Nea hat für euch eine "kleine" Osterüberraschung parat, auch wenn sie eigentlich überhaupt nichts mit Ostern zu tun hat. Wie hoffen, sie gefällt euch trotzdem...irgendwie.



Das Gefühl der Einsamkeit kam ganz plötzlich. Janne sah sich in ihrer Wohnung um, die dunkel und ruhig dalag, hörte den Lärm von der Straße vier Stockwerke unter ihr und als sie zur Seite guckte, wurde ihr klar, dass sie niemanden entdecken würde. Egal, wo sie hinschauen würde.
Unsicher stand sie vom Sofa auf und ging ans Fenster. Auf der Straße liefen Menschen in kurzen, sommerlichen Klamotten von links nach rechts. Ab und zu drang ein Lachen oder ein Ruf zu ihr hinauf, was ihre eigene Wohnung noch stiller erscheinen ließ. Auch die sommerliche Helligkeit der Nacht trug dazu bei, dass das Wohnzimmer, in dem sie sich befand, dunkel und fremd wirkte.
Es war Mitte Juli und die sommerliche Hitze hatte die norwegische Hauptstadt unbarmherzig in der Hand. Die Nächte waren kurz und voller Möglichkeiten. Genau aus dem Grund hatte Janne sie immer geliebt. Sie war in Asker aufgewachsen, hatte immer dieselben Leute um sich gehabt, war mit ihnen zur selben Schule gegangen und hatte dieselben Erfahrungen gemacht, wie fast alle Jugendlichen. Die Hauptstadt war zwar nie weit weg aber dennoch eine Art Attraktion gewesen. Die Besuche waren selten und aufregend aber nicht von enormer Dringlichkeit gewesen.
Und nun saß sie hier in einem Mehrfamilienhaus ein ganzes Stück außerhalb des Zentrums von Oslo und stellte fest, dass sie sich hier weder heimisch noch zufrieden fühlte.
Nach dem Abschluss der Schule war Janne ein Jahr im Ausland gewesen. Als Au-Pair war sie selten allein gewesen, immer wenn sie nach Hause kam war jemand da gewesen, der sich freute, sie zu sehen. Ihre Gastfamilie hatte sie mit einer nicht vorstellbaren Herzlichkeit empfangen, die ihr als Einzelkind gut getan hatte. Und obwohl sie die elf Monate im Nachbarland verbracht hatte, war es für sie wie in einer anderen Welt gewesen. Alles war so weit weg gewesen, ohne dass es ihr an etwas gefehlt hatte. Natürlich hatte sie ihre Eltern und ihre Familie vermisst, aber im Zeitalter moderner Kommunikationstechnologien war auch diese Problematik überwunden worden.
Vor zwei Wochen hatte sie dann Abschied nehmen müssen und die Rückkehr in ihre Heimat angetreten. Am Tag zuvor hatte der Umzug in ihre erste eigene Wohnung angestanden, vor zwanzig Minuten hatte sie den letzen leeren Karton in den Keller gebracht und nun blieb ihr nicht viel mehr übrig, als auf den Beginn ihres ersten Semesters an der Universität von Oslo zu warten.
Warten. Das war noch nie ihre Stärke gewesen.
Seufzend trat Janne vom Fenster weg und schaute auf die Lampe, die auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa stand. Wahrscheinlich würde sie das Ganze lange nicht so deprimieren, wenn sie Licht gehabt hätte. Doch sie hatte feststellen müssen, dass es keine kluge Idee war, einen Karton voller Glühlampen als Trittbrett zu benutzen, um einen Hartschalenkoffer voller Andenken aus Finnland auf den Kleiderschrank zu hieven. Als ihr das bewusst wurde, stand sie aber auch schon knöcheltief in Scherben. Daher hatte sie an diesem Sonntagabend keinerlei Licht in der Wohnung, vom Kühlschrank mal abgesehen, dafür aber eine Menge kleiner Schnittwunden in Knöchelhöhe. Unwillkürlich schaute sie an sich herunter. Da sie barfuss und in Shorts war, waren die kleinen, roten Schnitte deutlich zu erkennen. Wie von einer Playmobilpeitsche misshandelt, dachte Janne und öffnete das Fenster, als sie merkte, dass ihr der Schweiß auf der Stirn stand.
„Verdammte Hitzewelle“, knurrte sie und tastete sich unbeholfen zur Küche. Wie konnte es draußen so hell, hier drinnen aber so schrecklich dunkel sein? Oder wirkte es nur so dunkel, gerade weil es draußen so hell war? Und woher bekam sie eigentlich die richtigen Glühbirnen, um sich morgen nicht die gleichen ziellosen Fragen zu stellen?
Janne bahnte sich den Weg zum Kühlschrank und öffnete die Tür.
„Es werde Licht“, murmelte sie und ließ das schwache Licht bei weit aufgerissener Tür die Küche zumindest ein wenig beleuchten, während sie eine gekühlte Packung Eistee herausholte, nach einem Glas suchte und schließlich das Getränk in den erstbesten glasähnlichen Behälter goss, der ihr untergekommen war.
Als sie die Packung zurückstellen wollte, klingelte es an der Tür und Janne fluchte laut, als sie sich vor Schreck den Kopf stieß. Wer klingelte denn irgendwo, wenn gar kein Licht brannte? Wie unhöflich.
Sie trottete zur Wohnungstür, stolperte im Flur über einen Schuh und knallte mit dem Kopf gegen die Gegensprechanlage, wodurch diese prompt ausgelöst wurde.
„Ja?“, fragte Janne und rieb sich die Stirn. Sie hätte ja gesagt, es war nicht ihr Tag. Doch solche Dinge passierten ihr ständig.
„GEZ – schon gezahlt?“
„Wenn das ein blöder Scherz ist, solltest du besser was Kühles zu Trinken dabei haben.“
„Sechserpack Beck’s aus dem Supermarkt gegenüber.“
Ohne ein weiteres Wort betätigte Janne den Türöffner und öffnete die Wohnungstür, obwohl ihr bester Freund noch vier Stockwerke laufen musste. Natürlich gab es einen Fahrstuhl, aber der steckte auf ihrer Etage fest, da Janne sich in die offene Fahrstuhltür gelehnt hatte und nicht daran dachte, ihn ins Erdgeschoss zu schicken.
Sechzehn Stufen pro Etage und gefühlte fünfunddreißig Grad bewirkten, dass Tom mit rotem Gesicht, schweißnassen Haaren und leicht gebeugt die Treppe hinaufgestiegen kam.
„Das…war…Absicht“, hechelte er und stützte sich an der Wand ab.
„Das war es“, bestätigte Janne und ließ die Fahrstuhltüren sich endlich schließen. Tom hatte sich wieder halbwegs erholt und folgte ihr in die Wohnung.
„Schon eingelebt?“, wollte er wissen und wunderte sich, wieso kein Licht brannte. Es musste bei Janne aber nichts heißen, sie tat manchmal eben unerklärliche Dinge, einfach, weil ihr danach war.
„Wieso hast du geklingelt, obwohl kein Licht brennt?“, gab Janne zurück und wies Tom mit einer Handbewegung, das Bier im Kühlschrank zu verstauen.
„Wo solltest du denn sein?“, antwortete er und wusste, dass ihre Gegenfrage gleichbedeutend mit einem „Nein“ war. „Weißt du, aus dem Grund hab ich mir einen Mitbewohner gesucht.“ Er strengte seine Augen an, um im dämmrigen Licht einen Stuhl oder Ähnliches in der Küche auszumachen. Als er endlich saß, griff er erleichtert nach dem Bier, das Janne ihm reichte.
„Mit einem fremden Menschen zusammenzuziehen würde mir den Rest geben“, erklärte Janne im Brustton der Überzeugung.
„Du hast ein Jahr lang mit einer fremden Familie zusammen gelebt“, stach er ihr Argument aus und Janne kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe, als sie sich ihm gegenüber niederließ.
„Wenn das nicht geklappt hätte, wäre ich woanders untergebracht worden – oder nach Hause gekommen“, sagte sie schließlich. „Ich hatte Glück. Aber ein Mitbewohner? Nee, danke.“
„Du bist also lieber einsam?“
„Du bist doch da“, entgegnete sie grinsend und Tom lachte zustimmend.
„Touché.“
„Wie ist dein Mitbewohner?“, fragte Janne mäßig interessiert und trank das kühle Bier wie Wasser. Dieses Wetter ließ es einem egal werden, was genau man trank, solange es kalt genug und nicht unmittelbar tödlich war.
„Eigenartig“, räumte Tom ein. „Aber ganz okay, denke ich. Allerdings einer von der ruhigen, unumstößlichen Sorte, die jede Frau haben können, weil sie so cool sind, dass sie mit dem Hintern auf der Parkbank festfrieren.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber zu Menschen ohne Brüste ist er wie gesagt relativ normal.“
„Faszinierend“, befand Janne und versuchte sich das mit dem Festfrieren nicht bildlich vorzustellen. Vergeblich. Tom musterte sie misstrauisch.
„Wieso grinst du so?“
„Nur so.“
„Du stellst dir die Sache mit der Parkbank vor. Gott, du bist so leicht zu erheitern. Und so einfach gestrickt.“ Tom schüttelte den Kopf. „Wann wirst du endlich erwachsen?“
„Wenn du es wirst.“ Janne schaute Tom eine Weile herausfordernd an, dieser starrte nachdenklich zurück. Schließlich hob er seine Dose.
„Auf die Ewigkeit der Jungend.“
„Auf die Ewigkeit der Jugend“, wiederholte sie und stieß mit ihm an. Dann saßen sie eine Weile stumm da und lauschten dem Gewirr aus Stimmen und Autos, das von draußen hereindrang. Schließlich stellte Tom seine leere Dose auf den Tisch und schaute seine beste Freundin an.
„Du wirst dich dran gewöhnen“, versicherte er ihr. Janne nickte grüblerisch.
„Wahrscheinlich.“
„Absolut. Und zur Not ist bei mir immer ein Platz für dich frei, JayJay.“ Tom warf die leere Dose an Jannes Kopf und grinste boshaft. „Denk dran, du bist hier nicht einsam. Du bist zu Hause.“

Der Montag war ein dermaßen warmer Tag, dass Janne es für unmöglich hielt, mehr als zwanzig Schritte außerhalb des Hauses zu machen. Mehr brauchte sie Gott sei Dank auch nicht, um im Supermarkt ein bisschen Obst, Brot, Käse und Unmengen an Getränken einzukaufen. Als ihr zu Hause die Glühbirnen wieder einfielen, stöhnte sie auf, wäre aber lieber nackt durch das Bahnhofsgebäude gerannt, als jetzt noch einmal loszugehen.
Gegen halb acht Uhr abends war es so weit abgekühlt, dass man sich wieder vor die Tür trauen konnte und trotz der drückenden Hitze, wirkte Kari unheimlich frisch und munter, als sie um zwanzig Uhr ihren Eisbecher in einer Eisdiele im Zentrum in Empfang nahm. Janne hatte sich zu ihrem Becher noch gleich ein großes Mineralwasser bestellt.
„Nachtschwimmen“, sagte Kari, bevor sie sich einen Löffel Sahne in den Mund schob. „Das war damals das Beste bei dem Wetter und ist es heute auch noch.“ Sie deutete auf die Tasche, die zu ihren Füßen stand. „Willst du nicht mitkommen?“
„Nee, ich bin bei Tom zum Essen eingeladen“, erwiderte Janne und leerte ihr halbes Glas in einem Zug. „Aber wenn du mal wieder gehst, sag Bescheid.“
Karis Haare fielen ihr in die Stirn, als sie eifrig nickte. Janne betrachtete ihre Kindheitsfreundin, doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie sah kaum eine Veränderung. Sie hatte noch immer dasselbe fröhliche Gesicht, die wachen blauen Augen und die gestenreiche Art ihre Worte zu untermalen. Es war irgendwie tröstlich zu wissen, dass sich während ihrer Abwesenheit keiner ihrer besten Freunde von ihr wegentwickelt hatte. Sie alle drei waren im Grunde dieselben geblieben. Nur lebten sie jetzt in der großen Stadt und spielten Erwachsene. Aber wieso nicht, das Spiel war neu und interessant.
„Wie ist denn deine Wohnung so?“, wollte Kari wissen. Janne grinste. Es war ein Teil des Spiels, Dinge wie „eigene Wohnung“, „meine Wäsche“ wahlweise „mein Putztag“ und „Wocheneinkauf“ so lange gewaltsam in die Gespräche einzubinden, bis sie nicht mehr ganz so abstrakt und absurd klangen. Doch das würde noch eine ganze Weile dauern.
„Dunkel“, antwortete sie schließlich. „Ich habe alle meine Glühbirnen auf einmal zerstört.“
„Hast du sie aus Versehen mitgewaschen?“, witzelte Kari.
„Nein, mich aus Versehen draufgestellt.“
„Glückwunsch.“
„Deswegen hat Tom mich auch zu sich zitiert. Er meinte, wenn ich versuchen würde, im Dunkeln zu kochen, würde ich nur die Bude abfackeln. Dann wäre es zwar hell, aber keine Versicherung der Welt würde die ganze Chose abdecken.“
„Sicher? Irgendwer muss doch auch diesen Typen versichern, den die ganze Welt am liebsten tot oder wenigstens klug sehen würde.“
„Bush?“
„Pss, sag das böse B-Wort nicht“, scherzte Kari und stocherte mit dem Löffel im Eis herum. „Vielleicht solltest du dir mit den Glühbirnen helfen lassen“, sagte sie dann. „Immerhin bist du der einzige Mensch, den ich kenne, der regelmäßig einen gewischt kriegt, wenn er nur einen Stecker aus der Steckdose zieht.“
„Das lag am Stecker, der war nicht mehr richtig isoliert“, erinnerte ich sie.
„Ja, und du brauchtest zweiunddreißig Stromschläge um auf die Idee zu kommen, dass etwas vielleicht nicht stimmt.“
„Ich war vierzehn.“
„Du warst ein wandelnder Hochspannungsmast.“
„Okay, okay“, gab ich lachend nach. „Ich frag Tom.“
„Janne, er war der, der die Isolierung abgeknabbert hat.“ Kari schüttelte ungläubig den Kopf. „Also, ihr beide wart schon immer irgendwie…“
„Einzigartig?“
„Bescheuert“, sagte Kari ohne jegliche böse Absicht.
„Oder so.“ Janne lehnte sich zurück und betrachtete ihr schmelzendes Eis. „Mal gucken, wen ich dann dafür einspanne.“
„Ach, Tom hat ein paar Freunde, die so was tatsächlich können. Einer hilft dir sicher gerne“, meinte Kari zuversichtlich. „Es ist erstaunlich, wie schnell er hier Anschluss gefunden hat“, fügte sie hinzu. „Ich meine, ich habe es ja nur immer von ihm gehört, aber das ging echt ratzfatz.“
„Na ja, du kennst doch Tom“, lachte ich. „Er ist ein Menschenmagnet.“
„Stimmt. Es ist aber trotzdem gut, dass wir drei jetzt wieder zusammen sind“, schloss Kari, grinste und schob sich einen Löffel Schokoeis in den Mund. „Nach uns die Sinnflut.“

Er fragte sich, wann sein Mitbewohner das letzte Mal Frauenbesuch gehabt hatte. Mal abgesehen von Kari, die im letzten Jahr ziemlich oft hier gewesen war. Er wusste, dass sie ein Jahr jünger war als Tom und jetzt im Sommer die Schule beendet hatte.
Aber die Stimme, die aus der Küche drang, war definitiv nicht Karis. Er fragte sich, ob er es wagen konnte, sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank zu holen. Ungern hätte er Tom bei irgendetwas gestört, doch allein der Gedanke schien dermaßen weit hergeholt, dass er ohne weiter zu zögern die Küchentür öffnete und eintrat.
„Hi“, murmelte er ohne einen der beiden anzusehen. Er wusste wie Tom aussah und sein Besuch war ihm reichlich egal. Er ging zum Kühlschrank, holte sich einen Becher Joghurt heraus, nahm einen Löffel aus dem gerade durchgelaufenen Geschirrspüler und war schon fast wieder draußen, als Toms Stimme ihn zurückhielt.
„Hey, Jon“, sagt er, woraufhin Jon sich umdrehte und ihn unter dem Rand seiner Kapuze hinweg ansah. „Du kennst meine beste Freundin noch gar nicht.“
„Doch klar. Kari“´, erwiderte er, ohne zu wissen, worauf genau Tom hinauswollte. Da fiel ihm die andere Person im Raum wieder ein und er ließ seine Augen ein Stück nach links wandern.
„Ja, auch. Ab ich hab dir doch von Janne erzählt.“
Ja, er erinnerte sich. Hauptsächlich, weil er am Anfang der festen Überzeugung gewesen war, dass Janne ein Junge sein musste, da Tom von ihr immer nur im Zusammenhang mit Finnland erzählt hatte, wo ihr Name ein typischer Männername war.
Doch nun hatte er den Beweis, dass es sich bei Janne entweder um ein Mädchen oder um einen verdammt gut verkleideten Mann handelte. Er tendierte zu Ersterem.
„Richtig“, meinte Jon schließlich und schaute Janne ausdruckslos an. „Hi.“
„Hey“, erwiderte sie, ohne ihn wirklich anzusehen. Ein Artikel in der Tageszeitung schien es ihr angetan zu haben.
„Hast du keine Zeitung zu Hause?“, platzte es aus Jon heraus.
„Doch, aber kein Licht“, murmelte Janne abwesend. Jon verzog verständnislos das Gesicht und versuchte ein Wort zu finden, das das Mädchen am Küchentisch beschrieb. Unauffällig, vielleicht. Normal war zu vage. Durchschnittlich? Dazu müsste man wissen, wie der Durchschnitt aussah. Also widmete er sich lieber wieder seinem Joghurt, der bei den Temperaturen bestimmt bald anfangen würde zu leben. Er zog den Deckel ab, warf diesen in den Mülleimer und lehnte sich gegen den Ofen. Ihm war dermaßen warm, dass er sich am liebsten nackt vor dem offenen Kühlschrank postiert hatte. Allerdings befürchtete er, dass Tom und seine Freundin diesen Anblick für ein wenig seltsam halten könnten. Jon murrte kaum hörbar. Und wenn er die Boxershorts anlassen würde?
„Wer macht das jetzt eigentlich mit deinen Glühbirnen?“, fragte Tom an Janne gewandt. Sie zuckte mit den Schultern.
„Mal schauen. Vielleicht kauf ich mir morgen einen Satz und installier sie selber.“
Tom und Jon tauschten einen Blick aus. Installieren?
„Glühbirnen sind doch kein Virenprogramm“, meint Tom. „Oder sanitäre Anlagen. Die dreht man rein.“
„Wird das nicht heiß, wenn man sie dann leuchten und man sie noch reindreht? Oder zieht man Handschuhe an.“
Jon verschluckte sich fast an seinem Joghurt. War das ihr Ernst? Auch Tom wirkte etwas unsicher bezüglich dessen, was er dazu sagen sollte.
„Wie viel Watt?“, mischte Jon sich nun ein. Es war eine Testfrage, er wollte nur wissen, ob sie ungefähr eine Ahnung von dem hatte, was sie vorhatte.
„Watt?“
„Die Glühbirnen.“
„Ach so. Fünfhundert vielleicht? Oder ist das zu viel?“ Janne zuckte ahnungslos mit den Schultern.
„Sofern möglich hättest du dich gerade ungefähr drei Mal dabei umgebracht, eine Glühbirne einzusetzen“, stellte Tom fest, der sich fragte wieso ihr niemand beigebracht hatte, eine einfache Glühbirne zu wechseln. Kein Wunder, wenn sie sich ein wenig überfordert fühlte.
„Hmm. Vielleicht sollte ich auf Kerzen umsteigen“, überlegte Janne. Sie griff nach ihrem Glas und fegte dabei einen Salzstreuer, eine Gabel und einen Aschenbecher vom Tisch. Hastig bückte sie sich danach. „War keine Absicht“, murmelte sie wahrheitsgemäß. Die beiden Jungs schauten sich an und konnten sich nur vorstellen, was passieren würde, wenn überall wehrlose Kerzen in ihrer Wohnung herumstünden.
„Morgen Mittag“, sagte Tom schließlich. „Ich besorg dir die Birnen und dann üben wir mal, wie man Strom und Birne richtig zusammenführt und Sicherungen sinnvoll nutzt.“
„Okay, danke“, erwiderte Janne, stand auf und streckte sich. „Ich geh dann mal, sonst wird es zu dunkel zum Duschen. Gott“, stöhnte sie. „Wenn ich zu Hause bin stell ich mich erst mal eine Runde in Unterwäsche vor den Kühlschrank.“

„Fünfhundert Watt?“, fragte Kari ungläubig und schüttelte den Kopf. „Musst du immer so übertreiben?“
„Aber sie haben es geschluckt.“ Janne griff nach ihrem selbstgemixten Cocktail und winkelte die Beine an. Die beiden Mädchen lagen auf dem kühlen Holzboden in Karis Wohnung und versuchten, jede überflüssige Bewegung zu vermeiden.
„Wieso hast du das überhaupt gemacht?“
„Erstens musste ich es, nachdem Tom mit bei diesem mickrigen „installieren“ korrigiert hat, als wäre ich ein Elektrik-Krüppel. Außerdem hab ich gehofft, dass dieser Jon die Sache vielleicht übernehmen würde.“ Sie grinste breit und nuckelte an ihrem Strohhalm, während Kari sie von der Seite musterte.
„Jon ist dein Typ?“
„Wessen nicht?“
„Ja, schon. Aber hör mal, Janne. Ich sag es dir lieber gleich, verrenn dich da in nichts. Er sieht vielleicht gut aus, das war es aber schon.“
„Keine Sorge, ich will ihn ja nicht gleich heiraten, oder so“, lachte Janne und nahm sie die Orangenscheibe vor, die zur Dekoration gedient hatte. „Übrigens hat Tom das mit dem Licht übernommen. Er ist mein Erleuchter.“
„Das ist schön.“ Kari schüttelte den Kopf. „Weißt du denn jetzt wenigstens, wie es geht?“
Janne schnaubte. „Das weiß ich, seit ich acht bin.“
Kari wollte gerade etwas erwidern, doch das Klingeln an der Haustür schnitt ihr das Wort ab. Mühsam stand sie vom Boden auf, schlurfte durch den Flur und öffnete.
„Summer Feeling!“ Björn warf die Hände in die Luft und umarmte Kari dann. „Ist das nicht großartig? Ich kann halbnackt herumlaufen, ohne dass es jemandem auffällt.“
„Poser.“
„Ein Mann mit meinem Aussehen darf die Welt nicht bestrafen, indem er bei diesen Temperaturen ein T-Shirt trägt“, behauptete Björn und trat ein, als Kari einen Schritt zur Seite machte.
„Ich hab den eingebildetesten Nachbarn der je auf Erden wandelte“, zog sie ihn auf, doch Björn grinste nur.
„Vergiss nicht, er ist auch der schönste Nachbar“, fügte Anders, der hinter Björn gestanden hatte, hinzu und dachte nicht daran, den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen.
„Ja, aber nur weil du drüben in Steinerud wohnst“, gab Kari zurück und küsste ihn grinsend. Anders neigte den Kopf.
„Oh, das war ja lieb. Hast du was angestellt?“ Er schloss die Wohnungstür hinter sich und griff nach der Hand seiner Freundin. Kari schüttelte den Kopf.
„Nicht mehr als sonst.“
„Gut.“
„Übrigens, ich will euch jemanden vorstellen.“ Sie ging voran ins Wohnzimmer, wo Janne immer noch ausgestreckt auf dem Boden lag und auf ihrem Strohhalm herumkaute. Als Kari, Björn und Anders in der Tür auftauchten, legte sie den Kopf ein Stück in den Nacken und lächelte.
„Mahlzeit.“
„Kari, da liegt ein Mensch auf deinem Fußboden“, sagte Björn.
„Da unten ist es kühler“, erklärte Kari und deutete auf Janne. „Das ist meine beste Freundin Janne“, stellte sie dann vor. „Janne, mein Freund Anders und mein Nachbar Björn.“
„Ah, der Sarkastische und der Schöne“, fasste Janne zusammen und grinste, als Anders und Björn etwas verständnislos dreinblickten. „Ist sehr hellhörig, die Wohnung.“
„Wieso habt ihr eigentlich beide finnische Männernamen?“, fragte Anders und stieg über Janne hinweg, um sich aufs Sofa zu setzen. Er wusste nicht so recht, was er von ihr halten sollte, beschloss aber mit seinem Urteil noch zu warten, bis er sie mal aufrecht erlebte.
„Das war ein Witz unserer Eltern“, erklärte Kari und setzte sich zu ihm. „Sie haben die beiden Namen in einer Statistik gesehen und sich gedacht, dass es lustig wäre, uns beiden solche Namen zu geben.“
„Das ist aber gemein“, befand Björn und blieb mit verschränkten Armen neben Janne stehen. „Was wenn ihr zu viel Testosteron abbekommen hättet und jetzt aussehen würdet, wie diese Mädchen in den Filmen, die sich immer als Jungs ausgeben? Und dann auch noch Männernamen?“
Janne kniff die Augen zusammen und musterte Björn ungläubig.
„Bist du immer so oberflächlich?“
„Nein, manchmal achte ich auch aufs Geld“, gab er zurück und schnitt ihr eine Grimasse. Janne lachte und setzte sich endlich auf. Sie schaute zu Björn hoch und zeigte mit dem Finger auf ihn.
„Wenigstens bis du ehrlich.“
Björn kopierte ihre Geste. „Gelegentlich.“
„Ein lügender, oberflächlicher, selbstverliebter Schmarotzer“, frotzelte Janne. „Reizend.“
„Ich sehe, ihr mögt euch“, unterbrach Kari das Ganze und wandte sich an Anders. „Was macht ihr eigentlich hier?“
„Ich besuche meine Freundin und er...ääh.“ Anders schaute zu Björn. „Ja, genau, was machst du eigentlich hier?“
„Ich wollte mir Zucker ausleihen“, log Björn, der sich einfach nur gelangweilt hatte. „Aber wo wir gerade alle so schön beisammen sind, könnten wir doch auch zusammen was essen gehen“, schlug er vor. Anders musterte ihn kritisch. Er neigte nicht zur Eifersucht aber mehr als einmal war ihm Björns ziemlich lockere Art mit Frauen umzugehen ein wenig sauer aufgestoßen. Das Einzige, was ihn halbwegs ruhig hielt war die Tatsache, dass Kari, nachdem sie lang und breit mit Janne am Telefon über Björn diskutiert hatte, die von Janne aufgestellte Theorie auf den Tisch gebracht hatte, dass Björn vielleicht schwul sein könnte.
Anders beobachtete Karis beste Freundin, die jetzt aufstand, über den Teppich stolperte und der Länge nach aufs Sofa fiel, woraufhin sie sich die Hüfte hielt, mit der sie auf der Armlehne aufgeschlagen war.
Ja, doch, dachte Anders zufrieden. Scheint ganz okay zu sein.

„Björn?“, lachte Tom am nächsten Tag, als Janne ihm die Begegnung mit Karis Freund und ihrem Nachbarn geschildert hatte. „Ja, den kenn ich. Ist ein witziger Typ.“
„Witzig?“, hakte sie zweifelnd nach, obwohl sie auch eine Menge Spaß gehabt hatte. Allerdings würde sie das nicht Björns spaßigem Charakter zuordnen.
„Ja, er ist wirklich okay. Hinter seine Maske.“
„Ziemlich vorlaute Maske“, murmelte Janne und räkelte sich in dem Liegestuhl auf Toms Balkon. Sowas musste sie sich unbedingt auch anschaffen, das war ja herrlich. Auch wenn die Sonne brannte und die Luftfeuchtigkeit wahrscheinlich 470 Prozent betrug.
„Ach komm. Er ist doch genau der Typ Mann, an dem du dich reiben kannst und das liebst du“, grinste Tom wissend.
„Bitte, benutze in dem Zusammenhang nicht das Wort ‚Reiben’“, bat Janne und verzog das Gesicht. „Aber du hast vielleicht recht, es war wirklich irgendwie witzig.“
„Und was hältst du von Karis Flamme?“
„Ist das eine Fangfrage?“, wollte Janne misstrauisch wissen. Tom lachte auf.
„Nein.“
„Scheint wirklich nett zu sein. Nicht so ein Hallodri.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und auf der Nase lässt sie sich ja eh nicht rumtanzen.“
„Das ist wahr“, lachte Tom. „Unsere Kari lässt sich nichts gefallen, wenn es ihr gegen den Strich geht.“
„Ja, das haben wir gut hinbekommen, oder?“, witzelte Janne. „Unsere Kleine wird langsam erwachsen.“
„Pass mal auf, bald braucht sie uns gar nicht mehr“, ging Tom auf das Spielchen ein und fasste sich theatralisch an die Stirn. „Dann haben wir nur noch uns.“
„Ach, jetzt mal doch keine Teufelssocke an die Wand“, erwiderte Janne schrill. „Wir werden sie schon nicht verlieren. Nicht so lange Asker uns verbindet.“
„Was ist denn hier los?“ Jon trat auf den Balkon und schaute die beiden an. Er wusste ja, dass Tom ein bisschen meschugge war. Aber anscheinend gab es jemanden, der ihm darin in nichts nachstand. Ob Kari in Wahrheit auch so seltsam war? Sie hatte sich in seiner Gegenwart immer recht harmlos verhalten. Aber vielleicht hätte ihn gerade das stutzig machen sollen.
„Wir weinen um unsere verlorene Tochter“, erklärte Tom und Jon musste sich sehr zusammenreißen, um seine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen.
„Er meint Kari“, fügte Janne schnell hinzu. „Wir haben nur ein bisschen rumgesponnen.“
„Aha.“ Jon sah Janne an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Zahlst du Miete?“
„Nein?“
„Dann raus aus meinem Liegestuhl.“
„Wie gastfreundlich.“
„Wie besitzergreifend.“
„Wenn ich dir fünf Euro gebe, darf ich dann noch eine Viertelstunde sitzen bleiben?“, fragte Janne und studierte Jons Gesicht, doch wie immer zeigte es keine Regung. Sie war sich nicht mal sicher, ob er das mit dem Liegestuhl nicht vielleicht wirklich ernst gemeint hatte.
„Was soll ich denn mit fünf Euro?“, wollte Jon wissen, dem es im Grunde vollkommen egal war, ob sie auf seinem Liegestuhl saß oder mit Zahnseide am kleinen Zeh festgebunden vom Balkon baumelte.
„Ich kann dir auch fünf Kronen geben.“ Janne schnitt ihm eine Grimasse und Jon rollte mit den Augen.
„Ich kenne den Wechselkurs“, stellte er klar.
„Und wie sieht der aus?“, wollte Tom wissen.
„Fünf Kronen sind ungefähr neunundfünfzig Cent“, antwortete Jon im professionellen Ton. „Das würde nicht mal reichen, um deiner Freundin ein Taxi nach Hause zu bezahlen.“ Er lächelte Janne bittersüß an. „Also hätte ich lieber die fünf Euro und schmeiß dich in fünfzehn Minuten raus.“
„Jon“, sagte Tom mahnend. Das Problem mit Jon war nicht mal, dass er dazu tendierte, ganz schön grausam zu sein, das Hauptproblem war, dass die meisten Menschen seine Worte ziemlich persönlich nahmen. Was auch verständlich war.
„Nein, das ist okay“, sagte Janne, schob sich hoch und schaute Jon abwertend an. „Mir ist gerade eingefallen, ich muss noch den Müll rausbringen.“ Sie ging an ihm vorbei in die Wohnung und Tom folgte ihr.
„Tut mir leid“, beteuerte Tom. „Er ist manchmal etwas...unhöflich. Wenn er mit Fremden redet, das kommt nämlich auch nicht allzu oft vor.“
„Dann kann ich mich ja geehrt fühlen“, stellte Janne fest und lächelte Tom beruhigend an. „Keine Sorge, von so einem lass ich mich nicht klein kriegen.“
„Ich weiß, peinlich war der Auftritt trotzdem“, rief Tom so laut, dass Jon ihn hören musste. Janne lachte, gab Tom einen Kuss auf die Wange zum Abschied und verließ die Wohnung. Im Fahrstuhl versuchte sie, ihren Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Dieser Typ hatte es ihr wirklich angetan und sie wusste nicht einmal, warum.
Währenddessen zog Tom seinem Mitbewohner einen Elefanten-Hausschuh über den Kopf. Jon schaute ihn verwirrt an.
„Was?“, murrte er.
„Musste das sein? Wenn du Janne nicht magst, geh ihr halt aus dem Weg.“ Tom stellte den wehrlosen Schuh zurück und ging in die Küche; Jon folgte ihm.
„Es ist nicht, dass ich sie nicht mag“, entgegnete er schulterzuckend. „Sie ist mir total egal. Sie saß nur zur falschen Zeit im falschen Liegestuhl.“
Tom zeigte Jon einen Vogel und ließ ihn dann einfach stehen.

Anders wünschte sich sehr, sehr weit weg. Er hätte einfach in Karis Bett liegen bleiben und so tun sollen, als gäbe es ihn gar nicht. Ihn, diesen verdammten heißen Sommertag und Björn, der ihn dazu überredet hatte, mit ihm ein paar Läden nach Accessoires zu durchstöbern. Anders war nur mitgekommen, um vielleicht etwas für Kari zu finden. Bereits im zweiten Geschäft hatte er ein schönes Armband für die gefunden, nach dem fünften Geschäft hatte er angefangen, sich zu langweilen und jetzt, in Geschäft Nummer zwölf, bekam er das Gefühl, dass er mindestens drei der Läden zweimal von innen gesehen hatte.
„Was suchst du denn noch?“, stöhnte Anders und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken. Schwimmen. Das wäre jetzt was.
„Eine strassbesetzte Nasenklammer“, antwortete Björn hinter einem Regal und Anders wäre beinahe von dem Stuhl gefallen, auf dem er saß.
„Eine was?“
„Eine strassbesetzte Nasenklammer.“
„Hast du sie noch alle? Was soll das denn?“, schnauzte Anders, der eh schon ziemlich gereizt war. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Kari ihm versprochen hatte, mit ihm irgendwas zum Ausgleich zu machen, um die seelischen Qualen zu verarbeiten. Vielleicht konnten sie ans Meer fahren und sich irgendwo hinlegen, wo niemand war und ...
„Meine Nasenschleimhäute sind so empfindlich“, jammerte Björn und zerstörte so jeglichen Zauber von Anders’ Gedanken. „Aber ich kann doch nicht diese hässlichen hautfarbenen Dinger tragen, das sieht doch nicht aus. Ich will eine mit Strass. Oder Glitzer. Und darauf soll mein Name stehen, oder sowas wie ‚Sexy’ oder so.“
„Sag bitte, dass das nicht dein Ernst ist“, murmelte Anders fassungslos.
„Natürlich nicht“, lachte Björn.
„Gut.“
„Glitzer ist was für Schwuchteln.“
Anders verschluckte sich prompt und vergrub das Gesicht in den Händen. Was war nur mit diesem Typen los? Und wie war es möglich, dass er sich eigentlich so gut mit ihm verstand? Sie kannten sich noch nicht lange, waren aber eigentlich auf einer Wellenlänge. Sie konnten über dieselben Sachen lachen, mochten Actionfilme und Autos und als Saufkumpane war Björn einwandfrei. Aber das hier, das überforderte Anders stark.
„Meinst du, ich finde sowas eher im Sportfachgeschäft?“, wollte Björn wissen, als er offensichtlich erfolglos zurück kam.
„Ich bezweifle es“, murmelte Anders. „Kannst du basteln?“
„Geht so. Ich hab mir mal eine Prinzessinnenkrone für Fasching gebastelt.“
„Dann kauf dir doch eine ganze normale Nasenklammer und bekleb sie selber mit Strass“, schlug Anders in der Hoffnung vor, bald aus diesem Schmelztiegel, der sich Innenstadt schimpfte, herauszukommen. „Dann hast du auch nicht so eine Mainstream-Klammer.“
Hatte er das gerade wirklich gesagt? Egal, es schien zu wirken.
„Gute Idee“, fand Björn und grinste Anders vielsagend an. „Hast sowas schon mal gemacht, was?“
„Nee“, antwortete Anders und versuchte, sich zu beherrschen. „Meine Schleimhäute sind in Ordnung.“
„Na dann.“
Sie verließen den Laden und machten als nächstes in einem Café Halt, um ihren Wasserhaushalt wieder etwas aufzufüllen. Als Anders’ Handy klingelte, überlegte er dreimal, ob er rangehen sollte. Als er jedoch den Namen des Anrufers sah, entschied er sich abzunehmen.
„Ja?“, meldetet er sich matt. Er fühlte sich, als hätte er drei Stunden in der finnischen Sauna gesessen. Widerlich. Und noch war der Tag nicht vorbei, Björn brauchte noch seine Otto-Normal-Nasenklammer.
„Ich hab ein Problem“, sagte Kari ohne Umschweife.
„Frag mich mal“, seufzte Anders und warf Björn unwillkürlich einen Blick zu. „Björn braucht eine Naseklammer.“
„Da könnt ihr gleich eine Familienpackung mitbringen, ich hab einen Rohrbruch. Oder so. Jedenfalls kommt Wasser aus der Wand.“
„Oha. Hast du einen Klempner gerufen?“
„Tu ich doch gerade“, erwiderte Kari verwirrt. Anders schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn.
„Ja, klar, natürlich. Entschuldige. Ich komme.“
„Aber beeil dich. Janne steht halbnackt vor diesem Loch und stopft ständig neue Klamotten von sich hinein, um das Wasser aufzuhalten.“
„Nicht mehr lange, und Janne ist nackt, was“, witzelte Anders und Björn verschluckte sich prompt an seinem Wasser.
„Was ist denn da los?“, fragte er.
„Rohrbruch.“
„Ja. Klar.“
„Hör zu, Schatz. Wir machen uns sofort auf den Weg und – sag Janne, sie soll ab jetzt Handtücher oder so benutzen. Bis gleich.“

Ohne Werkzeug konnte Anders nicht viel ausrichten, aber zumindest schon mal das Wasser abdrehen, um die Sauerei beseitigen zu können. Janne kauerte im Bademantel auf einem Stuhl in der Küche und war klitschnass. Ihre Klamotten hingen zum Trocknen auf einer Leine im Bad.
Kari hatte es noch praktischer angestellt, sie hatte ihre nassen Klamotten gegen einen Badeanzug getauscht. So war sie trocken, ohne zu schwitzen. Außerdem war die Kleidung bei dem Wasserschaden regelrecht angemessen.
„Wir können eine Pool-Party ohne Pool machen“, schlug Björn vor, als er über den nassen Boden watete. „Ihr besorgt die Getränke, ich die Oben-ohne-Hasen.“
„Björn, du“, setzte Kari zum Schimpfen an, wurde aber von der Melodie von „I’m too sexy“ unterbrochen.
„Meins!“, rief Björn fröhlich.
„Was sonst!“, kam eine Stimme aus der Küche.
„Romören höchstpersönlich“, meldete Björn sich flötend. Kari schüttelte grinsend den Kopf und schaute zu Anders, der gerade den Schaden unter die Lupe nahm. „Nein, ich bin nebenan. Ja, bei Kari. Okay, bis gleich.” Björn legte auf. „Hey, Jonna!“
„Janne!“
„Ach ja, war ein Männername“, murmelte Björn. „Geh mal an die Tür“, rief er dann. Kari schaute ihn an.
„Lädst du jetzt schon Fremde zu mir ein?“, fragte sie ungläubig. Björn spitzte die Lippen und schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf.
„Au volontaire!“
„Das heißt „au contraire“, Einstein“, rief Janne vom Flur aus.
„Whatever. Jedenfalls kennst du den Besuch“, versicherte Björn Kari, die immer noch nicht ganz überzeugt war. Aber da sie knöcheltief im Wasser stand, beschloss sie, dass sie im Moment größere Probleme hatte.
Janne schlurfte zur und richtete sich halbherzig den Bademantel. Sie schwitzte unter dem schweren Frotteestoff und wünschte sich beinahe diesen blöden Wasserstrahl aus der Wand zurück. Der war wenigstens kühl, um nicht zu sagen eiskalt gewesen.
Sie öffnete die Tür, sah aber niemanden. Als sie aus der Wohnung trat, kam gerade jemand von rechts und stieß unsanft gegen sie, wodurch sich der Bademantel unvorteilhaft verschob.
Doch nichtmal das brachte Jons Mimik dazu, irgendeine Regung zu zeigen. Die Gedanken, die sich ihm aufdrängten, ließ er lieber gar nicht erst zu. Vielmehr beschäftigte ihn die Frage nach dem Warum.
„Rohrbruch“, erklärte Janne, bevor er irgendetwas fragen konnte. Jon hob eine Augenbraue.
„Bei dir ist höchstens im Kopf ein Rohr gebrochen“, stellte er fest. Zerstreut zeigte Janne ins Innere der Wohnung.
„Ja, und im Badezimmer.“
„Und den Bademantel trägst du, weil...“
„Meine Klamotten nass sind“, vervollständigte Janne den Satz. „Du kannst dir die Sauerei nicht vorstellen.“ Sie schaute hoch in Jons dunkle Augen, die sie ausdruckslos musterten. Gott wusste, was hinter diesen Augen vor sich ging.
„Mir ist mal die Wanne übergelaufen. Ich hab sie angestellt, vergessen und bin ins Kino gegangen“, antwortete er und fragte sich, warum er ihr die Geschichte erzählte. Zumal sie nicht mal wahr war, ihm passierten solche Sachen nie. Aber irgendwie hatte er das Bedürfnis, etwas zu erzählen, was die Situation – die für sie mehr als peinlich war – ein wenig entspannen würde. Das war, genau wie lügen, eigentlich überhaupt nicht seine Art, aber er fühlte sich noch ein bisschen schuldig, weil er sich in Toms Beisein so daneben benommen hatte. Er konnte seinen Mitbewohner gut leiden und musste wohl oder übel einsehen, dass dieser in Frottee eingehüllte Klotzkopf vor ihm diesem am Herzen lag. Also riss Jon sich lieber zusammen.
Doch der Klotzkopf zeigte nicht die gewünschte Reaktion. Sie grinste zwar, durchbohrte ihn aber mit ihrem Blick.
„Erzähl doch nichts“, meinte sie. „Du würdest doch nicht mal vergessen, wann du zuletzt deine Haare aus dem Gesicht gestrichen hast.“
„Erstaunlich wie gut du mich kennst“, erwiderte Jon gleichgültig. „Lässt du mich jetzt rein?“
„Wieso erzählst du mir sowas?“
„Wieso sollte ich dir das erzählen?“ Jon musterte Janne abschätzend. Noch immer war ihm kein Wort eingefallen, dass sie einigermaßen beschrieb. Nicht, dass er darüber nachdachte.
„Weil ich dich sonst nicht reinlasse?“
„Wieso musst du mir so auf die Nerven gehen?“
„Wieso sollte ich dir das erzählen?“, äffte Janne ihn nach und stemmte die Hände in die Hüften. Jon setzte gerade an, um etwas zu sagen, da fiel ihm etwas ins Auge. Er streckte die Hand aus und schob den Bademantel von Jannes Schulter. Als sie seine Hand auf der Haut spürte, erstarrte sie und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Du blutest“, stellte Jon fest. Dann schob er sich an ihr vorbei in die Wohnung. Janne sah ihm mit klopfendem Herzen hinterher. Was faszinierte sie so an ihm? Sie war ihm erst dreimal begegnet, immer nur recht kurz, aber etwas an ihm raubte ihr den Verstand.
Leise fluchend über ihre eigene Idiotie ging sie wieder in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Sie wollte ins Bad, doch Jon kam ihr entgegen und schob sie in die Küche.
„Hinsetzen“, befahl er und sie befolgte seine Anweisung, weil sie zu perplex war, um zu reagieren. Jon hatte Pflaster und eine Schere dabei und verarztete den kleinen Schnitt auf Jannes Schulterknochen mit geschickten Handgriffen.
„Danke“, murmelte sie verlegen. Jon lächelte zufrieden. Jetzt würde der Haussegen mit Tom sicher wiederhergestellt sein.

Angespannt rutschte Anders auf seinem Platz hin und her und hob schließlich den Blick. Janne schien ganz ruhig zu sein, sie hielt die Fernbedienung in der Hand und schaute konzentriert auf den Bildschirm. Machte ihr diese bedrückende Stille denn überhaupt nichts aus? Störte es sie nicht, dass sie sich anscheinend gar nichts zu sagen hatten?
Anders rieb sich angestrengt nachdenkend die Stirn. Komm schon, ermutigte er sich selbst. Sie ist die beste Freundin deiner Freundin, damit habt ihr schon mal eine Sache gemeinsam.
Er ertappte sich dabei, wie er abwartend zur Tür schaute, in der Hoffnung, dass Kari endlich wiederkommen würde. Nachdem das Badezimmer vor zwei Tagen in ein Planschbecken umfunktioniert worden war, war sie nur noch am trocknen, putzen, waschen und wiederherstellen. Im Moment war sie damit beschäftigt, Handtücher aufzuhängen. Die letzte Ladung davon wollte sie unbedingt noch fertig bekommen, bevor sie zum Nordstrand fahren würden, um die warme, helle Nacht ein bisschen auszunutzen.
Anders knetete seine Hände im Schoß und unterdrückte ein Seufzen. Über was konnte man sich wohl mit Janne unterhalten? Sie über das Fernsehprogramm auszufragen kam ihm ein bisschen albern vor. Aber ansonsten wusste er eigentlich fast alles über sie. Kari sprach viel von ihrer besten Freundin und daher war er bestens im Bilde über die Person, die neben ihm auf dem Sofa saß. Vielleicht sollte er einfach ein Gespräch beginnen, der Rest würde sich sicherlich ergeben.
Er atmete tief durch und sah sie an.
„Janne?“
Erschrocken schrie sie auf, warf die Fernbedienung im hohen Bogen durch den Raum und fiel vom Sofa. Anders riss die Augen auf und starrte sie verwundert an.
„’tschuldige“, murmelte Janne verlegen. „Ich war so angespannt, hab mich zu Tode erschreckt.“
„Angespannt?“
„Ja. Weil keiner von uns gewusst hat, was er sagen sollte.“ Janne schaute zu Anders auf, der breit grinste und lachte los. „Gott, wie alt sind wir eigentlich?“, fügte sie dann hinzu und kletterte zurück aufs Sofa.
„Ich möchte lieber nicht drüber nachdenken“, meinte Anders kopfschüttelnd. „Aber wenigstens scheint das Eis ja jetzt gebrochen zu sein.“
„Ja, das und die Fernbedienung.“
„Opfer muss man bringen“, fand Anders und schaute auf, als es an der Tür klingelte. „Manno, dabei haben wir uns gerade so gut unterhalten“, witzelte er und stand auf. Immer noch über die Situation lächelnd öffnete er die Wohnungstür und fand sich Auge in Auge mit einem strahlenden Björn.
„Ich bin’s, dein Sonnenschein!“, rief dieser gut gelaunt und kam ungebeten herein.
„Neuer Punkt auf meiner Einkaufsliste: Sunblocker“, murmelte Anders vor sich hin und sah zu, wie Björn seine Tasche im Flur fallen ließ. Als er sich umdrehte, hätte Anders beinahe laut losgelacht.
„Na? Wie seh ich aus?“, näselte Björn und zeigte auf die Klammer, die seine Nasenflügel zusammenhielt. Sie war pink angemalt worden und wurde von aufgeklebten Strasssteinchen geziert, die das Wort „Meertraummann“ beschrieben.
„Traumhaft“, stieß Anders schließlich und mit hochrotem Kopf hervor. Dieser Typ war einfach unfassbar.
„Nicht wahr?“, nickte Björn zufrieden und setzte sich eine farblich abgestimmte Badekappe auf.
„Schatz, Björn ist da“, rief Anders nun, der dieses Schauspiel nicht mehr mit ansehen konnte. Er wusste genauso wenig wie alle anderen, ob Björn wirklich so seltsam drauf war oder ob es seine Art von Humor war. Was sich ja im Endeffekt nicht so viel nehmen würde. Aber es hätte Anders schon interessiert, ob Björn seine Art sich zu kleiden und zu schmücken tatsächlich schön fand. Denn wenn dem so war, stand ihm hier der größte geschmackliche Totalausfall gegenüber, den er jemals erlebt hatte.
„Sag mal, ist der ansteckend?“, meldete sich Janne zu Wort, die plötzlich im Flur aufgetaucht war.
„Nein, Anders ist okay“, antwortete Björn im mütterlichen Ton. Janne starrte Anders ungläubig an, doch dieser konnte nur die Schultern zucken.
„Denk einfach nicht drüber nach“, riet er ihr. „Davon bekommt man nur Kopfschmerzen.“
„Die krieg ich ja schon vom Hingucken“, erwiderte sie und klopfte an die immer noch geschlossene Badezimmertür. „Kari?“
„Bin soweit!“, rief Kari zurück und kam kurz darauf bereits mit Badeanzug, Shorts und weitem T-Shirt bekleidet heraus.
„Gut, dann fehlt nur noch Tom“, stellte Anders fest und nahm seine Freundin in den Arm. Er mochte diese Klamotten an ihr, sie wirkte dadurch mädchenhaft-niedlich und ein bisschen hilflos, was im Kontrast zu ihrer selbstbewussten und durchsetzungsfähigen Persönlichkeit stand. Genau diese Gegensätzlichkeit war es, die Anders so mochte, denn es war etwas, was nur jemand wissen konnte, der sie so gut kannte wie er.
Wie auf Kommando klingelte auf der Straße vor dem Haus eine hektische Fahrradklingel.
„Dann sind wir wohl komplett“, stellte Björn fest und nahm seine Tasche wieder auf. Die anderen folgten seinem Beispiel und verließen das Haus.
„Bereit?“, fragte Tom. „Ich hab Jon gefragt, ob er mitwill“, erklärte er dann die Anwesenheit seines Mitbewohners. Jannes Füße fühlten sich sofort an wie in Blei gegossen. Jon in Badeshorts? Damit würde sie wohl den Freitag zu ihrem persönlichen Feiertag ernennen.
„Janne, ich nehm dich hinten drauf“, erklärte Tom, der genau wusste, dass Janne noch kein Fahrrad hatte. Sie nickte, stieg auf den Gepäckträger von Toms alten Herrenrad und versuchte, ihre überschwänglich gute Laune im Zaum zu halten.
Vergeblich.
Als die Gruppe vom Mossveien auf den Radweg abbog, der zum Strand führte, fing Janne erst leise an zu summen. Als sie dann jedoch einen Blick auf das ruhige Meer warf, vergaß sie alles um sich herum.
„Why do birds suddenly appear everytime you are near? Just like me they long to be close to you”, sang sie leise und strahlte vor sich hin.
Jon, der neben ihr fuhr, hob verwundert eine Augenbraue. Hatte er gerade richtig gehört, sang diese Irre vor sich hin?
„Ist dir eigentlich Autismus bescheinigt?“, fragte er in ihre Richtung, woraufhin sie den Kopf drehte, um ihn anzuschauen.
„Ist dir Bosheit bescheinigt?“
„Nein, dazu muss ich mindestens fünf Menschen in den Selbstmord treiben, vorher bekommt man sowas nicht.“
„Welche Nummer bin ich?“, wollte Janne mürrisch wissen. Sie verstand sich selbst nicht.
„Ich weiß nicht, ob Bekloppte zählen“, entgegnete Jon nachdenklich. Wütend schlug Janne nach ihm, woraufhin sie das Gleichgewicht verlor, von Toms Gepäckträger fiel und die Böschung zum Meer herunterrollte. Mit einem leisen, platschenden Geräusch landete sie im warmen Meerwasser.
„Scheiße“, entfuhr es Jon. Er sprang von seinem Rad und kletterte geschickt die Böschung herunter. Auch Tom war bereits zur Stelle.
„Wo ist sie?“, rief Kari von oben.
„Ich weiß es nicht, ich seh sie nicht!“, gab Tom nervös zurück.
„Ich weiß, die Frage passt vielleicht nicht an diese Stelle, aber: Warum eigentlich immer sie?“, fragte Anders, der mittlerweile ein gewisses Muster erkannte.
„Ist eine genetische Sache, oder so“, murmelte Kari.
„Was ist eigentlich passiert?“, wollte Tom von Jon wissen. Dieser zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Sie ist...gefallen?“
In dem Moment schnellte ein Arm aus dem Wasser, packte Jon am Arm und zog ihn mit einem Ruck ins Meer. Prustend und spuckend tauchten gleich darauf sowohl er als auch Janne wieder auf.
„Du Irre!“, schimpfte Jon und tauchte Janne unter. Die schlang unter Wasser ihre Arme um seine Hüfte und zog ihn beim Auftauchen runter.
„Leute, Leute, Leute“, versuchte Tom einzuschreiten und packte beide an einer Schulter.
„Es war seine Schuld!“, motzte Janne los und Jon funkelte sie wütend an.
„Als würde ich mich auf ein Gespräch auf diesem Niveau einlassen“, gab er hochmütig zurück. Janne wollte schon wieder auf ihn losgehen, doch Tom drückte sie mit einer schnellen Handbewegung unter Wasser.
„Kommt einfach raus, okay?“ Er kletterte die Böschung hoch und war schon wieder bei seinem Fahrrad, als Janne und Jon völlig außer Atem an Land schwammen.
„Gott, sind wir hier im Kindergarten?“, schimpfte Jon weiter. Janne schaute ihn von der Seite an.
„Wie alt bist du eigentlich? Achtzig?“
„Was soll das jetzt wieder heißen?“
„Vergiss es.“ Sie versuchte an Land zu klettern, rutschte allerdings ab. Jon, der bereits nachdenklich im Gras hockte, wurde von dem „Platsch“ aufgeschreckt. Er schaute in Jannes trotziges Gesicht und streckte unwillkürlich die Hand aus.
„Los, komm schon, Kloppi.“
„Kloppi?“, hakte Janne empört nach, ließ sich aber trotzdem von ihm helfen. Schmollend kletterte sie vor ihm die Böschung hoch und als sie sich umdrehte, meinte sie auf seinem Gesicht ein leichtes Lächeln zu sehen.
„Was gibt es da zu grinsen?“, bellte sie. Jon schaute sie überrascht an.
„Ich grinse nicht.“
„Natürlich grinst du. Aber ich soll autistisch sein, ja?“
„Mittlerweile glaub ich, du leidest auch unter Wahnvorstellungen“, gab er zurück. „Und jetzt sei ruhig und kletter.“

„Schach.“
„Was war das denn?“ Janne schaute Tom irritiert an. Dieser zuckte gelangweilt mit den Schultern.
„Mein Springer ist ein geflügeltes Einhorn und kann einfach neben deinem König landen.“
„Dein Springer kann meinem König man die Schuhe wienern, geh zurück auf deine Position“, erwiderte Janne streng, doch Tom stöhnte auf und ließ sich auf seinem Bett zurückfallen.
„JayJay, das ist langweilig. Können wir bitte was anderes machen?“
„Ich dachte schon du fragst nie“, seufzte Janne und fegte das Brett vom Bett. „Wer kommt schon auf so hirnrissige Ideen wie seine Konzentration zu verbessern?“, murrte sie.
„Du“, antwortete Tom. Er streckte die Arme aus und Janne ließ sich zu ihm herunterziehen. Sie schloss die Augen und stellte sich unwillkürlich vor, er wäre Jon. Erschrocken riss sie die Augen wieder auf. Urplötzlich viel ihr die fränkische Argumentationskette ein.
Das konnte sie doch nicht machen, weil das ging echt nicht!
Der Typ war ein Kotzbrocken und ein steifer noch dazu. Der war nicht ruhig, so wie Tom es gesagt hatte, er war verklemmt! Eine Spaßbremse, ein humorloser Stinkstiefel ohne Gesichtsmuskeln.
„Welches Problem hast du eigentlich mit Jon?“, wollte Tom wissen, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
„Ich steh auf ihn, obwohl er ein fieser Mistkerl ist.“ Es zu verheimlichen wäre sinnlos gewesen. Tom bekam seine Informationen schneller aus ihr heraus als ein McLaren der Saison 05/06 den Geist aufgab. Außerdem hielt er dicht, das wusste Janne genau.
„Du stehst auf Jon?“, flüsterte Tom erschrocken, als hätte er Angst, dass selbiger unterm Bett sitzen und lauschen könnte.
„Ja, irgendwie...ein bisschen. Er hat halt was.“
„Wenn du das sagst, mir ist das noch nicht so aufgefallen“, grinste Tom und setzte sich auf, wodurch Janne vom Bett plumpste. Er registrierte es nur am Rande, zu gewohnt war der Verlauf, zu normal der Anblick von Janne auf dem Boden. „Aber ein fieser Mistkerl ist er eigentlich nicht.“
„Doch! Er ist unglaublich gemein“, beharrte Janne überzeugt. „Deswegen versteh ich nicht, warum ich ihn so toll finde“, seufzte sie dann und verschränkte die Arme unter dem Hinterkopf.
„Ich auch nicht“, gab Tom zu. „Ich hätte eher Bedenken gehabt, dass du dich in Anders verknallst und es deswegen Streit mir Kari gibt.“
„Hä?“, machte Janne perplex.
„Ja, Anders ist halt einer von der Sorte, die man einfach mögen muss. Und ich hab mir sagen lassen, dass er auch nicht schlecht aussieht.“
„Tut er nicht“, bestätigte Janne. So viel war selbst ihr bereits aufgefallen. Aber als Freund ihrer besten Freundin wäre er absolut tabu gewesen, selbst wenn sie ihm gnadenlos verfallen wäre.
„Aber Jon“, lachte Tom leise und schüttelte den Kopf. „Warum nicht Björn?“
„Mach dich nicht lächerlich“, erwiderte Janne. „Der ist doch eindeutig schwul.“
„Ach was“, wehrte Tom amüsiert ab. „Der ist absolut hetero, da kannst du dir sicher sein.“
„Nein!“ Janne sperrte den Mund ungläubig auf.
„Doch. Jon übrigens auch.“
„Beruhigend“, lachte sie und stand auf. „Ich hol uns was zu trinken“, verkündete sie und ging wie selbstverständlich in die Küche. Sie war zwar erst vor einer Woche das erste Mal hier gewesen, doch da es Toms Zuhause war, fühlte sie sich hier automatisch auch daheim. Mitbewohner hin oder her.
Im Flur entdeckte sie goldene Turnschuhe und rollte mit den Augen.
„Hi Björn!“, rief sie.
„Hi, Jenny!“, kam die prompte Antwort aus Jons Zimmer.
„Janne!“ Kopfschüttelnd betrat sie die Küche und öffnete den Kühlschrank. Sie nahm eine Flasche Wasser heraus, stellte sie ab und schloss die Tür wieder. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie Jon im Türrahmen entdeckte.
„Himmelarschundwolkenbruch!“, entfuhr es ihr und sie drückte sich gegen den Kühlschrank, als sie nach Luft rang.
„Bitte was?“, hakte Jon trocken nach. „Kriegt man so ein Vokabular in Finnland?“
„Wird man so ein Kotzbrocken in Oslo?“, feuerte sie zurück und holte mit zitternder Hand ein Glas aus dem Schrank. Als sie nach dem nächsten griff, packte Jon ihr Handgelenk und übernahm die Aufgabe.
„Nur zur Sicherheit, ich häng an meinem Geschirr“, erklärte er murrend. Janne schnitt ihm eine Grimasse und füllte Wasser in die Gläser. Jon sah ihr mit Adleraugen zu und atmete erleichtert aus, als die Flasche wieder sicher im Kühlschrank stand.
„Im Ernst, du kannst mich mal sowas von...“
„Okay, okay. Entschuldige“, unterbrach Jon sie schnell. Misstrauisch schaute Janne ihn an. Er hatte sich gerade entschuldigt. Bei ihr. Ohne an irgendwelche Folterinstrumente gekettet oder auf einen elektrischen Stuhl gebunden zu sein, mit anderen Worten: freiwillig.
„Was ist denn mit dir los?“, wollte sie ungläubig wissen.
„Wieso?“, spielte Jon den Unschuldigen, doch an ihrem Blick merkte er, dass er sich die Mühe hätte sparen können. Wenigstens war sie nicht so dämlich, wie sie sich verhielt, das war doch schon mal irgendwie beruhigend.
„Wenn du nichts weiter willst als mich für dumm zu verkaufen geh ich. Ich kann mir Besseres vorstellen, als hier mit dir rumzustehen.“
Lüge, dachte Janne seufzend. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie konnte ja schlecht den ganzen Tag hier stehen und ihn anstarren. Auch wenn das wirklich ein schöner Tag geworden wäre.
„Okay“, gab Jon schließlich nach. „Ich sage das jetzt nur ein Mal und ich will kein Lachen, keine Sticheleien und nichts hören. Ist das klar?“
„Man kann sich auch anstellen“, murmelte Janne, nickte dann aber. „Alles klar, ich sag nix.“
„Gut. Also: Janne. Ich...“ Jon unterbrach sich selber und verzog das Gesicht. „Janne, ich brauch deine Hilfe.“
„Meine...was?“ Vollkommen überrumpelt starrte Janne ihn an. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Na gut, auch ein Heiratsantrag stand eher auf der Seite der unwahrscheinlicheren Dinge.
„Hast du morgen Zeit?“, fragte Jon patzig. Als ihm aufging, dass das wahrscheinlich nicht die beste Taktik war, fügte er versöhnlicher hinzu: „Bitte?“
„Öh. Ja, klar“, antwortete Janne ohne darüber nachzudenken. Was gab es da auch groß nachzudenken? Ein Tag allein mit Jon. Vielleicht zeigte er dann mal seine weniger abstoßende Seite. Obwohl Janne der Meinung war, dass die ungefähr so gut versteckt sein musste wie ein Azteken-Schatz.
„Gut. D-danke“, presste Jon hervor. „Dann bis morgen.“
„Bis morgen.“ Janne ging kopfschüttelnd an ihm vorbei. Als sie schon im Flur stand, drehte sie sich noch einmal um. „Oh, kannst du mir mal die Gläser geben? B-bitte?“ Sie grinste diabolisch, als Jon ihr einen wütenden Blick zuwarf.
„Klar“, zischte er und griff nach den Gläsern. Als er die Arme ausstreckte, um sie Janne zu reichen, rutschte ihm eins der Gläser aus der linken Hand und zersprang auf den Fliesen.
„Man, Janne!“, rief Tom aus seinem Zimmer.
„D-das war ich nicht!“, gab Janne zurück.
„Ja. Klar.“
„Sie hat recht“, pflichtete Jon ihr bei. „Das...war ich“, fügte er hinzu, genauso erstaunt über diese Tatsache wie Janne. Ungläubig starrte er auf die Glassplitter und das Wasser zu seinen Füßen. Dann hob er den Blick um Janne anzusehen. Und er musste feststellen, dass ihm sowas noch nie passiert war. Seit er denken konnte, war ihm noch nie etwas heruntergefallen – bis er dieses Mädchen getroffen hatte. Ein seltsames Gefühl stieg in ihm hoch. Und ohne Vorwarnung musste er lachen.
„Man“, gluckste Jon. „Peinlich, peinlich.“
„Man gewöhnt sich dran“, erwiderte Janne vollkommen durcheinander. Vielleicht sollte sie Schatzsucherin werden. Automatisch bückte sie sich, um ein paar Scherben einzusammeln.
„Lass das“, fuhr Jon dazwischen. „Nicht, dass du dich schneidest. Geh ruhig, ich mach das schon. Ich meld mich wegen morgen.“
„O-okay, ist gut.“ Wie in Trance marschierte Janne zurück in Toms Zimmer, ließ sich auf sein Bett fallen und grinste dümmlich die Zimmerdecke an. „Weißt du“, sagte sie irgendwann. „Plötzlich macht es Sinn.“

Jon unterdrückte ein Gähnen und schaute auf die Uhr. Halb neun. Von diesem Moment an war sie zu spät. Natürlich hätte er das Treffen auch später anlegen können, aber er hatte wegen der Sache vom Vortag irgendwie das Gefühl gehabt, sich an ihr rächen zu müssen. Seiner Meinung nach hatte sie definitiv irgendwas damit zu tun gehabt, dass er das Glas hatte fallen lassen. Auch wenn er nicht genau wusste, was.
„’tschuldige“, murmelte sie, als sie unvermittelt vor seiner Nase auftauchte. „Bin ich zu spät?“ Janne schaute zu ihm auf und trank ein Schluck aus dem Pappbecher in ihrer Hand.
„Nicht wesentlich“, erwiderte Jon und sah, wie Janne kaum merklich die Augen rollte. Er fragte sich, ob sie solche Sachen wirklich nicht so eng sah, oder nur so tat weil sie ihn offensichtlich für einen engstirnigen Korinthenkacker hielt. Aber das war ihm recht. Er hielt auch nicht besonders viel von ihr. Seiner Meinung nach war sie ein Luftikus, ein ungeschickter Holzkopf, der nichts besonders ernst zu nehmen schien.
„Dann lass mich halt das nächste Mal eine Stunde später antanzen“, knurrte Janne.
„Wie du willst“, erwiderte Jon und ärgerte sich, dass er nicht sowas wie „Es wird kein nächstes Mal geben“ gesagt hatte. Andererseits hätte sie ihn für so einen Spruch wahrscheinlich ausgelacht – mit Recht. „Ist das Kaffee?“, wollte er dann wissen und zeigte auf den Becher.
„Nee, Wasser.“
„Und wozu der Pappbecher?“
„Ich dachte, vielleicht werde ich wacher, wenn ich aus etwas trinke, das wie ein Kaffeebecher aussieht“, erklärte Janne.
„Warum hast du dann nicht einfach Kaffee genommen?“, wollte Jon, der Verzweiflung nahe, wissen.
„Ich trink keinen Kaffee“, antwortete Janne schulterzuckend und Jon versuchte sein zuckendes Augenlied in den Griff zu bekommen. Was stimmte nur mit diesem Mädchen nicht?
„Was machen wir jetzt eigentlich?“, fragte Janne, die immer noch keinen blassen Schimmer hatte, warum sie um halb acht ihrem bequemen Bett Ade hatte sagen müssen.
„Einkaufen.“
„EINKAUFEN?“ Janne ließ vor Schreck ihren Becher fallen. „Die Geschäfte machen doch erst um zehn auf.“
„Ach – tatsächlich?“ Jon verkniff sich ein Grinsen. „Tja, weißt du, ich geh nicht so oft einkaufen.“
„Du bist so ein...das war pure Absicht!“, unterstellte sie ihm, doch Jon legte nur gelassen den Kopf schief.
„Beweis es.“
„Das reicht. Dafür lädst du mich jetzt zum Frühstück ein.“
„Ha! Den Teufel werde ich tun!“, protestierte Jon, als Janne ihn zielstrebig am Ärmel zu einem Café zog, das gerade in Sichtweite war. Er packte ihr Handgelenk und zog sie in die andere Richtung.
„Erst so eine miese Nummer abziehen und dann nicht mal das Echo vertragen, eh?“, schimpfte Janne halbherzig. Sie mochte den Griff von Jons Hand und das leicht wütende Funkeln in seinen Augen, als er sich umdrehte und sie anschaute, ohne sie loszulassen.
„Pass auf, wir machen einen Kompromiss. Wir fahren jetzt nach Aker Brygge, frühstücken dort gemütlich und ich erklär dir, warum du hier bist, okay?“, schlug er halbwegs friedfertig vor. Janne schaute ihn misstrauisch an.
„Und wo ist der Kompromiss?“
„Meine Mutter hat dort ein Restaurant, die Rechnung geht auf ihre Kappe.“
„Okay“, lachte Janne und schnitt ihm eine Grimasse. „Du kannst ja richtig sympathisch sein, wenn du ausnahmsweise mal boshaft zu jemand anderem bist.“
Jon machte eine Engelsmiene. „Ich? Boshaft?“, fragte er mit gespielter Bestürzung. Janne lachte erneut auf, zerwühlte mit der freien Hand sein Haar und zum ersten Mal hatte Jon das Gefühl, dem Wort, das Janne beschrieb, welches ihm aber nicht einfallen wollte, einen Schritt näher gekommen zu sein.

„Und worum geht es jetzt?“, wollte Janne wissen, legte den Kopf in den Nacken und hielt ihr Croissant über ihren Mund, um die tropfende Marmelade aufzufangen. Jon sah ihr unsicher dabei zu und köpfte dann mit größter Routine sein Ei.
„Um ein Geschenk“, erklärte er schließlich. „Für Lise. Björns Schwester.“
„Für Björns Schwester?“, hakte Janne nach und legte das Croissant wieder hin. „Wieso ist Björn dann nicht hier?“
„Familienfeier“, antwortete Jon schulterzuckend.
„Und was genau hab ich mit der Sache zu tun?“, wollte Janne wissen und schaute sich in dem mittelgroßen Restaurant um. Es lag direkt an der Straße und man konnte wunderbar angespannte Touristen beobachten, die aufgrund von akutem Tatendrang unter chronischem Schlafmangel zu leiden schienen.
„Du bist ein Mädchen. Du musst mir helfen, was auszusuchen.“
Janne runzelte irritiert die Stirn. „Macht ihr das jedes Mal so?“, wollte sie wissen.
„Na ja. Ja“, antwortete Jon hilflos. „Du kennst Lise nicht, da steht man echt unter Druck, das Richtige zu kaufen“, erklärte er. „Sie ist lieb und nett aber anspruchsvoll wie eine Diva.“
„Verstehe“, behauptete Janne. Mit anderen Worten, die Gute war der Terror in Person und anstrengender, als die Tour de France auf einem Dreirad zu absolvieren.
„Gut.“
Eine Weile herrschte Schweigen am Tisch, dann räusperte Janne sich schließlich.
„Normalerweise würde ich das nicht fragen“, druckste sie. „Aber da es hier um Björns Familie geht bleibt mir nichts anderes übrig: seine Schwester ist nicht zufällig im Körper eines Mannes gefangen, oder?“
Jon hob die Augenbrauen, dachte kurz nach und legte dann den Kopf schief.
„Wovon redest du?“
„Nichts, schon gut“, murmelte Janne und biss von ihrem Croissant ab. Es schmeckte himmlisch, den Laden musste sie sich merken. Ob Jon ihn irgendwann mal erben würde? Das wäre noch ein Grund mehr, sich in ihn zu verlieben.
Oh Gott! Sie hatte es gedacht. Das böse v-Wort.
„Ist alles klar?“, unterbrach Jon ihre Gedanken. „Du bist plötzlich so blass geworden.“
„Alles bestens“, versicherte Janne hektisch und wechselte das Thema: „Erzähl mir von Lise.“
„Na ja. Sie studiert Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften und mag deutsche Literatur aus der Sturm und Drang-Zeit.“
Janne starrte Jon entgeistert an. Das war ein Scherz, oder? Das musste ein Scherz sein. Sturm und Drang? Das konnte einfach nicht sein Ernst sein.
„Sie spielt gerne Golf und im Winter Curling.“
Wunderbar, dachte Janne. Die Frau hatte gerade den ersten Preis als der in ihren Augen langweiligste Mensch mit dem schlimmsten Literaturgeschmack seit der Sturm und Drang-Zeit gewonnen. Plötzlich wurde ihr klar, woher Björn seinen kleinen Knacks haben musste.
„Oh, und sie mag diese neue deutsche Band. Tokio Hotel. Und Schnappi!“
Janne verschluckte sich an ihrem Croissant und schlug sich unsanft auf den Brustkorb, um das Stück Teig durch Gewalteinwirkung aus ihrer Speiseröhre zu prügeln.
„Trink einen Schluck“, schlug Jon vor und reichte ihr ihren Orangensaft. Janne spülte ihren bevorstehenden Tod also herunter und schaute Jon mit hochrotem Kopf und ungläubigem Blick an.
„Wie alt ist Björns Schwester?“, wollte sie keuchend wissen.
„Hm. Zwanzig.“ Jon sah Janne eine Weile verwirrt an. Dann beugte er sich mit verschwörerischer Miene vor. „Das Letzte hast du jetzt aber nicht wirklich geglaubt, oder?“
Janne beugte sich ebenfalls vor. „Einem Menschen, der Curling mag, traue ich alles zu.“
„Freak“, lachte Jon.
„Lügner“, konterte Janne, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah wirklich unverschämt gut aus, wenn er lachte, fand sie. Warum tat er es nicht öfter? Immerhin war es auch noch gesund.
„Entschuldige“, meinte Jon. „Du sahst schon nach dieser Sturm und Drang-Sache so fix und fertig aus, da musste ich einfach noch einen draufsetzen. Ist nicht ganz dein Ding, oder?“
„Sturm und Drang?“
„Ja. Und Golf. Und Curling. Und Rechtswissenschaften.“
„Nee, nicht so wirklich. Wie wäre es denn, wenn ihr Lise ein hübsches Golf-Outfit schenken würdet. Oder...eine Curling-Uniform. Sofern es sowas gibt.“
Jon hielt in der Bewegung inne. „Gar keine schlechte Idee“, fand er. „Ihre Größe kenn ich und sie fährt eh bald wieder zum Golfen nach Spanien.“
„Oh man“, murmelte Janne, verkniff sich aber jeglichen weiteren Kommentar. Nur eins war klar, diese Person würde wahrscheinlich nie ihre beste Freundin werden. Sie warf einen Blick auf die große, blaue Uhr die über dem Tresen hing. Es war gerade erst viertel vor zehn. Seufzend schaute sie Jon an. „Und dafür bin ich nun mitten in der Nacht aufgestanden“, murrte sie.
„Von wegen“, gab er zurück. „Aber danke. Das war ja wirklich nicht schwer. Kann ich dich schon mal für Weihnachten buchen?“
„Na klar“, lachte Janne und zeigte ihm einen Vogel. „Dann ist es um halb acht auch noch saukalt, das glaubst du doch selber nicht, dass ich da mitmache.“
„Von mir aus verlegen wir unser Treffen dann halt auf zwölf. Dann kannst du mal Mutters Mittagstisch ausprobieren.“ Jon zwinkerte und grinste leicht. Janne erkannte ihn kaum wieder. Er stänkerte nicht, lächelte und – wenn sie sich nicht komplett irrte – hatte er gerade mit ihr geflirtet. Ob er vielleicht der nette Zwilling vom richtigen Jon war?
„Hast du eigentlich Geschwister?“, wollte sie wissen.
„Ja, einen Bruder, wieso?“
„Schon gut.“ Janne trank den Rest Saft aus. Sie war so gut wie sicher: dieser Jon musste eine Fälschung sein. Eine Kopie oder eben ein Bruder, der alle guten Gene, die Umgangsformen, Fröhlichkeit und Humor betrafen, abbekommen hatte. Aber wann hatten sie getauscht? Als sie sich getroffen hatten, war Jon noch der altbekannte Stinkstiefel gewesen.
Wie auch immer, Janne gefiel diese Version besser. Sie sah genauso gut aus und schien ganz nett zu sein. Durchweg positiv.

„Hast du Geschwister?“, wollte Jon unvermittelt wissen, als sie eine gute Dreiviertelstunde später an der Kasse eines Sportgeschäftes standen, um das rosa-weiße Golfoutfit zu bezahlen, dass Jon für Lise ausgesucht hatte. Janne schaute auf die Klamotten. Die Vorhersehbarkeit der Farbwahl schockierte selbst sie.
„Nein“, antwortete sie kurzangebunden. Jon wartete mit der Antwort, bis die Frau an der Kasse seine Kreditkarte durch den Scanner gezogen, die Klamotten in eine Tüte gesteckt, den Beleg dazugelegt und alles an Jon weitergereicht hatte.
„Verwöhntes Einzelkind also.“
Janne schaute ihn entgeistert an. „Sagt der Typ mit der goldenen Kreditkarte.“
Jon warf ihr einen abwertenden Blick zu, wandte sich ab und ging zur Tür. Janne folgte ihm wie paralysiert. Wann genau hatten sie denn jetzt getauscht? Oder wechselte Jon seine Persönlichkeiten nach Belieben? Hatte er vielleicht einen Metallplatte im Kopf und vertrug Magnetstreifen nicht?
Was stimmte nur mit diesem Typen nicht?
„Sag mal“, wollte sie gerade loslegen, als sie wieder auf der Straße standen, doch das Klingeln ihres Handys unterbrach sie. Sie angelte es aus ihrer Tasche, während sie Jon böse anfunkelte. Dieser hatte seine gesamte Aufmerksamkeit allerdings dem Schaufenster des Sportladens zugewandt.
„Ja?“, meldetet sie sich. Es war ihr Vater.
„Jannilein! Es ist furchtbar!“, legte dieser sofort los. „Deine Mutter hatte einen Unfall!“
„Was? Unfall?“, wiederholte Janne erschrocken. Jon drehte sich neugierig zu ihr um. „Was ist passiert?“
„Sie ist von einer Leiter gefallen und hat sich den Fuß verknackst.“
„Ah.“ Janne rollte mit den Augen. Ihr Vater hatte einen winzigen Hang zur Dramatik.
„Ja und jetzt kann niemand den Rasen bewässern. Ich hab’s doch so mit dem Rücken!“
„Und was soll ich da jetzt machen, Paps?“, wollte Janne wissen und bemerkte Jons Blick. Bildetet sie sich das ein, oder lag tatsächlich etwas Besorgnis in seinen Augen?
„Na, den Rasen sprengen natürlich!“
„Papa, ihr habt Nachbarn!“, sagte Janne leicht angesäuert. Erst so eine Panik verbreiten und dann sowas.
„Ja, aber was denken die denn, wenn wir nicht mal mehr unseren Rasen und die Beete versorgen können? Bitte, Jannilein! Oder bist du sehr beschäftigt?“
Janne schaute Jon mit einem genervten Blick an. Dieser legte fragend den Kopf schief und zog die Schultern an die Ohren.
„Nee, ich glaub ich hab jetzt Zeit. Ich bin dann in einer Stunde oder so da. Bis später.“ Sie legte auf und steckte das Handy weg. „Muss los. Bis dann.“
„W-wo musst du hin?“, wollte Jon wissen und fragte sich selber, wieso er sie aufhielt. Sein ganzes Verhalten heute war ihm unerklärlich. Es war höchste Zeit, seine Souveränität wiederherzustellen. Und was tat er? Stottern. Ganz toll.
„Nach Asker.“
„Jetzt?“
„Schaut so aus.“ Janne, die sich über Jons neuen Persönlichkeitswechsel wunderte, drehte sich um und wollte ihn stehen lassen. Sie sah überhaupt nicht ein, wieso sie das länger mitmachen sollte. Er war ein wandelndes Mysterium und jeder Psychologe hätte seine helle Freude an ihm gehabt.
„Das ist doch aber eine Ecke, oder?“
„Fünfundvierzig Minuten in etwa. Wenn sofort ein Bus fährt.“
„Sag ich ja. Wenn ein Schweizer fünfundvierzig Minuten fährt, hat er normalerweise die Landesgrenze hinter sich gelassen.“ Jon grinste unsicher und sah vor seinem inneren Auge seine Souveränität den Abfluss hinuntergespült werden.
„Tja, leider sprengt sich der Garten meiner Eltern nicht von alleine“, erwiderte Janne schulterzuckend. Ob er ahnte, wie niedlich er aussah? Wahrscheinlich nicht.
„Du fährst den ganzen Weg um Gartenarbeit zu machen?“
„Ja, klar. Sie brauchen meine Hilfe, also komme ich. Ist doch logisch.“ Sie warf einen Blick auf ihre imaginäre Uhr am Handgelenk. „Also dann, ich...“
„Ich fahr dich“, unterbrach Jon sie urplötzlich. „Das Auto meiner Mutter steht gleich um die Ecke, wir nehmen es und ich stell es ihr nachher wieder hin.“
Langsam glaubte Janne daran, dass er sie mit Absicht in den Wahnsinn treiben wollte. Doch Jons Absichten waren weder boshaft noch kalkuliert – er war einfach nur vollkommen neben der Spur.
Unsicher willigte Janne ein, sie gingen zu einem fünftürigen BMW, der unweit des Restaurants geparkt war und machten sich auf den Weg nach Asker. Mit dem Auto brauchte man für die Strecke ungefähr nur die Hälfte der Zeit, sodass sie bereits um halb zwölf die Auffahrt des Grundstückes von Jannes Eltern hinauffuhren. Jon betrachtete das typisch skandinavische Holzhaus, als er aus dem Auto gestiegen war. Unsicher folgte er Janne zur Haustür. Sie schloss auf, betrat den Flur und streifte sich die Schuhe von den Füßen. So heiß es draußen auch war, hier drinnen herrschten angenehm kühle Temperaturen.
„Hallo!“, rief Janne ins Haus hinein. „Wir haben nicht lange Zeit, ich hab den Typen hier unter Drogen gesetzt und entführt und das Auto ist geklaut.“
„Das ist schön, Spätzchen“, ertönte eine weibliche Stimme aus dem Wohnzimmer. „Dein Vater ist kurz einkaufen, aber er hat den Schlauch schon angeschlossen und so. Du kannst gleich loslegen.“
„Okay.“ Janne wies Jon an, ihr zu folgen und ging zielstrebig durch das Haus zum Wohnzimmer, wo eine große Glastür zum Garten führte. „Du kannst dich auf die Terrasse setzen, wenn du willst“, meinte sie. „Ich beeil mich.“
„Okay.“ Jon trabte brav zur einem der Stühle, setzte sich hin und beobachtete, wie Janne das Wasser an einem Hahn an der Hauswand aufdrehte, den Schlauch schulterte und mit ihm auf den Rasen wanderte. Bei ihm zu Hause hatte es immer einen automatischen Rasensprenger gegeben, der gleichmäßig Wasser in alle Richtungen abgab. Doch es schien Janne nichts auszumachen, die Arbeit selber zu erledigen. Er konnte sie pfeifen hören und ab und zu rief sie einem Nachbarn, der über den Zaun schaute, ein paar Worte zu und lachte laut.
Jon lehnte sich zurück und schaute sich um. Er war in Oslo aufgewachsen, zwar auch mit Garten, aber in einer ziemlich lauten Gegend. Diese Ruhe und Entspannung war er nicht gewöhnt, aber er fühlte sich wohl. Mit halb geschlossenen Liedern schielte er zu Janne und versuchte auf das Wort zu kommen, das sie am besten beschrieb. Als er damit keinen Erfolg hatte, fragte er sich, warum er sich in ihrer Gegenwart so seltsam gegensätzlich verhielt. Wahrscheinlich provozierte ihn ihre Art einfach so sehr, dass selbst er aus der Ruhe kam. Denn ein Holzkopf war sie trotz allem. Das wurde ihm klar, als sich ihre Füße im Schlauch verfingen und sie der Länge nach hinschlug.
Kopfschüttelnd schloss Jon die Augen, als er plötzlich bemerkte, dass sich jemand neben ihn setzte. Erschrocken schaute er auf und entdeckte einen freundlich aussehenden Mann, der mit seinem Vollbart und dem behörnten Helm nicht mehr wie ein Wikinger hätte aussehen können.
„Mensch, Tom, du bist aber brünett geworden“, scherzte er und stellte Jon eine Cola hin.
„Hallo, ich bin Jon“, stellte selbiger sich steif vor. Der Mann lachte in seinen Bart.
„Hallo, ich bin Jannes Vater. Reidar.“
„Freut mich“, fügte Jon den artigen Floskeln hinzu.
„Sag das nicht, bevor du mich nicht kennen gelernt hast“, erwiderte Reidar schmunzelnd. „Das wird dich jetzt vielleicht überraschen, aber unsere Familie gilt als ein bisschen seltsam.“
Jon starrte Jannes Vater entwaffnet an. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte, bis Reidar erneut loslachte.
„Gute Güte, Junge, entschuldige. Ich wollte dich nicht aus der Fassung bringen.“
„Haben Sie nicht, darin hat Ihre Tochter schon gute Arbeit geleistet“, murmelte Jon verlegen. „Ich bin jetzt quasi vorbelastet.“
„Soso“, gluckste Reidar. „Ich erzähl dir jetzt mal was über meine Tochter, wofür sie mich wahrscheinlich schlagen würde. Sie ist ein liebes Mädchen, aber manchmal wünschte ich mir, sie würde ihre lockere Fassade ablegen und sich mal mit ihren inneren Dämonen auseinander setzen. Sie weigert sich, das Leben ernst zu nehmen, seit...“
„Paps!“ Janne hatte ihren Vater entdeckt. „Lass den armen Jon in Ruhe und sorg dafür, dass Mama sich den Fuß kühlt. Vom Abwarten wird sowas nicht besser.“
„Ist klar, Jannilein.“ Reidar zwinkerte Jon zu und verzog sich ins Haus. Jon grinste Janne breit an.
„Jannilein?“
„Was machst du da eigentlich, Faulenzer?“, überging Janne seinen Kommentar und zielte mit dem Schlauch auf ihn.
„Oh, das wagst du nicht!“, sagte Jon drohend, doch Janne hat den Schlauch schon aufgedreht und ihm eine Ladung Wassern ins Gesicht gespritzt.
„Was wag ich nicht?“, wollte sie gehässig wissen. Jon sprang mit einem Schrei auf, packte Janne und den Schlauch und duschte sie mit dem kalten Wasser, wobei er davon mindestens die Hälfte selber abbekam. Janne lachte und klammerte sich an ihn, damit er nicht weglaufen konnte. Sie klaute sich den Schlauch zurück und hielt ihn am Rücken unter Jons T-Shirt. Dieser schrie auf und lief zur Terrasse zurück.
„Waffenstillstand!“, bat er und hob die Hände. Janne stellte immer noch lachend das Wasser ab, wickelte den Schlauch ein und ging zu ihm. Seine Haare klebten nass an seiner Stirn und der nasse Stoff ließ sie die Konturen von Jons Bauch- und Armmuskeln erahnen.
Scheiße, dachte sie, als ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihr wieder das böse v-Wort einfiel.
„Alles okay?“, wollte Jon wissen. Er stützte sich schwer atmend auf seine Oberschenkel, wodurch er in etwa auf Jannes Augenhöhe war, die entspannt an dem Gartentisch lehnte.
„Ja klar. Noch nie eine Wasserschlacht gemacht?“, wollte sie ungläubig wissen.
„Nee“, antwortete Jon wahrheitsgemäß. Janne legte eine Hand auf seinen nassen Rücken.
„Lass das nicht Tom hören, der liebt sowas“, lachte sie und Jon wandte ihr das Gesicht zu.
„Sind wir nicht ein bisschen zu alt für sowas?“, wollte er mit ernster Miene wissen.
„Wie kann man zu alt sein, um Spaß zu haben?“, entgegnete Janne. „Im Ernst, Jon. Wenn dir etwas Spaß macht, solltest du dich nicht davon abbringen lassen, nur weil du Angst hast, dass sie Leute dich schief angucken.“ Sie lehnte sich grinsend vor. „Die sind nämlich nur neidisch, weil sie selber sich nicht trauen.“
Jon schaute ihr verwundert nach, als sie zu der Glastür ging. War es möglich...konnte es sein...dass sie Recht hatte?
„Was ist?“, rief sie ihm zu. „Willst du in den nassen Klamotten bleiben?“
Jon schüttelte den Kopf und folgte ihr. Er bekam Shorts und ein quietschgrünes T-Shirt mit dem Aufdruck „Vikings do it better“ von ihrem Vater und Jannes Mutter hängte humpelnd seine und Jannes Klamotten auf.
Als diese nach einem verspäteten Mittagessen immer noch nicht trocken waren, schlug Jannes Mutter ihm vor, sie einfach bei seinem nächsten Besuch wieder mitzunehmen und Jon willigte ein – er hatte Reidar sowieso schon längst versprochen, mal mit ihm auf seinem Boot rauszufahren, da sie ihre Leidenschaft fürs Angeln teilten.
Erst gegen sechs brachen Janne und Jon auf, um den Heimweg nach Oslo anzutreten.
„Wieso hatte dein Vater diesen Helm auf?“, wollte Jon wissen, als sie das Ortsschild von Asker passierten.
„Den Wikingerhelm?“, lachte Janne. „Den trägt er ständig während der Touristensaison, damit die Touris zu Hause erzählen können, dass Norweger tatsächlich diese Helme tragen.“
„Ach so.“ Jon grinste breit und schüttelte den Kopf. Er strich über das grüne Stück Stoff an seinem Oberkörper und versuchte, die Atmosphäre in Jannes Familie mit der zu vergleichen, in der er aufgewachsen war. Fest stand, dass sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Er war mit Kindermädchen groß geworden, ein Essen mit der gesamten Familie so wie eben hatte es selten gegeben. Aber zumindest wusste er nun, dass Janne viel von ihrer Art von ihren Eltern mitbekommen hatte. Und auf einmal erschien sie ihm gar nicht mehr so aufsässig und laut, sondern eher fröhlich und ausgelassen. Und schon wieder war er dem Wort ein bisschen näher gekommen.
„Hey“, meinte er schließlich irgendwo auf der E18. „Lises Party ist diesen Samstag. Wie wäre es, wenn wir sagen, dass das Geschenk, von dir, Björn und mir kommt und ich dafür sorge, dass du auch eingeladen wirst? Tom, Kari und Anders kommen natürlich auch. Das wird sicher lustig.“ Jon wartete auf eine Reaktion. Als keine kam, sah er auf den Beifahrersitz und stellte fest, dass Janne eingeschlafen war. Ihr Kopf ruhte unruhig auf ihrer Brust und schleuderte bei jedem kleinen Straßenschaden durch die Gegend. Jon zog ihren Oberkörper vorsichtig in seine Richtung und platzierte ihren Kopf an seiner Schulter. Vorsichtig schaltete er einen Gang hoch und strich Janne ein paar Haare aus dem Gesicht.
„Ich nehme das als ein Ja.“

„Habt ihr eigentlich eine offene Beziehung?“
Anders legte die Speisekarte weg und schaute Björn an, angestrengt um Fassung ringend.
„Was?“, presste er hervor.
„Du und Kari. Habt ihr eine offene Beziehung?“
„Nein, man. Ist dir das in den letzten zehn Monaten nicht aufgefallen?“
„Nein. Also heißt das, ich darf sie nicht mal...“
„Nein! Verdammt! Lass die Finger von meiner Freundin oder ich nehme deine Eier und...Schatz!“ Anders winkte Kari zu, die gerade zur Tür hereinkam. Hinter ihr schlichen Tom und Janne herein, die von der Hitze arg gebeutelt aussahen.
„Hi, ihr“, grüßte Kari, küsste Anders kurz und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl fallen. Auch Tom und Janne nahmen Platz und ließen sich von der jungen Kellnerin erst mal ein großes Glas Wasser bringen.
„Wie lange soll das denn bitte noch so heiß bleiben?“, jammerte Tom und fächert sich mit einer Karte Luft zu. Er wusste eh bereits, was er essen wollte.
„Wohl noch eine Weile“, antwortete Björn und zuckte mit den Schultern. „Soll mir aber recht sein, ich mag’s warm.“
„Wer hätte das gedacht“, murmelte Janne in ihre Karte und bekam dafür einen Tritt von Kari ans Schienbein.
„Haben du und Jon vorgestern eigentlich ein Geschenk gefunden?“, wollte Björn wissen. Kari sah auf.
„Wie, du und Jon?“
„Jon und ich waren Dienstag einkaufen“, erklärte Janne scheinbar beiläufig. „Und nachmittags noch bei meinen Eltern in Asker.“
Eine eisige Stille legte sich über den Tisch, wodurch Janne verwundert von der Speisekarte aufschaute. Fragend zog sie die Schultern hoch und sah in die Runde.
„Wieso wart ihr in Asker?“, wollte Kari wissen und schielte unsicher zu Björn.
„Meine Mutter hatte sich verletzt und sie brauchten Hilfe im Haus. Jon war so nett und hat mich hingefahren. End of story.“
„Okay“, murmelte Kari. „Und das Einkaufen?“
„Er brauchte eine weibliche Meinung, weil Björn bei einem Familienfest war“, witzelte Janne. „Und ja, wir haben etwas gefunden.“
„Gut. Übrigens meinte Lise, du bist auch eingeladen am Samstag“, erinnerte Björn sich.
„Samstag? Ich?“, hakte Janne verwirrt nach.
„Ja. Da feiert sie ihren Geburtstag und Jon hat sie gefragt, ob du auch kommen kannst.“
Wieder legte sich eine unangenehme Stille über den Tisch. Keiner wusste so recht, was er von Jons und Jannes anscheinend plötzlich erblühten Freundschaft halten sollte.
„Oh“, machte Janne verwirrt. „Ja, also, wenn ich darf komm ich natürlich gerne.“ Sie zuckte mit den Schultern, freute sich aber insgeheim diebisch darüber, dass Jon das in die Wege geleitet hatte. Es bedeutete doch, dass er sie gerne dabei haben wollte, oder? Vielleicht suchte er auch nach einem Anlass, damit sie sich näher kommen konnten.
Dümmlich grinsend steckte Janne ihre Nase noch weiter in die Karte, was außer Tom, der neben ihr saß, niemand mitbekam. Er hielt ja sowieso reichlich wenig von der Schwäche seiner besten Freundin für seinen Mitbewohner. Auch wenn sie sich auf einmal nicht mehr anzicken sollten, was er nicht so ganz glauben mochte, war das eine absolut dumme Idee von Janne.
„Golft deine Schwester eigentlich wirklich so gerne?“, wollte Janne wissen, um vom Thema Jon abzulenken. Doch der Plan missglückte.
„Ja. Genau wie Jon“, antwortete Björn lächelnd.
„Jon golft gerne?“, hakte Janne nach.
„Na ja, früher hat er viel lieber geangelt. Aber das hat er für Lise aufgegeben“, erklärte Kari. „Sie hält nichts von barbarischem Fischmord.“
„Äh...aha?“, machte Janne und begriff nicht so recht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.
„Also ist er zur Golfballfolter übergegangen“, beendetet Anders die Ausführung.
„So stur und kalt Jon auch manchmal sein kann, im Grunde ist er ein wirklich aufopfernder Mensch. Aber das versteckt er ganz gut“, sagte Kari.
„Ja, allerdings will er nicht als Weichei gelten und macht einen auf Eisblock“, seufzte Tom und nippte an seinem Wasser.
„Und er übertreibt es“, fand Anders.
Janne runzelte verwirrt die Stirn. Diese Diskussion ging eindeutig an ihr vorbei.
„Na ja, meine Schwester ist aber auch wirklich nicht einfach“, fügte Björn hinzu. „Wenn man es ihr recht machen will, muss man sich schon arg ins Zeug legen.“
Tom nickte zustimmen und schaute auf Janne, die anscheinend nicht mehr so recht mitkam. Er befürchtete das Schlimmste.
„Ich muss mal aufs Klo. Kommst du mit, Janne?“
„Was?“, fragte sie verwirrt, als er sie mit sich zu den Toiletten zog. Tom lief so weit, bis sie außer Sichtweite der anderen waren und schaute Janne an.
„Er hat dir nichts gesagt, oder?“
„Hä?“
„Jon.“
„Doch, hat er. Er hat mir eine Menge gesagt“, erwiderte Janne verwirrt. Sie wollte sich an die Wand lehnen, verschätzte sich aber mit dem Abstand und landete auf dem Hosenboden.
„Janne“, sagte Tom und ging vor ihr in die Knie. „Lise ist nicht nur Björns Schwester.“
„Nein?“
„Nein. Lise ist Jons Freundin. Die beiden sind ein Paar, seit sie fünfzehn sind.“

Trotz starken Widerstandes saß Janne einige Tage später auf einem Gartenstuhl und schaute den anderen dabei zu, wie sie sich köstlich amüsierten.
Nachdem Tom ihr die Sache mit Lise gesteckt hatte, war sie zunächst traurig darüber gewesen, dass Jon ihr das verheimlicht hatte. Doch nach etwa dreißig Sekunden hatte die Wut sie übermannt. Wenn sie sich je unsicher darüber war, ob Jon nun ein netter Junge oder ein Mistkerl war, so hatte sie in dem Moment die Entscheidung darüber gefällt.
Wieso hatte er ihr denn nichts erzählt? Sowas konnte man doch schon mal am Rande anmerken.
„Hilfst du mir, ein Geschenk für meine Freundin auszusuchen, mit der ich seit sechs Jahren zusammen bin, bitte?“
Oder hatte er im Laufe der sechs Jahre verdrängt, dass sie ein Paar waren und dachte nun, sie wäre einfach nur Björns Schwester?
Janne war schwer enttäuscht. Sie hatte wirklich gedacht, dass sie sich am Dienstag auf zwischenmenschlicher Ebene näher gekommen waren. Aber anscheinend war sie in Jons Augen immer noch nur ein aufsässiges, ungehobeltes, dummes Ding. Gut und schön, aber warum hatte er sie dann auf diese Party einladen lassen?
Konnte er wirklich so sadistisch sein, dass er das nur getan hatte, um ihr eins auszuwischen?
Janne schaute zu Jon, der bei Björn und Anders stand und laut lachte, als Björn etwas erzählte. Sie wollte gerade einen lauten Fluch ausstoßen, da setzte sich ein hübsches Mädchen neben sie, das im Gegensatz zu Björn naturblond war.
„Hallo“, stellte sie sich vor und hatte den selben förmlichen Ton drauf wie Jon. „Janne, richtig? Ich bin Lise. Vielen Dank für das Geschenk. Jon hat mir erzählt, dass du ihm beim Aussuchen sehr geholfen hast.“
„Öh. Gern geschehen. Herzlichen Glückwunsch, übrigens.“ Janne kratzte sich verlegen am Hinterkopf und kam sich neben Lise unheimlich linkisch vor. Björns Schwester saß aufrecht und elegant auf dem klapprigen Plastikstuhl und lächelte selbstsicher. Sie wirkte wesentlich älter als einundzwanzig.
„Danke sehr. Oh, da kommt Jon ja gerade. Hallo, Liebster.“
Janne musste sich zusammenreißen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Liebster?
„Hallo Prinzessin.“
Kannten die auch noch eine andere Begrüßung als „Hallo“?, wunderte Janne sich und warf Jon einen schnellen, wütenden Blick zu.
„Hey, Janne. Alles klar?“
„Jon, bitte“, rügte Lise ihn ernsthaft verärgert und strich sich nervös den Rock glatt. Janne schaute verwirrt zwischen ihr und Jon hin und her. Was ging denn hier bitte vor?
„Verzeihung, Prinzessin. Hallo, Janne.“
Da war es wieder.
„Geht es dir gut?“
„B-bestens“, erwiderte Janne und für einen kurzen Moment bildetet sie sich ein, eine Leine um Jons Hals zu sehen. Sie war sogar zu perplex, um noch sauer darüber zu sein, dass er nichts von seiner Freundin erwähnt hatte. Allerdings schien mit einem Mal auf der Hand zu liegen, wo seine steife Art herrührte.
„Ich habe Janne gerade für ihre Hilfe gedankt“, erklärte Lise mit einem majestätischen Lächeln. Jon nickte leicht.
„Ja, ich war sehr froh, dass sie mir mit Rat und Tat zur Seite stand.“
Ob es gegen so etwas Medikamente gibt?, fragte Janne sich und starrte Jon ungläubig an. Langsam war sie sich nicht mehr so sicher, welcher der wahre Jon war. Und ob es einen wahren Jon gab.
„Nun denn, ich muss weiter. Noch einige andere Gäste begrüßen. Ich hoffe, du genießt die Feier“, sagte Lise an Janne gewandt. „Adieu.“
„Tschö“, murmelte Janne und erntete einen irritierten Blick der Gastgeberin. Als selbige außer Hörweite war, schaute Janne zu Jon auf, der immer noch steif wie in Stein gemeißelt vor ihr stand. „Wann warst du das letzte Mal beim Eisangeln?“
„Im Winter 2002, an einem Samstag, oben in der Nähe von Tromsø“, antwortete Jon wie aus der Pistole geschossen. Janne betrachtete ihn prüfend.
„Na, wenigstens hast du Übung darin, dich nicht zu bewegen. Ist das nicht anstrengend, die ganze Zeit so steif zu sein?“
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, erwiderte Jon. „Ich muss mich verabschieden, es ist bald Zeit für die Überraschung.“
„Eine Überraschung? Hoffentlich überfordert das die Gute nicht“, murrte Janne. Jon warf ihr nur einen kalten Blick zu und ging. Kopfschüttelnd schaute sie ihm hinterher. Nun machte auch die Diskussion vom Donnerstag Sinn.
„JayJay!“ Tom kam lachend angelaufen, hielt ihr einen Becher mit Bier hin und ließ sich neben sie fallen. „Na, was hältst du nun von unserem guten Jon?“
„Nicht viel mehr als vorher“, murmelte Janne und schlug ein Bein über. „Er ist so anders als am Dienstag.“
„Wie war er denn am Dienstag?“, wollte Tom wissen und prostete Kari zu, die sich auf Jannes anderer Seite niedergelassen hatte.
„Entspannt“, antwortete Janne und musste lachen. „Das hier ist wie eine Roboterversion von dem Dienstags-Jon.“
„Verstehe“, grinste Tom und beugte sich vor, um Kari anschauen zu können. „Unsere liebe Janne hat einen Narren an Robo-Jon gefressen“, erklärte er dann.
„Eigentlich fand ich den anderen Jon netter“, murmelte Janne, doch Kari überhörte es und schaute sie nur mitleidig an.
„Du magst Jon?“, fragte sie besorgt. „Och, Janne. Wie kann man sich nur immer dermaßen den Falschen herauspicken?“
„Du kennst doch mein Talent“, seufzte Janne. „Ich bin ein Trottel.“ Kari legte einen Arm um sie.
„Du weißt, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, Janne. Aber Jon...den wirst du nicht loseisen können.“
„Das ist mir auch gerade klar geworden.“ Janne senkte entmutigt den Kopf. „Aber was soll’s.“
„Komm schon, Janne“, versuchte Kari sie aufzumuntern.
„Weißt du, wir kennen nur diesen Jon“, erklärte Tom. „Björn hat erzählt, dass er früher anders war. Sie kennen sich schon seit Jahren, weißt du. Du bist quasi die Einzige, den Jons mysteriöse andere Seite gesehen hat.“
„Haha“, machte Janne trocken.
„Nein, wirklich“, bestätigte Kari. „Ich meine, ich kann es nicht wissen, aber vielleicht tust du ihm gut.“
„Ja. Sogar Björn findet, dass Lise eine Nummer zu viel ist für Jon“, fügte Tom hinzu. Er schaute Kari an. „Wie wär’s? Wir verkuppeln Jon und Janne. Ich wette, Anders und Björn helfen uns.“
„Nein, Leute, bitte“, stöhnte Janne verzweifelt.
„Gute Idee!“ Kari ignorierte Jannes Einwand vollkommen und strahlte Tom voller Tatendrang an. „Er wohnt bei dir, das ist ideal! Und Björn ist sein bester Freund und mein Nachbar. Sie zusammenzubringen ist ein Kinderspiel, der Rest kommt sicher von alleine.“
„Und wenn wir nun überhaupt nicht zusammenpassen?“, argumentierte Janne.
„Dann war es trotzdem einen Versuch wert“, fand Tom. „Komm schon, Janne. Wir machen einen Kompromiss. Ab heute versuchen wir eine Woche lang, dich und Jon einander näher zu bringen. Wenn es nicht klappt, verfällt der Plan. Okay?“
„Okay“, murmelte Janne resigniert. Als ob sie auch nur die geringste Chance hätte, gegen die beiden anzukommen.
„Leute, kommt!“, rief Björn plötzlich vom Pavillon, der im Romörschen Garten aufgebaut worden war, her. Die drei erhoben sich von ihren Stühlen und schlenderten zu dem Unterstand, wo sich die gesamte Partygesellschaft versammelt hatte.
Dann wurde der Garten abgedunkelt und Jon und Lises Vater trugen eine fünfstöckige Torte in die Mitte des Pavillons. Lises Mundwinkel zuckte vor Rührung.
„Das ist ja ganz reizend von euch!“, freute sie sich. Das einzige, was dabei jedoch andeutete, dass sie tatsächlich berührt war, war die Tatsache, dass ihre Stimme eine Oktave höher war als sonst. Jon lächelte ein bisschen unsicher, ob der ziemlich uneindeutigen Reaktion seiner Freundin.
Tom und Kari warfen sich einen Blick zu. Kinderspiel.
„Oh je, irgendwer muss mir beim Anschneiden helfen“, sagte Lise und schlug die Hände an die Wangen.
„Hier, Janne hilft dir“, lachte Björn und schubste Janne nach vorne. Diese stolperte daraufhin über ihre eigenen Füße und landetet mit einer großen Geste kopfüber im Kuchen.
„Wer hat’s nicht kommen sehen, Hand hoch?“, flüsterte Anders und sah Kari an. „Sicher, dass es genetisch ist? Oder ist sie vielleicht einfach nur ungeschickt bis zum...“ Er stoppte, als Kari ihm einen bitterbösen Blick zuwarf. Wunder Punkt?, fragte er sich und kniff die Lippen zusammen.
Endlich ging Jon wortlos und mit ausdrucksloser Miene zu Janne, die immer noch regungslos im Kuchen lag. Keiner der Umstehenden sagte ein Wort, alle starrten auf das Mädchen in der Torte.
„In Filmen springen die Tänzerinnen meistens aus dem Kuchen heraus und nicht umgekehrt“, murmelte Björn.
Jon griff Janne währenddessen um die Taille und zog sie hoch. Er warf sie sich regelrecht über die Schulter und trug sie ins Badezimmer, wo er ihr den Kuchen aus dem Gesicht wusch. Janne sagte nichts und tat auch nichts, sie hockte eingesunken auf dem Badewannenrand und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Manchmal hasste sie es so sehr.
„Machst du sowas eigentlich mit Absicht?“, fragte Jon irgendwann, um die Stille zu unterbrechen. „Kein Mensch kann so tollpatschig sein. Ist bei dir zu Hause alles mit Schaumgummi gesichert, oder so?“ In seiner Stimme schwang weder Hohn noch Boshaftigkeit mit, dennoch explodierte Janne auf einmal, sprang auf und starrte ihn mit wildem Blick in den Augen an.
„Was weißt du schon?“, fuhr sie ihn an. „Du weißt gar nichts über mich! Du hast mich einfach abgestempelt und behandelst mich wie ein dummes Trampeltier. Weißt du was? Lass mich in Ruhe!“
„Wie bitte?“, japste Jon überrascht. „Du...ich...das ist nicht wahr!“
„Doch, das ist es“, sagte Janne. Ihre Stimme war ruhiger, dafür zitterte sie am ganzen Körper. Sie wollte nach der Türklinke greifen, doch ihre Hand glitt drei Mal daran vorbei, bevor sie es endlich schaffte. Jon runzelte nachdenklich die Stirn.
„Nein, ist es nicht“, wiederholte er und war sich sicher, dass er es so meinte. „Dass du ungeschickt bist kann man ja nicht leugnen“, lächelte er und dieses Lächeln ließ Janne innehalten. „Aber ansonsten denke ich, dass du...ganz...in Ordnung bist.“
Sie schaute ihn eine Weile schweigend an. Dann nickte sie.
„Ich gehe dann besser“, murmelte sie schließlich und drückte die Klinke herunter. „Bis...dann.“

Jon fühlte sich beobachtet. Immer wieder schweifte sein Blick von Lise weg in den Raum hinein. Sie saßen in einem Café im Zentrum, das sehr gut gefüllt war. Normalerweise machte ihm das nichts aus, aber heute kam es ihm vor, als würde ihn jemand beobachten.
Jetzt werde ich auch schon paranoid, dachte er mit einem ironischen Lächeln.
„Jedenfalls“, unterbrach Lise seine Gedanken. „Ich sagte zu dem Innausstatter, dass sich apricotfarbene Gardinen mit Sicherheit mit dem Tahitiblau beißen würde. Und weißt du, was er gesagt hat?“
Dann kaufen sie halt Rollos?, dachte er, sprach es aber nicht aus. Unwillkürlich musste er an Janne denken. Sie hätte vermutlich darüber gelacht. Lise nicht.
„Nein, Prinzessin, was denn?“, fragte er mit so viel Interesse, wie er nur aufbringen konnte. Und das war nicht gerade viel.
„Er fragte, wer von uns beiden denn bitte der Profi wäre und ob ich farbenblind sei. Kannst du dir das vorstellen?“
Ja.
„Nein!“ Jon tat geschockt und fragte sich, wieso er heute so empfindlich auf Lise reagierte. Vielleicht, weil sie ihm die Apricot-Tahiti-Geschichte schon drei mal erzählt hatte. Ob sie mitbekommen hatte, dass sie mittlerweile weiße Vorhänge besaß? Wahrscheinlich nicht.
„Doch. Und dann...“
Jons Gedanken wanderten unwillkürlich zurück zum Samstagabend. Jannes Verhalten machen ihm Sorgen. Nicht, weil sie so sauer war. Sowas kam vor. Etwas anderes beunruhigte ihn viel mehr.
„Hast du gehört, Jon? Blaue Vorhänge, hat er gesagt! Noch nichtmal, in welchem Ton, einfach nur blau! Himmel, das sollte ein Wohnzimmer werden, kein Aquarium.“
Jon nickte betroffen und zuckte zusammen, als er wieder das Gefühl bekam, dass ihn jemand beobachtete.
Er drehte sich um, konnte aber niemand Verdächtiges entdecken. Drei Pärchen schmachteten sich über ihre Kaffeebecher hinweg an, ein Geschäftsmann hing an seinem Telefon und zwei ältere Damen unterhielten sich angeregt. Außerdem sah er an einem Tisch eine Zeitung. Dahinter mochte sonst wer sitzen, zu sehen war nur die Zeitung.
Jon runzelte die Stirn. Das war ja wohl der älteste Trick der Welt.
„Jon? Liebster? Ist was?“
„Nein, nein“, wehrte er heftig ab. Lise gegenüber wollte er seine Paranoia ungern eingestehen. Janne hingegen wäre wahrscheinlich aufgestanden und hätte so getan, als müsste sie aufs Klo um zu schauen, ob der oder die Menschen hinter der Zeitung ihn tatsächlich beobachteten. Auf halber Strecke wäre sie wahrscheinlich über den hochgeschlagenen Teppich gestolpert und mit einem verlegenen Lächeln wieder aufgestanden. Jon musste grinsen, was Lise auf sich bezog und es ermutigt erwiderte. „Erzähl nur weiter, Prinzessin“, brachte Jon die Labermühle wieder ins Drehen und schaltete auf Durchzug. Er wusste, wie die Geschichte ausging. Lise hatte den Innenausstatter gefeuert, Jon angerufen, der ihr zu weißen Gardinen geraten hatte, selbige gekauft und hatte nun ein wunderprächtig eingerichtetes Wohnzimmer.
Was er nicht wusste, war, wieso er ständig über Janne nachdachte. Wahrscheinlich, weil sie als neuer Mensch in seinem Leben noch eine gewisse Neugier in ihm weckte. Besonders, weil sie so anders war als Lise. Ihr ganzes Umfeld war irgendwie genau das – was er nie gehabt hatte.
„Aber weißt du, wen ich echt toll finde?“
„Janne?“, platzte es aus ihm heraus und er hätte sich dafür Ohrfeigen können. „War nur ein Witz, Prinzessin“, beeilte er sich zu sagen, als Lise mehr als entgeistert dreinschaute.
„Das war nicht witzig.“
„Ich weiß. Verzeih“, seufzte Jon. Ließ er etwa nach?
„Jedenfalls, ich mag diese deutsche Band. Ich weiß nicht, ob du sie kennst.“
„Das weiß ich auch nicht, wenn du mir den Namen nicht sagst“, meinte Jon leicht ungeduldig. Lise wies ihn mit einem strengen Blick zurecht und Jon kam sich vor wie ein Schuljunge, der sich in der Ecke schämen musste.
„Ich denke ja nach“, sagte Lise mit kalter Stimme. „Ah, jetzt weiß ich. Tokio Hotel.“
„Zahlen bitte!“, rief Jon dem Kellner zu. Er konnte nicht mehr, er ertrug dieses Gerede heute keine Minute länger. Außerdem fühlte er sich immer noch beobachtet. Er wollte am liebsten einfach nur – angeln. In Ruhe auf einem Boot treiben und nichts tun, nichts sagen, nichts hören. Oder nach Asker und mit Janne und ihrer Familie zu Mittag essen. Aber noch ein weiteres Wort über Tahitiblau und er würde Tahiti vor Wut in die Luft sprengen.
„Liebster, ist alles in Ordnung?“, wollte Lise wissen.
„Ja. Nein. Mir ist schwummerig. Ich leg mich lieber eine Weile hin. Zu Hause. Allein.“ Er bezahlte und stand auf. Die Zeitung war verschwunden, aber er fühlte sich immer noch beobachtet.
Als Jon und Lise das Café verlassen hatten, stöhnte Tom erleichtert auf und kratzte sich an der Stirn.
„Alter, diese Perücke kratzt vielleicht!“
Der Mann am Nebentisch schaute etwas verwirrt, als die ältere Dame ihre Haare und Brille abnahm und sich als blonder Junge entpuppte.
„Stell dich nicht so an“, murmelte Kari und schälte sich aus ihrem für das Wetter viel zu langem Kleid, was den Mann nur noch perplexer dreinblicken ließ. „Wenigstens wissen wir jetzt eins: Im Hause Aaraas-Romören scheint der Haussegen ein wenig schief zu hängen.

„Zufälliges Treffen Nummer 1?“
„Failed. Objekt L befand sich in Begleitung von Target J.“
„Übernachtungsplan?“
„Failed.“ Kari machte ein Kreuz auf der Liste. „Jon hat von Montag auf Dienstag bei Lise geschlafen.“
„Zufälliges Treffen Nummer 2?“
„Failed. Target J befand sich am Mittwoch nicht an der Stelle, die unser Informant“, sie schielte böse zu Björn, „und genannt hatte.“
„Und zuletzt“, murmelte Tom. „Der Bootsausflug.“
„Noch alles offen“, sagte Anders und klopfte auf seine kleine Sporttasche. „Aber die Sachen sind gepackt, das Boot gemietet und die Kajüten schon jetzt so verteilt, dass Jon und Janne sich eine teilen müssen.“
„Leute, im Ernst“, meldetet Janne sich zu Wort, die längs auf dem Sofa lag und lustlos die Fernbedienung quälte. „Vielen Dank für euer...ähäm...selbstloses Engagement. Aber könnt ihr es nicht einfach aufgeben?“
„Captain Tom! Alarmstufe Alpha! Taget J2 mangelt es an Motivation und Kooperationsbereitschaft.“ Björn warf Janne einen beleidigten Blick zu. „Im Ernst, J2.“
„Ich heiße Janne!“
„Weiß ich doch.“
„Na klar.“
„Jedenfalls, wenn du den Typen willst, musst du dich schon für ihn einsetzen. Ich glaube wirklich daran, dass du ihm gut tun würdest. Wirklich. Jedenfalls, soweit ich dich kennen gelernt habe. Aber du musst schon was dafür tun. Von alleine wird Jon nicht bei dir ankommen, dazu ist er viel zu...“
„Abhängig?“
„Unterdrückt?“
„Fixiert?“
„Danke, Leute, wirklich“, sagte Björn trocken. „Jedenfalls wird er das nicht tun. Also komm schon.“
Janne schaute ihn eine Weile nachdenklich an. Dann setzte sie sich auf, schaltete den Fernseher aus und streckte die Beine von sich.
„Okay. Noch ein Versuch“, sagte sie. „Aber dann ist es vorbei, klar?“
„Klar.“ Björn salutierte und grinste zufrieden. „Also dann. Schiff ahoi?“
„Schiff ahoi“, stimmte Tom zu. Sie nahmen ihre Sachen und machten sich auf zu der Stelle am Hafen, wo eine kleine Firma Motorboote für private Zwecke vermietete. Jon wartete bereits am Büro der Firma.
„Alle auf einmal?“, fragte er misstrauisch.
„Ja. Netter Zufall, eh?“, lachte Anders und mit diesem einen Satz stellte sich heraus, dass er ein miserabler Schauspieler war. Doch Jon machte sich keine weiteren Gedanken darum, sondern zuckte einfach nur mit den Schultern und winkte mit den Schlüsseln für ihr Boot.
„Das Schiffchen heißt Jenna“, erklärte er, woraufhin Björn lachend Janne anstieß.
„Hey, wie du.“
„Ich geb’s auf“, murmelte sie. Als sie kurz darauf vor einem hübschen, weißen Boot standen, besserte sich ihre Laune allerdings wieder. „Wahnsinn!“, lautete ihr Urteil und sie kletterte aufgeregt hinter Anders an Deck.
„Das Ding ist riesig!“, stellte auch Kari fest und ließ sich von ihrem Freund hochziehen. „Kann das überhaupt jemand fahren?“
„Klar“, antwortete Björn. „Sogar ganz legal.“
„Irre.“ Janne sah sich begeistert um.
„Bereit?“, rief plötzlich jemand vom Steg aus, an dem das Boot festgemacht war. Der Mann gehörte offensichtlich zum Personal und die Zigarette zwischen den Lippen ließ ihn leicht nuscheln.
„Bereit!“, rief Björn und der Mann löste die Taue, mit denen das Ungetüm festgemacht war. Björn startete den Motor und holte eine pinke Kapitänsmütze aus der Tasche. „Na denn: Ahoi!“ Er gab Gas und kurz darauf hatten sie das Hafenbecken hinter sich gelassen.
„Also, folgendermaßen“, schrie Kari gegen den Wind an. „Anders und ich teilen uns eine Kajüte, Björn und Tom und Jon und Janne. Irgendwelche Einwände?“
Kari, Tom, Anders und Björn schauten ängstlich zu Jon, da sie jeden Moment Protest von seiner Seite erwarteten. Doch er zuckte nur die Schultern.
„Von mir aus.“
Janne schaute ihn überrascht von der Seite an und zuckte zusammen, als er ihr das Gesicht zuwandte.
„Ist das okay?“, wollte er von ihr wissen.
„Klar, wieso nicht?“, murmelte sie und nahm ihre Tasche auf. „Ich geh mal runter gucken“, verkündetet sie und stand auf. Jon folgte ihrem Beispiel.
„Ich komm mit.“ Er folgte ihr hinunter ins Innere des Bootes und sie beschlossen, sich die Kabine am Bug unter den Nagel zu reißen.
Sie besetzten beide ein Bett und starrten dann aus einem der Bullaugen, die knapp über der Wasseroberfläche lagen.
„Wirst du leicht seekrank?“, wollte Janne irgendwann wissen.
„ich war früher Angler aus Leidenschaft“, sagte Jon leise. „Mich bringt kein Schiff aus der Ruhe.“ Er schaute Janne an und entspannte sich unweigerlich. Plötzlich fiel ihm auf, dass die Wände die gleiche Farbe hatten, wie Lises Wohnzimmerwände. Tahitiblau. „Hey“, sagte er etwas lauter. „Was für eine Farbe haben die Wände?“
Janne schaute sich um und zuckte mit den Schultern. „Blau?“ Jon lachte auf und Janne rieb sich unsicher den Arm. „Nicht?“
„Doch, doch. Die Antwort war...perfekt.“ Er schwieg eine Weile, dann schaute er wieder durch das Bullauge hinaus. „Bist du noch sauer wegen Samstag?“
„Nein“, antwortete sie. „Das ist nur ziemlich blöd gelaufen. Ich stand ein bisschen neben mir.“
„Kenn ich“, murmelte Jon. Janne zog eine Augenbraue hoch.
„Ach wirklich? Ich dachte, du bist die Selbstbeherrschung in Person.“
„Tja“, erwiderte Jon und stand auf. „Das war, bevor ein gewisser Jemand in die Geburtstagstorte gefallen ist.“

„Und was grinst du so?“, wollte Tom wissen, als er sah, dass Kari vergnügt in sich hineinschmunzelte. Sie selbst, Tom und Anders saßen auf einer weißen Liegefläche am Heck des Bootes und ließen sich die Sonne auf den Pelz scheinen, während Björn das Boot Richtung Süden steuerte und dazu „In the Navy“ von den Village People hörte.
„Ich weiß etwas, das ihr nicht wisst“, lächelte sie und drehte sich ein bisschen in Anders’ Armen.
„Mhmh?“, machte dieser faul und verstärkte unwillkürlich seinen Griff, damit Kari nicht wegkonnte. So heiß es auch war, im Moment wollte er sie einfach nur festhalten.
„Ich habe heute Morgen mit meiner Mutter telefoniert.“
„Aha?“, machte Tom mäßig interessiert. Zumindest seine Mutter hatte selten weltbewegende Neuigkeiten auf Lager. Sie erzählte nur für ihr Leben gerne von ihrem Primelclub.
„Die wiederum hat neulich mit Frau Jansen gesprochen.“
„Oho!“, machte Tom und Anders öffnete ein Auge.
„Wer ist das?“
„Jannes Mutter“, erklärte Kari geduldig. Anders verkniff sich ein Grinsen.
„Janne Jansen?“
„Fast. Sie hat den Namen ihrer Mutter und ihres Vaters“, erklärte Tom und konnte sich selber ein Lachen kaum verkneifen. „Glaub mir, wir haben sie als Kinder ganz schön damit aufgezogen.“
„So?“, hakte Anders neugierig wissen.
„Ihr Vater heißt Jonsson...“
Anders Blick wechselte von neugierig zu ungläubig. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch“, kicherte Kari und fühlte sich fast ein wenig schuldig.
„Dann hießt sie tatsächlich...“
„Janne Jansen-Jonsson“, bestätigte Tom grinsend.
„Wie grausam.“
„Jedenfalls hat Frau Jansen meiner Mutter erzählt, dass neulich ein junger Mann bei ihnen war. Er hat mit Janne im Garten eine Wasserschlacht gemacht, beim Abendessen die witzigsten Angelanekdoten ever ausgepackt und ist mit einem T-Shirt nach Hause gefahren, auf dem „Vikings do it better“ stand.“ Kari grinste breit. „Ich zietiere: ‚Ein wundebar witziger und fröhlicher Junge’. Zitat Ende.“
„Ja, und?“, fragte Tom verständnislos.
„Man, du geistiger Stromausfall“, stöhnte Kari. „Der Typ war Jon!“
„Jon Jonsson!“, grölte Anders und Kari sah ihren Freund entgeistert an. Erst dann realisierte er, was Kari gerade gesagt hatte. „Vikings do it better?“
„Jup.“
„Niemals!“
„Oh doch. Und eine Wasserschlacht.“
Tom seufzte und lehnte sich grinsend zurück. „Wisst ihr, langsam fange selbst ich an, unseren Plan für gut zu halten.“
„Das ist schön.“ Kari verdrehte die Augen und sah die Jungs abwechselnd an. „Aber das heißt doch, dass Janne und Jon vielleicht wirklich gar nicht so falsch füreinander sind.“
„Gut möglich“, befand Anders. „Aber was wird aus Lise?“
„Soll sie in ihrem tahitiblauen Wohnzimmer ertrinken“, murrte Kari, die ebenfalls du denen gehörte, die sich die Geschichte bereits weit mehr als fünfmal hatte anhören müssen.
Tom lachte auf. „Ich denke auch, es gibt schlimmeres“, befand er. „Außerdem hätte Janne mal ein bisschen Glück verdient.“
Wie auf Kommando rumste es im Bootsinneren und die drei grinsten breit.
„Nix passiert!“, brüllte Janne kurz darauf und Kari musste lachen.
„Sie trägt es mit Fassung.“
„War sie als Kind auch schon so?“, wollte Anders wissen.
„Wie?“
„Na ja...ungeschickt.“
„Sie ist nicht ungeschickt“, erklärte Tom.
„Und wir wissen nicht, wie lange sie schon so ist“, komplettierte Kari die Aussage. „Wir kennen sie erst seit sie zehn ist.“
„Aber wenn sie nicht ungeschickt ist“, hakte Anders nach. „Was dann?“
„Hm...sowas wie...krank“, meinte Tom schulterzuckend.
„Wer ist krank?“, wollte Jon wissen, der gerade an Deck gekommen war. Kari öffnete den Mund um zu antworten, doch in dem Moment betrat auch Janne die Oberfläche. Sie hatte eine rote Stelle an der Stirn und lächelte verlegen.
„Niemand“, murmelte Kari schnell und stand auf. „Okay, wer will einen Cocktail?“

Gegen Abend steuerte die „Jenna“ ein Restaurant am Ufer Askers an, das sogar eine private Anlegestelle besaß. Kari hatte dort einen Tisch reserviert, da sich das Restaurant großer Beliebtheit erfreute.
Mit Hilfe eines Mitarbeiters legten sie gegen sieben an und betraten kurz darauf das Restaurant.
„Netter Schuppen“, befand Björn und Janne fragte sich, wie sich seine Ausdrucksweise so stark von der seiner Schwester unterscheiden konnte.
„Bitte: Ihr Tisch ist dort hinten am Fenster“, empfing ein Kellner sie und führte sie zu einem großen, runden Tisch mit Blick aufs Wasser. Die sechs nahmen ihre Plätze ein und bekamen sofort jeder eine Speisekarte in die Hand gedrückt.
„Das nenn ich prompt“, murmelte Tom und schlug die Karte auf.
„Gibt es auch was ohne Fisch?“, wollte Janne leise wissen, die ihm schon einen Schritt voraus war. Anders sah sie ungläubig an.
„Du magst keinen Fisch?“
„Doch, aber nicht heute“, gab Janne zurück und entschied sich für Suppe und Salat. „Ich werde heute nacht sowas von verhungern.“
„So lange dein Magen nicht zu laut knurrt“, stichelte Jon neben ihr. Janne schnitt ihm eine Grimasse.
„Er knurrt sicherlich nicht lauter als ich schnarche.“
Jon lachte auf und kniff sie in den Oberarm, woraufhin Janne ihm durch die Haare strubbelte. Kari beugte sich erschüttert zu Tom rüber.
„Siehst du das auch?“, flüsterte sie.
„Ja. Er lacht. Gruselig“, witzelte Tom und warf Anders einen Blick zu, der das Ganze mit offenem Mund verfolgte. Nur Björn, der sah durch und durch zufrieden aus.
Janne schaute Jon, der mittlerweile wieder auf seine Speisekarte konzentriert war, von der Seite an und das böse v-Wort drängte sich ihr wieder auf. Lise hin oder her, jedes Mal, wenn sie Jons entspannte Seite erlebte, schlug ihr Herz einen Tick schneller. Und so blöd es sich, selbst für sie, anhörte: wenn er lächelte, sah er plötzlich ganz anders aus. Sein ganzes Gesicht hellte dann auf und seine Augen waren richtiggehend mit Leben gefüllt.
Das konnte nicht gespielt sein, befand Janne. Sie war sicher, dass dies der richtige Jon sein musste. Oder zumindest ein Teil von ihm.
„Wann fährt Lise eigentlich nach Spanien?“, fragte Björn wie beiläufig, als sie ihr Essen bekommen hatten. Jon zuckte kauend mit den Schultern.
„Übermorgen. Also Samstag“, antwortete er, als er den Bissen heruntergeschluckt hatte.
„Fährst du sie zum Flughafen?“
„Nee“, murmelte Jon verlegen. „K-keine Zeit.“
Björn betrachtete den Freund seiner Schwester misstrauisch. Seit wann stotterte er denn?
„Was hast du denn vor?“, wollte Tom wissen, der als Einziger den Mut aufbrachte zu fragen. Doch Jon zuckte nur mit den Schultern.
„Termine, Termine, ihr wisst ja“, antwortete er und wirkte seltsam zufrieden. Die anderen schauten sich ratlos an und aßen dann stillschweigend weiter.
Als sie auf den Nachtisch warteten, waren alle Blicke auf den Oslofjord gerichtet, über dem die Sonne immer noch relativ hoch stand. Es würde wohl wieder eine warme, helle Nacht werden.
„Ich bin schon über einen Monat wieder hier“, murmelte Janne irgendwann. „Und vermisse Finnland kein bisschen.“
„Also bist du wieder zu Hause angekommen, ja?“, lächelte Tom und ließ sich von der beruhigenden Stimmung, die der Ausblick verbreitete, berieseln.
„Scheint so.“ Janne schielte zu Jon und ein breites Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Hoffentlich bleibt es noch eine Weile so schön wie jetzt.“
„Na ja, irgendwann wird Herbst“, warf Björn ein. Janne schüttelte den Kopf.
„Das meine ich nicht. Ich meine...das hier. Uns. Ich kenn euch zwar nicht, aber ich mag euch.“ Sie schnitt Björn und Anders eine Grimasse und die beiden lachten.
„Wenn du mich fragst“, mischte Jon sich ein, „solltest du nicht stehen bleiben. Es kann immer noch besser werden.“ Er lächelte Janne warm an und sie rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Sein Lächeln brachte sie vollkommen durcheinander.
„Ach ja?“, hakte Björn zweifelnd nach.
„Ja“, antwortete Jon überzeugt. „Als ich gerade dachte, dass ich absolut glücklich bin, hab ich was erlebt, was mich irgendwie noch glücklicher gemacht hat.“
„Das hat nicht zufällig was mit deinem Samstags-Date zu tun, oder?“, zog Anders ihn auf. Jon lachte auf.
„Zufällig schon.“
„Jetzt machst du uns aber neugierig“, maulte Tom, doch Jon lachte nur und legte eine Hand auf Jannes Unterarm.
„Es gibt Dinge, die müsst ihr einfach nicht wissen.“
„Ich muss aufs Klo“, murmelte Janne, die kurz vor einem Herzkasper stand. Sie sprang auf und stieß mit dem Kuchenwagen zusammen, der gerade am Tisch vorbeigeschoben wurde. Sie schaffte es allerdings, ihn festzuhalten. Der Kellner lächelte erleichtert und ging weiter. Als Janne jedoch weitergehen wollte, blieb sie an einem Stuhlbein hängen und schlug der Länge nach hin.
„DAS war neu“, murmelte Tom. Mit einem gequälten Stöhnen stand Janne vom Boden auf.
„Ich geh mal kurz aufs Boot und mach mir ein Aspirin“, knurrte sie.
„Warte, ich komm mit.“ Jon stand auf, doch Janne drückte ihn zurück auf seinen Stuhl.
„Lass mal. Bin ja gleich wieder da.“ Mit unsicheren Schritten lief sie aus dem Restaurant und kletterte kurz darauf aufs Schiff. In ihrer Tasche fand sie ein Aspirin und eine Flasche Wasser und im Bad stand ein Zahnputzbecher. Sie wartete, bis sich die Tablette aufgelöst hatte und setzte dann den Becher an.
Er ist vergeben, redete sie sich sein. Vergeben und du bist überhaupt nicht sein Typ. Und trotzdem steht er gerade aus irgendeinem Grund in der Tür und sieht dich an, als würde er sich Sorgen machen.
„Hey, wie geht’s dir?“, wollte Jon wissen.
„Seekrank?“, versuchte Janne sich rauszureden, doch irgendwie bezweifelte sie, das Jon ihr das abnahm. Er setzte sich neben sie aufs Bett und sah sie von der Seite an.
„Janne...bist du...also, hast du was?“
Ein riesiges Problem, ja. Doch sie schüttelte den Kopf, trank das Aspirin in einem Zug aus und stand auf.
„Wir sollten zurückgehen“, murmelte sie und steuerte die Leiter zum Deck an. Jon folgte ihr.
„Du verschweigst mir doch was“, stellte er fest, während sie die Treppe hochstiefelten.
„Eins zu eins“, murrte Janne, obwohl sie nicht so recht wusste, wovon Jon eigentlich sprach.
„Was soll das jetzt wieder heißen?“
„Das wollte ich dich gerade fragen.“
„Du bist krank, oder?“, platzte Jon heraus. Janne starrte ihn wie vom Donner gerührt an. Er zuckte hilflos mit den Schultern. „Tom hat vorhin sowas fallen lassen.“
„Tja. Aber ich frage dich, wieso sollte ich mit dir über sowas reden, wenn du mir nicht mal von deiner Freundin erzählen kannst?“, feuerte sie zurück.
„Hab ich doch“, behauptete Jon.
„Ja. Allerdings hast du das Detail, dass sie deine Freundin ist, vergessen? Verdrängt? Ignoriert?“ Janne schaute ihn angriffslustig an. Jon blickte nachdenklich zurück. Plötzlich machte er große Augen und deutete mit dem Finger auf sie.
„Du bist eifersüchtig!“
„Quatsch!“
„Doch! Du stehst auf mich!“
„Mach dich doch nicht lächerlich“, zischte Janne und fühlte sich unheimlich ertappt. Sie wich ein paar Schritte zurück.
„Oh doch. Aber das ist jetzt zweitrangig.“
„WAS?“, rief Janne entsetzt. „Was könnte denn bitte wichtiger sein, als deine eingebildeten...?“
„Bist du krank?“, unterbrach Jon sich scharf. Janne schaute schweigend zu Boden und wich noch ein paar Schritte zurück, als Jon auf sie zukam. „Bist du’s? Hast du...was Ansteckendes?“
„Nein.“
„Eine...Verletzung?“
„Nee.“
„Was dann, wirst du sterben, oder sowas?“, wollte Jon halbernst wissen. Er erstarrte, als Janne den Blick senkte und nicht antwortete. „Janne? Komm schon, das ist nicht wahr, oder?“
„Sag sowas nicht“, murmelte sie vollkommen aufgelöst. Plötzlich riss sie den Kopf hoch und schaute ihn mit Tränen in den Augen an. „Sag sowas nicht, hörst du!“, schrie sie ihm entgegen und presste beide Handflächen fest an ihre Schläfen. „Sowas sagt man nicht!“ Sie machte noch einen Schritt zurück und fiel rückwärts über die Reling ins Wasser. Ohne zu zögern sprang Jon hinterher. Prustend sah er sich um und entdeckte sie zwei Meter von sich entfernt.
„Janne!“, rief er und schwamm zu ihr. Zu seiner Überraschung lächelte sie.
„Wieder mal typisch, eh?“, lachte sie und hustete, als sie sich an dem salzigen Wasser verschluckte.
„Gott, Janne!“ Jon zog sie an sich und drückte sie fest. „Hab ich mich erschrocken.“
Janne legte ihre Arme um seinen Hals und wartete, bis der Hustenreiz abgeklungen war.
„Ich bin nicht...krank“, murmelte sie dann. „Jedenfalls nicht...so richtig.“
„Dann ist ja gut. Man, jag mir ja nie wieder so eine Angst ein.“ Jon tauchte sie kurz unter. Dann schwammen die beiden ans Ufer und ließen sich kurz darauf geschafft ins Gras fallen.
„Aber du stehst auf mich“, keuchte Jon irgendwann und schaute Janne grinsend an.
„Schwätzer“, murmelte sie.
„Oh Gott, du bist so verrückt nach mir!“
„Freak!“, lachte Janne und schlug nach ihm. Jon hielt ihre Hand fest und drückte sie leicht.
„Angelst du gerne?“, fragte er leise.
„Ab und zu“, antwortete sie und richtete sich auf.
„Cool.“ Jon lächelte und genoss das Gefühl jemanden zu haben, der seine Interessen teilte – und nicht umgekehrt.

Als der kleine Zeiger die Zehn erreichte, warf Jon einen Blick in den weißen Eimer und nickte zufrieden. Er und Reidar waren seit sechs Uhr morgens aus dem Boot und hatten schon einige beachtliche Fänge gemacht.
Das Boot war eine Nussschale im Gegensatz zu dem gemieteten Ungetüm vom Donnerstag mit relativ schwachem Außenbordmotor und Rudern, aber zum Angeln reichte es allemal. Sie trieben etwa fünfhundert Meter vor dem Ufer und Jon genoss die absolute Stille, die nur von gelegentlichen Geräuschen wie das Zischen beim Öffnen einer Flasche oder ein Schnarchen, wenn Reidar mal wieder kurz einnickte, unterbrochen wurde.
Jon wippte kurz mit seiner Angel und lächelte bei der Erinnerung an die vergangenen beiden Tage. Er hatte einen Riesenspaß gehabt, nicht zuletzt an den Gesichtern seiner Freunde, als er am Donnerstagabend wie verwandelt mit Björn Geschichten aus ihrer Kindheit erzählte. Als Letzterer schon lange schlafen gegangen war und Tom und Janne aneinandergelehnt auf der Liegefläche am Heck vor sich hindösten, war Kari zu ihm gekommen und hatte ihm gesagt, dass sie ihn noch nie so fröhlich erlebt hatte und ihn gefragt, ob er auch so ausgelassen sein könnte, wenn Lise dabei wäre.
Die Antwort war ganz eindeutig Nein. Das wusste Jon. Und das beschäftigte ihn.
„Jannilein hat erzählt, dass du schon lange nicht mehr angeln warst“, durchbrach Reidar schließlich die Stille. Anscheinend hatte er genug geschwiegen und geschlafen.
„So, hat sie das?“, fragte Jon schmunzelnd zurück.
„Ja. Sie redet eine Menge von dir, weißt du.“
„Ach was.“ Mittlerweile grinste Jon breit. Er wusste, dass er Recht hatte, auch wenn Janne es abstritt.
„Und? Stimmt es?“
„Ja“, antwortete Jon. „Meine Freundin verbietet es mir.“
Reidars Mund klappte auf und er starrte Jon ungläubig an. Jon wusste, wie lächerlich es klang, aber er hatte beschlossen, absolut ehrlich zu sein. Sie waren hier auf dem Meer, niemand würde sie hören und er mochte Jannes Vater.
„Ehrlich?“, hakte Reidar atemlos nach.
„Ja.“ Jon wand sich verlegen auf seinem Platz
„Du hast eine Freundin?“
„Äh...ja?“
„Schade“, murmelte Reidar ehrlich enttäuscht und Jon sah ihn fragend an. „Ich dachte, dass du und Janne vielleicht ein Paar wärt. Irgendwie dachte ich, zwischen euch stimmt es.“
„Hm“, machte Jon nachdenklich. Komplett abstreiten konnte er es nicht.
„Und deine Freundin verbietet dir wirklich das Angeln?“, wechselte Reidar schnell das Thema. Jon nickte.
„Ja, sie kann es nicht leiden. Also darf ich es nicht. Genau wie...na ja, eigentlich alles, was Spaß macht. Ich darf keine dummen Witze reißen, mich nicht flapsig ausdrücken und niemals die Haltung verlieren. Sie ist wie meine Eltern, immer auf ein korrektes Auftreten bedacht und um den schönen Schein bemüht.“ Jon hatte sich in Rage geredet und drehte wütend an der Kurbel seiner Angel. „Weißt du, ich dachte immer, dass dieses Verhalten normal ist. Dass eigentlich alle Familien so sind. Der Bruder meiner Freundin war zwar immer schon ein bisschen...abgedreht, aber ich dachte einfach, er ist die Ausnahme. Seit ich fünfzehn war, hatte ich nie wirklich andere Menschen um mich herum als Lise und meine Familie. Also, Lise ist meine Freundin. Aber dann bin ich letztes Jahr mit Tom zusammengezogen...“
„Mit unserem Tom?“, wollte Reidar wissen.
„Genau. Und der ist ja auch nicht gerade einer von der verkrampften Sorte.“
„Nein“, lachte Reidar. „Tom ist ein echter Rotzbengel manchmal.“
„Stimmt.“ Jon nickte amüsiert. „Jedenfalls hab ich durch ihn auch Kari und Anders kennen gelernt und endlich hatte ich mal eigene Freunde, die auch irgendwie...lockerer waren. Aber ich selber kam trotzdem nicht aus mir heraus.“ Er dachte kurz nach und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Und dann taucht dieses Mädchen in meiner Küche auf und erzählt irgendwas vom Installieren von Fünfhundert-Watt Glühbirnen. Am Anfang hat sie mich nur zur Weißglut getrieben. Wegen ihrer Sorglosigkeit, in erster Linie. Aber nach und nach hab ich mich in ihrer Gegenwart entspannt und mir wurde klar, dass sie so ist, wie – ich gerne sein wollte. Ich hab weiter versucht, sie von mir zu stoßen, aber irgendwie ging es nicht.“ Jon lachte auf. „Unglaublich, dass sie mich nicht hasst, ich war ein echter Kotzbrocken.“
„Charmant“, kommentierte Reidar grinsend. „Aber ganz offensichtlich hasst sie dich nicht. Ganz im Gegenteil.“ Er schwieg, während er die Leine seiner Angel einholte und die Rute dann vorsichtig im Boot ablegte. „Weiß Janne von deiner Freundin?“
„Ja“, antwortete Jon leise.
„Entschuldige die Dreistigkeit der Frage, aber liebst du deine Freundin?“, wollte Reidar wissen. Als Jon nicht antwortete, wanderte sein Blick in die Ferne. „Eva und ich sind jetzt bereits seit fast fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Nächste Woche ist unsere silberne Hochzeit.“ Er lächelte verträumt. „Eva und ich sind uns vielleicht nicht immer einig, aber wir sind uns trotzdem irgendwie ähnlich. Wir haben beide unsere Freiheiten und Hobbys, wo keiner dem anderen reinredet. Es gibt genug, was uns verbindet, auf eine Kleinigkeit wie ein Hobby kommt es da nicht mehr an. Liebe ist, wenn sie dich liebt, weil du bist wie du bist. Oder obwohl du bist wie du bist.“ Er lachte kurz auf. „Man kann niemanden verbiegen, Jon. Das muss deiner Lise klar werden.“
„Tja“, murmelte Jon. „Aber genau das ist Lise. Alles muss nach ihrer Nase gehen.“
„Und du bist sicher, dass du das willst?“, fragte Reidar geradeheraus. Jon runzelte die Stirn und wandte den Blick zum Ufer. Dort stand jemand auf einem Steg und winkte hektisch.
„Ähm...“, machte er und Reidar drehte sich um.
„Ah! Jannilein. Anscheinend gibt es Frühstück.“ Er lächelte vergnügt und Jon holte seine Angel ein. Rudernd steuerten sie das Ufer an. Als Janne dies bemerkte, machte sie kehrt und lief zurück zum Haus, das auf der anderen Straßenseite lag. Mitten auf dem Asphalt machte sie sich lang und Jon schüttelte den Kopf. Da fiel ihm etwas ein.
„Sag mal...Janne. Ist sie eigentlich gesund?“, fragte er so vorsichtig wie möglich. Sofort wurde Reidars Blick verschlossen und nachdenklich.
„Weißt du, Jon, du bist ein guter Junge. Und ich denke, wenn du in der Lage bist, Janne zu erzählen, was wirklich in dir vorgeht, wird sie dir auch erzählen können, was mit ihr los ist.“
„Verstehe“, murmelte Jon. Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Jon fragte sich, warum ihm niemand sagen wollte, was eigentlich mit Janne war. Die Gründe dafür konnten eigentlich nur sein, dass es entweder etwas sehr Persönliches oder etwas sehr Schlimmes war.
Er hoffte inständig, dass es das Erste war, aber die plötzliche Sorge, die in ihm aufstieg, machte ihn unheimlich nervös.
Als das Boot anlegte, stand Janne bereist wieder am Steg, um es festzumachen und ihrem Vater und Jon beim Tragen zu helfen. Sie strahlte mit der Sonne um die Wette und Jon fand keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Lächeln gespielt oder gezwungen war.
„Und, war es schön?“, fragte sie, als sie neben Jon zum Haus ging. Er schaute auf sie herunter und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Wunderbar. Und ich habe eine Menge erfahren. Stimmt es, dass du noch als Teenager nackt im Garten rumgerannt bist.“
„Was? Natürlich nicht!“, empörte Janne sich und wurde knallrot. Jon lachte auf.
„Na ja, war einen Versuch wert.“
„Wie schaffst du das eigentlich?“, fragte Janne ihn und legte ihre Hand auf seine, die auf ihrer Schulter ruhte.
„Wie schaff ich was?“
„Na ja...mit zwei Persönlichkeiten. Mit Lise bist du so stocksteif und gerade eben bist du...irgendwie ganz okay.“
„Ganz okay?“, hakte Jon nach. „Jetzt bin ich beleidigt.“
„Also, wie?“, ignorierte Janne seinen Kommentar.
„Hm“, machte Jon. „Wenn ich ehrlich bin schaffe ich das gar nicht.“ Er sah sie ernst an. „Du schaffst das.“

„Jedenfalls stehen wir da an dieser Ampel und als ich nach unten gucke, ist Janne auf einmal weg, mitsamt Dreirad. Kannst du dir das vorstellen, mitten in Helsinki und das dreijährige Kind ist auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Was tue ich als guter Vater?“
„Paps, es reicht!“, flehte Janne und schlug sich die Hände vors Gesicht. Jon, der neben ihr auf dem Sofa im Wohnzimmer der Familie Jansen-Jonsson saß, hielt ihr seine Hand vor den Mund.
„Lass ihn weitererzählen.“
„Wir stehen also vor dem Hauptbahnhof, die Straßen voller Menschen und das Kind weg. Ich tue das einzig logische: ich rufe nach ihr. Kannst du dir die Resonanz vorstellen, wenn du dich in der finnischen Hauptstadt an einem Samstagvormittag im Sommer vor den Hauptbahnhof stellst und laut „Janne!“ brüllst?“ Reidar lachte auf und auch Jon und Eva konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Janne hockte kopfschüttelnd da und wünschte sich, ihr Vater würde diese Kinderanekdoten nicht ausgerechnet Jon erzählen.
„Erzähl weiter, Schatz“, ermunterte Eva ihren Mann und legte ihre Hand auf seinen Arm, woraufhin Reidar einen Arm um sie legte. Jon schielte verstohlen zu Janne, die immer noch knallrot war. Was er wollte, eh? Was in ihm vorging? Das konnte er Janne gar nicht erzählen. Obwohl er Recht hatte.
„Gut, wir stehen ja immer noch an der Ampel“, fuhr Reidar fort. „Und plötzlich fährt die Straßenbahn an uns vorbei. Im zweiten Waggon drückt sich ein Kind am Fenster die Nase platt und winkt fröhlich. Dreimal darfst du raten, welches Kind es tatsächlich geschafft hat, sein Dreirad in die Straßenbahn zu hieven und sich einen Platz in der Linie 3B zu erkämpfen – die übrigens immer im Kreis fährt, eine Art Stadtrundfahrt.“
„Janne?“, lachte Jon.
„Richtig. Ich also im Laufschritt hinterher und zwei Stationen weiter hab ich sie dann endlich eingeholt. Als ich Janne rausgeholt habe, hält neben uns ein Taxi und Eva steigt aus, die Ruhe in Person.“ Reidar schnitt seiner Frau eine Grimasse. „Mit dem Worten: So wäre es doch auch gegangen, Schatz. Ich sag dir, ich war nie so kurz davor, eine Frau zu schlagen.“
„Als ob“, lachte Eva. „‚Ja, Schatz’ hat er nur gesagt und mir das Kind in den Arm gedrückt. Reidar war noch nie wirklich eine vor Emotionen überschäumende Person.“
„Dafür kann er Panik verbreiten, wie kein anderer“, meldetet Janne sich zu Wort. „Nur, weil es ihm Spaß macht. An dem Tag, an dem ich nach Finnland fliegen sollte, hat er mich um vier Uhr morgens geweckt und rumgetönt, die Fluggesellschaften würden streiken und so weiter. Er war kurz davor, mir ein Zugticket über Lappland zu kaufen. Da hat Mama den Fernseher angedreht, wo gerade Nachrichten liefen und sie haben einen Menschen von der Fluggesellschaft interviewt. ‚Der spricht aber kein Norwegisch’ meinte sie und Paps und ich drehen uns um und rate mal, was da steht! ‚Streik in Spanien!’. Ich sag dir, so wütend war ich selten.“ Janne streckte ihrem Vater die Zunge raus, während Jon sich lachend die Hand vors Gesicht geschlagen hatte.
„Och nöö!“, rief er und warf Janne einen Blick zu. Diese rieb sich die Schläfen und war mittlerweile wieder ziemlich blass. Er sah, dass auch ihre Eltern sie besorgt anschauten. Vielleicht war sie müde, sie war immerhin genau wie er um halb fünf in der Früh aufgestanden und wenn er der Uhr über dem Kamin Glauben schenken durfte, war es bereits sieben Uhr abends durch.
Wie auf Kommando gähnte Janne und Jon atmete erleichtert auf. Wieso machte er sich eigentlich selber so verrückt, sie hatte selber gesagt, dass sie nicht krank war.
„Jon?“, murmelte sie und zupfte an seinem Ärmel. „Können wir langsam?“
„Natürlich.“
„Ich hol dir noch schnell deine Sachen“, sagte Eva und stand auf, um kurz darauf im Flur zu verschwinden. Janne gähnte erneut und umarmte ihren Vater.
„Bis bald, Paps.“
„Macht’s gut, ihr beiden. Pass mir gut auf meine Tochter auf, Junge“, sagte Reidar zwinkernd zu Jon, der lächelnd nickte.
„Aber immer.“ Jon legte die Hände auf Jannes Schultern und schob sie spielerisch aus dem Wohnzimmer. Als er seine Klamotten in den Armen hielt und sie sich auch von Jannes Mutter verabschiedet hatten, verließen sie das typische Holzhaus und kehrten zurück ins belebte Oslo.
„Deine Eltern sind wirklich toll“, sagte Jon, als er in die Straße einbog, in der Janne wohnte. Sie nickte.
„Ja. Meine Familie ist zwar etwas meschugge, aber ich würde mit keiner anderen tauschen wollen.“
„Sie bedeuten dir viel, oder?“
Janne schnallte sich ab, als Jon anhielt, dachte kurz mit gerunzelter Stirn nach und sah ihn dann von der Seite an.
„Ich bewundere sie. Meine Eltern sind die stärksten Menschen, die ich kenne. Sie haben nie ihre Fröhlichkeit verloren. So möchte ich auch sein.“ Sie lächelte entschlossen, verabschiedete sich schnell von Jon und sprang aus dem Auto. Sie winkte ihm noch einmal zu, bevor sie im Haus verschwand. Jon schaute ihr gedankenverloren hinterher.
So hatte wohl jede Familie ihre kleinen oder großen Besonderheiten.

„...so, die Wände sind nun rosa gestrichen“, plärrte die Frau im Fernseher, „nun können wir die Gardinen aufhängen. Hier haben wir uns für die tahitiblaue Variante entschieden und...“
„Schalt das weg oder ich schlag die Alte grün und tahitiblau“, knurrte Kari und Anders gehorchte lachend. Sie lagen auf dem Sofa in Karis Wohnzimmer und ließen sich vom Nachtprogramm berieseln, da keinem von ihnen in dieser drückenden, schwülen Hitze nach schlafen war. Es war halb drei Uhr morgens und sie hockten in Unterwäsche vorm Fernseher, absolvierten ab und zu ein sinnloses Gespräch und waren zwischen Müdigkeit und Transpiration hin- und hergerissen.
„Widerlich“, knurrte Anders irgendwann und wischte sich über die Stirn.
„Wird der Sonntagsfilm nicht um diese Zeit wiederholt?“, wollte Kari gähnend wissen und küsste Anders auf den Nacken.
„Kann sein. Was kam denn?“, wollte Anders wissen, denn vor knapp sieben Stunden, als dieser gelaufen war, hatten er und Kari noch in einem schönen Restaurant im Hafen gesessen und die Zeit genossen, die sie in trauter Zweisamkeit genießen konnten. Anders war immer wieder von der Tatsache erstaunt, dass er selbst nach über zehn Monaten nicht genug von Kari bekommen konnte. Mit ihr war es niemals langweilig, selbst wenn sie nichts zu tun hatten oder sich wegen Nebensächlichkeiten stritten, er wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Wahrscheinlich würde das nicht ewig anhalten, aber im Moment fand es er einfach nur großartig, jemanden zu haben, mit dem er sich nachts um halb drei auf dem Sofa in Unterwäsche vorm Fernseher rumlümmeln konnte.
„Ich liebe dich“, murmelte er und Kari lachte auf.
„War das ernst gemeint oder hast du das jetzt nur gesagt, um mich ins Bett zu kriegen, falls ein Weiberfilm läuft?“
„Sowohl als auch“, grinste Anders und küsste Kari liebevoll.
„Ich liebe dich auch“, erwiderte sie und fuhr ihm durch das dichte, dunkle Haar. „Loaded Weapon kam.“
„Ist angenommen“, meinte Anders und schaltete um.
Sie zuckten beide zusammen, als es kurz darauf klingelte. Kari zog einen Augenbraue hoch und stand auf.
„Ich geh mal gucken“, murmelte sie, holte sich ihren Bademantel aus dem Bad, wunderte sich nur kurz über den Blutfleck auf der Innenseite und zog ihn dann über, bevor sie die Wohnungstür öffnete.
„Aloha!“ Björn grinste breit und stützte sich auf das Surfbrett, das er bei sich hatte. Er trug weiße Badeshorts, eine Sonnebrille, rosa Plastiklatschen und hatte sich ein Handtuch um den Hals gelegt.
„B-Björn?“, stammelte Kari ungläubig.
„Stör ich?“
„Es ist drei Uhr morgens, was schätzt du denn?“
„Ich dachte, wir könnten ein bisschen surfen gehen. Ich kann nicht schlafen, weißt du.“
„Und ich kann nicht surfen“, erwiderte Kari. War das wirklich sein Ernst?
„Eben! Deswegen dachte ich, ich hol dich ab und bringe es dir bei.“ Björn schien wirklich begeistert von seiner Idee zu sein und strahlte Kari fröhlich an. Diese hielt allerdings nicht allzu viel davon.
„Vergiss es“, knurrte sie. „Nicht heute. Nicht jetzt.“
„Wann anders?“
„Ja, klar, warum nicht?“, resignierte sie. Als sie Björns wachen Blick sah, tat er ihr ein bisschen leid. „Willst du nicht reinkommen? Anders und ich schauten gerade ‚Loaded Weapon’.“
„Ja, gerne!“ Björn ließ sein Surfboard im Flur stehen und folgte Kari in die Wohnung. Sie ging voran ins Wohnzimmer. Als Anders Björn entdeckte, rollte er mit den Augen.
„Normal bist auch nicht mehr, oder?“, meinte er kopfschüttelnd und rückte ein Stück, damit Kari wieder Platz hatte. Björn setzte sich auf einen Sessel und lächelte unbeschwert.
„Was ist schon normal?“, wollte er wissen und schlug die Beine unter. „Was macht eigentlich der Plan von dir und Tom, Kari? Der Verkupplungsplan?“
„Ach, keine Ahnung“, murmelte sie. „Janne wird sich ihm nicht an den Hals schmeißen, solange er mit Lise zusammen ist und Jon ist garantiert zu feige, um mit deiner Schwester Schluss zu machen. Die beiden passen wirklich gut zusammen, aber so wird das nie was.“ Kari seufzte tief und lehnte sich gegen Anders.
„Also, zumindest von Lise weiß ich, dass Jon sich seit Donnerstag nicht bei ihr gemeldet hat, nicht mal, als sie nach Spanien abgedampft ist.“ Björn kaute auf dem Bügel seiner Sonnebrille herum und zuckte mit den Schultern. „Hat ja nicht lange gedauert mit den beiden. Janne und Jon, mein ich.“
„Na ja, sowas kann man schlecht kontrollieren“, sagte Anders überzeugt. „Wenn es passt, dann passt es halt.“
„Und Janne fand Jon ja schon von Anfang an nicht schlecht“, grinste Kari und erntete überraschte Blick von den beiden Jungs.
„Im Ernst? Die haben sich doch nur angezickt“, meinte Anders.
„Was sich neckt, das liebt sich“, erklärte Björn altklug und grinste breit. „Wenn ihr mich fragt, wir sollten noch nicht aufgebeben. Ich wünsche meiner Schwester nur das Beste, aber dasselbe gilt für Jon. Und Lise ist definitiv nicht das Beste für ihn.“
„Da bin ich ganz deiner Meinung“, pflichtete Kari ihm bei, doch bevor sie noch mehr sagen konnte, klingelte ihr Handy, das auf dem Tisch vor dem Sofa lag. „Tom“, murmelte sie und runzelte die Stirn. „Was ist nur mit dieser Nacht los? Sind jetzt alle verrückt geworden?“
„Mondsüchtig, vielleicht“, schlug Björn vor, verstummte aber, als Kari das Gespräch annahm.
„Hallo?“, meldete sie sich. Anders und Björn beobachteten sie neugierig, als ihre Miene immer ernster wurde. „Was?...Okay...Ja, ich verstehe...Wo?...Alles klar. Ich mach mich auf den Weg. Bis dann.“ Kari legte auf und war schon vom Sofa aufgestanden, da griff sie erneut nach ihrem Handy.
„Björn? Jons Nummer“, verlangte sie und Björn diktierte sie artig. Anscheinend war Jon einer der wenigen, die in dieser Nacht Schlaf gefunden hatten, denn er meldetet sich erst nach einer halben Minute mit ziemlich verschlafener Stimme.
„Äh?“, machte er und gähnte ausgiebig.
„Jon, hier ist Kari.“
„Schön von dir zu hören. Um drei Uhr früh. Kari“, knurrte er.
„Hör zu, du musst etwas für mich tun, okay? Du wohnst am nächsten dran, deswegen möchte ich, dass du jetzt keine Panik schiebst, sondern einfach tust, was ich dir sage, okay?“
„Yes, ma’am“, gähnte Jon und stand schon mal auf. Die Nachtruhe war sowieso dahin, außerdem schien es Kari ernst zu sein.
„Du fährst jetzt zum Ullevål Krankenhaus, klar?“
„Klar.“
„Dann gehst du zur Rezeption und fragst nach jemandem, der gerade eben eingeliefert wurde. Verstanden?“
„Soweit schon. Und nach wem frag ich?“
„Nach Janne Jansen-Jonsson.“

„Du hast mit Abstand den abgefahrensten Namen, den ich je gehört habe.“
Janne lächelte schwach und setzte sich halbwegs in ihrem Bett auf. Jon umarmte sie vor Erleichterung und setzte sich dann auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. Sie sah blass und müde aus, was um diese Uhrzeit nicht verwunderlich war. Ansonsten fiel nur der Gips auf, mit dem ihr gebrochener linker Unterarm geschützt wurde.
„Wie hast du das nur hinbekommen?“
„Bin vom Dreirad aus der Straßenbahn gefallen“, witzelte Janne.
„Ha, ha.“
„Du kennst mich doch“, murmelte sie schulterzuckend. „Ich bin gestolpert und die Treppe runtergefallen.“
„Verstehe“, lachte Jon. In dem Moment flog die Tür auf und Tom, Kari, Björn und Anders stürmten das Zimmer.
„Mensch, Janne!“ Tom umarmte sie noch stürmischer als Jon. „Hab ich mich erschrocken! Wissen deine Eltern Bescheid?“
„Ja, sie kommen morgen früh vorbei. Nicht zu nachtschlafender Stunde“, fügte Janne hinzu und schaute fragend in die Runde. „Was tut ihr denn alle hier?“
„Wir haben ferngesehen“, antworteten Kari und Anders.
„Ich hab geschlafen“, murmelte Jon.
„Ich wollte gerade surfen gehen“, verkündetet Björn und erntete verwirrte Blicke von Jon, Janne und Tom.
„Und wann darfst du wieder raus?“, fragte Kari. „Wird doch nicht so schlimm sein mit dem Arm.“
„Nee“, bestätigte Janne. „Morgen oder Übermorgen darf ich wieder raus. Sie müssen nur noch ein paar Untersuchungen machen. Und den Gips erneuern und sowas.“
„Na dann.“ Kari war ehrlich erleichtert. Tom hatte ihr zwar schon am Telefon gesagt, dass nichts Schlimmes passiert war, doch Janne hier bei relativ guter Gesundheit und bester Laune zu sehen hatte sie dennoch gebraucht.
„Verzeihung.“ Die Nachtschwester steckte den Kopf zur Tür herein. „Es herrscht hier Nachtruhe, daher muss ich Sie alle bitte zu gehen. Nur einer darf bei ihr bleiben. Seelischer Beistand.“ Sie lächelte schwach und Janne warf ihr einen böse Blick zu.
„Ich bleibe!“, rief Jon wie aus der Pistole geschossen. Tom, der schon den Mund aufgemacht hatte, grinste Kari an und nickte.
„Alles klar, wir sind dann weg“, schmunzelte er und verließ mit den anderen das Zimmer. „Bis morgen, JayJay!“
„Macht’s gut!“, rief sie ihnen nach und schaute Jon an, der immer noch neben ihrem Bett saß. „Du kannst ruhig gehen, ich brauche keinen seelischen...“
„Was macht der Kopf?“, wollte er unvermittelt wissen. Janne lächelte ertappt.
„Dem geht es bestens.“
„Hmm...wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass du mir was verschweigst?“
„Vielleicht, weil ich dasselbe Gefühl bei dir habe“, murmelte Janne. „Hatte“, fügte sie dann hinzu. Jon schnitt eine Grimasse.
„Dein Vater?“
„Er meint es gut.“
„Das weiß ich.“ Jon stand auf und zeigte auf den Flur. „Ich hol mir einen Kaffee. Willst du auch was?“
„Wenn dir zufällig ein Steak über den Weg läuft, bring es mit, ich komm um vor Hunger.“
„Alles klar“, lachte Jon und trat auf den Flur hinaus, um sich seinen Kaffee zu holen. Er stellte sich auf eine lange Nacht ein. Aber für Janne würde er auch bis Sonntag wach bleiben, Hauptsache sie würde nicht weiterhin in dieser furchtbar sterilen, weißen Bettwäsche liegen müssen, mit der passenden Gesichtsfarbe dazu.
Als er sich wieder neben sie setzte, hatte Janne eine Frauenzeitschrift in der Hand und schaute ihn enttäuscht an.
„Kein Steak?“
„Kein Steak. Was liest du da?“
„Die hundert besten Gründe, mit der manipulativen, engstirnigen, humorlosen Freundin Schluss zu machen. Grund Nummer eins: siehe Überschrift.“ Sie verzog das Gesicht und sah ihn an. „Einschlägig, oder?“
„Seit wann bist du denn so geradeheraus?“, wollte Jon grinsend wissen. Jannes Blick wurde betrübt und sie zuckte mit den Schultern. Jon stieß sie leicht an der Schulter an.
„Also hab ich doch Recht, eh?“
„Du bist doof“, murmelte sie und wollte sich hinter der Zeitschrift verstecken, doch Jon nahm sie ihr entschieden weg.
„Weißt du, ich habe nachgedacht. Was Lise angeht. Ich mag sie wirklich, aber irgendwie ist mir klar geworden, dass wir zu verschieden sind. Ich fühle mich bei euch einfach wohler. Und was soll ich mit einer Freundin, die nicht mal über meine dummen Witze lacht? Außerdem sieht Tahitiblau echt scheiße aus.“
Janne lachte auf, hielt ab schon kurz danach inne. Jon wusste nicht, woran es lag, doch die Art wie sie ihre Kiefer aufeinander presste, ließ ihn darauf schließen, dass sie irgendwo Schmerzen hatte.
„Alles okay?“, wollte er wissen.
„Der Arm“, sagte sie entschuldigend. „Mein erster Bruch.“
„Oh, das ist der Beste, alles was hinterher kommt verliert irgendwie an Originalität.“
„Blödmann“, lachte Janne. „Erzähl weiter.“
„Also, dein Vater hat mir geraten, dir zu erzählen was in mir vorgeht. Also tu ich das jetzt, denn wenn ich Glück habe stehst du unter Drogen und hast es morgen wieder vergessen.“
„Ich drück dir die Daumen.“
„Danke“, grinste Jon. „Also, die Sache ist die: ich mag dich. Wirklich, ich hatte selten so viel Spaß wie mit dir und auch mit deinen Eltern. Außer vielleicht damals mit Björn, als wir auf Hawaii mit unseren ferngesteuerten Flugzeugen den Angriff auf Pearl Habour nachgespielt haben. Irgendwie sind die Amis da immer noch ein wenig sensibel.“
„Gut zu wissen“, gluckste Janne und versuchte, den Arm beim Lachen nicht zu bewegen.
„Okay, ich schweife ab. Jedenfalls will ich dir danken, weil du mir klargemacht hast, dass es okay ist, ich selbst zu sein. Egal, was andere davon halten. Und so wie ich bin – bin ich leider nicht mehr Lises Freund. Klingt irgendwie kompliziert. Um es einfacher zu machen: ich werde die Sache mit ihr beenden. Hui, sie wird mich in der Luft zerreißen, aber wenigstens tu ich dann endlich mal das, was das Beste für mich selbst ist. Und wenn ich das getan habe und du dann immer noch auf mich stehst – und ich weiß, das tust du - ...“
„Jon, ich warne dich“, drohte Janne spaßeshalber.
„Jedenfalls hoffe ich, dass ich dich dann mal zum Angeln mitnehmen kann. Ohne Hintergedanken oder mit irgendwelchen ungehörigen Absichten.“ Er zwinkerte ihr zu. „Es sei denn, du bist damit einverstanden.“
„Gott, wie hast du denn bitte diese Seite so lange versteckt?“, wollte Janne ungläubig wissen.
„Ja, was erwartest du denn? Ich hab das über sechs Jahre unterdrückt. Du kannst froh sein, dass ich noch genug Anstand habe, dich nicht hier im Krankenhaus anzubaggern.“
„Tust du das nicht gerade?“, lachte Janne und versuchte, den Gips festzuhalten. Eins stand fest, sie würde sich nie wieder etwas brechen. Das nervte sie jetzt schon.
„Nein, ich stelle nur etwas klar“, korrigierte Jon sie. Janne nickte und schnitt ihm eine Grimasse. Sie freute sich, dass er hier war. Und je länger sie hier saßen und redeten, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass er sich nicht nur öffnete, um Ballast abzuwerden, sondern auch, um sie hereinzulassen. Und das tat ihr unendlich gut.
Gegen sechs Uhr morgens war Jon eingeschlafen. Er lag mit dem Kopf auf ihren Beinen und hielt die nicht eingegipste Hand fest in seiner. Janne betrachtete ihn lange schweigend und beugte sich endlich an sein Ohr.
„Du hast gesagt, du hast einen Bruder“, flüsterte sie. „Weißt du...ich hätte auch beinahe einen gehabt.“

Als Jon einige Stunden später aufwachte, lag er immer noch auf Jannes Beinen und hielt immer noch ihre Hand. Er setzte sich auf und schaute in ihr blasses Gesicht. Anscheinend hatte sie gar nicht geschlafen, denn unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet und die Lieder waren halb geschlossen. Dennoch starrte sie konzentriert an ihm vorbei.
Jon drehte sich um sah, dass die Tür offen stand. Auf dem Flur standen Jannes Eltern mit einem Arzt, der ihnen augenscheinlich etwas erklärte. Jannes Eltern sahen sehr besorgt aus, Eva hatte bestürzt eine Hand vor den Mund geschlagen und ihr Mann hatte den Arm um sie gelegt, als wollte er sie trösten. Schließlich wies der Arzt ihnen, ihm zu folgen und die drei verschwanden aus dem Blickfeld.
Nun schien auch Janne sich aus ihrer Starre zu lösen und seufzte tief.
„Gute Morgen“, murmelte sie und ließ seine Hand los. „Gut geschlafen?“
„Bist du beleidigt, wenn ich sage, dass ich schon bequemer gelegen hab?“
„Nicht im Geringsten, meine Beine sind nicht gerade ein Wasserbett.“
„Wieso sind deine Eltern wieder gegangen?“, wollte Jon wissen. Janne wich seinem Blick aus.
„Blöder Schatten“, murmelte sie, doch bevor er nachhaken konnte, kam eine Schwester herein und scheuchte ihn auf.
„Es tut mir leid, aber Fräulein Jansen muss jetzt zum Röntgen. Und Sie sollten sich zu Hause ein wenig ausschlafen“, fügte sie mit besorgtem Blick auf seinen krummen Rücken hinzu.
„Nein, ich...“
„Schon gut“, lächelte Janne. „Mach dich vom Acker, ich komm schon klar. Ist nicht das erste Mal für mich.“
„Wie du meinst“, murmelte Jon, nahm seine Jacke und ging. Er rieb sich nachdenklich die Stirn, als er im Flur mit Reidar zusammenstieß.
„Oh, Jon. Wie siehst du denn aus?“, wollte Jannes Vater wissen, doch Jon zuckte nur abwehrend die Schultern.
„Och, war eine lange Nacht“, antwortete er lächelnd.
„Warst du die ganze Zeit bei Janne?“, wollte Eva wissen und Jon nickte. „Hör mal, wie nehmen sie heute mit nach Hause. Mit ihrem Arm gibt es ja keine Probleme. Komm doch heute Abend vorbei.“ Sie griff nach der Hand ihres Mannes. „Tom und Kari haben wir schon angerufen. Ich glaube, sie braucht euch jetzt.“
Damit ließen sie den vollkommen verwirrten Jon stehen. Wieso sollte Janne sie brauchen, wenn doch mit ihrem Arm alles okay war? Da sollte mal einer nach fünf Stunden Schlaf auf einem Oberschenkel draus schlau werden.
Er fuhr nach Hause, duschte sich, zog sich um und fuhr direkt zu Kari, die nicht viel wacher aussah als er. Anders hing wie ein Schluck Wasser am Küchentisch und sabberte im Schlaf auf die Zeitung.
„Was ist hier eigentlich los?“, wollte Jon wissen, der vollkommen neben der Spur war. Wieso schien überhaupt nichts Sinn zu machen? Und warum schienen alle mehr zu wissen als er?
„Sowas habe ich nicht erwartet“, murmelte Kari, als hätte sie seine Frage gar nicht gehört. Erschöpft ließ Jon sich Anders gegenüber auf einen Stuhl fallen.
„Kari, bitte. Was. Ist. Los?“
„Hör zu, Tom und ich fahren um sechs nach Asker. Aber erst mal zu unseren Eltern. Bitte, Jon, du musst zuerst zu ihr. Sie muss wissen, dass du da bist und ihr zur Seite stehst. Außerdem...“ Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. „Wir wissen doch auch nicht, was wir sagen sollen. Wir haben sie doch erst danach kennen gelernt.“
„Wonach denn?“, rief Jon der Verzweiflung nahe. Aber Kari schien ihn wieder nicht gehört zu haben. Anscheinend hatte er sich geirrt. Die Sache war persönlich und schlimm.
Er trank den Kaffee aus, der neben Anders’ Kopf stand und sah Kari dabei zu, wie sie vollkommen neben sich durch die Wohnung lief und verzweifelt nach etwas zu suchen schien, das sie ablenken konnte.
Jon schaute auf die Uhr. Es war zwanzig nach zwölf. Vielleicht sollte er noch ein bisschen schlafen, bevor er nach Asker fuhr.
Und vielleicht würde er endlich erfahren, was nun eigentlich mit Janne los war.
Er zuckte zusammen, als Anders laut aufschnarchte. Mit weichen Knien stand er auf und verließ die Wohnung wieder. Kari würde es eh nicht bemerken.
Als er wieder zu Hause war, fluchte er laut. Das erste Mal seit Jahren. Hinterher merkte er, dass er es sich hätte sparen können. Es hatte ihm rein gar nichts gebracht. Er konnte tun, was er wollte. Es würde nichts daran ändern, dass er hilflos abwarten musste.
Und als er sich entnervt, frustriert und besorgt auf sein Sofa fallen ließ, fiel ihm plötzlich das Wort ein, das Janne am besten beschrieb.
Dennoch oder gerade deswegen fand er keinen Schlaf. Er machte sich Essen, versuchte fernzusehen, sich abzulenken, aber es half alles nichts. Um kurz nach fünf hielt er es nicht mehr aus, setzte sich ins Auto und fuhr runter nach Asker.
Janne saß auf dem Steg, an dem das Boot ihres Vaters festgemacht war, als Jon kam. Ihre Mutter schickte ihn zu ihr.
„Sie hat den ganzen Tag weder gegessen oder gesprochen.“
„Doch heute morgen“, antwortete Jon verwirrt.
Eva lächelte milde. „Das überrascht mich nicht. Geh bitte, rede mit ihr. Du hast keine Ahnung, wie gut es ihr tut, wenn du da bist. Ich glaube, die hat sie nicht mal selber.“ Eva verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber eine Mutter merkt sowas. Ich bin froh, dass sie dich hat.“
„Danke“, murmelte Jon und lief den Auffahrt entlang, über die Straße zum Steg. Janne sah nicht mal auf, als er sich neben sie setzte, sie rieb sich nur fröstelnd den Arm.
„Es sind sechsundzwanzig Grad“, belehrte Jon sie und zog sich die Schuhe aus um die Füße, wie sie, ins Wasser zu hängen.
„Ich hasse Krankenhäuser“, murmelte Janne. „Deswegen haben sie mich da rausgelassen. Ich werde auch nicht schneller gesund, wenn ich die ganze Zeit im Bett liege.“
„Deinen Arm solltest du aber trotzdem schonen“, fand Jon. Janne sah ihn an und lächelte.
„Danke, dass du gekommen bist.“
„Ist doch selbstverständlich. Kari und Tom dürften schon auf dem Weg sein.“
Janne nickte und verzog ironisch das Gesicht. „Das wird für die beiden eine völlig neue Erfahrung.“
„Was?“, hakte Jon so neutral wie möglich nach.
„Hm“, machte Janne und warf mit der gesunden Hand einen Stein ins Wasser. „Es ist manchmal schwer, das loszuwerden, was einen belastet, richtig?“
„Kannst du laut sagen“, murmelte Jon geduldig. „Wobei ich es auch schwer finde, sich einzugestehen, dass etwas nicht richtig läuft.“
Janne lachte auf. „Oh, damit hatte ich nie Probleme. Das wurde mir immer bescheinigt.“
„Bescheinigt?“
„Ja. Ging alles ziemlich amtlich vonstatten.“ Sie stand auf und zeigte auf einen Platz am Ufer, etwa hundert Meter von ihnen entfernt. „Siehst du das flache Stück da?“
„Ja.“
„Dort habe ich schwimmen gelernt. Als ich zehn war.“
„So spät?“
„Allerdings. Und dort auf der Straße habe ich Fahrrad fahren gelernt. Etwa im selben Alter.“
„Ungewöhnlich“, kommentierte Jon. Janne grinste ihn an.
„Passt doch.“ Sie drehte sich zum Haus. „Und dort, vor der Schuppentür. Da bin ich nach meiner Operation das erste Mal gestolpert, ohne dass etwas wirklich im Weg lag oder so. Seitdem passiert mir ständig sowas. Stolpern, Dinge fallen lassen, irgendwo gegen schlagen.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Ich bin nicht schusselig. Ich bin ein Kunstfehler.“

„Ein...Kunstfehler?“, fragte Jon, nachdem er geschlagene fünf Minuten darüber nachgedacht hatte. Janne nickte. Schließlich setzte sie sich wieder hin und sah ihn an.
„Hast du gehört, was ich über meinen Bruder gesagt habe? Oder hast du wirklich geschlafen?“
„Bruder?“ Jon runzelte die Stirn. „Du bist doch Einzelkind.“
„Also hast du geschlafen“, stellte Janne fest. „Ich bin Einzelkind aber ich bin nicht das einzige Kind meiner Eltern.“
„Kunstfehler, du sprichst in Rätseln“, murrte Jon, aber er hatte das Gefühl, dass er der Sache endlich auf den Grund kommen würde. Janne grinste und ließ ihre Füße wieder ins Wasser gleiten.
„Ein Jahr nachdem meine Eltern geheiratet haben, haben sie einen Sohn bekommen. Als er zwei war, ist er an Leukämie erkrankt, diagnostiziert wurde allerdings nur eine Anämie. Sieben Monate später starb er daran, kurz nachdem der Krebs doch noch festgestellt wurde. Etwa ein Jahr später wurde ich geboren.“ Janne schaute nachdenklich auf den Oslofjord hinaus. „Wenn die Ärzte es rechtzeitig erkannt hätten, hätte ich jetzt einen großen Bruder. Manchmal frag ich mich, was er wohl tun würde. Jetzt wäre er vierundzwanzig, vermutlich würde er bald mit dem Studium fertig sein. Und dann...vielleicht um die Welt reisen. Was meinst du?“
„Vierundzwanzig?“, wiederholte Jon nachdenklich. „Wahrscheinlich hätte er sich bei einem Auslandssemester eine hübsche Italienerin oder Russin oder Isländerin an Land gezogen und würde vielleicht in ihr Land gehen, um dort zu forschen und eine Familie mit ihr aufzubauen.“
Janne schaute Jon begeistert an. „Das gefällt mir!“
„Schön.“ Er schwieg eine Weile und schob etwas Wasser mit dem Fuß von sich. „Reden deine Eltern viel über ihn?“
„Manchmal. Besonders um seinen Geburts- und Todestag herum. Aber sie erzählen keine traurigen Dinge, sondern schöne Erinnerungen, die sie an ihren kleinen Jungen haben. Außerdem haben sie mir immer deutlich gezeigt, dass ich kein Ersatz für ihn bin. Nur in einer Sache konnten sie sich ein Gedenken an ihn nicht verkneifen.“ Sie lachte und sprach weiter, bevor Jon nachfragen konnte: „Er hat ein schönes Grab hier auf dem Friedhof. Auf seinem Grabstein steht: ‚Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen’. Und das leben meine Eltern. Und gleichzeitig leben sie weiter.“
„Deswegen bewunderst du sie so?“, hakte Jon nach. Janne nickte.
„Sie sind von Herzen glücklich, weil sie wissen, wie kurz ein Leben sein kann. Immerhin mussten sie die Erfahrung fast zweimal machen.“
„Zweimal?“
„Hmhm. Weißt du, Krebs bei Kindern ist gar nicht so selten, wie man denkt. Besonders nicht in unserer Familie.“
„Ist das genetisch bedingt?“
„Weiß ich gar nicht genau“, gab Janne zu. „Kann aber gut sein. Bei mir war es jedenfalls ein Gehirntumor.“
Jon zuckte zusammen, ob der Beiläufigkeit, mit der Janne es erzählte. Andererseits, wie brachte man sowas am besten vor?
„Ein...Hirntumor?“
„Ja. Sie haben ihn entdeckt, als ich fünf war. Als klar war, dass er bösartig war, ging es los. Fünf Jahre lang hab ich die meiste Zeit im Krankenhaus verbracht. Chemotherapie, Strahlentherapie und zwei missglückte Operationen.“
„W-was?“, keuchte Jon ungläubig, doch Janne zuckte nur mit den Schultern.
„Ich kann mich da kaum noch dran erinnern, das meiste weiß ich aus Erzählungen.“
„Ist vielleicht besser so, oder?“, wollte Jon vorsichtig wissen.
„Hm“, machte Janne zustimmend.
„Und was ist dann mit dem Tumor passiert?“
„Na ja, am Ende hieß es, entweder sie holen ihn raus oder...na ja...kannst es dir ja denken.“
„Ja“, murmelte Jon leise. Kein Wunder, dass es ihr schwer fiel, es auszusprechen. Oder ich wäre gestorben. Ob er sowas sagen könnte? Wahrscheinlich nicht.
„Also haben sie mich wieder aufgeschnitten und die OP durchgezogen. Der Tumor saß am Kleinhirn und es kam zu Komplikationen. Sie haben den Tumor und das umliegende gefährdete Gewebe zwar rausgeholt, aber einen Schaden hinterlassen.“
„Einen...Schaden?“
„Ja, wie gesagt, irgendwas am Kleinhirn. Sie haben etwas getroffen, was für die Motorik zuständig ist. Du weißt schon, Gleichgewicht, Wahrnehmung, Hand-Augen-Koordination.“ Janne untermalte ihre Ausführung mit ein paar Gesten, während sie sich fragte, wie lange sie diese Geschichte schon nicht mehr erzählt hatte. Es musste Jahre her sein.
„Das ist der Grund, warum du so oft stolperst und so?“
„Ja. Ich kann das alles einfach nicht so selbstverständlich wie andere. Besonders, wenn ich nervös werde, ist es ziemlich schlimm.“ Janne lächelte ihn an. „Deswegen bin ich in deiner Nähe auch immer so ein Trampel.“
„Ich mach dich nervös?“
„Machst du Witze? Mit meinem Herzschlag könntest du einen Generator für die Stromversorgung von New York antreiben“, witzelte Janne.
„Also hatte ich Recht“, zog Jon sie auf.
„Natürlich.“
„Das ist...irgendwie ein verdammt gutes Gefühl.“ Jon legte die Hände in den Schoß und grinste vor sich hin. „Was war nach der OP?“, wollte er wissen.
„Ich war zehn, kam zurück nach Asker, hatte keine Freunde und alle Kinder lachten mich aus, weil ich ständig hinfiel. Die Bewegungstherapie hatte ja gerade erst angefangen.“ Janne lehnte sich ein Stück zurück und stützte sich mit dem rechten Arm ab. „Nur Kari und Tom lachten mich nicht aus. Sie machten Bewegungsspiele mit mir, die meine Motorik förderten und so. Meine Therapeutin hat sie uns beigebracht. Und nach ein paar Jahren kam ich schließlich ganz gut über die Runden. Irgendwann galt ich nur noch als...ein bisschen schusselig und lernte über mich selber zu lachen. Auch, weil ich meinen Eltern zeigen wollte, dass ich glücklich bin. Dass ich genauso stark und lebensfroh sein kann, wie sie. Dass so ein kleiner Tumor mich nicht aus der Bahn wirft.“
„Mein Gott“, murmelte Jon. „Das muss....echt hart für dich gewesen sein.“
„Nein. Ich hatte meine Eltern, Tom und Kari. Mir ging es gut. Sie haben mir Kraft gegeben. Und wie gesagt, an die Zeit der Behandlung erinnere ich mich kaum.“
„Besonders.“
„Wie bitte?“
„Das ist das Wort, das dich beschreibt. Du bist irgendwie...besonders“, erklärte Jon. „Am Anfang dachte ich, dass du im negativen Sinne besonders bist. Aber mittlerweile weiß ich, dass du etwas besonders Wundervolles bist.“
„Das ist lieb von dir“, lächelte Janne und legte ihre Stirn auf seine Schulter. Jon strich ihr über den Arm und genoss den Ausblick über den friedlichen Oslofjord. Irgendwie fühlte er sich hier zu Hause. Er wusste nicht, woran es lag. Aber die ganze Situation, das Wetter, die Ruhe, Janne, all das ließ ihn sich unheimlich geborgen fühlen.
„Wie waren deine Untersuchungen?“, fragte er schließlich und bereute die Frage keine zehn Sekunden später.
„Na ja, sie haben geröntgt. Den Arm und routinemäßig den Kopf. Dabei ist ihnen ein Schatten aufgefallen. In der Nähe des Kleinhirns“, antwortete Janne und musste sich sehr zusammenreißen, um die Fassung nicht zu verlieren. „Der Arzt sagt, Tumore kommen selten wieder, aber es kann schon vorkommen.“
„Das heißt...der Krebs ist wieder da?“, wollte Jon kraftlos wissen. Er fühlte sich, als würde in ihm etwas zerfallen. Instinktiv griff er nach Jannes Arm, als hätte er Angst, sie könnte plötzlich wegschwimmen.
„Sie wissen es noch nicht. Die Testergebnisse kommen im Laufe der Woche. Deswegen musste ich auch nicht dableiben. Wie gesagt, davon werde ich auch nicht gesund.“
Jon schwieg und kämpfte gegen den Drang an, einfach loszuheulen. Janne weinte immerhin auch nicht, da hatte er wohl kaum das Recht dazu. Außerdem stand ja noch gar nichts fest.
„Wenn...du die Treppe nicht runtergefallen wärst...“
„...hätten sie den Schatten womöglich nie bemerkt“, nickte Janne.
„Hm“, machte Jon und schwieg wieder eine ganze Weile. Dann räusperte er sich und zog seine Füße, die sich plötzlich eiskalt anfühlten, aus dem Wasser. „Darf ich dich was fragen?“
„Ja, klar“, murmelte sie.
„Dein Bruder...wie hieß er?“
Sie lächelte, hob den Blick und klopfte sich auf die Brust. „Janne“, antwortete sie. „Er hieß Janne.“

Kari spielte nervös am Zipfel der Tischdecke und schaute lustlos auf ihren halb gefüllten Teller. Anders, der seine Hemdärmel bis zum Anschlag hochgekrempelt hatte, hatte einen Arm um sie gelegt und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Von dem Schatten auf dem Röntgenbild hatte er, wie Kari, bereits Montag erfahren. Mittlerweile war Freitag – aber von einem Bruder hörte er zum ersten Mal.
„Also war es wohl kein Gag unserer Eltern“, flüsterte sie mit erstickter Stimme. Sie konnte es kaum glauben, sie hatte sogar schon vor dem Grab des Kindes gestanden und sich über die Namensverwandtschaft mit ihrer besten Freundin gewundert.
„Ich hab mit Eva darüber gesprochen“, murmelte Jon. „Sie sagte, deine Eltern hätten deinen Namen eh schon gefunden und so kam es eher unfreiwillig zustande. Du und Janne habt übrigens wirklich schon als ganz kleine Kinder zusammen gespielt. Aber sie war ja schon als Kleinkind ziemlich oft krank und konnte nicht viel unternehmen. Aber technisch gesehen kennt ihr euch seit zwanzig Jahren.“
„Ich...kann mich echt gar nicht daran erinnern“, räumte Kari ein und wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. „Warum hat sie nie von ihrem Bruder erzählt?“
„Vielleicht, weil sie in dem Moment alles außer Mitleid brauchte“, vermutete Jon. „Und verstorbene Geschwister neigen dazu, genau das bei Außenstehenden wachzurufen.“ Er verzog das Gesicht, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete Tom und Janne, die lachend zur Musik tanzten.
Da der Garten zu klein war, hatten Frau Jansen und Herr Jonsson die Feier für ihren silbernen Hochzeitstag kurzerhand an einen öffentlichen Strand verlegt. Da sowieso nur Familie und enge Freunde der Familie anwesend waren, störte das niemanden weiter und jeder Passant, der mit neugierigem Blick vorbeilief, wurde herzlichst auf ein Bier eingeladen.
Aus einer Anlage lief Musik, es gab eine provisorische Bar, ein Buffet und Jannes Mutter sah in ihrem leichten, weißen Sommerkleid fast wie eine Braut aus. Die Laune war allgemein gut, nur bei Jon, Kari und Anders mochte nicht so recht Partystimmung aufkommen. Björn lief außer Konkurrenz, keiner wusste, was wirklich in ihm vorging. Zur Zeit flirtete er jedenfalls fröhlich mit Jannes Cousine.
„Er sieht nicht halb so bedrückt aus, wie wir“, stellte Jon mit einem Blick auf Tom fest.
„Der ist auf Baldrian, der merkt nichts mehr“, erwiderte Kari mit einem leichten Lächeln. „Janne hasst es, bemitleidet zu werden. Aber sie versteht nicht, dass wir nicht nur sie bemitleiden.“ Kari schniefte und griff nach einer Stoffserviette, um sie sich vors Gesicht zu halten. Tröstend zog Anders sie in die Arme. „Ich hab Angst, meine beste Freundin zu verlieren“, schluchzte sie. „Das kann ich doch nicht so einfach verdrängen.“
„Hmm“, machte Jon unsicher. „Nein. Und jeder geht mit seiner Angst eben anders um.“
In dem Moment drehte sich Janne zu ihnen um und winkte fröhlich, doch als sie Kari entdeckte, nahm sie den Arm herunter. Sie sagte etwas zu Tom, nahm seine Hand und zog ihn mit sich zum Tisch. Dort ließ sie Toms Hand los und hockte sich zwischen Jons und Karis Stühle. Vorsichtig legte sie eine Hand auf das Bein ihrer besten Freundin und lächelte aufmunternd.
„Na?“, sagte sie leise und griff nach Karis Hand. „So gerührt?“
„Ich will nicht, dass du stirbst“, schluchzte Kari. Janne lehnte ihren Kopf gegen Karis Arm und tippte sich an den Schädel.
„Hier, schieb mal die Haare ein bisschen zur Seite. Genau da.“
Da Kari sich nicht rührte, befolgte Jon die Anweisung und legte eine kleine Narbe frei. Kari schaute mit zweifelndem Blick darauf.
„Das ist meine Kriegserklärung an den Tod. Ich habe es einmal geschafft, da werde ich mich jetzt nicht einfach vom Sensenmann einsammeln lassen. Mein Körper reagiert gut auf die Medikamente und die Strahlentherapie, Kari. Die Chance, dass ich sterben würde, wäre minimal.“ Sie stand auf und streckte sich. „Außerdem wissen wir nicht, was dieser Schatten denn nun ist.“
„Wieso dauert das eigentlich so lange?“, wollte Anders wissen. Janne zuckte mit den Schultern.
„Das ist entweder ein gutes oder ein schlechtes Zeichen. Die Chancen stehen fünfzig sechzig.“
Jon wandte grinsend sein Gesicht zur Sonne und schloss die Augen.
„Dein Optimismus ist unerschütterlich, oder?“
Janne legte von hinten ihre Hände auf seine Schultern und beugte sich so weit vor, dass sie ihn anschauen konnte.
„Weißt du, ein sehr weiser Mensch hat mal gesagt, dass ich nicht stehe bleiben soll, dass es immer noch besser kommen kann. Und im Moment kann es doch eigentlich nur besser kommen, oder?“ Sie schnitt eine Grimasse. „Außerdem lohnt es sich, nicht aufzugeben.“
„Ach ja?“
„Ja. Oder würdest du sonst hier sitzen?“ Janne zwinkerte Tom und Kari zu, dann verabschiedete sie sich gut gelaunt zur Bar, um sich eine Cola zu holen.
„Sie würde es niemals zugeben, oder?“, fragte Jon nachdenklich.
„Niemals“, bestätigte Tom und schubste ihn von seinem Stuhl. „Ich will jetzt sitzen, geh weg.“
„Hey!“, rief Jon empört. „Und was soll ich machen?“
„Aufhören rumzudrucksen und Zeit zu schinden“, antwortete Tom und verschränkte die Arme hinterm Kopf. „Versteh das jetzt nicht falsch, aber ihr habt nicht ewig Zeit.“
„Autsch“, machte Anders und schaute Jon hinterher, der zögerlich auf Janne zuging. „Meint ihr, er kriegt das hin?“
„Was hat er denn zu verlieren?“, grinste Tom. Kari und Anders warfen sich schweigend einen Blick zu. Das war ja wohl offensichtlich.

„Cola?“, bot Janne Jon an und holte gleich noch eine zweite Flasche. Er nahm das Getränk dankend entgegen und musste grinsen, als Janne versuchte, ihre Flasche mit der anderen, der eingegipsten Hand, zu greifen.
„Na?“, zog er sie auf.
„Mist“, knurrte sie und benutzte dann doch die rechte. „Hey, wollen wir schwimmen gehen?“
„Merkst du noch was? Dein Arm ist eingegipst, du würdest untergehen wie ein Stein“, entgegnete Jon und zog sie von der Bar weg, als eine Gruppe Onkels diese in Beschlag nahmen.
„Schade. Dabei wollte ich das immer mal machen, bevor ich sterbe.“
„Bäh, war das nicht in diesem komischen Film?“, hakte Jon nach. „Wo das Mädchen Krebs hatte und noch unbedingt irgendwas machen wollte, bevor sie stirbt.“
Janne nickte und lächelte dann warm. „Danke.“
„Was? Wofür?“
„Du hast nicht gesagt ‚wo das Mädchen auch Krebs hatte’.“
„Wieso sollte ich das sagen? Bei dir steht noch nichts fest. Außerdem würde ich mich dann schlecht fühlen.“
„Wieso das denn?“
„Na komm, man ärgert doch keine kranken Mädchen“, witzelte Jon und stieß sie leicht an. Als Janne taumelte, griff er schnell nach ihrem Arm, woraufhin sich ihre Cola über sein Hemd ergoss.
„Das warst jetzt aber du“, murmelte sie, dann lachte sie laut los. Jon zuckte mit den Schultern.
„Ja. Tut mir leid um deine Cola“, entschuldigte er sich und umarmte sie fest.
„Du...Schwein“, knurrte sie, als sie merkte, wie sich die Flüssigkeit in den Stoff ihres Kleides saugte.
„Oh ja, das bin ich“, lachte Jon und ließ sie los. „Hey, kann ich vielleicht wieder dieses grüne Shirt von deinem Vater haben? Das mochte ich.“
„Stand dir auch super.“ Janne zeigte ihm einen Vogel, zog ihn dann aber mit sich in Richtung Haus. Sie holte das T-Shirt aus dem Kleiderschrank ihres Vaters und drückte es Jon in die Hand.
„Ich zieh mich eben in meinem alten Zimmer um“, sagte sie dann und stand kurz darauf in ihrem Kinderzimmer. In ihrem alten Schrank fand sie ein Sommerkleid und war froh darüber, dass sie nicht nur ihre Skiklamotten hier aufbewahrte.
Sie befreite sich aus ihrem nassen Kleidungsstück und stieg in das andere.
„Oho“, machte sie, als sie merkte, dass sie den Reißverschluss nicht zubekam. Das war jetzt unangenehm.
„Fertig?“, rief Jon von draußen und kam ohne zu fragen ins Zimmer. Janne starrte ihn entsetzt an.
„Hey! Ich hätte...“
„...nackt sein können, ja, ich weiß, darauf hab ich spekuliert.“ Er streckte ihr die Zunge raus und zeigte auf ihr Kleid. „Probleme?“
„Wonach sieht es denn aus?“, zischte sie. Jon grinste provokant.
„Für mich sieht es danach aus, als hättest du dir die Torte verkneifen sollen.“
„Oh, du!“ Janne schlug wütend nach ihm, doch ein lautes „Ritsch“ hielt sie davon ab, ein zweites Mal zuzuschlagen. Mit tellergroßen Augen richtete sie sich auf und tastete die Rückseite des Kleides ab. „Och nö“, wimmerte sie, als das Loch entdeckte. Jon lehnte bereits vor Lachen an der Wand und musste sich die Tränen aus den Augen wischen.
„Große Klasse“, grölte er und kam auf sie zu. „Lass mal sehen.“
„Niemals!“, rief Janne empört, machte ein paar Schritte rückwärts und stolperte zielsicher auf ihr Bett. Wenigstens sieht man so das Loch nicht, dachte sie augenrollend. Sie kannte diesen Raum in und auswendig, wenn Jon sie nicht schon wieder so nervös machen würde, wäre ihr sowas nie passiert.
Jon warf sich neben sie aufs Bett und legte sich auf die Seite.
„Sag mal, Kunstfehler, warum ist es unmöglich, mit dir keinen Spaß zu haben?“
„Weil ich die absolute Lachnummer vorm Herrn bin?“, schlug Janne vor und versteckte das Gesicht hinter ihrer rechten Hand. Jon sah lächelnd auf sie hinunter.
„Wahrscheinlich“, murmelte er und zog ihre Hand weg. „Aber wenn du dich besser fühlst, ich bin dein größter Fan.“
„Verklapsen kann ich mich alleine“, schmollte Janne und wagte nicht, sich zu bewegen. Obwohl sie im Moment sehr in Versuchung war, Jon so zum Lachen zu bringen, dass er einen qualvollen Erstickungstod erleiden würde.
„Nein, das meine ich ernst.“ Jon legte sich wie sie auf den Rücken und legte seine Hände auf den Bauch. Nach einer Weile drehte er den Kopf, um sie anzusehen. „Klang das jetzt sehr doof?“
„Ein bisschen.“
„Entschuldige. Ich hab einfach keine Ahnung, wie man sowas richtig sagt“, meinte Jon schulterzuckend. Janne schaute ihn fragend an.
„Wie man was richtig sagt?“
„Na, du weißt schon. Dass man jemanden toll findet und gerne mit ihm zusammen wäre. Und das möglichst unter Vermeidung des bösen v-Wortes um nichts zu überstürzen.“ Jon sah sie verschwörerisch an. „Und das schlimmste ist die Situation, wenn man die Person gerne küssen würde, aber Angst hat, dass man dann tierisch eine verpasst bekommt, weil man sich gerade noch über ihr gerissenes Kleid lustig gemacht hat.“
„Soso, und du weißt nicht, wie man sowas sagt, ja?“, hakte Janne nach und musste sich ein Grinsen verkneifen.
„Richtig. Keine Ahnung.“ Jon verschränkte nachdenklich die Finger. „Man will ja auch nichts Falsches sagen. Weißt du, so Floskeln wie: Ich würde mein Leben für dich geben. Passt einfach nicht immer.“
Janne musste prusten und schlug sich die rechte Hand vor die Stirn.
„Du bist echt irgendwie...speziell“, gluckste sie. Jon lächelte und löste seine Hände, um seine Finger mit ihren zu verschränken.
„Hast du keine Angst?“, wollte er wissen.
„Doch. Aber wenn ich die Wahl habe, zwischen Angst haben und glücklich sein, so lange es geht. Was denkst du, was ich nehmen würde?“
„Hm“, machte Jon. „Wäre es unangebracht zu sagen, dass ich mit dir so lange glücklich sein möchte, wie es geht?“
„Nein“, lächelte Janne gerührt. „Nein, absolut nicht.“
Sie schwiegen eine Weile, dann beugte Jon sich über sie und küsste sie vorsichtig. Janne wollte den freien Arm um ihn legen, vergaß aber den Gips und haute ihn Jon so um die Ohren, dass er krachend zu Boden fiel.
„Siehst du, genau davor hatte ich Angst“, lachte er, als er sich aufsetzte.
„Oh Gott, entschuldige“, jammerte Janne und beugte sich zu ihm hinunter. „Alles okay? Das tut mir leid, das wollte ich nicht.“
„Ich weiß“, grinste er. „Hab dich nervös gemacht, eh?“
„Kann man wohl sagen.“
„Na ja, wo ich eh schon hier unten bin.“ Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie erneut. Als sie sich voneinander lösten, strich er ihr liebevoll über den Kopf. „Hast du auch so eine Liste?“, wollte er wissen. „Wie das Mädchen im Film?“
„Nein“, antwortete Janne. „Bis eben wusste ich noch gar nicht genau, was ich will.“
„Und jetzt?“, fragte Jon neugierig und küsste sie auf die Stirn. Janne lächelte.
„Jetzt will ich einfach nur wissen, dass du bei mir bist und dass du mich liebst. Das reicht. Mehr brauch ich nicht, um glücklich zu sein.“ Sie sah ihn an und runzelte verwirrt die Stirn. „Wo guckst du hin?“
„Das ist ja echt ein riesiges Loch“, stellte Jon fest. Lachend hielt er Jannes Arme fest, als sie anfing zu strampeln und sich wieder auf den Rücken legen wollte. Ihr Gesicht lief knallrot an, doch sie konnte sich nicht aus seinem Griff befreien. Immer noch lachend zog er sie hoch und umarmte sie fest.
„Mistkerl“, knurrte sie an seiner Schulter.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist, glücklich zu sein“, sagte Jon und drückte sie an sich. „Ist ein schönes Gefühl.“
„Man darf sich das Leben eben nicht zu kompliziert machen“, erwiderte Janne und versuchte mit einer Hand, das Loch an ihrem Rücken abzudecken, woraufhin Jon nur wieder loslachen musste.
„Soll ich dir vielleicht ein T-Shirt holen?“, schlug er vor.
„Ja, bitte.“
„Dann sag das doch.“ Er verschwand kurz ins Schlafzimmer ihrer Eltern und kam kurz darauf mit einem Shirt wieder, auf dem ‚I’m with a Viking’ stand. „Jetzt passen wir noch besser zusammen.“
„Woher haben meine Eltern nur diese Shirts?“, wunderte Janne sich und zog das Kleidungsstück an. Jon grinste immer noch zufrieden.
„Ob es das auch in Tahitiblau gibt?“
Janne lachte und schüttelte den Kopf.
„Weiß ich nicht“, brachte sie hervor und schlang ihren gesunden Arm um Jon. Dieser erwiderte die Umarmung und legte eine Hand auf ihren Kopf.
„Sag mal...wenn du wieder in die Chemo musst, verlierst du dann deine Haare?“
„Wahrscheinlich“, antwortete Janne verwirrt. „Schlimm?“
„Nee. Dann stecken wir dich einfach in eine Lederkluft und nennen dich Chopper.“ Er küsste Janne grinsend. „Und dann kriegst du ein motorbetriebenes Dreirad.“
„Du bist echt“, lachte Janne, beendete aber den Satz nicht. Sie wollte sein Ego nicht noch steigern.
„Versprichst du mir etwas?“, bat Jon. „Wenn du wirklich Krebs hast möchte ich so viel wie möglich bei dir sein. Du schickst mich nicht weg, klar? Es ist mir egal, wie du aussiehst oder was auch immer. Ich will einfach nur an deiner Seite sein. Okay?“
„Okay“, versprach Janne ohne zu zögern. „Wenn dir die Armada von Ärzten, die Heerscharen an Schwestern und eine unter Drogen stehende Freundin nichts ausmachen.“
„Absolut nichts“, versicherte Jon. „Außerdem haben die in Krankenhäusern immer die neues Mickey-Maus-Hefte, ich komm da schon über die Runden.“
„Na, jetzt wollen wir mal nichts verschreien“, murmelte Janne. „Lass uns einfach hoffen, dass es...nichts ist. Gar nichts.“
„Richtig. Immerhin ist hier eine Party im Gange“, erinnerte Jon sie und streckte ihr die Hand hin. „Wollen wir?“
„Wir wollen.“
Als sie am unteren Treppenansatz ankamen, kamen Kari, Tom, Anders und Björn durch die Terrassentür ins Haus gestürmt und fingen die beiden ab.
„Guckt mal, was wir haben!“ Björn wedelte begeistert mit einer Polaroid-Kamera. „Die hat einen Selbstauslöser. Wir machen Fotos, eines für jeden, okay?“
„Öh...klar“, murmelte Jon und ließ Jannes Hand los. Tom stieß ihn grinsend an.
„Das wurde ja auch Zeit.“
„Na klar, als hättet ihr es kommen sehen“, knurrte Jon.
Tom lachte auf. „Wir? Ach, woher denn!“
„Nicht rumschwatzen, aufstellen!“, wies Björn an und scheuchte alle in den Garten.
„Am besten wir stellen die Kamera auf den Tisch“, schlug Anders vor.
„Gute Idee“, pflichtete Kari ihm bei und legte einen Arm um ihn, als Björn die Kamera positionierte und einstellte.
„Fertig?“, rief er und stellte sich hinter Anders und Kari auf.
„Björn, nimm deine Finger von meinem Hintern!“, fuhr Anders ihn an.
„Sorry, ich dachte es wäre Karis.“
„Pass bloß auf, du...“
„Lächeln!“, brüllte Tom dazwischen, alle grinsten in den Blitz und erst dann schlug Anders Björn unsanft auf den Arm.
„Lass meine Freundin in Ruhe!“, motzte Anders, während Björn den Selbstauslöser ein weiteres Mal einstellte.
„Ist sie dein Eigentum? Hat sie dein Siegel auf dem Hintern?“, wollte Björn wissen.
„Würdest du endlich ihren Hintern...“
„Lächeln!“
„...aus dem Spiel lassen?“
Björn aktivierte den Selbstauslöser noch mal und stellte sich wieder hinter Anders und Kari.
„Du verstehst keinen Spaß, Alter“, grinste er und legte für das Foto einen Arm um Anders. Als die Zeit ein weiteres Mal tickte, verschränkte Anders die Arme vor der Brust.
„Nein, nicht, wenn es um Karis Hintern geht!“
„Gott, Jungs!“, stöhnte Kari auf. „Lasst...“
„Lächeln!“
„...gut sein.“
„Aber wenn es mich doch nervt!“, argumentierte Anders, während Björn wieder an der Kamera tüftelte.
„Was mich mal interessieren würde“, warf Tom ein. „Wieso tragen Jon und Janne plötzlich andere Klamotten?“
Anders, Kari und Björn starrten die beiden entgeistert an.
„Lächeln!“, rief Janne und ein letztes Mal ging Björn zum Tisch, um den Selbstauslöser zu bemühen.
„Ja, wirklich, wieso?“, wollte Björn mit anzüglichem Grinsen wissen.
„Ach“, setzte Jon zur Erklärung an. „Jannes Kleid hat ein Loch am...“
„Lächeln!“
„Sind wir durch?“, wollte Janne wissen und warf Jon einen bösen Blick zu. Dieser hob mit Unschuldsmiene fragend die Schultern.
„Jup“, antwortete Björn und verteilte die Fotos.
„Sind schön geworden“, befand Kari.
„Logisch, bei dem Hauptmotiv“, erwiderte Björn und strich sich eingebildet durchs Haar. Die anderen lachten auf und steckten ihre Fotos ein. Die Sonne stand immer noch hoch am Himmel und vom Strand her war das Gemurmel der Partygäste zu hören.
Dennoch war das Klingeln des Telefons deutlich zu hören.
„Ich geh kurz“, verkündetet Janne und war schon im Haus verschwunden. Jon sah auf die Uhr.
„Gleich Büroschluss“, murmelte er und schluckte. Er ahnte, wer da am Telefon war. Angespannt folgte er Janne und stellte sich hinter sie, als sie den Hörer abnahm.
„Jansen-Jonsson?“, meldete sie sich.
„Spreche ich mit Janne?“, wollte eine nette Frauenstimme wissen. „Ich rufe im Auftrag des Ullevål Krankenhauses an.“
„Ja, das bin ich“, antwortete Janne und sah Jon an. „Es ist das Krankenhaus“, flüsterte sie. Er legte beide Arme um Janne und küsste sie auf die Wange.
„Ich bin bei dir“, sagte er leise. „Keine Sorge, mein Schatz. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch“, erwiderte Janne lächelnd und sprach wieder in den Hörer. „Verzeihung. Was gibt es denn?“
„Nun, Fräulein Jansen“, sagte die Stimme ernst. „Es geht um Ihre Testergebnisse. Sie sind endlich da.“

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„Gott, irgendwie wird das von Jahr zu Jahr schlimmer mit der Hitze“, stöhnte Tom und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Jetzt stell dich nicht so an“, motzte Kari und reichte ihm eine Flasche Wasser. „Jammern kannst du woanders, klar?“
„Hmpf“, machte Tom und strich über den vertrockneten Rasen auf dem er saß. Es war jedes Mal ein seltsames Gefühl, hier zu sein.
Der Sommer war mindestens genauso heiß wie der im letzte Jahr und die Sonne brannte unerbittlich auf ihre Köpfe, während sie auf dem Rasen hockten und ziemlich erschlagen in der Gegend umherblickten.
„Wie schnell so ein Jahr vergeht“, murmelte Anders und zupfte gedankenverloren an etwas herum. Kari warf ihm einen halb wütenden, halb amüsierten Blick zu.
„Schatz, würdest du die Blume leben lassen?“
„Jaaaa“, antwortete Anders langgezogen und legte die Hände artig in den Schoß. Kari gab ihm einen Kuss auf die Wange und sah sich um.
„Sagt mal, wo steckt Björn eigentlich?“
„Der hat die Klingel vom Eiswagen gehört und weg war er“, lachte Jon.
„Wie typisch!“ Kari schüttelte den Kopf und schaute auf den Zettel in Jons Hand. „Was ist das?“
„Ein Text, von einem Lied. Den geb ich nachher Janne, sie hat ihn irgendwie nie gefunden.“
„Ach so. Kenn ich das?“
„Weiß nicht“, Jon reichte ihr schulterzuckend den Zettel und Kari las sich den Text durch:

I wish I had what I need
To be on my own
'Cause I feel so defeated
And I'm feeling alone

And it all seems so helpless
And I have no plans
I'm a plane in the sunset
With nowhere to land

And all I see
It could never make me happy
And all my sand castles
Spend their time collapsing

Let me know that You hear me
Let me know Your touch
Let me know that You love me
Let that be enough

It's my birthday tomorrow
No one here could now
I was born this Thursday
22 years ago

And I feel stuck
Watching history repeating
Yeah, who am I?
Just a kid who knows he's needy

Let me know that You hear me
Let me know Your touch
Let me know that You love me
And let that be enough

„Schöner Text“, befand Kari und gab Jon das Papier zurück. Er nickte lächelnd.
„Einer ihrer Lieblinge.“
„Also, ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich komm mir vor wie ein halbes Hähnchen am Spieß“, jammerte Tom immer noch und rutschte unruhig auf dem Rasen herum.
„Ach komm, du weißt, dass das ein besonderer Tag ist“, wies Anders ihn zurecht. „Außerdem ist der Sommer bald vorbei, immerhin ist es schon Mitte September.“
„Schon ungewöhnlich genug, dass es jetzt noch so warm ist“, murrte Tom und fächerte sich Luft zu.
„War doch letztes Jahr genauso. Wir kamen von hier doch alle mit einem Sonnenbrand nach Hause.“
„Och, ich erinnere mich“, stöhnte Jon. „Meine Haut hat sich drei Wochen lang gepellt.“
„Urgh“, machte Tom und trank das Wasser aus. Er blickte sich verstohlen um und zeigte auf einen Baum ganz in der Nähe. „Sowas geht auch?“
„Klar, wenn er klein genug ist.“
„Gefällt mir.“
„Tom, das ist eine Trauerweide“, klärte Kari ihn auf.
„Autsch“, murrte Tom und zeigte auf Björn, der gut gelaunt den Weg entlanggelaufen kam. „Seht mal.“
„Ich hab Eis gekauft!“, rief Björn ihnen entgegen. Er gab jedem eins und hielt am Ende noch zwei in den Händen.
„Für wen ist denn das?“, wollte Anders wissen und leckte genüsslich an seinem Eis. Das war genau das Richtige für dieses Wetter.
„Für Janne natürlich.“ Björn lächelte und schaute dann auf dir Uhr. „Apropos, Familie Jansen-Jonsson wartet. Wir sind doch zum Essen eingeladen.“
„Ja, richtig.“ Kari stand auf, streckte sich und klopfte sich das trockene Gras von der Hose. „Also, Jungs, los geht’s.“
„Jup.“ Anders, Tom und Jon erhoben sich und, während Kari, Anders und Tom schon mal vorgingen, blieben Björn und Jon noch kurz stehen. Björn machte eine Kopfbewegung um auf den Zettel in Jons Hand zu weisen.
„Für Janne?“
„Ja“, nickte Jon und Björn drückte ihm das Eis in die Hand.
„Dann kannst du ihr das ja auch geben. Bei mir wird sie nur sauer, weil ich rosa Eis gekauft hab“, lachte er und folgte den anderen. Jon nickte lächelnd und ging in die Knie.
„Also dann, Schatz. Bis zum nächsten Mal“, sagte er leise, legte den Zettel ins Gras und beschwerte ihn mit dem Eis. „Ich liebe dich.“
Er richtete sich auf und schaute noch einmal auf den Stein vor sich.
Janne Jansen-Jonsson
1987-2007

Obwohl wir dir die Ruhe gönnen,
ist voller Trauer unser Herz.
Dich leiden sehen und nicht helfen können,
war für uns der größte Schmerz.

Dieser Stein ist die Grenze des Lebens
Nicht der Liebe



Ende
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