Kapitel 3


Tag 5, Dienstag


Er fand den Ansatz einer Erklärung für alles ein paar Tage später.
Olli war in Mikkeli, um sich ein paar neue Klamotten zu kaufen und den nächsten Alko zu frequentieren. Es waren bereits vier Tage, ohne dass Sade sich gemeldet hatte. Und seine Sorgen waren nicht verschwunden.
Am Abend wollte er sich mit einer Flasche Koskenkorva in die Sauna setzen und die Gedanken auf die einzige Art abtöten, die ihm gerade einfiel. Nicht sehr originell, das gab er gerne zu, aber immerhin etwas.
Er saß gerade in einem Café in der nähe des Marktplatzes und schlug sich den Bauch mit Eis voll, als ihm ein etwas älterer Mann in einem Jokerit-Trikot auffiel. Er hielt ein Stück Papier in der Hand und sprach Leute an, wobei er auf das Papier zeigte.
Wahrscheinlich ein Foto, dachte Olli bei sich und schob sich noch einen Löffel Schokoladeneis in den Mund. Er schob den Schirm seiner Baseballkappe so zurecht, dass er den Mann unbemerkt beobachten konnte. Er machte keinen wirklich besorgten Eindruck, eher einen ärgerlichen und genervten. Olli konnte seine Neugier kaum zurückhalten, er hätte zu gerne gewusst, wen er und warum er ihn suchte.
Die Straßen waren ziemlich voll. Er ließ seinen Blick über die Menge wandern und hielt sehr bewusst nach hübschen Mädchen Ausschau. Immerhin war er ein Junggeselle, der ein Sommerhaus zur freien Verfügung hatte.
Zufrieden beobachtete er eine blonde Schönheit, die direkt Kurs auf den Tisch neben ihm nahm. Sie ließ ihre vollen Taschen auf einen der Stühle fallen und setzte sich selbst auf den, der Olli am nächsten war. Er seinerseits drehte sich so, dass er sie freundlich anlächeln konnte. Diese Prozedur zeigte bereits nach ein paar Minuten Erfolg.
„Auch einkaufen?“, fragte sie irgendwann beiläufig.
„Ja“, antwortete er und schob seinen Stuhl so zurecht, dass er ihr gegenüber saß. „Bist du von hier?“
„Ja. Ich bin Reija.“ Sie hielt ihm die Hand hin und er schüttelte sie.
„Olli. Ich bin hier nur im Urlaub.“
„Und woher kommst du?“
„Helsinki.“ Er grinste. „Ein echter Stadtbursche, entschuldige.“
„Kein Problem“, meinte sie und bestellte einen Eiskaffee. Plötzlich stand der Kerl mit dem Foto neben ihr und sah sie und Olli fragend an.
„Entschuldigt“, meinte er und Olli stellte fest, dass er ein ziemlich kantiges Gesicht hatte. Er war ihm unglaublich unsympathisch. „Habt ihr dieses Mädchen gesehen?“ Er hielt erst dem blonden Mädchen das Foto hin, die den Kopf schüttelte. Als er Olli das Bild hinhielt, musste er sich sehr zusammenreißen, um seine Gesichtszüge im Zaum zu halten.
Das Bild zeigte Sade. Sie wirkte etwas jünger und weniger geschafft. Ihre Haare waren länger und fielen ihr weit ins Gesicht, aber sie war es ohne Zweifel. Was zur Hölle?
War dieser Mann der Mensch, vor dem sie weglief? Was hatte er ihr angetan?
Eine plötzliche Wut stieg in Olli auf und es fiel ihm schwer, scheinbar unbeteiligt den Kopf zu schütteln.
„Nee“, murmelte er. „Die hab ich nie gesehen.“
„Wer ist denn das?“, fragte das blonde Mädchen neugierig.
„Meine Tochter“, antwortete der Mann prompt und Olli hätte ihm beinahe sein Eis ins Gesicht gespuckt. Das wurde ja immer kurioser.
„Und Sie haben sie verloren?“, bohrte das Mädchen weiter.
„Sowas in der Art, ja.“ Er hob eine Hand zum Abschied. „Ich muss sie unbedingt finden. Vielen Dank, auf Wiedersehen.“
„Auf...he!“ Das blonde Mädchen sprang auf und deutete aufgeregt in eine Richtung. Olli und Sades Vater folgten ihrem Blick und entdeckten das Mädchen im selben Moment, wie Sade sie. Olli schnappte überrascht nach Luft, während Sades Vater einfach losrannte. Doch auch Sade setzte sich in Bewegung und war im nächsten Moment schon um die nächste Ecke verschwunden.
Als Olli wieder halbwegs bei Verstand war, griff er sich seine Sachen und setzte ihnen nach. Er ignorierte die Fragen des blonden Mädchens. Viel mehr machte er sich Gedanken darüber, warum Sade wieder hier war. Sie wollte doch nach Kouvola und von da aus weiter nach Süden. Was war passiert? Oder war sie etwa die ganze Zeit hier gewesen?
Olli rannte bis hinunter zum Bahnhof, doch von Sade und ihrem Vater weit und breit keine Spur. Er fluchte lautstark und machte sich dann auf den Weg zu seinem Auto, das etwa einen Kilometer weiter die Straße runter stand.
Sade. Warum lief sie vor ihrem Vater weg? Warum war sie hier und nicht bereits so weit weg wie sie konnte?
Na toll, und dafür hatte er ein Date mit der hübschen Blonden sausen lassen. Aber so richtig traurig stimmte ihn das nicht. Er hätte viel lieber nach Sade gesucht. Aber Mikkeli war zu groß um einen einzigen Menschen zu finden, der sowieso nur auf der Durchreise war.
Auf der Durchreise, dachte Olli spöttisch. Auf der Flucht passte wohl eher. Warum hatte er sie auch gehen lassen? Warum war sie nicht bei ihm geblieben? Warum machte er sich überhaupt solche Sorgen? Sie war alt genug, auf sich selber aufzupassen. Jedenfalls dachte er das. Wie alt war sie eigentlich?
Olli fluchte erneut und schloss sein Auto auf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Wo war er hier nur reingeraten? In eine bedeutungslose Familienfehde, die einen Teenager zur Rebellion getrieben hatte? Oder was?
Erneut zog er es in Betracht, einfach seine Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Diesen ganzen Kram einfach hinter sich zu lassen. Es ging ihn schließlich nichts an, wie dieses verrückte Mädchen ihr Leben lebte.
Auf der Fahrt zum Sommerhaus nahm er sich fest vor, sofort wieder nach Helsinki zurückzukehren, sobald er gepackt hatte.
Doch als er bei Sonnenuntergang auf der Veranda stand und an die Flasche Vodka und die Sauna dachte, brachte er es einfach nicht fertig. Es war sowieso schon ziemlich spät, er würde nicht vor eins in Helsinki sein. Außerdem war morgen auch noch ein Tag.
Also lief er zum Seeufer und warf die Sauna an. Er schwamm noch eine Weile und eine Dreiviertelstunde später saß er auf der Holzbank und ließ sich von der Wärme und dem Alkohol einlullen.
Es funktionierte tatsächlich ein wenig, seine Gedanken ließen sich ohne Probleme zur Seite schieben.
Nach einer Weile verließ er die Sauna und sprang in den See, nur um dann wieder in die warme Sauna zurückzukehren und noch ein Gläschen Vodka zu trinken.
Dieses Wechselspiel wiederholte er sechs Mal, dann war das Feuer im Saunaofen runtergebrannt und der Vodka halb leer. Normalerweise schaffte er zwar eine ganze Flasche, aber heute war ihm nicht danach.
Er kühlte sich noch ein letztes Mal im See ab, trocknete sich dann und zog Shorts und T-Shirt wieder an. Danach fühlte er sich richtig frisch. Es gab halt doch nichts besseres als Sauna.
Olli warf sich das Handtuch über die Schulter und ließ barfuss den Sandweg zum Haus zurück. Es war immer noch ziemlich warm und er fragte sich, wie lange diese Hitzewelle wohl noch anhalten würde. Vermutlich würde sie noch den ganzen Juli halten.
Gut gelaunt stieg er die Treppe zur Veranda hinauf und hing das Handtuch über das Geländer. Er holte den Hausschlüssel aus seiner Hosentasche und sah auf.
In dem Moment sprang ein Schatten vom Tisch auf, stolperte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.

Sade wollte und wollte nicht aufhören zu weinen. Sie hockte in sich zusammengesunken auf den Stufen vor der Haustür und Olli musste hilflos mit ansehen, wie ihr Körper unter den Schluchzern zuckte.
Er selbst kniete vor ihr und wusste nicht so recht, was er machen sollte. Schließlich legte er eine Hand auf ihren Kopf und stand dann auf.
„Komm rein, Sade“, bat er mit leiser Stimme.
„Es tut mir leid“, schluchzte sie als Antwort. „Ich wollte nicht zurückkommen, aber ich wusste nicht, wohin. Ich will dir nicht den Urlaub vermiesen.“
„Red keinen Unsinn.“ Olli fasste ihr unter die Arme und zog sie hoch. „Ich bin froh, dass du wieder da bist.“ Er grinste. „So kann ich wenigstens ein Auge auf dich haben.“
Sade lächelte schwach und ließ sich von ihm ins Haus schieben. Er drückte sie auf das Sofa und machte ihr einen Kakao und ein paar Pullat. Mit Teller und Tasse bewaffnet setzte er sich schließlich neben sie. Sade nahm das Essen dankbar an und machte sich sofort darüber her. Olli musterte sie, während sie aß. Sie trug ein ärmelloses T-Shirt und kurze Hosen. Ihre Beine und Arme waren mit Kratzern übersäht und ihr Knie blutete ein bisschen.
„Was ist passiert?“, wollte er wissen.
Sade folgte seinem Blick und wurde rot. „Ich bin durch den Wald gerannt und gefallen“, erklärte sie.
„Und der Mann von vorhin?“
Sade antwortete nicht, sondern trank einen Schluck Kakao. Olli seufzte und breitete die Arme auf der Rückenlehne aus.
„Ich weiß, dass er dein Vater ist.“ Er sah sie von der Seite an und stellte fest, dass sie schwer schluckte. Ob das am Kakao lag oder daran, was er gerade gesagt hatte, konnte er nicht sagen. Als sie wiederum keine Anstalten machte, ihm eine Antwort zu geben, stand er auf und holte Pflaster aus der Küche. Er wischte ihr das Knie sauber und schmierte irgendeine Wundsalbe drauf, die er gefunden hatte. Dann klebte er ein Pflaster darüber.
Sade sah ihm stumm dabei zu. Sie hatte mittlerweile aufgegessen und spürte plötzlich eine überwältigende Müdigkeit in ihren Knochen.
„Danke“, murmelte sie, als Olli fertig war und sich wieder neben sie setzte. Warum konnte sie ihm nicht einfach alles erzählen. Sie konnte ihm bestimmt vertrauen. Oder? Es tat doch so gut, bei ihm zu sein. Ihre Gefühle täuschten sie doch sonst nicht bei so was. Er war ihr einziger Freund im Moment. Sie war ihm eine Erklärung schuldig.
„Warum bist du wieder hier?“, fragte Olli schließlich. Sie sah ihn an und Tränen stiegen schon wieder in ihre Augen.
„Sie waren schon da“, brachte sie hervor. „Da bin ich einfach...wieder...zurück...zu dir.“ Sie senkte den Blick. „Ich geh dir wahrscheinlich schrecklich auf die Nerven, aber...“ Schulterzuckend brach sie ab.
„Nein, tust du nicht.“ Olli streckte zögernd eine Hand aus und legte sie auf Sades, die zu einer Faust geballt in ihrem Schoß lag. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Wenn ich etwas tun kann, sag es ruhig. Ich will dir helfen.“
„Danke, Olli“, flüsterte Sade und musste schon wieder weinen. Sie versuchte, tief durchzuatmen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Sie konnte sich einfach nicht beruhigen.
„Du solltest schlafen“, befand Olli und stand vom Sofa auf. Sade ließ sich von ihm hochziehen und zum Schlafzimmer bringen. „Willst du dich noch eben umziehen? Dann geh ich eine rauchen und komm dann wieder.“
Sade nickt abwesend und Olli verließ das Zimmer. Sie zog Schuhe und Jeans aus und wechselte in Shorts und T-Shirt. Dann ging sie zu Olli hinaus auf die Veranda.
Er stand am Geländer und schaute in den Himmel. Sade ging langsam zu ihn und blieb neben ihm stehen. Olli sah sie kurz an, dann legte er einen Arm um sie und zog sie dicht an sich heran. Sie schlang ihre Arme um seine Taille und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Er roch nach frischem Tabak und sie konnte spüren, wie sich seine Brust bei jedem Atemzug hob und senkte. Sie war so froh, bei ihm zu sein.
Schließlich drückte er seine Zigarette im Aschenbecher aus und nahm ihre Hand. Sie gingen wieder ins Haus und Olli drückte ihr eine Flasche Wasser in die Hand.
„Falls du in der Nacht Durst bekommst“, erklärte er und schob sie ins Schlafzimmer. Er wartete, bis Sade unter der Decke lag, dann setzte er sich im Schneidersitz neben sie und strich ihr über den Kopf.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte er aufmunternd. „Ich pass auf dich auf.“
„Danke“, flüsterte Sade und sah ihn eine Weile an. Dann fuhr sie hoch und klammerte sich an seinen Hals. Olli streichelte ihr beruhigend über den Rücken und drückte sie sanft zurück ins Kissen.
„Schlaf jetzt“, meinte er und strich mit dem Daumen über ihre Wange. „Wenn was ist, ich bin nebenan.“ Damit schnappte er sich sein Bettzeug und verließ den Raum.
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