Kapitel 30: Kizuna


Ich zählte die Schritte.
Eins, zwei, drei, wir betraten die Kirche. Alle hatten sich zu uns umgedreht und starrten entweder meinen Vater oder mich erwartungsvoll an. Ich befürchtete allerdings, dass die Blicke eher mir galten. Ich war auffälliger gekleidet.
Vier, fünf, sechs, sieben, acht. Huch, wieso war das Blumenkind so langsam? Na ja, das gab höchstens eine kleinen blauen Fleck am Knie. Wir warteten, bis sich das kleine Mädchen wieder aufgerappelt hatte und schritten dann weiter. Jawohl. Schritten. Schlichen. Es ging quälend langsam voran, und wenn das so weiterging, würde der Mann, der dort vorne auf mich wartete, bestimmt eine ganze Großfamilie mit einer anderen Frau gegründet haben, bis ich überhaupt nur in die Nähe des Altars gekommen war.
Zuzutrauen war es ihm.
Neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn. Noch war nichts Schlimmeres passiert. Ich behielt Ville die ganze Zeit im Auge, doch der saß brav auf der Bank in der ersten Reihe und – Moment mal...der schlief! Je näher ich kam, desto deutlicher konnte ich sehen, dass ihm das Kinn auf die Brust gefallen war und er leise vor sich hinschnarchte. Ich machte eine Kopfbewegung in seine Richtung, die Jussi galt, der neben ihm saß. Er verstand sofort und verpasste Ville eine schallende Ohrfeige. Wenigstens für einen kurzen Moment war ich nicht der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ich nutze diesen Augenblick, um meinem Mann – Himmel, daran würde ich mich wirklich gewöhnen müssen – ein Lächeln zuzuwerfen. Er hatte die Hände vor dem Körper übereinander gelegt und der schwarze Anzug mit dem dezenten weißen Hemd stand ihm hervorragend. Ihm schienen ähnliche Gedanken bezüglich meines Outfits durch den Kopf zu gehen, denn seine Augen strahlten und er pfiff leise durch die Zähne. Quatschkopf.
Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn. Es wurde Zeit, meinen Vater loszulassen. Er zögerte einen Moment, dann gab er mir einen Kuss auf die Stirn und übergab mich an den Mann, der sich der Tradition nach von nun an um mich kümmern sollte. Nur gut, dass man das mit den Traditionen heutzutage nicht mehr so eng sah.
Er nahm meine Hand und nach Schritt achtzehn, neunzehn, zwanzig und einundzwanzig stand ich neben Jo, vor dem Pfarrer und Hand in Hand mit dem Mann, den ich von ganzem Herzen liebte.
Nach all den Hochs und Tiefs der Monate vor Planica war mir die Entscheidung zunächst nicht leicht gefallen. Ich hatte nicht gewusst, was ich wollte und erst recht nicht, was das Richtige war. Doch nachdem ich mich endgültig entschieden hatte, war mir jeden Tag bestätigt worden, dass es das richtige gewesen war, sich in das Risiko zu stürzen. Da wir es wirklich wissen wollten, hatte ich mich für ein Semester beurlauben lassen und bereits im Mai waren wir zusammengezogen. Nach diesem Sommer würde ich mein Studium in Norwegen fortsetzen können. Wir waren uns beide bewusst, dass das alles hier trotzdem sehr überstürzt war und dass die Chancen, dass es schiefgehen würde, außergewöhnlich hoch waren. Doch es konnte genauso gut gut gehen. Diese Erkenntnis allein hatte uns zu diesem Schritt bewegt.
Und nun klammerte ich mich fast wie eine Ertrinkende an seine Hand, da mir in diesem Moment ganz gewaltig die Flatter ging. Ich fing Anders' Blick auf, der mir Mut zusprechen zu wollen schien. Neben ihm stand irgendein Verwandter, der nach diesem Tag wohl auch mein Verwandter sein würde, und ich nahm mir fest vor, nach der Trauung seine Identität in Erfahrung zu bringen.
Ich ließ den Blick wieder zu meinem Mann – irgendwie musste ich eine andere Bezeichnung finden, es klang einfach zu...alt – wandern und grinste ihn breit an.
„Musste die Blondierung sein?“
„Das ist natürlich so!“
„Klar, deine Haare sind natürlich gelb.“
„Das ist nicht gelb, nimm mal den Schleier von den Augen, Kantee.“
„Dein Kopf sieht aus wie einer Butterblume. Und so soll ich dich heiraten, Romören?“
Björn streckte mir die Zunge raus, was den Pfarrer zu einem empörten Blick und Jo zu einem Augenrollen bewegte.
„Nur eine halbe Stunde“, zischte sie flehend. „Benehmt euch nur für eine halbe Stunde!“
„Unmöglich“, gaben Björn und ich wie aus einem Mund zurück, verstummten jedoch, als der Pfarrer sich erbost räusperte.

Irgendwie ging das Programm recht schleppend voran. Nicht, dass es schlecht gewesen wäre. Aber das Kleid zwickte im Rücken, der Schleier kitzelte an meiner Nase und meine Schuhe und meine Füße befanden sich im ultimativen Showdown, als der Pfarrer uns bat, vorzutreten und unsere Gelübde zu sprechen. Da man wohl nicht erwarten konnte, dass jemand einspringen würde, musste wohl einer wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und beginnen. Dieser eine war ich.
„Eigentlich konnte ich dich nie leiden“, begann ich, was zu schockiertem Gemurmel in den Rängen führte. Nur Björn blieb ganz ruhig und lächelte mich weiterhin an, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass er diesen Winter alle Schanzenrekorde von hier bis Haukba abräumen würde. „Und der Himmel weiß, was da passiert ist, dass du dich plötzlich in mich verliebt hast. Aber ich danke eben diesem Himmel dafür, dass es passiert ist. Und am meisten danke ich dir dafür, dass du mich daran hast teilhaben lassen. Du hast mich nie aufgegeben und obwohl es mir lange nicht klar war, warst du eine feste Größe in meinem Leben, ein Ruhepunkt, an den ich mich immer wenden konnte. Unsere Gespräche und besonders unsere Kabbeleien haben mir immer Sicherheit gegeben.“ Ich atmete tief durch. Ich war so verdammt nah am Wasser gebaut, dass ich fürchtete, am Ende dieser ganzen Chose würde für halb Kuopio ein Flutwarnung ausgerufen werden.
„Ich bin...so dankbar für vieles, ich glaube, ich bin mir selber gar nicht im Klaren darüber, wie viel mir gegeben wird. Und egal, wo ich bin, ich werde dieses Gefühl der Dankbarkeit immer in meinem Herzen tragen. Es ist überwältigend zu wissen, dass, egal wo ich bin, du mich immer unterstützen und mir Sicherheit geben wirst. Und ich hoffe du weißt, dass, egal, wo du bist, ich dasselbe für dich tun werde. Ich habe mich so auf den heutigen Tag gefreut, weil ich ihn mit all den Menschen verbringen darf, die ich liebe. Allen voran natürlich mit dir, Björn. Ich glaube ganz fest, dass dieser Tag einer der schönsten meines Lebens ist. Ich möchte das Puzzleteil sein, dass dein Leben ein bisschen vollständiger macht. Und ich hoffe, dass es in Ordnung für dich ist, dass ich dich wahrscheinlich immer ein bisschen mehr brauchen werde, als du mich, weil ich einfach so bin. Aber dafür werde ich dich auch mehr lieben, als andere je könnten. Ich weiß, was ich an dir habe, Björn. Und ich bin so glücklich darüber, dass wir dieses Band zwischen uns gefunden haben, das niemals verschwinden wird. Und das niemand außer uns sehen kann.“ Ich versuchte nicht einmal, mir die Tränen vom Gesicht zu wischen, der Schleier machte das komplett unmöglich. Hinter mir hörte ich Jo und Alex Schluchzen und auch Björns Augen waren verdächtig feucht geworden.
„Trotzdem sehen deine Haare komisch aus“, brachte ich halb lachend, halb schluchzend hervor. Björn lachte auf, zog mich fest in seine Arme und vergrub sein Gesicht an meiner Schulter.
„Ich werde deine Hand niemals loslassen, Nea“, versprach er mir. „Niemals. Ich werde dafür sorgen, dass ich der Mann bin, den du brauchst und den du verdienst. Ich wusste, dass ich nicht in Worte fassen kann, was ich jetzt fühle. Aber ich habe ja ein ganzes Leben Zeit, dir zu sagen, wie wichtig du mir bist.“ Er löste sich von mir, behielt aber meine beiden Hände in seinen.
„Nun denn“, mischte sich der Pfarrer ein. „Dann werde ich euch nun das Eheversprechen abnehmen.“
„Viel Glück damit“, rief Ville dazwischen und ich wünschte mir, Jussi hätte ihn doch nicht geweckt. Glücklicherweise ignorierte der Pfarrer, der Ville seit seiner Taufe kannte und wusste, dass er medizinisch gesehen nicht geistesgestörter war als andere in seinem Alter, den Zuruf und wandte sich Björn vor, der für diese Prozedur sein erstes finnisches Wort gelernt hatte. Na ja, sein zweites, aber das erste gehörte absolut nicht in die Kirche.
„Björn Einar Romören, willst du die hier anwesende Nea Elina Kantee...“
„Du hast einen zweiten Vornamen?“, wollte Jussi ungläubig wissen. „Wieso wusste ich davon nichts?“
„Guck mich nicht an“, meinte Ville schulterzuckend. „Ich hab den zum ersten und letzten Mal bei ihrer Taufe gehört.“
„Ey, könnt ihr das vielleicht später klären, sagen wir, nachdem ich geheiratet habe?“, motzte ich und auch die meisten der Anwesende schauten Ville und Jussi leicht verärgert an. Doch die ließen sich davon kaum beeindrucken.
„Falls es zu einer Hochzeit kommt“, stichelte Ville hochmütig, woraufhin Jo ihm ihren Brautjungfernstrauß zielsicher an den Kopf knallte.
„Klappe zu, Ville.“
„Toller Wurf, Schatz“, stellte Anders stolz fest.
„Danke“, lächelte Jo und der Pfarrer wusste gar nicht genau, wen er nun fassungslos anstarren sollte. Deswegen ging er wieder zu seinem ursprünglichen Vorhaben über, das darin bestand, Björn und mich zu verheiraten.
„Björn Einar Romören, willst du die hier anwesende Nea Elina Kantee zu deiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, in guten und schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ich will“, antwortete Björn im saubersten Finnisch und mit einem zufriedenem Lächeln auf den Lippen.
„Und du, Nea Elina Kantee. Möchtest du den hier anwesenden Björn Einar Romören zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod euch scheidet?“
Das war er dann wohl, der entscheidende Moment. Alle schauten mich erwartungsvoll an und mir kam es vor, als stünde ein Abbild meiner selbst neben Björn und würde mich erwartungsvoll anstarren. Von dieser Antwort hing alles ab, obwohl wir auf dem Papier bereits verheiratet waren. Doch wenn ich hier nein sagen würde, dann würde sicher auch das ganz schnell seine Gültigkeit verlieren können.
Aber ich war ja nicht wahnsinnig, ich hatte jedes Wort meines Gelübdes, das unter Dauereinfluss eines bestimmten Liedes geschrieben worden war, ernst gemeint.
Hinzu kam, dass ich Ville diesen Triumph absolut nicht gönnte.
„Ja“, flüsterte ich, räusperte mich und sagte dann ganz deutlich: „Ja, ich will.“

„Wer war deine zweite Wahl?“
Langsam ließ ich mein Glas sinken und schaute Ville verständnislos an, während ich mich unter meinem Strumpfband kratzte.
„Was meinst du?“
„Falls Björn abgesprungen wäre. Wer wäre deine zweite Wahl gewesen?“
„Du kannst mich mal, Ville, echt. Du bist nur sauer, weil er ja gesagt hat und du Jussi eine Kiste Koskenkorva schuldest.“
„Und wenn schon“, schmollte mein Bruder und ich erhob mich vom Küchentisch.
„Wenn du unbedingt stänkern willst, nerv Matti und Alex. Ich hab da auch schon was von gewissen Glocken gehört, die bald läuten sollen“, log ich dreist. Aber wirkungsvoll.
„Nein!“ Ville sprang auf. „Eher werde ich schwul, als dass ich zulassen, dass Matti „The Lustkiller“ Hautamäki vor mir heiratet.“
„Viel Erfolg. Ich hab gehört, der Morgenstern...“
„Ich hab gesagt schwul, nicht pervers.“ Ville leerte sein Glas und knallte es dann demonstrativ auf die Tischplatte. „Ich muss los.“
„Die Hochzeitspläne platzen lassen?“, grinste ich.
„Nein. Aber Anders Bardal hat mir schon immer gut gefallen.“ Er rauschte aus dem Zimmer und ich schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. Manchmal fragte ich mich, warum ich mich überhaupt noch über ihn wunderte.
Ich nahm mir noch eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und ging in den Flur. Tom, der an mir vorbeiraste, zog mir eine Grimasse und floh aus der Haustür, als Anders seinen Kopf aus dem Wohnzimmer steckte.
„Wo ist er?“, wollte mein Schwager in Spe wissen.
„Wer?“
„Tom. Er wollte nur kurz aufs Klo. Er ist dran.“
„Dran womit?“
„Bardal hat es übertrieben und wir wechseln uns damit, auf ihn aufzupassen. Der Junge liegt vollkommen betrunken in euren Büschen.“
„Fragt doch mal Ville, ob er helfen will“, schlug ich vor und öffnete die Bierflasche mit einem Feuerzeug, das in meinem Dekoltee steckte. Anders runzelte die Stirn.
„Lass dir noch einen Bart wachsen, dann bist du Chuck Norris im Brautkleid.“
„Klasse. Wenn Björns Eltern eine Hotelkette eröffnen, ist er Paris Hilton im Anzug.“
„Wieso scheint mir diese Verbindung so falsch?“, seufzte Anders und zog sich wieder ins Wohnzimmer zurück. In dem Moment ging die Haustür auf und Tom kam breit grinsend wieder herein.
„Das war knapp.“
„Wer hat ihn abgefüllt?“
„Wen?“
„Den Bardal Anders.“
„Dein Mann“, antwortete Tom und klaute mir mein Bier. „Er dachte, jetzt wo Harri wieder lange Haare hat, würde Anders vielleicht irgendwann denken...na ja...“ Er trank einen Schluck und ich rollte mir den Augen. Kurzzeitig dachte ich daran, ein Norwegerverbot über dieses Haus zu verhängen. Aber das hätte Jo mir niemals verziehen.
Tom drückte mir meine Flasche wieder in die Hand, als sein Handy klingelte. Grinsend schaute er auf den Display.
„Tuva“, erklärte er und zog sich zurück. Tuva war seine neue Freundin und wenn ich das richtig verstanden hatte, eine Freundin von dem Mädchen, den Anders' große Schwester Nachhilfe gab. Das Zustandekommen dieser Verbindung war mir fast so unerklärlich wie die von Björn und mir.
Aber zumindest war so schließlich auch der letzte Zweifel darüber verschwunden, dass die Sache zwischen Tom und mir wirklich vorbei war. Nicht zuletzt auch mein eigener.
„He, Romören!“ Jussi schlug mir auf die Schulter und ich schaute ihn verwirrt an, weil ich Björn nirgends entdecken konnte. „Entschuldige, ich wollte es nur mal testen.“ Er beugte sich zu meinem Ohr herunter. „Tu dir und euren zukünftigen Kindern, Gott bewahre, einen Gefallen und behalte deinen Namen, okay?“
„Mir das zu sagen ist ein wenig zu spät“, erklärte ich. „Falls du dein volltrunkenes Gehirn benutzen könntest, wüsstest du noch, dass das bereits heute Vormittag beim Standesamt geklärt worden ist.“
„Ooooh“, machte Jussi entgeistert. „Und?“
„Ich bleibe eine Kantee“, grinste ich. „Auch wenn ich nicht so recht weiß, wieso genau ich darauf stolz bin.“
„Nea Elina Romören“, murmelte Jussi vor sich hin. „Nein, das geht einfach nicht.“
„Ich finde es klingt nicht schlecht.“
„Doch, tust du. Vertrau mir.“ Er legte mir einen Arm um die Schultern und schob mich ins Wohnzimmer, wo die Feier anscheinend im vollen Gange war. Harri und Havu spielten eine hemmungslose Runde Strip-Twister, Arttu und Vellu bauten gerade eine Pyramide aus Vodkaflaschen und Alex versuchte den auf dem Wohnzimmertisch tanzenden Matti davon zu überzeugen, doch bitte seine Hosen wieder anzuziehen, die er anscheinend bei der vorigen Runde Twister gegen Janne Ahonen verloren hatte.
Um es kurz zu machen: der ganz normale Wahnsinn.
„Sieh mal einer an, die Braut“, rief Olli und zwinkerte mir zu.
„Ich seh keine“, murrte ich und ließ mich mit meiner Bierflasche aufs Sofa fallen. Als ich Anstalten machte, mich im Schneidersitz hinzusetzen, ließ Alex von Matti ab, um mir einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen.
„Denk dran, heute bist du eine Lady.“
„Heute bin ich vor allem durstig“, erwiderte ich und prompt drückte Arttu mir ein Glas in die Hand. Der Inhalt war rot und ich hoffte auf das Beste. „Wo ist Romören?“
„Willst du ihn für immer beim Nachnamen nennen?“, fragte Jo vom Esstisch aus, wo sie und die norwegische Besatzung dem vierstöckigen Hochzeitskuchen zu Leibe rückten.
„Solange man weiß, wer gemeint ist.“
„Er ist draußen beim Fotografen“, antwortete Anders. „Es ist noch nicht mal dunkel und die Hälfte der Leute hier sind schon hackevoll“, fügte er murmelnd hinzu. Ich ging zu ihm und umarmte ihn grinsend von hinten.
„Es ist Juli, mein Lieber. Hier wird es niemals dunkel.“
„Außer beim Bardal, dem dürfte es schon sehr dunkel sein“, murmelte Jon und klaute eine Kirsche vom Kuchen.
„Wie soll der denn noch heil mit aufs Foto?“, dachte Jo laut nach.
„Er wird die Bank“, meinte Harri, der gerade sein Hemd verloren hatte.
„Seht ihr erstmal zu, dass es wegen euch nicht zu einem FSK-18-Foto wird“, gab Jo zurück. Harri schmollte, ließ sich auf Havu fallen und blieb erschöpft liegen.
„Geh runter!“, ächzte Havu und versuchte Harri von seiner Brust zu schieben.
„Es steht alles!“, unterbrach Olli die fruchtbare Konversation, als er durch die Terassentür das Zimmer betrat. „Wir können jetzt das Foto machen.“
Alle standen auf und schlenderten in Richtung Garten, doch Alex versperrte mit ihrem gesamten Körper die Tür.
„Nein“, protestierte sie. „Nicht, bevor Matti seine Hosen wieder an hat.“
„Mensch, holt dem Mann ein Handtuch, oder so, unsere Pyramide ist noch nicht fertig“, meckerte Arttu und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.
„Matti, zieh dich an, sonst petz ich es Mama“, warf Jussi ein. Das saß. Innerhalb von zehn Sekunden stand Matti komplett angezogen und wie frisch frisiert neben Alex und lächelte wie die Unschuld in Person.
„Okay, gehen wir“, drängelte ich und schob alle aus dem Wohnzimmer in den Garten. Draußen schaute ich noch einmal am Haus hoch. Nicht mal ein Jahr hatten wir es hier ausgehalten. Manchmal überschlugen sich die Dinge einfach und keiner konnte etwas dagegen tun. Aber auch wenn ich mich oft fragte, ob es etwas gab, das ich bereute, fiel mir nie etwas ein, was ich grundlegend anders machen würde, hätte ich die Chance, es noch einmal zu machen. Höchstens an meinem Trinkverhalten würde ich wohl arbeiten.
„Komm schon, Nea!“, rief Jo und ich sah, dass die anderen schon alle mehr oder weniger in Position waren. Der vollkommen betrunkene Anders Bardal wurde von Tom und Ville gestützt und mein Bruder zwinkerte mir albern zu. Ich lachte und lief zu ihnen. Der Fotograf hatte eine freie Fläche auf dem Rasen gewählt, wo er jetzt die anderen so aufreihte, dass man idealerweise jeden auf dem Foto würde sehen können. Es schien mir fast zu schön, dass alle Menschen, die dort nun standen, ein Lachen auf dem Gesicht hatten und aussahen, als hätten sie die Zeit ihres Lebens. Es machte mich stolz und glücklich, sie meine Familie nennen zu können – ob nun blutsverwandt oder nicht.
„Das Brautpaar bitte in die Mitte!“, wies der Fotograf an und meine Mutter ließ ein Schluchzen vernehmen.
„Wieso darf der Russe in die Mitte?“, warf mein Opa ein und meine Oma schaute wehleidig zu Jussi herüber. Es gab wohl Dinge, die sich niemals ändern würden. Und bei manchen war das vielleicht auch besser so.
Ich stellte mein Bier ab, richtete meine Haare notdürftig und ging zu der Menschenmenge, die meine Hochzeitsgesellschaft war. Ich war älter. Ich war verheiratet. Und ich war glücklich.
Björn streckte seine Hand aus und zog mich an seine Seite. Zu meiner Linken stand Jo und ich glaubte, eine Träne in ihren Augen sehen zu können.
„Du bist verheiratet“, flüsterte sie lächelnd.
„Du bist Mutter.“
„Wir sind Kantees!“, brüllte Ville hinter uns und riss die Arme in die Luft, woraufhin Bardal schwer auf Tom zusammensackte.
„Bist du irre?“, motzte dieser und trat Ville in die Kniekehle.
„Könnt ihr mal aufhören, zu motzen, wir wollen hier ein schönes Erinnerungsfoto machen!“, erinnerte Jo sie freundlich und schaute zu Anders, der neben ihr Leevi auf dem Arm hatte und aussah, wie einer dieser pseudo-stolzen Modelväter auf irgendeinem Zeitungscover.
„Alles okay?“, fragte Björn und legte einen Arm um mich. Ich war mir nicht sicher, ob sich die Frage auf die Fotoaktion oder die allgemeine Situation bezog.
„Alles bestens“, antwortete ich grinsend und schlang beide Arme um seine Mitte.
„Das ist so falsch“, hörte ich Anders flüstern und musste lachen. Vielleicht war es das. Das machte es aber nicht weniger großartig.
„Ey“, murmelte ich und zupfte an Björns Ärmel.
„Hm?“
„Deine Haare sehen gar nicht so komisch aus.“
Björn lächelte. „Ich liebe dich auch, Kantee.“
Er beugte sich runter, um mich zu küssen und ignorierte die würgenden Geräusche, die Ville hinter uns abgab.
„Das ist meine Schwester, man!“, wimmerte dieser und aus den Augenwinkeln sah ich, wie Jussi ihm tröstend auf die Schulter klopfte.
„Sieh es ein. Sie ist jetzt erwachs...“ Er legte den Kopf schief und schien einen Moment nachzudenken. „Na ja, zumindest ist sie rechtlich gesehen befugt zu heiraten.“
Bevor Ville etwas erwidern konnte, gab der Fotograf die Anweisung, doch jetzt gefälligst den Rand zu halten und nach vorne zu schauen. Also taten wir das. Außer Anders Bardal. Der war bewusstlos.
Ich strahlte, als Björn mich an sich drückte und griff nach der Hand von meiner Schwester.
Es war ein schönes Gefühl, verheiratet zu sein. Aber letzten Endes war es kein Trauschein oder ein Stammbaum, der Menschen zusammen hielt. Es waren Erfahrungen, Emotionen und die eigenen Anstrengungen, die man erbrachte, um die Beziehungen mit denen, die man liebte, zu pflegen. Und dafür war jeder selber verantwortlich.
Alles was zählt, ist der Wille. Ohne den geht es nicht.



ENDE
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