Hand und drückte sie vorsichtig. Es tat ihm weh, dass sie so weinte und er verspürte plötzlich den Drang, ihrem Vater auch Schmerzen zu bereiten. Doch er riss sich zusammen, setzte sich neben sie und zog sie an sich.
Sade merkte, dass sie zitterte, als Olli sie in den Arm nahm. Als nächstes nahm sie seinen Geruch und seine Körperwärme wahr, als er sie dicht an sich zog. Sie legte ihren Kopf an seine Brust und legte langsam einen Arm um seinen Oberkörper. Dann schloss sie die Augen und krallte sich fest in sein T-Shirt.
Die Angst verflog. Als hätte sie nie wirklich existiert. Wie kann das sein?, fragte Sade sich. Wie kann er all das vergessen machen?
Nach einer ganzen Weile ließ sie sich von Olli hochziehen und sah ihm in die Augen. Das tiefe Blau wirkte ernst und besorgt und gab ihr eine unerklärliche Sicherheit. Sade schluckte und schlang ihre Arne um ihn.
„Lass mich nicht allein“, flüsterte sie. „Bitte.“
Olli zögerte kurz, dann erwiderte er die Umarmung. „Nein“, sagte er. „Das werde ich nicht.“
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