Skispringen und andere Probleme


Ideen:

Personen:

Axu (19)
Veli (19)
Hanna (du) (17)
Tarja (ich) (16)

Jussi (24)
Matti (22)
Janne H. (19)
Tommy Schwall (20)
Björn (22)
Trainer Tommi (ß für’s Protokoll: Ich hab nie was anderes behauptet) Nikunen (27)


Verbindungen verwandtschaftlicher Art:


Hanna und Axu = Geschwister
Jussi und Matti = Geschwister


Handlung:


Hannas und Axus Eltern sind geschieden, die Mutter ist vor zehn Jahren mit Hanna in die USA gegangen und Hanna hat ihren Vater und ihren Bruder seitdem nicht mehr gesehen. Als die Mutter stirbt, muss sie zurück nach Lahti und alle ihre Freunde, allen voran ihren besten Freund Tommy, zurücklassen.
Im Flugzeug lernt sie Tarja kennen, die mit ihren Eltern von Norwegen nach Lahti zieht und es ebenso schwer hat wie Hanna selbst, zumal sie auch noch einen Freund in Norwegen hat.
Sie sind sich sicher, dass Finnland die Hölle wird.
Doch es gibt etwas, was Tommy, Björn, Axu und seine Freunde verbindet und Hanna und Tarja merken schnell:
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt...









° Hanna°




Das Land erstreckte sich trostlos unter uns, als das Flugzeug aus den Wolken abtauchte und zur Landung ansetzte.
Lahti.
Wir waren also angekommen.
Ich sah hinüber zu Tarja, die auch nicht sehr begeistert aussah. Ich hatte sie erst vor ein paar Stunden kennen gelernt. Sie war auch auf dem Weg nach Lahti, auf dem Weg in ein neues Leben. Ihre Eltern zogen von Oslo nach Lahti, weil ihr Vater versetzt worden war. Sie hatte ihren Freund Björn zurücklassen müssen und war fast noch mieser drauf als ich.
Ich ging nach Lahti, weil mein Vater und mein Bruder dort lebten. Ich sollte bei ihnen wohnen, nachdem meine Mutter gestorben war. Auch ich musste mein ganzes Leben aufgeben und mich damit abfinden, hier in Finnland zu wohnen.
Wenigstens hatte ich Tarja.
Außerdem war ich gespannt auf Axu, meinen großen Bruder, und auf meinen Vater. Ich hatte sie schließlich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.
Das Flugzeug setzte hart auf und rollte eine ganze Weile, bis es endlich zum Stillstand kam. Tarja und ich bleiben sitzen, bis die meisten Passagiere ausgestiegen waren.
„Da wären wir also“, murmelte sie kein bisschen erfreut.
„Ja, da wären wir“, sagte ich.


Die Halle war voller Menschen. Sie wuselten hin und her, begrüßten einander oder verabschiedeten sich. Ich winkte Tarja, die mit ihren Eltern jetzt zu ihrem neuen Haus fahren würde. Wir hatten Adressen ausgetauscht und wollten uns gleich morgen treffen.
Ich sah mich unsicher um. Wie sollte ich meinen Vater erkennen? Sah er immer noch aus wie früher? Und Axu. Wie sah er jetzt aus?
Gedankenverloren schlenderte ich los und beschloss, erstmal mein Gepäck zu suchen. Doch ich fand mich so gut wie gar nicht zurecht. Ich musste mich erst wieder an die Sprache gewöhnen und daran, dass die Leute hier zurückhaltender waren als in Amerika.
Plötzlich stieß ich gegen jemanden und fiel auf den Boden. Total entnervt blieb ich dort sitzen. Ich hatte genug von diesem Land, ich wollte nur noch heulen. Ich sah auf und vor mir standen zwei Jungs in meinem Alter, vielleicht zwei Jahre älter. Der Kleinere war etwa so groß wie ich und hielt mir entschuldigend lächelnd die Hand hin.
„Tut mir leid. Geht’s dir gut?“
„Ja, geht schon.“ Ich nahm seine Hand und er zog mich hoch. Der andere Typ musterte mich ohne eine Regung im Gesicht zu zeigen. Er war mir irgendwie unheimlich.
„Lass dich nicht von ihm erschrecken“, sagte der Kleine. „Vellu ist etwas still.“
„Das sind Finnen doch fast immer“, antwortete ich. Er lächelte und plötzlich kam er mir irgendwie bekannt vor. Dieses Lächeln hatte ich schon mal gesehen, aber ich konnte es nicht einordnen.
„Bist du nicht aus Finnland“, fragte er. „Du sprichst doch die Sprache perfekt.“
„Doch, ursprünglich bin ich von hier. War nur eine Weile weg.“
„Nicht zufällig ungefähr zehn Jahre, oder?“, warf dieser Vellu-Typ ein.
„Doch“, meinte ich. Der Kleine riss die Augen auf.
„Hanna?“
Da ging mir ein Licht auf.
„Axu?“
Wir standen uns unsicher gegenüber und wussten nicht, was wir tun sollten.
„Könntet ihr euch bitte umarmen, ich hab heute noch was vor“, bat Vellu todernst. Axu machte einen Schritt auf mich zu und ich schlang meine Arme um ihn. Tränen liefen mir über die Wange.
„Nicht weinen“, sagte er. „Das wird schon wieder.“
„Mom hat dich so vermisst“, schluchzte ich. „Sie wär so froh, wenn sie dich jetzt sehen könnte.“
„Ich weiß“, flüsterte Axu. Vellu stand etwas betreten neben uns. Irgendwann streckte er die Hand aus und strich mir zaghaft über den Hinterkopf. Ich lächelte ihn unter Tränen an, doch er zeigte keine Reaktion.
„Ich kann nicht glauben , dass du hier bist“, meinte Axu und schob mich etwas von sich weg.
„Geht mir genauso.“ Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht und wuschelte ihm durch die Haare. Axu legte einen Arm um mich.
„Komm, wir holen dein Gepäck und fahren nach Hause. Simon arbeitet noch.“
Ich nickte. Axu nannte Dad also immer noch beim Vornamen, wie damals. Aber sonst war nichts wie früher, besonders weil Mom nicht mehr da war. Ich schätze, ich konnte froh sein, dass ich noch Axu und meinen Dad hatte. Ich musste wohl akzeptieren, dass alles anders war. Besonders Vellu. Der war wirklich anders...


Das Zimmer, das ich von nun an bewohnen sollte war der absolute Hammer. Es war wunderschön eingerichtet und groß. Vom Fenster aus konnte man auf die Straße gucken und ich hatte sogar ein eigenes Bad. Ich packte in Windeseile aus. Auf dem Tischchen neben dem Bett stand ein Bild von Mom, das ich mit Bildern von Axu als Kind, meinem Dad und meinem besten Freund Tommy ergänzte. An der W and hing ein Kalender. Es war heute genau zwei Monate her, dass Mom gestorben war. Es stand schon länger fest, dass sie ihre Krankheit wahrscheinlich nicht überstehen würde. Aber als es dann passierte überraschte es doch jeden. Wenn Tommy nicht gewesen wäre, hätte ich ganz sicher irgendeine Dummheit angestellt. Ich schuldete ihm so viel. Und dann verließ ich einfach das Land.
„Kommst du klar?“ Axu stand in der Tür und sein Blick blieb auf den Fotos hängen.
„Ja. Wo ist Vellu?“
„Unten. Wer ist das?“
„Wer?“
„Der Junge da. Der Blonde. Ist das dein Freund?“
„Nein“, antwortete ich. „Das ist Tommy. Er ist so eine Art Bruder.“ Axu schaute mich etwas verwirrt an. „Du weißt, was ich meine.“
„Ach so. Ich nehm an, du hast keine Lust, heute abend ein paar Freunde von mir kennen zu lernen? Wir wollen hier ein paar Videos schauen. Simon ist…weg.“
„Weg?“
Axu zögerte.
„Er ist bei Sara. Das ist seine Freundin.“
„Oh.“ Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Mom und Dad waren seit zehn Jahren geschieden, da war es klar, dass Dad eine neue Freundin hatte. Mom hatte ja auch einige Männer gehabt. Und trotzdem war es ein komisches Gefühl.
„Also?“, griff Axu das Thema wieder auf.
„Warum eigentlich nicht. Ich hoffe nur, die sind nicht alle so hyperaktiv und gesprächig wie Vellu.“
„Nee“, grinste Axu. „Keine Sorge. Du wirst dir noch wünschen, sie wären so wie er.“



„Und...wie alt bist du?“
„19.“
„Hast du Geschwister?“
„Nein.“
„Hobbies?“
„Ja.“
„Und was?“
„Alles mögliche.“
Ich stöhnte auf. Das war ja furchtbar. Vellu und ich saßen in der Küche während Axu die bestellte Pizza an der Haustür bezahlte und ich versuchte irgendwie ein Gespräch auf die Beine zu stellen. Doch es war unmöglich.
„Ist das eine Krankheit?“
„Was?“
„Dass du nicht in ganzen Sätzen antworten kannst.“
Vellu zog eine Augenbraue hoch.
„Nein.“
„Was ist es dann?“
„Keine Ahnung.“
„Wie ich sehe, unterhaltet ihr euch angeregt“, meinte Axu, der gerade wieder ins Zimmer kam.
„Na ja, ich komm mir vor, als würde ich mich mit einem Automaten unterhalten.“ Genervt öffnete ich die Schachtel, die mein Bruder vor mir abgestellt hatte und fing an, meine Pizza zu zerschneiden.
„Typisch Ami“, knurrte Vellu. Ich funkelte ihn an.
„Schnell, Axu, mach drei Kreuze, er hat unaufgefordert etwas von sich gegeben.“
„Ganz ruhig“, versuchte Axu zu schlichten. „Ich will keine Toten hier drin.“
„Das würde man bei ihm sowieso nicht merken.“
„Axu, stell dieses Plappermaul ab, das hält man ja im Kopf nicht aus“, motzte Vellu.
„Hey“, machte Axu warnend. „Jetzt reißt euch bitte zusammen.“
Vellu und ich bissen gleichzeitig in ein Stück Pizza und warfen uns über den Tisch hinweg böse Blicke zu. Ich konnte diesen Typen nicht leiden, nicht nur, dass er total unhöflich war, er war auch noch ein absoluter Mistkerl. Ich hoffte nur, dass seine anderen Freunde nicht so waren.
Während ich mich noch schwarz über den Blödmann ärgerte, klopfte es plötzlich an der Hintertür, die in der Küche war. Axu öffnete und ein nett aussehender Junge kam rein. Sie gaben sich die Hand, dann zeigte Axu auf mich.
„Hanna, das ist Janne. Janne, meine kleine Schwester Hanna.“
„Hi, wie geht’s dir?“, fragte Janne lächelnd. „Wie war dein Flug? Du kommst aus Colorado, oder? Ist schön da. Warst du schonmal in Aspen?“
Ich musste lachen. Okay, der war anders.
„Mir geht’s eigentlich ganz gut, der Flug war verdammt lang, jep, ich komm aus Colorado, stimmt, ja, war ich und ich freue mich jemanden kennen zu lernen, der mal die Zähne auseinander kriegt.“
„Ach, das kommt mit der Zeit. Warte ein bisschen und dann wir sogar Vellu dir ganze Romane vorschwafeln. Besser gesagt, warte bis er ein paar Gläser Schnaps intus hat.“
„Halt die Klappe, Janne.“
Janne grinste nur und setzte sich neben mich. Ich schaute zweifelnd zu Vellu und unterdrückte einen Seufzer. Früher oder später...
Im nächsten Moment klingelte das Telefon. Axu stand auf, ging ins Wohnzimmer und holte den schnurlosen Apparat.
„Hallo?“
Er legte die Stirn in Falten und schien dem anderen angestrengt zuzuhören. Schließlich murmelte er ein undeutliches:
„Hm“, und hielt mir den Hörer hin. „Der Typ spricht Englisch, muss für dich sein.“
Ich nahm ihm das Telefon ab.
„Hallo?“
„Han? Hier ist Tommy.“
„Tommy?“, rief ich ungläubig und überglücklich. „Woher hast du diese Nummer?“
„Hey, du glaubst gar nicht, was die Auskunft heutzutage kann“, antwortete er und ich konnte förmlich hören, wie er lächelte.
„Weißt du eigentlich, wie teuer das ist?“
„Ähm, so ungefähr. Aber für mein Baby ist mir nichts zu teuer.“
„Du bist so ein Schleimer“, lachte ich.
„Ich wollte nur mal hören, wie es so ist.“
„Eigentlich ganz okay. Aber total anders. Die meisten sind hier so...ruhig.“ Vellu sah mich kurz an und rümpfte die Nase. Ich hatte nicht übel Lust, sie ihm zu brechen, doch ich riss mich zusammen.
„Und wie ist dein Bruder so?“
„Großartig, wirklich. Er hilft mir sehr.“ Axu grinste breit. „Aber ich vermiss dich.“
„Ich dich auch, Baby. Aber ich komm so schnell ich kann. Bald ist ja ein Springen in Lahti, da sehen wir uns.“
„Ich kann’s nicht erwarten“, meinte ich. Ich war noch nie so froh, dass Tommy besessener Skispringer war.
„Ich auch nicht. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Wenn was ist, ruf einfach an oder so. Ich hol dich sofort zurück, du musst es nur sagen, Baby.“
„Danke, Tee. Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch. Bye, Baby.“
„Bye.” Ich legte auf und strahlte vor mich hin. Vellu schaute mich abschätzend an, aber es war mir egal.
„Tommy, huh?“, fragte Axu. Ich nickte nur.
„Wer ist denn Tommy?“, wollte Janne wissen.
„Mein bester Freund.“
„Der ruft aus Amerika an?“ Er sah mich ungläubig an.
„Und wenn schon“, brummte Vellu. „Wenn er meint, dass sie es wert ist.“
„Man, du bist echt das letzte“, fuhr ich ihn an und stürmte aus der Küche. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so unmöglich sein? Ich lief in mein Zimmer und setzte mich in die Fensterbank. Warum ließ ich mich von dem eigentlich so stressen? Ich kannte ihn doch nicht mal. Konnte mir doch egal sein, was der von sich gab. Ich riss das Fenster auf und atmete tief ein. Als ob meine Nerven nicht schon genug blank lagen.
„Hallo!“
Erschrocken sah ich auf. Hörte ich jetzt schon Stimmen, oder was?
„Hier unten!“
Ich schaute runter auf die Straße. Tatsächlich, da stand jemand. Ein Junge, musste etwas älter als Axu sein und grinste zu mir hoch.
„Hanna, hab ich recht? Ich bin Jussi. Machst du mir mal die Tür auf?“
„Äh...sicher.“ Ich stand auf und rannte zur Haustür. Okay, ich war dabei einem wildfremden Kerl in einem wildfremden Haus in einem mehr oder weniger wildfremden Land die Tür zu öffnen, aber, hey, er kannte meinen Namen. Das war doch Grund genug, oder?
Ich riss die Tür auf und stand vor dem immer noch grinsenden Jussi. Er hielt mir die Hand hin.
„Ich wusste immer, Axu war nur ein Testlauf“, begrüßte er mich und ich schüttelte lachend seine Hand. Ich schaute in seine Augen und wurde fast ohnmächtig. Der Junge sah ja so gut aus.
„Jussi, machst du meine Schwester an?“, fragte Axu, der plötzlich neben mir stand.
„Vielleicht“, grinste dieser und legte einen Arm um mich. Ich versuchte krampfhaft, nicht rot anzulaufen und ein dämliches Grinsen zu unterdrücken.
„Ich geh wieder hoch“, sagte ich und wollte gehen, doch Jussi hielt mich leicht am Arm fest.
„Warum?“
„Ich hab schlechte Laune.“
„Differenzen mit Vellu“, fügte Axu hinzu.
„Na gut“, meinte Jussi.
„Bis später dann“, murmelte ich, wollte gehen doch Jussi hielt mich wieder zurück. Er grinste und tippte sich auf die Wange. Ich lachte, gab ihm einen Kuss und ging dann endlich. Also, mit sowas hätte ich ja nun hier überhaupt nicht gerechnet. Das musste ich morgen unbedingt alles Tarja erzählen. Ich war mal gespannt, was sie schon alles erlebt hatte, wie das neue Haus war und wie es mit ihr und Björn weitergehen sollte.
Ich schaltete den Fernseher ein und schaute irgendwelche komischen finnischen Serien. Zwischendurch zog ich mich um und legte mich in mein Bett.
Als ich wieder aufwachte war der Fernseher aus und irgendwer strich mir die Haare aus dem Gesicht.
„Mom?“, murmelte ich im Halbschlaf.
„Nein“, kam eine männliche Stimme aus der Dunkelheit. Dann fiel mir alles wieder ein und ich öffnete die Augen. „Schlaf weiter“, sagte die Person und ging zur Tür.
„Vellu?“ Jetzt war ich total verwirrt. Er blieb stehen und drehte den Kopf in meine Richtung. „Was machst du hier?“
„Wollt mit dir reden.“
„Ach was“, gähnte ich ungläubig. „Worüber?“ Er kam zum Bett und ich sah, dass er schon Jacke und Schuhe trug.
„Darf ich“, fragte er mit einer Geste auf die Bettkante.
„Tu dir keinen Zwang an.“
„Danke.“ Vellu setzte sich und ich wartete darauf, dass er anfing zu reden. Eigentlich ein sinnloses Unterfangen. „Sorry wegen vorhin“, meinte er schließlich. „Das war nicht so gemeint. Das mit dem wert sein. Das war eher so gemeint, dass es schön ist, dass du ihm das wert bist. Daran merkt man, wer seine wahren Freunde sind.“ Ich lächelte, was Vellu in der Dunkelheit natürlich nicht sehen konnte.
„Wow, ich mein...wow. Das hättest du nicht tun müssen.“
„Doch.“ Vellu stand auf und ging wieder zur Tür. „Schätze, wir hatten einen schlechten Start.“
„Da hast du wohl recht.“ Ich machte eine kurze Pause. „Vellu, kann es sein, dass Axu mit dir geredet hat?“
„Geredet? Der hat mir den Kopf gewaschen. Aber gehörig. Nacht, Hanna.“
„Also wolltest du dich gar nicht entschuldigen?“ Das war eher eine Frage als eine Aussage, doch ich erwartete keine Antwort.
Das Licht aus dem Flur erhellte jetzt Vellus Gesicht und für einen Moment war ich mir fast sicher, dass sich ein kurzes Lächeln über sein Gesicht zog. Ich drehte mich verwirrt um und schloss die Augen. Der Junge war ein wandelndes Mysterium. Er verließ mein Zimmer und ich war schon fast wieder eingeschlafen, als ich plötzlich nochmal ganz leise seine Stimme hörte.
„Ich hätte dich auch angerufen, Hanna“, flüsterte er. Im nächsten Moment schlief ich schon tief und fest.

° Tarja °

Toll. Super Toll.
Ich saß auf dem Rücksitz unseres Vans und starrte schweigend aus dem Fenster.
Scheiß Land. Ich wollte nie hier her.
Von Oslo nach Lathi. Das ist, als würde ich von Wodka auf Milch umsteigen.
Und alles nur wegen meinem Vater. Er war Besitzer einer Ski-Zubehör-Firma und wollte die Eröffnung einer neuen Tochterfirma persönlich überwachen. Zumindest die ersten Jahre. Klar, natürlich.
Ich meine ich bin 16, die nächsten Jahre werden die in meinem Leben sein, die mich am meisten beeinflussten.
Die Jahre die mich für mein weiteres Leben prägen würden. Und die sollte ich in Finnland verbringen? Bei diesen unterkühlten, niemals lachenden, strohblonden, ständig betrunkenen Finnen? Was sollte bloß aus mir werden?
Das einzige, was mich ein wenig aufmunterte war Hanna. Ich hatte sie im Flugzeug kennen gelernt und sie hatte es noch schlimmer getroffen als mich. Sie hatte ihre Mutter verloren und sollte jetzt zu ihrem Vater und ihrem Bruder nach Lathi ziehen.
Ihren besten Freund musste sie zurücklassen. Wenigstens das konnte ich verstehen. Ich musste Björn zurücklassen, meinen Freund.
Wir waren jetzt seit zwei Jahren zusammen, vor einer Woche hatten wir Jahrestag. Ich fing schon wieder fast an zu heulen, wenn ich an ihn dachte.
Er sah alles andere als schlecht aus und ich konnte mir jetzt schon vorstellen wie diese netten Schlampen aus unserer Nachbarschaft sich an ihn ranmachten. Nein, normalerweise war ich nicht eifersüchtig.
Ich vertraute Björn, es war einfach die ganze Situation die mir zu schaffen machte.
Ich wusste nicht, ob wir beide für eine Beziehung auf Distanz geschaffen waren.
Mein Vater riss mich aus meinen Gedanken, in dem er verkündete, dass wir da waren. Ich muss schon sagen, das Haus war echt klasse. Es war ein riesiges Holzhaus, mit riesigen Fenstern und einem tollem Wintergarten.
Der Dachboden des Hauses war ausgebaut worden und sollte ab jetzt mein Reich werden.
Die einzige gerade Wand war völlig verglast und von dem großen Balkon, den man über eine Leiter verlassen konnte, hatte man eine wunderschöne Aussicht in den großen Garten und den dahinter liegenden See.
Unser Haus war relativ abgeschieden gelegen, was mir allerdings nicht sehr viel ausmachte, dann gab’s wenigstens keinen ärger mit den Nachbarn.
Über das riesige King-Size Bett hängte ich ein paar Poster und alte Bilder von Björn, mir und ein paar Freunden. Alles in allem hatte ich es doch bald ziemlich gemütlich.
Gedanken verloren ließ ich mich auf mein Bett fallen und starte an die Decke.
Wie es Hanna wohl ging. Ich hoffte nur, dass ihr Bruder und ihr Vater sie ein wenig aufmuntern würden.
„Tarja?“ Ohne dass ich es bemerkt hatte, war meine Mutter die Treppe zu meinem Zimmer hinaufgekommen und hielt mir unser Schnurloses Telefon hin. Verwirrt sah ich sie an, doch sie lächelte nur. „Ja?“ fragte ich immer noch verwirrt in den Hörer. Wer konnte das sein? „Tarja, süße?“ Sofort lächelte ich.
„Hey Björn! Oh mein Gott ist das schön eine vertraute Stimme zu hören!“
Er lachte ins Telefon. „So schlimm?“ „Noch schlimmer“ stöhnte ich auf.
„Das wird schon!“ versuchte er mich zu trösten. „Ich vermiss dich“ gestand er mir dann ehrlich.
Ich seufzte „Ich dich auch … glaubst du wir schaffen das?“ Im Moment war das die Frage, welche mir am meisten Angst machte. Ich hatte Angst davor ihn zu verlieren.
„Lass es uns Probieren, wir schaffen das schon. Bald ist ja das Springen in Lathi und dann sehen wir weiter.“ Ich wusste schon immer, dass Björns Leidenschaft zum Skispringen uns irgendwann noch einmal nützlich sein würde. „Ich liebe dich!“
Ich blieb noch eine ganze weile im Bett liegen und dachte über Finnland, Hanna, Björn und mich und über die Schule, die ja auch bald wieder anfangen würde, nach.
Irgendwann muss ich über diese Gedanken eingeschlafen sein, denn als ich das nächste mal aufwachte, war es schon Abend und meine Mutter rief mich zum Abendessen.

Am nächsten Morgen wurde ich vom klingeln des Telefons geweckt. Es dauerte einen Moment, ehe ich mich zurecht fand und nach dem Telefon auf meinem Nachttisch griff.
„Ja?“ murmelte ich verschlafen.
„Tarja? Ich bin’s Hanna. Ich hoffe du hast nicht noch geschlafen?“ „Wie spät ist es?“ unterbrach ich sie. „11 Uhr“ „Doch hab ich!“ Sie lachte kurz auf. „Sorry. Jussi und Janne haben mich schon vor einer ganzen weile aus dem Bett geschmissen. Hör mal, Axu holt gleich ein Paar Freunde ab und er könnte dich mitbringen.“
Ich überlegte kurz. „Was heißt denn gleich?“ Hanna wechselte ein paar Worte mit ihrem Bruder und meinte dann: „In etwa 15 Minuten sind sie da. Schaffst du das?“
„Hmm. Wenn ich bei euch Frühstücken darf.“ „Ist gebongt!“ lachte sie.
„Ach ja, und lass dich von Vellu nicht ärgern. Er ist nun ja etwas Schweigsam.“ Ich lachte. „Ähm ja, okay!?“ Ich hätte schwören können, dass sie jetzt grinste.
„Ich erzähle es dir gleich…“

20 Minuten später klingelte es an der Tür.
Ich schnappte mir schnell meine Tasche, hinterließ meinen Eltern, die wie immer abwesend waren eine Nachricht und machte dann die Tür auf.
Um ein Haar hätte ich die Tür im Schock wieder zugeschmissen.
Vor mir stand ein hellblonder Typ, der ungefähr so groß war wie ich und der die schönsten Augen hatte, die ich je gesehen hatte. Er lächelte mich frech an und streckte mir dann seine Hand entgegen.
„Hey ich bin Axu, Hannas großer Bruder.“ Ich schüttelte die Hand.
„Tarja. Hannas Flugzeugbekanntschaft. Schön dich kennen zu lernen.“
Er nickte und deutete auf das Auto. „Wollen wir? Vellu wartet und wir müssen noch einen Freund von mir abholen.“
Hanna hatte wirklich nicht übertrieben.
Bei Vellu schien es schon fast an ein wunder zu grenzen, wenn er mal drei oder vier Wörter zusammenhängend aneinander reite.
Im Prinzip das genaue Gegenteil zu mir und ich war wirklich sehr froh, als wir Matti einluden.
Er war wie Axu und Vellu sehr gut Aussehend und super lieb.
Ich schätze ihn ein wenig älter als Axu und Vellu, vielleicht auf Björns Alter.
Bei Hanna angekommen, nahm sie mich sofort unter Beschlag und inspizierte mit mir zusammen den Inhalt ihres Kühlschrankes.
Voll gepackt machten wir uns auf den Weg in ihr Zimmer, wo sie mir dann erst einmal die gesamte Geschichte von gestern erzählte. Angefangen von der Pizza bis hin zu Vellus Endschuldigung. „Wow!“ Ich stopfte mir einen Löffel Cornflakes in den Mund.
„Du bist noch nicht mal einen Tag hier und hast schon den ersten Streit.“
Mein Blick blieb an ein paar Fotos hängen. „Ist das Tommy?“
Ich deutete auf einen blonden Typen. „Jep. Das ist er.“ Verkündete sie stolz. „Sieht gut aus. Sag mal ist dir eigentlich mal aufgefallen, was hier alles für Gutaussehende Geschöpfe rum laufen?“
Sie lachte und nickte dann.
„Warte ab, bis du Jussi zu Gesicht bekommst.“



° Hanna°



Wie auf Kommando flog meine Zimmertür auf und Jussi kam mit einem anderen Jungen im Schlepptau herein. Er setzte sich neben mich auf mein Bett und legte einen Arm um meine Taille.
„Hey Hanna, ich wollte dir nur mal meinen kleinen Bruder Matti vorstellen. Er hatte gestern leider keine Zeit.“ Jussi schenkte Tarja sein strahlenstes Lächeln. „Du musst Tarja sein. Ich bin Jussi. Wenn du und Hanna Fragen habt, ich bin jederzeit für euch da.“
„Danke, Jussi“, lächelte ich und küsste ihn auf die Wange.
„Ja, so mag ich das“, witzelte er und zog mit Matti wieder ab.
„Das war Jussi“, sagte ich an Tarja gewandt.
„Ich glaube, wir sind hier gar nicht mal so falsch“, meinte sie grinsend. Ich nickte nur stumm und schaute auf ein Bild von Tommy und mir, das kurz vor Mom’s Tod aufgenommen worden war.
„Woran denkst du gerade?“, fragte ich Tarja nach einer Weile.
„Was Björn jetzt gerade macht. Und du?“
„Was Tommy jetzt so treibt.“
„Wir sollten uns ablenken gehen. Ich wette, die Jungs sitzen auch nicht ständig betrübt in einer Ecke rum.“
„Das will ich ihnen aber raten, dass sie das tun.“
Tarja lachte kurz auf und zog mich dann vom Bett.
„Komm, wir gehen runter. Vellu ist auch da. Und Jussi. Also, warum sollten wir hier sitzen?“
„Ich bin mal gespannt, wie’s heute zwischen Vellu und mir ist“, murmelte ich nachdenklich.
„Find’s raus!“


Die Jungs saßen im Wohnzimmer und planten, wie sie die Zeit bis zur Happy Hour, sprich, wann die Kneipen öffneten, rumkriegen sollten.
„Ich finde, wir zeigen Hanna und Tarja die Stadt“, meinte Jussi, sobald er uns ins Zimmer kommen sah.
„Gute Idee“, fand Axu. „Aber wir passen nicht alle in ein Auto.“
„Kein Problem“, sagte Janne. „Matti und ich wollten eh noch...was einkaufen. Ihr wisst schon, für...heute abend.“
„Ich denke, ihr wollt heute abend in die Kneipe“, wunderte ich mich.
„Erstens,“, erklärte Jussi. „Ihr kommt mit. Und zweitens, wisst ihr, wie teuer die Getränke da sind? Wir setzen uns vorher hin und...stoßen schon mal an. Mehr nicht.“
„Aha“, machte Tarja ungläubig.
„Gut, dann zeigen Jussi, Vellu und ich euch halt Lahti“, schloss Axu. Ich sah zu Vellu, der bis jetzt stumm am Esstisch gesessen hatte und in der Zeitung gelesen. Er sah auf, fing meinen Blick auf und ich sah ihm zum allerersten Mal lächeln.


Eine Stunde später latschte ich neben Vellu und Jussi durch die Stadt und ließ mir erklären, was wichtig war. Zum Beispiel, wo die billigsten Bars, die billigsten Kneipen und die billigsten Schnapsläden waren. Axu und Tarja hatten sich abgesetzt und liefen immer fast 20 Meter vor uns. Ich freute mich, dass sie sich gut verstanden und auch, dass Tarja die anderen zu mögen schien. Auch wenn sie, genauso wie ich, wahrscheinlich eher wenig mit Vellu anfangen konnte. Das einzig Positive war, dass er einen garantiert nicht unterbrechen würde.
Jussi hingegen bekam seinen Schnabel gar nicht mehr zu, was aber nicht schlimm war. Er war ein unheimlich lieber und witziger Kerl. Er erinnerte mich sehr an Tommy.
Irgendwann drehte Axu sich plötzlich um.
„Hey Leute, wir wollen ein Eis essen gehen. Seid ihr dabei?“
„Klar“, rief Jussi begeistert und wir enterten das nächste Café. Ich saß neben Jussi auf ner Bank und er hatte einen Arm um mich gelegt. Ich fragte mich, ob das nur rein freundschaftlich war oder...keine Ahnung, was anderes halt. Vellu saß im gehörigen Abstand auf meiner anderen Seite. Aber Axu und Tarja saßen wiederum ziemlich nah beieinander. Man wusste ja auch nicht, wie das hier lief. In Amerika hatten wir keine Berührungsängste untereinander, aber wenn ich mir Vellu so ansah...
„Hanna? Hanna!! Haaannaaaa!” Jussi stieß mich leicht an und ich blinzelte verirrt.
„Was?“
„Was willst du essen?“
„Keine Ahnung, empfiehl mir was.“
Jussi ratterte die ganze Speisekarte runter und ich entschied mich ganz simpel für Spaghettieis. Die Kellnerin kam und nahm von allen die Bestellung an- bis auf Vellus. Der hielt einfach nur drei Finger in die Luft, das Mädchen nickte und ging.
„Was war denn das?“
Vellu deutete stumm in die Karte. Die verschiedenen Eisbecher waren mit Nummern versehen.
#3 : Schokobecher. Oh ja, das war ja auch so lang.
„Heißt das, du bestellst nie ein Eis, das eine höhere Nummer hat als 10?“, wollte ich wissen.
„Witzig“, kommentierte Vellu trocken.
„Ich mein das Ernst, wo liegt denn dein Problem, dass du nicht mal ein Eis bestellen kannst?“
„Geht das schon wieder los“, seufzte Axu. „Hanna, lass ihn doch einfach in Ruhe. Er ist eben nicht so der große Redner.“
Ich verkniff mir den Kommentar, dass ich da ja nie drauf gekommen wäre und schaute Vellu von der Seite an.
„Tut mir leid, das ist deine Sache.“
Vellu erwiederte meinen Blick und zuckte mit den Schultern.
„Es ist ja nicht so, als würde ich nie reden, ich red halt nur nicht gern mit Fremden, das ist doch total verschwendete Energie. Ich weiß, dass das blöd klingt, aber das ist eben meine Meinung, tut mit leid.“
Uns blieb der Mund offen stehen. War das gerade wirklich passiert?
Axu fand als erster seine Sprache wieder.
„Wow, Vellu, das ist der längste Satz, den du jemals von die gegeben hast.“
„Gar nicht wahr“, murmelte Vellu.
„Und war das jetzt so schwer?“, lächelte ich und er streckte mir die Zunge raus. Doch dann musste er auch lächeln. Axu schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Und jetzt lächelt der auch noch! Was ist bloß mit dem passiert?“
„Hanna ist passiert“, witzelte Jussi. Ich sah ihn an und er küsste mich kurz auf die Wange. „Du und Tarja seid halt eine echt Bereicherung.“
„Danke“, sagte ich leise und wurde, genau wie Tarja, knallrot.


„Gott, Jussi ist so süß!“
Ich saß auf Tarjas riesigem Bett in ihrem genialen Zimmer und sah mir Fotos von Björn an, während sie sich für den Abend umzog. Axu, Vellu und Jussi warteten im Auto vor dem Haus. Also echt, Tarjas Freund war wirklich heiß. Kein Wunder, dass sie sich Sorgen machte. Welches Weib den nicht toll fand musste echt n Knick in der Linse haben.
„Und ich glaub, er mag dich“, sagte sie und zog sich ein neues Shirt an. „Der klebt ja förmlich an dir.“
„Musst du gerade sagen. Ich glaub mein Bruder würde dich am liebsten behalten. Hast du ihm eigentlich von Björn erzählt?“
Tarja sah verlegen weg.
„Nein...noch nicht.“
„Wirst du?“
„Hm.“
„Du magst ihn“, stellte ich fest.
„Ja, er ist nett“, antwortete sie. „Aber ich liebe Björn.“
„Hey, das ist ganz allein deine Entscheidung“, meinte ich und entdeckte ein weiteres Foto an der wand. „Aber ganz im Ernst, den würd ich nicht so schnell hergeben.“
Tarja setzte sich neben mich und sah mich an.
„Lief eigentlich zwischen dir und Tommy mal etwas?“
„Nein, nie.“
„Bereust du’s?“
„Ich weiß nicht. Ich glaub nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nur Freunde sind.“
„Ziemlich sicher?“
„Absolut sicher.“ Ich seufzte. „Außerdem ist Jussi so süß!“
„Wie alt ist er eigentlich?“
„24.“
Tarja stieß einen Pfiff aus.
„Sechs Jahre.“
„Sechs Jahre“, wiederholte ich.
„Und Vellu?“
„19.“
„Nein, ich mein, wie du zu ihm stehst?“
„Keine Ahnung. Anfangs fand ich ihn echt zum Kotzen. Aber nach seiner Aktion gestern weiß ich nicht so genau, was ich von ihm halten soll. Ich dachte ich spinne, als ich gemerkt hab, wer mir gerade die Haare weggestrichen hat.“
„Kann ich verstehen, ich werde aus dem Jungen auch nicht schlau.“
Ich grinste.
„Weißt du, wen ich süß finde?“
„Jussi?“, lachte Tarja.
„Ja, auch. Janne. Man, den find ich ja niedlich.“
„Und Matti.“
„Oh ja!“
„Hanna, wo sind wir hier nur gelandet? Das kommt mir fast vor wie eine Prüfung. Ich bin Hunderte von Kilometern von Björn entfernt und hier gibt es nur Sahneschnitten.“
„Na ja, ich bin da ja etwas besser dran.“
„Ja, du Glücksschwein. Du hast die freie Wahl und ich darf nicht.“
„Du liebst Björn wirklich, oder?“
Tarja nickte traurig.
„Ich vermiss ihn so.“
„Wann ist denn das Springen? Tommy hat mir erzählt, in Lahti ist bald eins.“
„Was haben wir heute?“
„Montag.“
„Noch elf Tage.“
„Ich kann’s kaum erwarten.“
„Ich auch nicht.“


„Da seid ihr ja endlich!“
Axu gab Vollgas, kaum, dass Tarja und ich wieder eingestiegen waren.
„Alter, nimm den Fuß vom Gas, Macho- Man“, zog ich ihn auf. „Sag mal, wo ist hier eigentlich eine Schanze?“
„Schanze?“
„Ja, du weißt schon, zum Skispringen.“
„Wie kommst du darauf?“
„In elf Tagen ist ein Springen und wir würden gerne hin.“
Axu, Vellu und Jussi tauschten merkwürdige Blicke aus.
„Wieso wollt ihr dahin?“
„Idiot, wir wollen natürlich unsere Freunde anfeuern. Warum sonst?“
„Woher wisst ihr denn davon?“, fragte Jussi unsicher.
„Wovon? Könnt ihr euch mal vernünftig ausdrücken? Ich krieg gleich einen Zusammenbruch.“
„Na ja, dass mit dem Springen und so...“
Ich sah ihn eindringlich an.
„Okay, noch mal für die ganz Doofen: In elf Tagen ist ein Springen in Lahti und Tarja und ich wollen hin, um Tommy und Björn anzufeuern. Und jetzt will ich wissen, wovon ihr die ganze Zeit redet.“
„Tommy?“, hakte Vellu nach. „Dein Tommy?“
„Wie, ihr Tommy?“, warf Jussi ein.
„Tommy Schwall?“, wollte Axu wissen.
„Ja“, sagte ich.
„Tommy Schwall ist dein bester Freund Tommy?“
„Ach, ihr bester Freund“, meinte Jussi.
„Ja. Woher kennst du den denn?“
„Und wen will Tarja anfeuern?“, fragte Axu, ohne auf meine Frage einzugehen.
„Björn“, antwortete sie. „Björn Romoeren. Wir kennen uns aus Norwegen.“
„Ihr meint gar nicht uns?“, mischte sich Vellu ein.
„Euch?“ Tarja und ich sahen uns verwirrt an.
„So jetzt mal der Reihe nach“, rief ich. „Wir wollen nur Tommy und Björn wiedersehen. Was hat das mit euch zu tun? Und woher kennt ihr sie?“
Wieder warfen Axu, Vellu und Jussi sich seltsame Blicke zu.
„Raus damit!“, verlangte Tarja energisch.
„Wir...springen auch. Da kennt man sich eben“, erwiederte Jussi kleinlaut. „Und wir dachten, ihr hättet das irgendwie rausgekriegt.“
„Ach so. Und warum in Teufels Namen habt ihr uns das nicht erzählt?“
„Na ja...du weißt schon, es gibt halt so welche, die einen dann nur deswegen mögen.“
„Axu, ich bin deine Schwester!“, reif ich empört. „Das ist ja wohl das letzte!“
„Ja, tut mir leid, ich muss mich erstmal daran gewöhnen, dass ich jetzt eine Schwester habe.“
„Und ihr habt sowas von uns gedacht?“
„Nein...aber es hätte ja sein können, oder?“, murmelte Jussi verlegen.
„Ist doch egal“, beendete Tarja schließlich die Diskussion. „Hat sich doch alles geklärt.“ Wir stimmten ihr eindeutig zu.
„Sind Matti und Janne auch Springer?“, wollte ich wissen.
„Ja“, meinte Vellu. Ich beugte mich zu Tarja und grinste.
„Kein Wunder, dass die alle so gut aussehen“, flüsterte ich.
„Was?“ Jussi sah uns fragend an.
„Nüx.“
„Hm“, machte er. Dann schaute er mich an. „Und er ist wirklich nur dein bester Freund?“
„Ja, Tommy und ich sind nur Freunde.“ Tarjas und mein Blicke trafen sich und ich konnte förmlich hören, was sie dachte.
„Björn und Axu kennen sich. das kann ja heiter werden...“

° Tarja °

So ein Mist.
Wenn die sich kennen, dann könnte es wirklich ein interessantes Wochenende werden.
Hanna sah mich mitleidig an und verzog dann das Gesicht.
„Okay Mädels, wir sind da!“ Axu legte ein rasantes Parkmanöver hin und hielt genau vor Matti und Janne, die auf zwei Parkbänken saßen und schon ordentlich am bechern waren.
„Da seit ihr ja endlich!“ Janne zog mich neben sich auf die Band und reichte mir die Schnapsflasche und ein Bier.
Axu, der neben sich neben mich gesetzt hatte, grinste.
„Na wie trinkfest bist du?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Kommt drauf an.“
Fragend sah Axu mich an. „Worauf?“ „Na, ob du von Finnischen Maßstäben aus gehst oder nicht!“
Ich grinste zu Hanna die zwischen Jussi, der schon wieder einen Arm um sie gelegt hatte und Vellu, der immer wieder missmutig auf Jussis Arm sah, saß.
Sie hatte ebenfalls eine Flache in der Hand und grinste vergnügt zurück.
Dann schielte sie zu Jussi und machte ein paar eindeutige „Zungenbewegungen“.
Ich lachte und konzentrierte mich dann lieber wieder auf mein Bier.

„Ähm Tarja?“ Wir saßen mittlerweile in der Kneipe und Axu tippte mir gegen die Schulter. „Hm?“ Ich hatte schon einiges Intus und bekam nicht wirklich mehr viel mit.
„Dein Handy!“ Er deutete auf meine Tasche, aus der wirklich ziemlich eindeutige Geräusche kamen.
„Ja?“ Ich sah mich kurz am Tisch um und bemerkte, dass eigentlich alle zu mir sahen.
Nun ja, bis auf Jussi und Hanna, die schon zum x-ten Mal Bruderschaft tranken.
Und Vellu, aber mal ehrlich: Hand hoch, wen wundert’s?
„Hey Hon, ich bin’s Björn!“
„Björn?“ Jetzt hatte ich auch Hannas Aufmerksamkeit, die mit einem Fragenden Blick auf die Uhr sah.
Es war bereits nach 24 Uhr.
„Ist was passiert?“
Auf ein Mal konnte ich mich doch wieder recht gut konzentrieren.
„Nichts Ernstes. Hast du kurz Zeit?“
Ich sah entschuldigend in die Runde und verließ dann den Tisch.
„Grüß ihn von uns!“ schrie mir Janne übermütig hinterher und ich wiederholte es für Björn.
„Woher kennst du die Jungs?“ fragte er neugierig.
„Ich hab Axus Schwester im Flugzeug kennen gelernt.“
„Sie sind nett.“ stellte er fest. „Grüß sie zurück.“
„Weswegen ich anrufe“, Er machte eine kleine Pause. „Wir kommen schon nächsten Mittwoch, nicht erst Freitag!“
Ich machte große Augen.
Einerseits freute ich mich unheimlich auf Björn, andrerseits, wusste ich auch nicht, ob es mir so recht war, dass er schon früher kam.
„Tarja, ist alles klar bei dir?“
„Toll. Ich meine es ist toll dass du schon Mittwoch kommst.“
Wer soll mir das nur abkaufen.
„Ich freu mich auf dich Süße!“ „Ich mich auch auf dich!“
Ich sah auf und sah Axu, der sich neben mich auf den großen Stein setzte, auf dem ich saß und fragend ansah.
„Es ist alles okay.“ flüsterte ich in seine Richtung,
Er nickte und – blieb sitzen. Ähm, schon mal etwas von Privatsphäre gehört?
„Ich muss Schluss machen, wir haben morgen früh Training. Ich liebe dich!“
“Ja ich dich auch!“ Ich blickte vorsichtig zu Axu, doch er schien nichts verstanden zu haben.
„Bye.“
„Ich wollte nur schauen ob alles okay ist.“ erklärte mir Axu sofort sein auftauchen.
„Eigentlich wollte Hanna kommen, aber irgendwie konnte sie ohne Jussis Hilfe nicht einmal mehr geradeaus gehen, also hat sie mich geschickt.“
Ich lächelte. „Es ist alles Okay!“
„Na dann können wir ja wieder rein gehen.“ Er lächelte und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Wie konnte man nur so verdammt süß sein.
Was war mit mir eigentlich nicht in Ordnung?
Ich hatte gerade mit meinem Freund telefoniert.
Dem Typen, den ich über alles liebte und jetzt saß ich hier und machte mir darüber Gedanken, wie süß Axu war.
„Ist wirklich alles okay?“ Axu sah mich zweifelnd an. „Ich nickte. „Klar, warum nicht?“
Er hielt mir eine Hand hin um mir hoch zu helfen und nickte nur stumm.
Dann gingen wir, Hand in Hand, wieder in die Kneipe.

„Er kommt wann?“
Hanna sah mich erstaunt an.
Wir saßen beide auf meinem Balkon und frühstückten.
Wir hatten gestern Nacht noch beschlossen, dass sie bei mir übernachten würde.
Die Jungs würden nach ihrem allmorgendlichen Training, das bald zu Ende sein müsste vorbei kommen und uns abholen.
„Mittwoch!“
„Oh. Ich meine ähm, ich glaube du hast ein Problem.“
Ungläubig sah ich sie an. „Ach was.“
Sie lächelte mich über den Rand ihrer Tasse an.
Wir waren beide heute Morgen nicht wirklich gut drauf.
Trotz Aspirin hatten wir beide höllische Kopfschmerzen und ehrlich gesagt wollte ich gar nicht wissen, wie es den Jungs ging.
„Die ist klar, dass Axu etwas mitkriegen wird, oder?“ „Hmm…“
„Und warum sagst du ihm dann nicht gleich, was Sache ist?“ Fragend sah sich mich an.
Ich seufzte auf.
„Ich hab keine Ahnung. Kann es sein, dass du in Jussi nen neuen Freund gefunden hast?“
Wechselte ich schnell das Thema.
Sie lachte. „Er ist heiß!“ Ich nickte „Ich weiß.“
Genau in diesem Augenblick steckte Janne seinen Kopf über die Balkonbrüstung.
Hmm vielleicht hätte ich den Jungs gestern doch nicht die Leiter zeigen sollen.
„Na ihr süßen, wie geht es euch heute an diesem sonnigem, wunderschönem Morgen?“
„Janne, könntest du aufhören mit ihnen zu Flirten, sondern einfach deinen Arsch auf den Balkon bewegen?“ motzen die anderen von unten.
„Was ist den mit denen heute Morgen los?“
Irritiert sahen Hanna und ich uns an
Janne sah uns nur unwissend an und zuckte mit den Schultern.
„Pah“ machte Axu, der hinter Janne die Leiter hochgekommen war.
„Janne weiß ganz genau was los ist.“ Er ließ sich einfach fallen und lehnte sich gegen das Geländer.
„Janne hat es, trotz Brummschädel, geschafft den weitesten Sprung hinzulegen.“ motzte Matti weiter.
Mittlerweile waren alle 5 Fünf auf dem Balkon und hatten sich neben Axu fallen gelassen.
Hanna und ich hatten uns vorhin einfach eine Decke rausgeholt und sozusagen „Picknick“ gemacht, da wir beide keinen Bock gehabt hatten, noch irgendwelche Tische oder Stühle zu schleppen.
„Und woran lag es, dass Axu und Vellu so schlecht waren? Die ham doch kaum Alkohol getrunken?“
Fragend sah Hanna zwischen ihrem Bruder und Vellu hin und her.
„Wir können doch auch so schlecht sein, oder?“ Beleidigt sah Axu Hanna an, während Vellu ihr nur einen Eiskalten Blick schenkte.
„Na ja, wenn ihr meint. Will jemand nen Cappuccino, Wasser, Aspirin?“
Ich sah in die Runde, die Jungs sahen wirklich fertig aus.
Alle Fünf nickten.
Ich stand auf und Axu folgte mir. In meinem Zimmer blieb er kurz stehen.
„Hübsch hast du’s hier.“ Dann blieb sein Blick an den Fotos hängen.
„Seit ihr eigentlich eng befreundet?“
Ich sah ihn fragend an. „Wer wir?“
„Du und Björn“
„Hmm.“
„Kennt ihr euch schon lange?“
„Ungefähr 2 Jahre.“
„Vom Skispringen?“
„So ähnlich“ Axu lachte auf.
„Wehe, du solltest dich einmal über Vellu beschweren.“
Ich lachte ebenfalls und ging dann voraus in die Küche.

„Also, was wollen wir machen?“ fragte Jussi, sobald alle irgendwas zu trinken hatte.
„Frühstücken!“ erwiderte Janne und schnappte sich ein Brötchen.
„Es ist Ein Uhr Mittags Janne.“ bemerkte Matti trocken.
„Du hast vor knapp sechs Stunden gefrühstückt.“
„Dann halt Mittagessen.“
„Alter kannst du auch an etwas anderes denken, außer Essen?“ Beschwerte sich Vellu
„Wow Vellu, ich hatte ganz vergessen, dass du auch hier bist!“
Wieder blickten Vellu und Hanna sich feindselig an.
„Ha, ha“ er streckte ihr die Zunge raus.
„Na siehst du, es geht doch. Ich war schon richtig erschrocken, dass du so viel gesagt hast.“
„Können wir bitte zum Thema zurückkommen?“ bat Jussi.
„Also, bis jetzt haben wir als Vorschläge: Essen und …. Essen. Noch andere Vorschläge?“


° Hanna°


Janne machte den Mund auf, aber die anderen Jungs warfen ihn warnende Blicke zu, also hielt er die Klappe und biss schulterzuckend in sein Brötchen.
„Ich finde, wir sollten zu Jussi und Matti in den Garten und uns da einen schönen Tag machen. Da gibt’s auch n Pool.“
„Die Idee finde ich gut“, befand Tarja und bekam ein strahlendes Lächeln von meinem Bruder.
„Okay, dann mal los“, meinte Matti und wir räumten schnell alles auf. Dann kletterten wir die Leiter runter und wollten los.
„Hey“, rief Janne plötzlich und alle blieben stehen. Er schaute uns bittend an. „Können wir uns Pizza bestellen?“


„Janne, gib mir mal bitte die Fanta.“
Wir saßen auf einer Bank auf der Terrasse von Jussis und Mattis Heim und ließen es uns gut gehen. Ich saß rücklings an der Seitenlehne und hatte meine Beine über die von Janne gelegt, der direkt vor mir saß und sine Arme auf der Rückenlehne ausgestreckt hatte. Tarja und Axu saßen auf der anderen Seite der Bank und unterhielten sich prächtig. Matti und Vellu unterhielten sich über das Springen am nächsten Wochenende und Jussi hatte sich breitschlagen lassen, Pizza zu bestellen. Endlich kam er wieder und mir bleib fast der mund offen stehen. Er hatte nur Shorts an und er sah so gut aus! Tarja bemerkte meinen Blick und lachte sich halb schlapp.
„Okay, wer kommt mit schwimmen?“
„Ich!“, rief ich und sprang von der Bank auf.
„Ich auch“, meinte Vellu und zog sich sein Shirt aus. Im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass alle mitkamen. Tarja und ich gingen ins Haus, um uns umzuziehen.
„Jussi ist so...“
„...heiß“, beendete Tarja den Satz für mich.
„Ja.“
„Ich weiß nicht. Was ist mit Vellu?“
„Häh?“, machte ich verständnislos.
„Bist du total blind, oder was? Ist dir schon mal aufgefallen, wie pissig der wird, sobald Jussi und du wieder anfangt rumzuflirten?“
„Ach komm“, erwiederte ist. „Der ist doch immer pissig. Er hat halt ein ziemlich pissiges Wesen. Das liegt in seiner Natur. Er ist...pissig.“
Tarja sah mich spöttisch an.
„Ich warn dich, Hanna. Das könnte noch echt Ärger geben, klär das lieber.“
„Ja, mal sehen. Vielleicht hast du das auch falsch aufgefasst.“ Ich tippte ihr grinsend ans Brustbein. „Und du musst gerade reden. Klär du das lieber mal mit Axu und Björn.“
Tarja wurde rot und öffnete die Badezimmertür.
„Ich versuch’s.“


„Da kommen sie!“
Tarja und ich schauten uns verwirrt an, als wir wieder auf die Terrasse kamen. Warum brüllte Matti denn so? Kurz darauf wussten wir es. Jussi und Janne kamen um die Ecke gerannt, packten uns, trugen uns zum Pool und warfen uns im hohen Bogen hinein. Axu und Matti grinsten breit, nur Vellu zeigte keine Regung. Jussi und Janne kamen hinterher und freuten sich diebisch.
„Ihr seid doch total vollpalme“, murrte ich und spuckte etwas Wasser aus.
„Tut...uns...leid“, lachte Janne und man hatte echt das Gefühl, er würde gleich blau anlaufen und einfach tot umfallen.
Jussi kam zu mir und nahm mich auf den Arm. Ich legte meine Arme um seinen Hals und musste plötzlich an gestern abend denken, als wir etwa 24 Mal auf Brüderschaft getrunken hatten. Er hatte tolle Lippen.
Mein Blick fiel auf Tarja. Sie schielte kurz zu Vellu und ich folgte ihrem Blick. Vellu stand mit verschränkten Armen bei Matti und Janne und würdigte Jussi und mich keines Blickes. Na also. Sie hatte Unrecht gehabt. Vellu interessierte das alles gar nicht.


„Baby, bist du das?“
„Tommy!“, rief ich in den Hörer. Es war schon fast elf, allerdings nicht in Amerika. „Wie geht’s dir? Man, tut das gut, deine Stimme zu hören.“
„Gleichfalls. Hört sich an, als hättest du dich gut eingelebt.“
„Ja. Die Leute hier sind toll. Sie helfen mir alle sehr. Ich denke oft an Mom, aber dank ihnen denk ich fast nur noch an die schönen Sachen, weißt du?“
„Das freut mich für dich Baby.“
„Aber du fehlst hier, Tee“, seufzte ich. „Du bist und bleibst mein bester Freund.“
„Hey, ich komm doch Freitag. Das ist schon in fünf Tagen, Hanna“, baute Tommy mich auf.
„Hast recht. Und wie läuft es bei dir so?“
„Haut alles hin. Das Training läuft gut und Schule ist auch kein Problem. Trotzdem. Wär viel cooler, wenn du hier wärst.“
„Ich vermiss dich, Tommy“, flüsterte ich.
„Ich dich auch, mein Baby. Wir sehen uns Freitag, ja?“
„Nichts könnte mich davon abhalten.“
„Ich lieb dich.“
„Ich dich auch, Tee. Bis dann.“
„Bis dann.“
Er legte auf und ich seufzte. Irgendwie war ich plötzlich total deprimiert. Warum? Mir ging es hier doch bestens, ich hatte neue Freunde und eine neue, alte Familie.
Aber es war eben doch nicht dasselbe. Es war komisch, ohne Mom und Tommy. Normalerweise musste ich nur die Straße runter, um bei ihm zu sein und nun lag ein Ozean zwischen uns. Das war schon hart.
Ich fragte mich, ob es Tarja wohl auch so ging. Sie vermisste Björn sicher wahnsinnig, auch wenn sie meinen Bruder ganz gern zu haben schien. Letztendlich war Björn ihr Freund. Wenigstens hatte ich das Problem nicht. Jussi war toll und er war hier. Diesbezüglich hatte ich echt keine Probleme. Noch nicht...


Verfluchte Scheiße und ein Waldbrand. Ich wusste ja, dass er gut aussah, aber so in natura war der Mann einfach umwerfend. Tarja lächelte und stellte uns vor:
„Hanna, das ist Björn. Björn, Hanna.“
„Du bist sicher Axus Schwester“, sagte Björn und gab mir die Hand. Ich konnte nur nicken. Wir waren zu ihm ins Hotel gefahren, wo die Mannschaften residierten. Tommys Mannschaft würde erst Freitag kommen, gerade rechtzeitig zum Training. Axu und die anderen hatten gerade Training, also bestand für Tarja keine Gefahr. Wir hatten auch schon einen Schlachtplan. Tarja durfte heute und morgen einfach nicht weg, weil sie Zoff mit ihren Eltern hatte. Meine Aufgabe war es, die Jungs von ihrem Haus, dem Hotel und sämtlichen Restaurants der Stadt fernzuhalten. Das mit den Restaurants war kein Problem, die ernährten sich eh nur von Bringdienstpizza und Alkohol. Und das andere- man musste einfach das Beste hoffen.
„Und...was habt ihr heute abend vor?“, fragte ich.
„Ich bleib bei ihm im Hotel“, antwortete Tarja und Björn legte einen Arm um sie. „Wir wollen Wiedersehen feiern.“
„Aha“, machte ich und versuchte, nicht allzu wissend zu klingen. „Na denn. Tarja, ruf mich morgen Mittag einfach mal an, okay?“
„Alles klar. Bis morgen.“
Ich grinste sie und Björn nur an und ging dann.
Als ich aus dem Hotel kam regnete es in Strömen.
„Toll“, brummte ich und sah hilflos in den Himmel. Wie sollte ich denn jetzt nach Hause kommen, ohne einen leidvollen Ertrinkungstod zu sterben? Plötzlich hielt ein Auto vor mir und die Beifahrertür wurde aufgerissen. Verwirrt sah ich ins Innere des Autos und entdeckte Vellu, der ausdruckslos in meine Richtung schaute.
„Steig schon ein“, rief er schließlich. Ich lief zum Auto, stieg ein uns schloss geräuschvoll die Tür.
„Danke.“
Vellu sagte nichts, sondern fuhr einfach los. Ich stellte mich auf eine sehr unterhaltsame Fahrt ein. Kurz dachte ich an Jussi. Doch aus irgendeinem Grund fand ich es schön, einfach neben Vellu zu sitzen, auch wenn er die ganze Zeit schweigen würde.
„Was hast du denn beim Hotel gemacht?“, fragte er mich nach sage und schreibe sieben Minuten absoluter Totenstille.
„Ich hab mich nur untergestellt und gewartet“, log ich. Vellu hielt an einer roten Ampel und sah mich an.
„Und Tarja?“
Ich schaute ihn total entgeistert an. Man, jetzt steckte ich tief drinnen.
„Du...hast sie gesehen?“
„Nein, das war nur geraten.“ Vellu grinste und mir blieb der Mund offen stehen.
„Du hast es ja faustdick hinter den Ohren“, rief ich entsetzt.
„Ich hab dich drangekriegt“, freute Vellu sich und strahlte wie ein kleines Kind. Er sah so süß aus, wenn er lächelte. „Ich merke halt, wenn du lügst.“
„Du Blödmann“, lachte ich. Vellu fuhr wieder an und ich sah ihn von der Seite an. Er war plötzlich total anders, als wenn die anderen dabei waren. Irgendwas stimmte da doch nicht. Hatte Tarja am Ende womöglich doch Recht? Hm...nein. „Wieso bist du so?“
„Wieso bin ich wie?“
„So...undurchschaubar. Man weiß nie, was du als nächstes machst.“
„Hab gehört, die Mädchen stehen darauf“, witzelte Vellu.
„Genau das mein ich. Damit hätt ich jetzt am allerwenigsten gerechnet.“
„Und?“
„Und was?“
„Kommt’s an?“
„Vellu!“, lachte ich doch er blieb ganz ernst.
„Es kommt immer auf den Menschen an, wie ich mich benehme. Wie viel ich von mir zeige.“
Vellu hielt vor unserem Haus und sah mich lange an. Ich erwiederte seinen Blick und suchte etwas in seinen Augen, fand jedoch nichts. Sie waren wie Mauern.
„Wie viel zeigst du mir?“, fragte ich.
„Alles.“


Ich war immer noch total durcheinander, als ich den Weg zur Haustür entlangging. Totales Chaos herrschte in meinem Kopf. Meine Umwelt war total verschwommen, deswegen rannte ich auch prompt jemanden über den Haufen, als ich den Flur betrat.
„Hanna? Ist alles klar?“
Jussi winkte vor meinem Gesicht auf und ab und packte mich dann an den Schultern.
“Hanna! Hallo? Jemand da?“
Ich sah ihn an und schon war ich wieder da. Diese Augen, diese Lippen...Dieses Land machte mich wahnsinnig!
„Hi Jussi“, begrüßte ich ihn. Er lächelte und umarmte mich.
„Gott sei Dank, ich dachte schon, es wäre sonst was passiert.“
Ich legte meine Arme um ihn und schloss die Augen. Jussi strich mir über den Kopf.
„Geht’s dir wirklich gut?“, flüsterte er. Ich nickte und schaute ihn an.
„Ich hab dich lieb, Jussi.“
„Äh...ja. Ich dich auch, Hanna. Aber es ist doch irgendwas passiert, oder? Was ist denn mit dir los?“
„Ich bin einfach froh, dass ich euch hab. Das ist alles. Und was machst du hier?“
„Axu und ich wollten nen Film oder so gucken. Er versucht gerade Tarja zu erreichen.“
Mir fiel alles aus dem Gesicht. Verdammte...
„AXU!“, brüllte ich und Jussi machte vor Schreck einen Satz.
„Was?“, kam es aus dem Wohnzimmer.
„Tarja kann nicht. Sie hat Stress zu Hause. Ruf am besten nicht an, ihre Eltern sind total am durchdrehen.“
„Hm...okay.“ Axu kam in den Flur und sah Jussi an, der immer noch weiß wie eine Wand war. „Was hast’n mit dem gemacht?“
„Hat sich erschrocken.“
„Ach so. Guckst du mit?“
„Nee, danke, ich glaub ich setz mich auf die Terrasse und les n bisschen.“
„Wie du willst. Komm, Jussi.“
Jussi verbeugte sich grinsend und folgte Axu dann ins Wohnzimmer. Ich lief schnell hoch in mein Zimmer, holte mir ein Buch, ne Decke und Musik und machte es mir dann in dem uralten Liegestuhl bequem. Gott sei Dank hatte es aufgehört zu regnen.
Ich schlug das Buch gar nicht erst auf. Ich wusste, dass ich mich nicht darauf konzentrieren konnte. Mir ging zu viel anderes im Kopf rum.
Tommy. Jussi. Vellu. Das waren die Mittelpunkte der meisten Gedankengänge, die ich hatte. Ich vermisste Tommy und ich liebte ihn- als Freund. Aber ich wusste jetzt, dass ich nicht mehr als das wollte. Dafür war ich mir nicht sicher, was ich Jussi gegenüber fühlte. Ganz klar, ich fand ihn heiß. Aber war er genau so ein starker Charakter wie Vellu? Ich bewunderte ihn dafür, dass er sich nicht unterkriegen ließ, er war halt, wie er war. Basta. Das fand ich toll. Er überraschte einen immer wieder, er war eine Herausforderung. Aber was war mit Jussi? Ich kannte nur die lustige, nette Seite an ihm. Hatte er auch andere? Hatte er so viele Gesichter wie Vellu? War er genau so anstrengend? Und was fühlte ich für Vellu? Freundschaft? Oder mehr?
Ich merkte gar nicht, wie es langsam dunkel wurde. Aber ich wurde immer müder und irgendwann fielen mir die Augen zu. Ich träumte von meiner Mom und ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen bildeten. Plötzlich nahm mir jemand die Kopfhörer ab. Im Halbschlaf öffnete ich die Augen ein Stück und musste grinsen.
„Du schon wieder.“
„Du hast deine Tasche im Auto vergessen“, sagte Vellu leise. „Ich wollte sie dir nur bringen.“ Er hielt meinen Walkman hoch. „Und dafür sorgen, dass du dich nicht selbst strangulierst.“
„Danke.“
Vellu kniete sich neben die Liege und wischte mir leicht mit dem Daumen über die Wange.
„Geht’s dir gut?“
„Ja.“ Ich fasste mir ans Gesicht und merkte, dass es etwas feucht war. „Ich hab von meiner Mom geträumt“, erklärte ich.
„Erzähl mir was von ihr“, meinte Vellu.
„Sie war toll. Die Beste. Ich vermisse sie. Ich bin froh, dass ich euch alle hab. Und Tommy.“
„Wie lange kennst du ihn schon?“
„Etwa zehn Jahre. Wir sind schon ewig befreundet. Er bedeutet mir sehr viel.“
„Würdest du zurückgehen, wenn du könntest?“
Ich sah Vellu irritiert an.
„Ich hab keine Ahnung. Irgendwie find ich es hier gar nicht schlecht. Ich hätte Tommy nur gerne hier.“ Ich senkte den Blick. „Und meine Mom.“
Vellu stand auf und umarmte mich. Erst zaghaft, doch dann legte er seine Arme fest um meinen Oberkörper und ich drückte mich an ihn. Es war ein beruhigend, dass er da war und ich hatte das Gefühl, dass er mich beschützte. Wovor auch immer.
Vellu setzte sich hinter mich und ich kuschelte mich an ihn. Dann zog er die Decke hoch und legte wieder die Arme um mich.
„Red weiter“, forderte er mich auf. Also redete ich. Und Vellu hörte zu. Er war einfach nur da für mich, stellte keine blöden Fragen und würgte mich nicht ab.
Die Sonne ging schon auf, als er endlich beschloss, nach Hause zu fahren. Ich brachte hin zur Tür.
„Danke, für alles, Vellu.“
„Gern geschehen.“ Er küsste mich auf die Stirn und wollte gehen. „Noch was, Hanna.“
„Ja?“
„Jussi ist ein toller Typ. Er würde sich gut um dich kümmern. Bis dann.“
„Bis dann“, murmelte ich. Von Jussi hatte ich kein Wort geredet. Sein Name war nicht einmal gefallen. Verwirrt schloss ich die Tür und schlich mich in mein Zimmer, um Axu nicht zu wecken. Wieso hatte Vellu das gesagt? Warum war er so verdammt unberechenbar?


Tarja rief erst gegen abend an. Sie meinte, sie hätte die Zeit vergessen.
Ja. Klar.
„Und, was habt ihr gemacht?“, fragte ich.
„Eigentlich waren wir die ganze Nacht im Hotel, haben uns was vom Zimmerservice kommen lassen, komische Filme geguckt und geredet.“ Sie stockte. „Es war...okay.“
„Okay?“, rief ich erschrocken.
„Ja...weißt du...“ Tarja hielt schon wieder inne. „Ich musste die ganze Zeit an jemand anderen denken.“
Ich kniff die Augen zusammen. Bitte nicht Axu, bitte nicht Axu, bitte nicht Axu...
„An Axu.“
Ich atmete hörbar aus.
„Tarja, du weißt, dass das nicht unbedingt so sein sollte, oder?“
„Ja“, machte sie zerknirscht.
„Na ja, wart erst mal ab. Ich meine, du und Björn seid jetzt seit zwei Jahren zusammen und Axu kennst du nicht mal zwei Wochen. Er ist halt irgendwie...neu. Verstehst du?“
„Du hast vielleicht Recht. Ich lass das alles mal auf mich zukommen.“
„Genau. Übrigens, ich hab aus sicherer Quelle erfahren, dass Jussi ein guter Freund wäre.“
„Von wem?“
„Vellu“, grinste ich. Tarja sagte nichts. Ich konnte mir ihr Gesicht richtig gut vorstellen.
„Tarja?“
„Ja, ja, ich war nur irgendwie...überrascht. Wie kommt der denn darauf?“
„Kein Ahnung. Er hat es heute morgen gesagt, als er nach Hause gefahren ist.“
„WAS? Hanna, jetzt mal bitte der Reihe nach.“
Ich fasste alles kurz für sie zusammen, angefangen vom Hotel bis heute morgen, wie Vellu sich auf höchst merkwürdige Weise verabschiedet hatte.
„Man, seufzte Tarja, als ich fertig war. „Der Typ ist echt voll seltsam.“
„Wem sagst du das. Aber er ist total lieb. Dass hätte ich nicht gedacht.“
„Ich auch nicht...aber bei mir kriegt er ja auch so gut wie nie das Maul auf.“
„Bei mir bis gestern auch nicht. Nur, um was gemeines zu sagen.“
„Ja, du hast ihn ja auch nie provoziert, oder so“, sagte Tarja sarkastisch. Ich lachte.
„Ach, das war doch alles nie ernst gemeint. Aber gestern war echt heftig. Er war so aufmerksam und...süß. Kein Plan, was da los war.“
Tarja seufzte tief.
„Tarja, ich glaub ich weiß, was da los war.“


„Hanna! Steh auf!“
Mein Bruder riss mir die Decke weg und ich rollte mich blitzartig zusammen.
„Was?“, maulte ich.
„Es ist Freitag, das Training fängt in einer halben Stunde an.“
Ich riss meine Augen auf.
Tommy!
Energiegeladen sprang ich auf, rutschte aus, packte mich auf’s Maul, stand wieder auf und stürmte dann ins Bad. In Windeseile machte ich mich fertig und rannte in die Küche, wo Axu seelenruhig ein Brötchen verspeiste.
„Los, ich bin fertig!“, rief ich und sprang auf und ab.
„Erst frühstücken“, kaute Axu.
„Nein, ich kann da was essen. Komm schon.“
„Ich fahr nirgendwo mit dir hin, ehe du nicht gefrühstückt hast.“
Ich streckte ihm die Zunge raus und setzte mich dann widerwillig hin.
„Is ja gut, Dad“, witzelte ich und würgte schnell ein Brötchen und ein Glas O-Saft runter. Dann erklärte Axu sich endlich bereit, loszufahren. Es dauerte nicht lange, bis wir an der Schanze waren. Axu und ich gingen zum Container der Jungs und trafen bereits auf Vellu, Jussi und Matti, die schon in ihren Anzügen da saßen und sich die Schuhe banden.
„Morgen“, begrüßte ich sie, während Axu sich umziehen ging.
„Hey“, war die einzige Antwort die ich bekam und sie stammte von Jussi. Die anderen beiden sahen mich nur aus müden Augen an.
„Soll ich euch vielleicht was holen? Kaffee? Cola? Speed?”
“N Kaffee wär gut”, murmelte Matti. Die anderen nickte zustimmend, also zog ich los um Kaffee, Tommy und/oder Tarja aufzutreiben, die heute morgen mit Björn gekommen war. Den Kaffe fand ich als erstes beim Catering-Zelt, oder wie man das nennen konnte. Ich brachte ihn zu den Jungs und zog dann wieder los.
„Wenn ich die amerikanische Skisprungmannschaft wäre“, murmelte ich auf Englisch. „Wo würde ich mein Lager hinstellen.“
„Dem Essen am nächsten.“
Ich drehte mich um und stand vor Tommy, der mich breit angrinste.
„Stimmt, ich hätte es wissen müssen.“
„Komm her, Baby.“ Er nahm mich in die Arme und ich drückte mich an ihn.
„Scheiße, hab ich dich vermisst.“
„Geht mir genauso.“, meinte ich. „Eigentlich seltsam, wir waren schon öfter länger als zwei Wochen getrennt.“
„Aber nicht so. Du kommst ja nicht wieder.“
Wir lösten uns voneinander und ich sah ihn ernst an.
„Das ist nicht gesagt. Alles ist möglich, Tee.“
„Mein Gott, das war ja so...“
„...kitschig, ich weiß, tut mir leid.“
„Ich muss jetzt zum Training. Sehen wir uns später?“
„Du kannst Fragen stellen.“
„Bis später“, grinste Tommy. Er gab mir einen Kuss auf die Wange und begab sich dann hoch zur Schanze. Ich ging zurück zum Container, wo ich auf Janne stieß.
„Hey, wie geht’s dir?“, fragte ich ihn.
„Mies.“
„Warum?“
„Kaum geschlafen.“ Er gähnte ausgiebig. „Sind die anderen schon da?“
„Ja. He, denk dran, du hattest den weitesten Trainingssprung trotz einem Alkoholspiegel, der jenseits Gut und Böse lag. Du schaffst das.“
Janne nickte nur lächelnd und schleppte sich in den Container. Na, das konnte ja ein Tag werden.


„Ich fass es nicht! Der Junge kann nicht mal geradeaus gehen, geschweige denn seine Augen aufhalten und bricht den Schanzenrekord!“
Jussi stapfte kopfschüttelnd auf mich zu und ließ sich neben mich auf den Boden fallen.
„Eine erfolgreicher Tag für Janne, was?“
„Der hat doch irgendwas genommen.“
„Hab ich nicht“, verteidigte Janne sich, der jetzt mit Vellu und Matti dazu kam. Er setzte sich vor mich und beugte sich zu mir. „Aber unter uns, du hättest mich sehen sollen. Wuuuusch!“
Ich lachte, während die anderen drei ihn böse ansahen.
„Aber es war ja erst Training“, meinte Vellu gelassen. „Im ersten Durchgang machen wir dich alle.“
„Hey!“ Tommy kam winkend auf uns zu. Ich strahlte ihn an, doch er richtete seine Aufmerksamkeit zuerst auf Janne. „He, du hast dich gerade den Rekord eingestellt, oder? War ein Wahnsinnssprung. Alle reden davon.“
„Danke.“ Janne grinste stolz, ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen und Jussi, Vellu und Matti standen genervt stöhnend auf.
„Wir sehen uns später“, sagte Jussi, küsste mich schnell auf die Wange und ging mit den anderen rein.
„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du einen Freund hast.“
„Hab ich nicht“, erwiederte ich. „Wir sind nur Freunde.“
„Sicher“, spottete Janne. „Es sind schon Wetten abgeschlossen, wann da endlich was läuft. Obwohl es auch Wetten auf Vellu gibt. Aber ich persönlich glaub, dass Jussi das rennen macht...“
„Janne!“, rief ich entsetzt. „Das ist doch jetzt ein schlechter Witz, oder?“
„Nein, aber Jussi und Vellu haben keine Ahnung. Das wissen nur Axu, Matti, ich, Tommi und Tarja, aber die fand das ganze nicht so toll...Sie hat übrigens auf Vellu gesetzt.“
Ich starrte ihn mit offenem Mund an.
„Habt ihr denn komplett den Verstand verloren? Seid ihr denn jetzt alle wahnsinnig?“ Ich stand auf und rannte los. „TARJA!“
Ich fand sie natürlich bei den Norwegern. Ich schob mich an einem Typen vorbei, der aussah, als hätte er schon verdammt lange im Wasser gelegen, nachdem man ihn umgebracht hatte und packte Tarja am Arm.
„Ich muss mit dir reden.“
„Jetzt?“
„Hm...nein, das hat Zeit. Sag mir, wann du kannst, ich geh solange noch ein paar Wetten abschließen.“
Tarjas Augen wurden groß.
„Oh oh.“
„Ganz genau.“ Ich schleppte sie in eine halbwegs ruhige Ecke und sah sie eindringlich an.
„Wieso hast du mir das nicht erzählt? Ich hätte mich beteiligt und...ach, egal. Wieso hast du mir das nicht erzählt?“
„Ich wusste nicht wie. Das war irgendwie blöd zu erklären.“
„Stimmt, das wäre wirklich irgendwie kompliziert gewesen. Warte, wie wär’s mit: Hey Hanna, weißt du was, die schließen Wetten darauf ab, mit wem zuerst was läuft. Ich finde, du solltest das wissen.“
Tarja rollte mit den Augen.
„Oh ja, noch feinfühliger geht’s ja echt nicht mehr.“
„Sorry, ich bin nur stinksauer. Wer hat sich das ausgedacht?“
„Keine Ahnung, ich wette, die sind da irgendwie aus einer Laune heraus drauf gekommen. Es tut mir leid, Hanna.“
„Schon gut.“ Ich grinste. „Warum hast du auf Vellu gesetzt?“
„Kein Plan“, meinte Tarja schulterzuckend. „Ich finde, ihr wärt irgendwie ein süßes Paar. Übrigens, wer hat uns denn auffliegen lassen?“
„Janne, das Plappermaul. Ach du Scheiße! Ich muss wieder los, ich hab Tommy bei dem Spinner gelassen! Bis später.“ Ich rannte zurück und fand Tommy vor, der seelenruhig zwischen Janne und Axu saß und sich bestens zu unterhalten schien. Ich blieb vor ihnen stehen und sah Axu an.
„Hallo, Brüderchen“, sagte ich scharf. „Wie laufen die Geschäfte?“
Er lief knallrot an und hielt sich schützend die Arme über den Kopf.
„Es tut mir so leid, es war nur aus einer Schnapsidee heraus, es ist mir völlig egal, mit wem du wann was startest, Hauptsache, es ist keiner, den ich irgendwann mal verprügeln muss, weil er meiner kleinen Schwester weh getan hat.“
„Na gut, es sei dir verziehen“, lächelte ich. Janne sprang auf und legte einen Arm um mich.
„Mir tut es natürlich auch leid“, beteuerte er.
„Ja, ja schon gut.“ Ich sah Tommy an, der still vor sich hin grinste. „Was ist?“
„Das ist so typisch für dich, du dominantes Weib“, zog er mich auf. „Du lässt sie schwitzen, dabei kannst du ihnen gar nicht böse sein.“
„Na und?“ Ich grinste fies. „Ich finde, sie haben’s verdient.“



Abends saßen wir in einer Kneipe und ließen den Tag ausklingen. Janne trank am meisten, er hatte das Springen heute gewonnen und war so richtig in feucht-fröhlicher Stimmung. Den anderen war das mittlerweile egal und sie tranken auch nicht zu knapp. Tommy konnte leider nicht mitkommen, sein Trainer wollte, dass sie morgen alle fit waren.
Irgendwann ging die Tür auf und ein paar Leute kamen rein. Ich sah auf und bekam fast einen Schlag. Es war die komplette norwegische Mannschaft...inklusive Tarja. Auch sie entdeckte mich und erschrak. Ich wies ihr mit ein paar Handbewegungen sich bloß in eine andere Ecke zu verziehen, also schnappte sie sich Björn und zog ihn außer Sichtweite.
„Was hast du denn für Störungen?“, fragte Matti mich.
„Nichts, mir geht’s bestens“, meinte ich und trank mit unschuldigem Blick mein Bier.
„Aha.“
„Ich geh mal kurz auf Toilette“, entschuldigte ich mich fünf Minuten später, stand auf und ging in die Richtung, in die Tarja und Björn verschwunden waren.
„Hey, Miss Orientierungssinn“, rief Axu mir hinterher. „Zum Klo geht’s in die andere Richtung.“
„Äh...ja...sicher...ich...mach vorher nur n Spaziergang.“
„Warte, ich komm mit“, meinte Jussi und folgte mir. Wir gingen vor die Kneipe und setzten uns auf eine Bank gegenüber.
„Doch kein Spaziergang?“, fragte Jussi.
„Nein, nur etwas frische Luft“, antwortete ich und sah in die Fenster. In einem konnte ich die norwegische Mannschaft sehen. Und Tarja. Panisch sah ich zu Jussi, der aber in eine völlig andere Richtung sah. Na toll. Wie sollte das bloß enden?
„Hey“, meinte Jussi plötzlich. „Ist das nicht Tarja?“ Er sah mich fragend an.
„Nein, du musst dich geirrt haben“, sagte ich schnell und schielte ins Fenster. In den Moment entdeckte Tarja uns und ging sofort auf Tauchstation.
„Doch da...“ Jussi stockte und runzelte verwirrt die Stirn. „Also, ich hätte schwören können...“
„Ist doch egal“, meinte ich erleichtert.
„Ja, du hast wohl Recht. Aber das Mädchen sah wirklich genau so aus.“
„So ein Zufall“, lachte ich und hoffte, das Tarja nicht wieder auftauchen würde. Doch genau das tat sie.
„Da!“, rief Jussi. „Da ist sie wieder!“
„Quatsch“, erwiederte ich und drehte meinen Kopf zu ihm.
„Klar ist sie das“, entgegnete er und schaute wieder zum Fenster. Tarja war jetzt aufgestanden und ging in Richtung Toilette.
„Ach, das ist doch nicht Tarja.“
„Natürlich ist das Tarja, das...“
Weiter kam er nicht, denn ich hatte wieder seinen Kopf zu mir gedreht und küsste ihn kurz auf die Lippen. Jussi sah mich verwirrt an.
„Tut mir leid“, murmelte ich. „Aber jetzt muss ich wirklich auf’s Klo.“
Ich ließ ihn einfach da sitzen, stürmte wieder in die Kneipe, an den Jungs vorbei, die alle recht perplex aus der Wäsche guckten auf die Toilette, wo ich Tarja fand. Ich zog sie schnell um die Ecke.
„Was macht ihr denn hier?“
„Die Jungs meinten, der Laden wäre gut“, erklärte Tarja. „Is er ja anscheinend auch.“
„Sicher, man hast du mal hier n Caipirinha getrunken, ich sag dir, wunderv...aber egal. Wir müssen dich irgendwie hier wegbekommen. Sag Björn, die geht’s schlecht.“
„Und wie soll ich ihm das erklären?“
„Alter, hast du mal den Nudelsalat beim Springen gesehen? Da erklärt sich das von selbst.“
Tarja grinste, dann wurde sie wieder ernst.
„Da ist noch was. Es geht um deinen Bruder. Ich glaube, das ist mehr als nur eine Schwärmerei, ich...Warte, da kommt wer.“
Tatsächlich ging die Tür auf und jemand kam herein, sagte aber nichts. Stattdessen hörte es sich so an, als wären da zwei heftigst am Knutschen. Ich lugte um die Ecke und fiel beinahe tot um. Die beiden Knutschenden waren Björn und so eine blonde Tussi. Jetzt schaute auch Tarja um die Ecke. Ihre Augen wurden schmal.
„Na warte“, brummelte sie und trat hervor. Sie räusperte sich und Björn und die Tussi fuhren auseinander.
„Tarja“, stellte er intelligenterweise fest.
„Ja. Und wer ist das?“
„Keine Ahnung, die hab ich nie vorher gesehen.“
„Ach, was für ein Zufall“, meinte Tarja. „Mich wirst du nie wieder sehen. Ist das nicht witzig?“
„Tarja“, begann er, doch sie würgte ihn ab.
„Nein, mein Lieber. Ich bin fertig mit dir. Du kannst mir nicht mal treu bleiben, wenn ich 20 Meter von dir entfernt bin, wie soll das bitte funktionieren, wenn ne Staatsgrenze zwischen uns liegt? Nein, nein, es ist besser so.“
Damit stürmte sie aus der Toilette und ich hinterher. Wir rannten am Tisch der Jungs vorbei, und ich schnappte nur ein leises:
„Ich wusste, dass ich sie gesehen hab“, von Jussi auf, im nächsten Moment stand ich schon vor der Tür.
„Wie konnte er das tun?“, rief Tarja, der jetzt doch die Tränen in den Augen standen.
„Komm her“, murmelte ich und nahm sie in die Arme.
„Tarja?“, kam es zaghaft von der Tür. „Was ist denn passiert?“
Ich schaute Axu an, der besorgt auf Tarja blickte.
„Sie hat gerade erfahren, dass ihr Freund sie betrogen hat“, erklärte ich. „Deswegen ist sie hergekommen um mit mir zu reden. Aber es geht ihr doch ganz schön nahe.“
Ich konnte nicht fassen, dass ich meinem Bruder einfach ins Gesicht log. Aber es war an Tarja, es ihm zu erzählen, wenn sie e wollte.
„Tut mir leid“, murmelte Axu. „Soll ich dich nach Hause bringen?“
Tarja nickte nur. Er legte einen Arm um sie und sie zogen los. Nach ein paar Metern schaute sie nochmal zurück und grinste schwach. Dieses Weib hatte echt verboten viel Glück.
Kopfschüttelnd ging ich zurück in die Kneipe und setzte mich wieder neben Jussi. Alle sahen mich neugierig an, sagten aber nichts. Fünf Minuten hielt ich das aus, dann erzählte ich ihnen das gleich, was ich Axu erzählt hatte und sie gaben sich damit zufrieden.
„Und er bringt sie jetzt heim, oder was?“, fragte Vellu. Ich nickte.
„Willsu dass ich dich nacher fahre?“, nuschelte Janne, der kaum den Kopf von der Tischplatte hoch bekam.
„Nein danke, lass mal stecken“, wehrte ich ab. „Ich geh mit Vellu, der wohnt eh bei uns in der Nähe.“
Janne zuckte nur gleichmütig die Schultern und legte seinen Kopf wieder ab, der mächtig schwer zu sein schien.
„Oi, ich frag mich, wie der morgen springen will. Ich wette, der rollt die Schanze runter und knallt wie’n nasser Sack auf den Boden.“
„Hey Jussi“, meinte Matti. “Wir sollten unseren kleinen Säufer nach Hause bringen.“
„Hast recht“, stimmte Jussi zu.
„Wollen wir auch gehen?“, fragte Vellu. Ich nickte nur und wir machten uns alle auf den Weg. Jussi und Matti beschlossen, Janne besser im Taxi nach Hause zu transportieren, also verabschiedeten wir uns schon vor der Kneipe.
Vellu und ich schlenderten gemütlich durch die Straßen und redeten mal wieder nicht besonders viel.
„Jetzt aber mal raus damit“, meinte Vellu plötzlich.
„Womit?“, fragte ich ahnungslos.
„Mit der Wahrheit.“
„Du sprichst in Rätseln.“
„Okay, dann erklär ich’s dir. Also, du und Tarja seid beide beim Hotel in der Stadt, aber nur du fährst wieder nach Hause. Dann kriegen wir Tarja zwei Tage nicht zu Gesicht, weil sie angeblich Hausarrest hat. Und heute stürmt ihr beiden plötzlich aus der Toilette, aber man hat nur dich reingehen sehen. Komm schon, da ist doch was oberfaul.“
Ich musste lachen. Der Junge war verdammt gut.
„Hör zu, damit misst du dich an Tarja wenden, dass ist ganz allein ihre Sache. Ich bin nur Mitwisser.“
„Och, bitte sag’s mir“, maulte Vellu und sah mich mit einem Hundeblick an.
„Nein, ich kann nicht.“
„Ich hätte nie gedacht, dass du Plappermaul ein Geheimnis so gut bewahren kannst.“
„Ich stecke halt voller Überraschungen“, witzelte ich. Vellu lächelte nur und wir gingen stumm weiter. Irgendwann sah er mich von der Seite an, sagte aber nichts.
„Was?“, fragte ich verwirrt.
„Kann ich dich mal was fragen?“
„Versuch’s mal.“
„Ist da was zwischen dir und Jussi?“
Ich seufzte tief.
„Keine Ahnung. Also, er sieht echt gut aus und alles...aber ich kenn nur eine Seite an ihm, weißt du? Ich hab ihn noch nie anders erlebt. Was, wenn seine anderen Seiten nicht zum Aushalten sind? Oder noch schlimmer, wenn er keine anderen Seiten hat?“
„Ach so.“
„Bei dir ist das was anderes. Ich glaube zwar, dass du noch viel mehr Seiten hast, als die , die ich kenne, aber ich kenne eben schon einige, verstehst du?“
„Ich hoffe“, meinte Vellu grinsend.
„Wie dem auch sei, ich kenn Jussi halt nicht so gut, wie ich vielleicht sollte, damit daraus was ernstes werden kann.“
„Aha. Hanna?“
„Ja?“
„Ein einfaches ‚Nein’ hätte es auch getan.“
Ich musste wieder lachen.
„Bei dir vielleicht. Aber so einfach ist das nicht immer. Es gibt nicht immer nur ja oder nein.“
„Ich weiß. Manchmal ist eine Sache viel komplizierter.“
Ich schaute Vellu an und lächelte. Er streckte seine Hand aus und strich mir kurz über die Wange.
„Ja“, seufzte ich. „Viel komplizierter.“

° Tarja °

Schweigend saßen Axu und ich im Auto, ich war ihm dankbar, dass er nicht weiter nach fragte.
Ich war mit den Nerven völlig am Ende.
Dauernd hatte ich das Bild von Björn wie er diese Schlampe küsste vor den Augen.
Irgendwann fingen dann die Tränen von ganz alleine an zu kullern.
Es gab nichts was ich dagegen tun konnte, allein der Gedanke daran, dass unsere Beziehung am Ende war ließ mich aufschluchzen.
Axu sah mich besorgt von der Seite an, sagte aber immer noch nichts.
Er streichelte nur immer wieder mit seiner rechten Hand beruhigend über mein Knie.
Aber nicht einmal das konnte mich im Moment beruhigen.
„Es… es tut mir leid, das du schon früher weg musstest.“
Ich wischte mir immer wieder übers Gesicht und versuchte verzweifelt die Tränen zu unterdrücken.
„Es muss dir nichts leid tun.“ Er stockte kurz.
„Dem Typen muss es leid tun. Ich kann es nicht verstehen, was muss man für ein Arschloch sein, jemanden wie dich zu betrügen?“
Er redete sich immer mehr in Rage und ich bekam einen immer heftigeren Heulkrampf.
„Axu“ unterbrach ich ihn, doch er redete immer weiter.
„Axu!“ ich unterdrückte ein schluchzen und Axu hielt vor meinem Haus und hielt endlich den Mund.
„Es war Björn.“
Er sah mich fragend an.
„Was war Björn?“
„Er….er war das Arsch.“ Axus Augen weiteten sich.
„Du meinst?“ Unter Tränen nickte ich.
„Zwei Jahre. Zwei verdammte Jahre und das Arsch betrügt mich mit ner scheiß Blondine auf nem Kneipenklo.“
Ich lachte, trotz der Tränen, verbittert auf.
„Es ist alles so scheiße. Er war meine erste große Liebe.“
Ich fing schon wieder an zu heulen.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm Axu mich in den Arm und streichelte mir über den Rücken.
„Du kannst nichts dafür Tarja. Er ist ein Idiot, wenn er nicht erkennt, was für eine wunderbare Person du bist und eure Beziehung für eine Affäre aufs Spiel setzt.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Soll ich dich hochbringen?“
Ich nickte schwach und Axu stieg aus, lief ums Auto rum und öffnete die Beifahrertür.
Er war so verdammt lieb zu mir und fragte nicht einmal nach, warum ich ihn belogen hatte.
Sobald wir in meinem Zimmer standen und ich auf die Bilder starrte, fing ich wieder an zu weinen.
Axu stand hilflos in der Tür, als ich die Bilder abriss, zerriss und dann vom Balkon schmiss.
Ich war wütend, enttäuscht und unendlich traurig zugleich.
Scheiß Mischung.
Ich ließ mich einfach auf den Boden fallen und vergrub meinen Kopf in den Händen.
„Tust du mir einen Gefallen Axu?“
Er kniete sich vor mich und wischte mir mit dem Daumen ein paar Tränen aus dem Gesicht.
„Alles was du willst.“
„Seht bloß zu, dass ihr Björn morgen beim Springen in den Arsch tretet.“


„Du gehst zum Springen, da gibt es gar keine Diskussion.“
Hanna stand, mit verschränkten Händen, vor meinem Bett und war gerade dabei mir die Bettdecke wegzuziehen.
„Und wenn ich nicht will?“
Sie zuckte mit den Schultern und schmiss mir ein paar Klamotten hin.
„Das gibt’s nicht. Ich bin im Auftrag von: Jussi, Vellu, Matti, Janne, Tommy und ganz besonders Axu hier. Ich soll dich zur Schanze bringen, egal wie. Und wenn ich dir dazu eine Spur aus Schnäpsen legen muss, is’n Zitat von Janne, also?!“

40 Minuten später saßen wir im Finnischen Container und warteten auf unsere Jungs.
Der erste Durchgang war gerade zu Ende und sie hatten es alle geschafft in den zweiten Durchgang zu kommen.
„Na Vellu, wer hat wen Fertig gemacht?“ Janne lag anscheinen schon wieder vorne.
„Tarja!“
Janne und Matti kamen sofort, nachdem sie mich gesehen hatten, angerannt.
„Wie geht es dir?“ Fragte Matti besorgt, während er mich umarmte.
„Ganz gut. Ich möchte nicht darüber reden.“
Sofort nickten die beiden so Verständnis voll, dass es mich schon fast wieder zum lächeln brachte.
Aber so lieb sich die Jungs auch um mich kümmerten, irgendwie fühlte ich mich trotzdem komisch.
Es fehlte irgendetwas, vielleicht das Gefühl vergeben zu sein.
Es war einfach ein Gefühl der Leere.
Ich musste schon wieder sehr traurig ausgesehen haben, denn Janne legte einen Arm um mich und drückte mich in Richtung Tür.
„Kommt lasst und zurückgehen. Da hinten war nen Getränkestand. Vielleicht bekommen wir ja da was anständiges, nicht Tarja?“
„Ich kapiere es immer noch nicht.“ murmelte Vellu hinter uns. „Seine Leber muss einer Minibar gleichen.“
„Nein,“ verbesserte ihn Jussi. „Sie muss im Akkord arbeiten.“
„Vielleicht hat er zwei!?“ schlug Matti vor.


Der Junge hatte es tatsächlich geschafft.
Janne war auf dem ersten Platz gelandet.
Alle anderen hatten es immer hin unter die ersten 15 geschafft, auch Tommy.
Jetzt saßen wir alle auf irgendeiner Wiese und aßen.
Während Axu schon wieder einen Arm um mich gelegt hatte, war Hanna wohl ziemlich hin und her gerissen zwischen Vellu und Jussi.
Sie saß zwischen den beiden und ließ sich abwechselnd von beiden füttern, und anscheinend hatten alle drei großen Spaß dabei.
„Tarja?“ Björn und das halbe norwegische Team stand vor uns.
„Hau ab Björn, ich hab dir nichts mehr zu sagen.“
Die Jungs sahen verständnislos zwischen und hin und her, da wir uns auf Norwegisch unterhielten.
„Bitte können wir nicht noch einmal darüber reden?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Da gibt es nichts mehr zu reden. Und vielleicht war es ganz gut so. So muss ich immerhin nicht mehr meine Beziehung zu Axu vor dir verstecken.“
Sofort sah Björn wütend zu Axu, der wiederum mich fragend ansah.
Ohne ihm eine Antwort zu geben, küsste ich ihn und sah dann triumphierend zu Björn.
Dieser sah so aus, als ob er Axu am liebsten erwürgen wollte und die anderen waren anscheinend noch damit beschäftigt, alles zu verstehen.
„Wie lange?“
„6 Monate. Wir haben uns im Februar bei einem Springen kennen gelernt.“
„Ich hasse dich.“ Dann sah er hasserfüllt zu Axu, der mittlerweile gar nichts mehr peilte.
„Und dich auch! Wenn der mir irgendwann mal alleine über den Weg läuft, dann“
„Komm lass gut sein!“ Einer von Björn Teamkollegen legte ihm eine Hand auf die Schulter und zog ihn von uns weg.
„Ich bin noch nicht fertig mit dir!“ Schrie er mich böse an.
„Was war das denn?“ frage Jussi, der zuerst seine Stimme wieder gefunden hatte.
„Und warum zum Teufel, hast du Axu geküsst?“ kam es empört von Janne.
„Und, verdammt, was war das für `ne Sprache?“


° Hanna°


Mir kamen fast die Tränen. Ich war ja so stolz auf Tarja! Sie hatte es dem Kerl richtig gegeben.
Nicht, dass ich irgendetwas verstanden hätte, aber ich war mir sicher, sie hatte es dem Kerl richtig gegeben.
Als ich mich umsah war ich kurz davor loszubrüllen. Axu starrte Tarja total perplex an, aber irgendwie sah er aus, als wollte er sie sofort nochmal küssen. Mattis Kinnlade hing fast in seinem Essen, Janne plapperte leise vor sich hin und versuchte, die Sprache zu rekonstruieren, die Tarja und Björn gesprochen hatte, schien aber nicht den gewünschten Erfolg zu erzielen, Jussi schüttelte ungläubig den Kopf und murmelte die ganze Zeit etwas von wegen, er hätte es gestern nicht so übertreiben sollen, er bekäme dann immer Wahnvorstellungen und Vellu kaute seelenruhig weiter, als wäre nie etwas passiert.
Plötzlich fiel mir etwas ein.
„Axu?“
„Hm?“
„Du bist doch in Norwegen geboren, hast du die beiden gerade verstanden?“
Tarja sah mich geschockt an, während Axu nur grinste.
„Ja, schon ein bisschen.“
„Oi“, machte Tarja und lief knallrot an. Dann sprang sie auf und lief davon.
„Tarja, warte!“, rief Axu ihr hinterher und folgte ihr.
„Das war das seltsamste, was heute passiert ist“, murmelte Jussi. „Gleich nach Jannes Sprung.“
„Also den Sprung fand ich gar nicht seltsam“, meinte Matti. „Seltsam fand ich, dass er auf dem Balken kurz eingepennt ist, bevor er gesprungen ist.“
Wir alle sahen Janne kurz an, der anscheinend kaum was mitbekommen hatte. Doch plötzlich hob er den Kopf und sah fragend in die Runde.
„Also, entweder haben Tarja und dieser Björn sich gerade richtig gestritten, oder das war die aggressivste Hühnchen süß/sauer Bestellung, die ich je gehört habe.“
Ich seufzte tief.
„Janne, halt die Klappe und iss.“


„Also, ich hab mich noch nie so mit einer Ex gestritten.“
Tommy, Vellu und ich lagen nebeneinander bei Jussi im Garten und diskutierten immer noch über Tarjas und Björns kleine Auseinandersetzung. Tarja und Axu saßen auf der Bank und er tröstete sie, was das Zeug hielt. Sie war total aufgebracht und fiel während sie redete immer wieder ins Norwegische, deswegen war er der einzige, der mit ihr reden konnte ohne dazusitzen wie Bahnhof Endstation. Jussi, Matti und Janne hatten es sich mit einem Videospiel vor der PlayStation gemütlich gemacht.
„Ich auch nicht“, meinte Vellu. Tommy und ich sahen ihn an.
„Das hätte mich jetzt auch etwas überrascht, mein Lieber“, zog ich ihn auf.
„Wenn du wüsstest“, gab Vellu zurück. „Ich neige stark zu emotionalen Ausbrüchen.“
„Sag bloß“, grinste Tommy.
„Lass die nichts erzählen, Tee. Der Typ ist kalt wie Eis.“
„Was, du glaubst, ich könnte nichts spontanes machen?“ Vellu rollte sich über mich und stützen sich mit den Händen neben meinem Kopf ab.
„Nie und nimmer“, erwiederte ich überzeugt.
„Wie du willst.“ Er beugte sich runter und plötzlich küsste er mich.
„Hey!“, rief Tommy. Vellu sah ihn an.
„Tut mir leid, bist du ihr Bruder?“
„Nein, aber der ist auch gerade verhindert.“ Tommy zeigte zu Axu und Tarja. Er hatte sie nah an sich rangezogen und hielt sie beschützend im Arm. Die Zeit, die Tommy und Vellu zu den beiden sahen nutzte ich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Der Kuss war zwar kurz gewesen, aber...wow!
„und war das spontan?“, fragte Vellu, der immer noch über mich gebeugt war.
„Schon“, meinte ich. „Aber noch spontaner wäre es gewesen, wenn du Tommy geküsst hättest.“
Vellu und Tommy sahen sich entsetzt an und ich hielt mir den Bauch vor Lachen.
„Jetzt kriegt euch mal wieder ein“, lachte ich und stand auf, wobei ich Vellu unsanft umwarf. „Ich geh mal rein, sagt Bescheid, wenn ihr wieder ansprechbar seid.“
Ich ging ins Haus, um die anderen zu suchen. Ich fand sie in Jussis Zimmer, Janne und Matti lieferten sich gerade ein virtuelles Autorennen, während Jussi unbeteiligt auf dem Sofa saß. Ich hockte mich neben ihn auf die Lehne.
„Hey Süße“, sagte er.
„Na, wie geht’s?“
„Ganz gut. Wollen wir uns bald mal was zu essen besorgen?“
„Gute Idee.“
Jussi legte seine Arme um meine Hüfte und zog mich auf seinen Schoß. Ich lehnte mich an ihn und sah auf den Bildschirm.
„Und was macht ihr gerade draußen?“
„Dies und das, Axu tröstet Tarja, Vellu küsst mich...“ Ich zuckte erschrocken zusammen, als sowohl Mattis als auch Jannes Auto gegen eine Mauer knallten.
„Er tut bitte was?“, fragte Janne nach. Ich musste grinsen.
„Er wollte mir nur beweisen, dass er spontan sein kann.“
„Ach, und ich dachte schon, er wollte dir beweisen, dass er nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist“, erwiederte Matti. Ich sah Jussi an, der ziemlich amüsiert über das ganze schien.
„Ihr kennt doch Vellu, der würde sich nie so unverschämt an Hanna ranmachen“, meinte er. „Er ist weder impulsiv noch sonderlich spontan.“
„Und trotzdem hat er mich geküsst“, dachte ich mir. Ich war mir fast sicher, dass unser lieber besonnener Vellu auch eine Seite hatte, die bis jetzt kaum einer gesehen hatte: Eine Seite, die von seinen Gefühlen beherrscht wurde. Und ich hoffte, dass er diese Seite bald selbst entdecken würde...Er war nämlich ein grandioser Küsser!


Wir entschlossen uns, alle bei Jussi und Matti zu übernachten. Irgendwie war da nie jemand zu Hause, außer den beiden. Also bestellten wir unser Abendessen, fuhren unsere Sachen holen, setzten dann Tommy am Hotel ab, er musste natürlich morgen wieder fit sein, und kamen fast zeitgleich mit dem Essen wieder zurück. Sogar Tarja blieb über Nacht, nachdem Axu sie ganz lieb angeguckt und irgendetwas auf Norwegisch gesagt hatte. Keine Ahnung was, aber die Neugier machte mich fertig.
Jetzt saßen wir alle auf der Terrasse und futterten was das Zeug hielt. Besonders Janne, der anscheinend wirklich eine wandelnde Lebensmittelvernichtungsmaschine war, spezialisiert auf Alkohol und Pizza. Wir konnte der da sein Fliegengewicht halten? Irgendwas machte ich da falsch.
„Und was war das jetzt heute morgen?“, fragte Matti irgendwann und sprach damit uns allen, außer Axu, der natürlich den vollen Durchblick hatte, aus der Seele.
Tarja seufzte und Axu legte wieder einen Arm um sie. Man, waren die süß!
„Ich war...zwei Jahre mit Björn zusammen!“
Stille. Bis ich in Gelächter ausbrach, weil die Gesichter der Jungs einfach zum Schießen waren. Selbst Tarja entfuhr ein kleines Lächeln.
„Er hat mich gestern betrogen“, fuhr sie fort. „Und heute wollte er nochmal mit mir reden, aber ich war zu sauer. Also hab ich ihm erzählt, ich wäre seit sechs Monaten mit Axu zusammen. Deswegen hab ich Axu auch geküsst.“
Wieder Schweigen. Wieder brach ich in Gelächter aus. Sogar Vellu Frost, Mr Ich-bin-die-Selbstbeherrschung-in-Person, schaute dämlich aus der Wäsche.
„Das ist auch eigentlich schon alles“, schloss Tarja.
„Also doch kein Hühnchen süß/sauer“, murmelte Janne. An dem Punkt war es vorbei. Ich lag unterm Tisch vor Lachen, ich bekam keine Luft mehr und mein Bauch tat unheimlich weh.
„Schnell, jemand muss einen Notarzt rufen“, bemerkte Vellu trocken, während er versuchte, mich wieder auf die Bank zu ziehen. Ich versuchte, mich zu beruhigen und setzte mich ganz brav neben Vellu. Doch dann schaute Janne Axu und Tarja total unsicher an und fragte:
„Ich seid aber net wirklich seit sechs Monaten zusammen, oder?“
Ich konnte nix dafür, ich musste wieder losgröhlen. Vellu sah Janne ausdruckslos an.
„Los, Janne“, sagte er todernst. „Geh da rüber und sei ein Baum.“
Jetzt lachten wirklich alle, auch Janne und ich war nicht mehr der einzige Depp. Ich lag auf Vellus Schoß und war absolut fertig mit der Welt. Er tätschelte leicht meinen Rücken. Er selbst blieb natürlich cool, nicht mal ein kleines Lächeln kam über seine Lippen.
Zehn Minuten später hatte man sich wieder allgemein beruhigt, doch ich lag trotzdem noch auf Vellus Schoß. Er hatte einen Arm auf meine angewinkelten Knie gelegt und unterhielt sich mit Matti und Janne. Ich hingegen lag nur ruhig da und sah ihn an. Irgendwann merkte ich, dass Tarja mich angrinste. Ich zuckte nur die Schultern und sie warf mir einen Ich-hab’s-doch-gewußt-Blick zu.
„Hey, schläft Hanna?“ Jussi beugte sich quer über den Tisch und ich winkte ihm lächelnd zu.
„Offensichtlich nicht“, meinte er. „Egal, ich geh jetzt rein, es ist nach drei, Leute.“
„Okay, schlaf schön“, sagte ich. Jussi kam um den Tisch herum und hockte sich so, dass er zwischen Tarjas Stuhl und der Bank, auf der ich lag, saß.
„Gute Nacht.“ Er küsste Tarja auf die Wange, dann beugte er sich zu mir, streichelte mir über den Kopf und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Ich komm mit rein“, kündigte Matti an und auch Janne ging mit rein. Janne schlief bei Matti mit im Zimmer, der Rest von uns im Wohnzimmer.
Schließlich saßen nur noch Axu, Tarja, Vellu und ich draußen. Tarja hing an Axus Schulter und war ununterbrochen am Gähnen.
„Also, ich schlag vor, wir gehen auch schlafen“, grinste Vellu nach einer Weile. Wir nickten alle zustimmend, auch wenn ich gerne noch etwas so liegen geblieben wäre.
Im Wohnzimmer lagen Matratzen und Jussi und Matti hatten uns reichlich Decken und Kissen zur Verfügung gestellt.
„Wozu brauchen die so viele Decken?“, fragte Tarja ungläubig, als wir alle auf den Matratzen lagen.
„Vielleicht haben die ein Gefangenenlager im Keller“, vermutete Axu. „Und die müssen heute Nacht auf dem harten, kalten Steinboden schlafen.“
„Wen sollen die denn hier gefangen halten?“, dachte ich laut nach.
„Norweger!“ Tarja grinste fies und rieb sich die Hände.
„Man, du kannst ja diabolisch sein“, lachte ich. Tarja sah mich nur mit unverändertem Gesichtsausdruck an.
„Ich weiß!“
Irgendwann entschlossen wir uns doch zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Ich hörte die ganze Zeit Vellu, der neben mir lag, gleichmäßig atmen und wünschte mich auf seinen Schoß zurück. Auch Tarja, die auf meiner anderen Seite lag, schien tief und fest zu schlafen.
Schließlich stand ich auf, schlich zur Terrassentür und schob sie leise auf und wieder zu. Ich setzte mich an den Rand des Pools, der vom Mondlicht beschienen wurde, und verfluchte diese kitschige Kulisse. Ich fragte mich, was mit mir los war. Zugegeben, Vellu war toll und alles, aber ich kannte ihn schließlich erst zwei Wochen. Genau wie Matti. Normalerweise glaubte ich weder an Liebe auf den ersten Blick, noch daran, dass man sich in so kurzer Zeit verlieben konnte. Vielleicht war es ja nur körperliche Anziehung.
„’Warum sitzt du hier so allein?’, fragte der Mond. Das Mädchen sah auf und zuckte mit den Schultern. ‚Ich weiß nicht weiter’, sagte sie. ‚Ich muss denken.’ ‚Glaubst du durch denken wird es besser?’, wollte der Mond nun wissen. ‚Probleme werden nicht durch denken gelöst. Sondern durch Handeln. Du musst mit jemandem reden.’ ‚Kann ich nicht mit dir reden?’ ‚Hey, ich bin nur der Mond’, antwortete der Mond und verschwand.“
Vellu setzte sich neben mich und ich sah ihn an.
„Was war das denn?“
„Das ist aus einem Buch, das ich in der Grundschule mal gelesen hab“, antwortete er.
„Und ich wette, du wolltest mir damit sagen, dass ich mit dir reden soll“, stellte ich fest.
„Nicht zwingend mit mir, aber mit irgendjemanden. Du siehst bedrückt aus. Ich kann Tarja wecken, wenn du willst.“
„Untersteh dich, als hätte die Arme nicht schon genug eigene Probleme.“
„Aber sie hat Axu, der ihr zuhört und sie versteht- jedenfalls, was die Sprache angeht. Und wen hast du?“
„Den Mond“, witzelte ich.
„Sehr komisch. Los jetzt, raus damit.“
„Ich kann nur nicht schlafen, das ist alles.“
„Geht es um Jussi?“
Ich lachte kurz auf.
„Nein, Vellu. Es geht nicht um Jussi. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich ein Problem hab.“
„Ach so“, machte er. „Aber wenn du eins hast, kann ich mich darauf verlassen, dass du mich dir helfen lässt?“
„Aber immer“, lächelte ich.
„Schön. Hey, soll ich noch mal was Spontanes machen?“
„Bitte, tu dir keinen Zwang an.“
Vellu legte seine Arme um mich und grinste.
„Entspann dich, Hanna.“ Er hielt mich fest und sprang mit mir in den eiskalten Pool. Als ich wieder auftauchte sah ich ihn mit offenem Mund an. Ich war total erschrocken. Dann holte ich tief Luft, doch Vellu hielt mir den Mund zu.
„Nicht schreien, du weckst die anderen auf.“
Ich schloss den Mund wieder und schüttelte mich. Es war wirklich erbärmlich kalt.
„Bist du denn jetzt total wahnsinnig?“, zischte ich.
„Tut mir leid, es ist einfach so über mich gekommen.“ Vellu strich mir die nassen Haare aus dem Gesicht und legt eine Hand an meine Wange. „Du bist ja eiskalt.“
„Oh man, woran kann denn das jetzt liegen?“, sagte ich sarkastisch.
„Du bist süß, wenn du dich aufregst“, lächelte Vellu, woraufhin ich ihn ungläubig anstarrte. Er kam einen Schritt näher du nahm mich in die Arme. Ich schaute auf. Vellu war zwar nicht so viel größer als ich, aber er stand so nah vor mir, dass ich ihm nur so in die Augen sehen konnte. Er lehnte seine Stirn gegen meine.
„Hey“, flüsterte er. „Soll ich noch mal was spontanes machen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten küsste er mich lange. Ich vergaß die Kälte und die anderen. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass der Mond uns beobachtete. Und das nur wegen Vellus blödem Zitat aus der Grundschule.
Schließlich lösten wir uns voneinander und ich sah ihn an.
„Ich glaube, jetzt hab ich ein Problem.“
Er nickte nur stumm, dann küsste er mich wieder. Wir standen eine Weile einfach nur da, das Wasser reichte uns an die Brust und mit der Zeit kam die Kälte wieder.
„Du zitterst“, stellte Vellu irgendwann fest.
„Kunststück, ich friere wie ein Elch.“
Er lächelte und wir kletterten endlich aus dem eisigen Poll. Vellu zog sein nasses Shirt aus, wrang seine Shorts und lief dann ins Haus um Handtücher zu holen. Er kam mit zwei eher kleineren Exemplaren, seinem T-Shirt und seinem zweiten Paar Boxers zurück.
„Tut mir leid, hab keine größeren gefunden“, entschuldigte er sich.
„Kein Problem.“ Wir trockneten uns schnell ab. Dann reichte mir Vellu sein trockenes Shirt.
„Für dich. Ich schau auch nicht hin.“ Damit drehte er sich um und ich wechselte schnell meine nassen Klamotten gegen sein T-Shirt. Nur meine Unterhose ließ ich trotz potentieller Blasenentzündungsgefahr an. So lang war das Shirt nun auch wieder nicht. Vellu bekam es irgendwie hin die nassen Shorts unter den trockenen auszuziehen.
„Du machst sowas öfter, oder?“, fragte ich verwundert.
„Gelegentlich“, erwiederte er grinsend. „Du hast ganz blaue Lippen“, stellte er fest. „Komm her.“ Er zog mich an sich und küsste mich wieder. Mir wurde zwar nicht wärmer, aber es half.
„Und was erzählen wir den anderen?“, murmelte ich. Vellu seufzte und strich mir zärtlich die Haare hinters Ohr.
„Hör zu, Hanna. Ich bin nicht so gut in diesem Freund/Freundin Ding. Ich finde, wir erzählen ihnen erst mal nichts. Wir sollten selbst erst rausfinden, was das zwischen uns ist. Daran hast du doch vorhin gedacht, oder? Was da zwischen uns ist.“
Ich schaute ihn überrascht an.
„Woher weißt du das?“
„Ich denke seit Tagen an nichts anderes. Am Anfang dachte ich, du wärst eine verwöhnte typisch amerikanische Zicke. Aber irgendwie hast du dich dann als ganz wunderbarer Mensch rausgestellt.“
Lächelnd gab ich Vellu einen Kuss.
„Das kann ich nur zurück geben. Nicht das mit der Zicke. Aber den Rest.“
“Ich hab dich wirklich gern, Hanna. Aber ich will nichts überstürzen. Ist das okay für dich?“
„Absolut“, lächelte ich. „Darf ich es Tarja erzählen?“
Vellu lachte leise.
„Klar. Wenn sie die Klappe halten kann.“
„Bestimmt.“
„Okay. Jetzt komm. Du frierst hier noch fest.“ Vellu küsste mich kurz und wir gingen Arm in Arm zurück ins Haus und legten uns wieder hin. Jeder auf seine eigenen Matratze, wie es sich für Freunde gehörte. Doch kurz bevor ich einschlief tastete ich nach Vellus Hand und hielt sie fest. Er drückte sanft meine Hand und ich schlief zufrieden ein.


„Hey, Schlafmütze, aufstehen!“
Tarja stand in kompletter Montur über mir und grinste mich an. Ich sah kurz zur Seite. Auch Vellu lag noch da, doch er war anscheinend schon wach.
„Wir sitzen schon fast alle draußen und frühstücken. Was ist mit euch zwei denn los?“
„Tarja, es gibt auch so etwas wie Langschläfer“, knurrte Vellu und zog sich die Decke über den Kopf. Tarja hockte sich hin.
„Bin ich eigentlich auch. Aber es ist zwei Uhr mittags. Jetzt steht schon auf.“ Sie wollte gerade gehen, da drehte sie sich noch mal um. „Hanna, sind deine Haare nass?“
„Nein, wieso sollten sie?“
„Schon gut.“ Tarja ging raus und Vellu und ich waren alleine im Wohnzimmer.
„Vellu?“, flüsterte ich.
„Hm?“
„Ich hatte einen ganz irren Traum.“
„Das war kein Traum, Hanna.“
„Oh. Okay. Aber, wenn das kein Traum war, wo sind dann unsere nassen Klamotten abgeblieben?“
Vellu schaute mich entsetzt an.
„Oh nein, wir haben sie nicht draußen vergessen“, murmelte ich erschrocken.
„Natürlich nicht“, lächelte Vellu. „Ich hab sie in die Handtücher gewickelt und in meinen Rucksack getan.“
Ich seufzte erleichtert.
„Man, du bist n Held.“
„Ich weiß“, lächelte Vellu. Er schaute kurz zur Tür, dann gab er mir einen schnellen Kuss. „Komm mit ins Bad.“
„Was?“
„Na, ich brauch mein Shirt wieder und ich kann mir nicht vorstellen, dass du hier halb nackt rumliegen möchtest.“
„Is’n Argument.“ Wir liefen schnell ins Bad und zogen uns an. Als wir gerade gehen wollten klopfte es plötzlich an der Tür. Vellu und ich sahen uns erschrocken an.
„Ja?“, rief er.
„Vellu?“, ertönte Tarjas Stimme von draußen. „Wo ist denn Hanna?“
Ich steckte mir schnell eine Zahnbürste in den Mund.
„Hier“, nuschelte ich.
„Seid ihr da zusammen drin?“, fragte Tarja ungläubig.
„Nein“, rief Vellu zurück. „Ich bin Hanna, ich hab nur meine Stimme verstellt.“
„Witzig, du Clown. Habt ihr euch zusammen angezogen?“
„Äh...nein“, antwortete ich, so spöttisch wie möglich.
„Aber ich hab euch doch erst vor fünf Minuten geweckt.“
Ich tat, als würde ich die Zahnbürste ausspülen und öffnete dann die Tür.
„Wir sind halt schnell“, grinste ich. Tarja blickte ungläubig von mir zu Vellu und wieder zurück.
„Ihr seid nicht nur schnell“, murmelte sie. „Ihr seid auch verdammt seltsam.“ Damit ging sie wieder. Ich zuckte nur mit den Schultern und drehte mich zu Vellu.
„Ich geh schon mal raus.“
„Okay. Hey, Hanna!”
Ich hielt im Gehen an und schaute ihn fragend an.
„Du hast was vergessen.“
„Und was?“
Er hielt mir triumphierend meinen Rucksack hin.
„Oh. Danke.“ Ich nahm ihn und wollte gehen.
„Hanna!“
„Was? Hab ich noch was vergessen?“
„Ja.“ Vellu beugte sich vor und küsste mich schnell auf die Lippen. Ich grinste ihn an.
„Darf ich jetzt gehen?“
„Bitte, bitte, nur zu.“
Ich schüttelte lachend den Kopf und ging zu den anderen . Und der behauptete ernsthaft, er wäre in sowas nicht gut.

° Tarja °

„Ihr seit was?“
„Z-U-A-M-M-E-N“
„Vellu und du?“ Ich erntete einen genervten Blick von Hanna
„Nein Tommy und Vellu haben endlich zueinander gefunden .Natürlich Vellu und ich, aber erzähl den anderen Bitte nichts davon!“
„Scheiße“ entfuhr es mir.
Hanna sah mich entsetzt an und war kurz davor mich in den Pool zu werfen.
Wir beide saßen draußen, während die Jungs teilweise vor dem Fernseher und Teilweise vor Jussis PlayStation saßen.
„Kannst du mir mal bitte erklären, was daran scheiße sein soll?“
Ich grinste sie an.
„Na, ich hab gerade eine Wette gewonnen, und kann noch nicht einmal damit angeben.“
Sie stöhnte auf.
“Ich dachte schon, du hast was gegen Vellu.“ „Nein.“ verneinte ich.
„Dann hätte ich auf Jussi gesetzt.“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie glücklich ich bin?“
Ich nickte. „Wäre ich auch wenn…“
Weiter kam ich nicht, da wir beide von hinten ins Wasser geschubst wurden.
„Nicht schon wieder!“ stöhnte Hanna auf, sobald wir prustend hoch kamen.

Sie sah böse zu Janne und Matti, die lachend am Rand standen.
Kurz darauf konnten wir beide wieder lachen, als Vellu und Jussi die beiden ins Wasser geschubst hatten und hinterher sprangen.
Nur Axu stand als einziger, schadenfroh vor sich hin grinsend, am Rand und weigerte sich auch ins Wasser zu kommen.

Zwei Stunden und zahllose Wasserschlachten später, saßen wir alle auf dem Rasen vor dem Haus.
Janne, Vellu, Hanna und ich hatten Klamotten von Jussi und Matti bekommen, da keiner von uns Bock hatte nach Hause zu eiern.
In der Zwischenzeit war auch Tommy wieder an Land gekommen, mit dem ich noch ein Hühnchen zu rupfen hatte.
„Was machen wir heute eigentlich noch?“ fragte Janne, der auf dem Rücken im Gras lag, und in den Himmel starrte.
„Keine Ahnung, was ihr macht. Aber ich und Tarja gehen nachher erst ins Kino, und danach lade ich sie zum Essen ein.“ Erklärte Tommy unsere Absichten und erntete kurz darauf ein paar fragende Blicke.
„Olla Tarja,“ staunte Janne. „Du läst auch nichts anbrennen, oder?“
„Vergiss es, Janne. Zwischen Tee und mir läuft nichts. Das ist rein freundschaftlich.“ klärte ich Janne und den Rest auf.
Tommy und ich sahen uns grinsend an und smilten dann zu Hanna rüber, die völlig durcheinander neben Vellu lag.
Stumm bewegte ich meine Lippen zu einem Danke.
Jetzt sah sie noch verwirrter auf und stand auf.
„Tarja, kommst du mal mit auf die Toilette?“ fragte sie im Vorbeigehen.
„Warum haben Frauen eigentlich immer das Bedürfnis gemeinsam auf die Toilette zu gehen?“ Matti sah uns Fragend an.
„Da ist doch nichts besonderes. Wir Jungs machen das doch auch nicht.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Lass es lieber Matti, du kapierst es eh nicht.“


„Warum geht ihr beide wirklich ins Kino?“ fragte Hanna, sobald die Toilettentür hinter uns geschlossen war.
„Bist du eifersüchtig?“ Ich sah sie lachend an.
„Nein!“ rief sie aus. „Ich will es nur wissen. Ich dachte, du stehst auf meinen Bruder.“
Ich nickte brav.
„Tu ich ja auch. Guck ihn dir an, er ist wirklich heiß!“
„Und warum gehst du dann mit Tee ins Kino?“ unterbrach sie mich.
„Er war mir noch etwas schuldig.
Hanna sah mich ungläubig an.
„Ihr kennt euch seit Zwei Tagen und er ist dir schon etwas schuldig?!“
Ich grinste verlegen. „Na ja nicht direkt. Wir hatten da noch eine Private neben Wette.“
„Ich hattet was?“ Rief Hanna laut und sah mich verdutzt an.
„Er meinte, dass du eher zu Jussi passt, und ich war für Vellu.“
Hannas Gesichtsausdruck wechselte von Verdutzt zu soll-ich-sauer-sein-oder-nicht.
„Du hast es ihm gesagt?“ Ich nickte.
“Hättest du doch auch oder?“
Sie nickte zähneknirschend.
„Wussten die anderen von dieser Wette?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht.“ Sie sah mich beruhigt an.
„Nur ich und Tommy.“
„Das erklärt natürlich auch, warum Tee immer so blöd grinst, wenn er mich neben Vellu sieht.“
Ich nickte. „Ähm ja, könnte sein.“


„Soll ich dich mitnehmen?“ Janne sah mich fragend an. Er wohnte nur ein paar Häuser von mir entfernt.
Wir hatten beschlossen, erst einmal alle nach Hause zu fahren, und die anderen würden sich dann in einer Kneipe treffen.
Dort würden Tommy und ich dann heute Abend auch wieder auf die anderen treffen.
„Ich hol dich dann in anderthalb Stunden ab, ja?“ verabschiedete sich Tommy von mir.
„Bis dann!“
„Tarja?“ Ich war schon im Gehen, als Axu mir seine Hand auf die Schultern legte.
„Ja?“
„Ihr seit wirklich nur Freunde, oder?“
Ich lächelte, als ich Axus besorgte blaue Augen sah. „Ja. Nichts weiter.“
Er seufzte erleichtert auf und ich lachte wieder.
Mein Gott, war der süß. Ich konnte immer noch seine arme um mich spüren. Er hatte sich wirklich total süß um mich gekümmert gestern Abend.
„Danke für gestern Abend.“ Ich sah Axu lange in die Augen und gab ihm dann einen Kuss auf die Wange.
„Nichts zu danken, ich würde es jedes mal wieder tun.“ erwiderte er lächelnd auf norwegisch.
„Sieh nur zu, dass dir so schnell niemand mehr so weh tut!“ besorgt strich er mir übers Gesicht.
„Keine Sorge.“ beruhigte ich ihn. Ich war ziemlich gerührt von seiner Fürsorglichkeit.
„So schnell lass ich niemanden mehr an mich ran.“
Jemand neben uns räusperte sich.
Ich blickte zur Seite und sah in Jannes Augen, eigentlich standen alle um uns herum und sahen uns fragend an.
„Ich will euch ja nicht stören.“ bemerkte Janne.
„Aber erstens ist es verdammt uninteressant, wenn ihr euch auf norwegisch so anschmachtet und zweitens will ich endlich nach hause und drittens..“ „Is ja gut Janne. Ich komm schon.“
Ich gab Axu noch einen Kuss auf die Wange und verabschiedete mich dann auch von dem Rest.
„Viel Spaß mit Tommy!“ wünschte mir Hanna grinsend.


„Und als ich ihr nicht glauben wollte, dass sie fliegen kann, hat sie sich einen Regenschirm geschnappt und ist auf’s Dach geklettert, um es mir zu beweisen. Das Ende des Liedes war dann, dass wir den Abend im Krankenhaus verbracht haben und sie nen gebrochenen Arm hatte.“
Ich grinste. Typisch Hanna.
Wir saßen im Garten eines kleinem Restaurant und unterhielten uns.
Im Moment erzählte mir Tommy gerade Anekdoten aus seiner gemeinsamen Kindheit mit Hanna.
Wir hatten uns einen Englischen Film angesehen, da Tommy die Finnischen sowieso nicht verstanden hätte.
„Sie hatte halt schon immer einen Dickkopf.“ Er schüttelte seinen Kopf.
„Vellu auch. Nehme ich an.“
Schon wieder grinsten wir beide.
Eigentlich war es ja schon fast wieder gemein, wie wir uns über die beiden lustig machten.
Andrerseits machte es einfach spaß.
„Wollen wir los zu den anderen?“ fragte Tommy nach einiger Zeit, während er bezahlte.



° Hanna°


„Hanna!“, machte mein Bruder nörgelnd und sah mich verzweifelt an. „Denkst du, da läuft was zwischen Tarja und Tommy?“
Ich stöhnte auf und sah vom Fernseher weg.
„Zum fünfunddreißigsten und letzten Mal: Nein!“
Wir saßen im Wohnzimmer und warteten auf Vellu, der mit uns zusammen zur Kneipe fahren würde, weil er nicht sein Auto an der Kneipe stehen lassen wollte.
„Aber...“
„Nein! Nein, Axu, nein!“
„Is ja gut“, schmollte er. In dem Moment klingelte es an der Tür. Mein Herz machte einen Satz, doch im nächsten Moment fiel mir ein, dass Axu ja keine Ahnung hatte. Also schaute ich wieder zum Bildschirm und versuchte mich ablenken zu lassen. Axu stand auf und ging zur Tür. Ich hörte Stimmen und Schritte im Flur und schon stand Vellu in der Wohnzimmertür. Ich sah auf.
„Da bist du ja“, begrüßte ich ihn. Vellu nickte nur und setzte sich in einen Sessel.
„Ich muss nochmal eben telefonieren, wir können gleich los“, verkündete Axu und schon war er wieder verschwunden. Ich hörte, wie er die Treppen hoch polterte und sah Vellu an.
„Na“, murmelte ich unsicher. Er lächelte und klopfte auf die Armlehne des Sessels.
„Komm mal her.“
Ich stand zögernd auf und ging zu ihm. Vellu fasste mich um die Hüfte und zog mich auf seinen Schoß.
„Na, minun aurinkoni“, sagte er liebevoll und strich mir über die Wange. Ich legte meine Arme um seinen Hals und strahlte ihn an.
„Hi.“ Ich küsste ihn lange und war einfach nur glücklich. Okay, ich konnte es mit kaum jemandem teilen, aber das war egal, solange ich Vellu hatte.
„Geht’s dir gut?“, flüsterte Vellu.
„Wieso fragst du?“
„Weil ich es wissen will, enkeli.“
„Ja“, nickte ich. „Mir geht es wunderbar.“
„Das ist schön.“ Vellu gab mir einen Kuss, dann hörten wir Axu die Treppe runterkommen. Ich hechtete schnell auf das Sofa zurück und versuchte, möglichst unbeteiligt zu schauen. Vellu gelang das perfekt.
„Hey.“ Axu steckte den Kopf ins Zimmer. „Ihr seid ja so leise.“
„Wundert dich das bei dem?“, stichelte ich und stand auf. Vellu tat es mir gleich.
„Witzig. Ziege.“
„Eiszapfen.“
Axu schüttelte den Kopf und ging schonmal raus. Vellu küsste mich kurz, dann folgten wir ihm.


„Ihr seid zu spät“, lallte es uns entgegen, als wir die Kneipe betraten. Jussi, Matti und Janne sahen schon regelrecht zerstört aus, Tarja und Tommy schienen noch ganz fit zu sein. Axu setzte sich sofort auf Tarjas freie Seite und die beiden fingen wieder an, sich anzuschmachten. Vellu nahm neben ihm Platz und Jussi und Janne machten in ihrer Mitte Platz für mich. Ich hätte schwören können, Vellu hatte einen Moment lang einen düsteren Ausdruck in den Augen, aber vielleicht hatte ich mich auch geirrt.
Schon bald hatte ich das vergessen, denn Jussi und Janne waren unheimlich erpicht darauf, dass ich auch ja keinen Durst bekam und setzten mir Glas für Glas vor. Axu und Tarja hatten wieder irgendwas auf norwegisch zu palabern und Tommy wurde von Matti und Vellu in die „Art of drinking the finnish way“ eingeführt, was im Grunde hieß, sie tranken so viel, bis nix mehr rein ging, aßen ein Stück trockenes Brot und tranken weiter. Für Matti und Vellu galt das als ausgewogene Ernährung, Tommy sah aber nach zwei Stunden aus, als würde er jede Sekunde aus den Latschen kippen.
„Tommy, lass es halt“, warnte ich ihn schließlich. „Wir glauben ja, dass du ein harter Kerl bist.“
„Nix geg’n Tommy, der is mein Kump’l“, lallte Janne.
„Nee, nee, war nix gegen ihn“, meinte ich.
„Und Jussi is auch mein Kump’l.“
„Ja.“
„Undu bis auch mein Kump’l.“
„Ja, Janne.“
„Janne? Wer is Janne? Egal, Janne is auch mein Kump’l.“
„Komm schon, wir gehen mal raus“, seufzte ich und zog Janne hinter mir her an die frische Luft. Ich schleppte ihn bis zu einer Bank, wo wir uns hinsetzten. Janne hatte einen total verklärten Blick und war total kalkweiß.
„I muss mich hinleg’n“, nuschelte er und schon lag er flach auf dem Boden.
„Oh mein Gott, komm wieder hoch.“ Ich zerrte so lange an ihm, bis er sicher auf der Bank, mit dem Kopf in meinem Schoß lag.
„Was machst du nur für Sachen“, murmelte ich gedankenverloren.
„Tut mir leid“, kam es kleinlaut von Janne. Ich lachte kurz und fing an, ihm über Stirn und Haare zu streicheln. Er schloss die Augen und sah aus wie ein kleines Kind. Wie ein hackebreites kleines Kind.
„Janne, wenn du jemanden mögen würdest, würdest du dann zu eurer Beziehung in der Öffentlichkeit stehen?“, fragte ich irgendwann total ungewollt.
„Ja, sicher. Ich würde mich nicht verstecken, besonders nicht, wenn es meiner Freundin weh tut.“ Er öffnete die Augen und hatte mit einem Mal wieder einen völlig klaren Blick. „Würde es ihr weh tun?“
„Sie ist sich nicht sicher. Einerseits findet sie es schade, weil sie dich echt gern hat. Andererseits ist sie froh, überhaupt mit dir zusammen zu sein.“
„Nein, so ein tolles Mädchen würde ich niemals jemandem vorenthalten. Schon allein weil ich nicht wollen würde, dass ein anderer sie mir abgreift.“
„Dein Wort in Vellus Ohr“, flüsterte ich und Janne sah mich fragend an.
„Was?“
„Nix. Hab nur laut gedacht.“
„Ach so. Hey.“ Er setzte sich auf und nahm mich in den Arm „Das wird schon. Vellu ist zwar ein bisschen Baum, aber er hat dich wirklich gern. Und früher oder später wird ihm das schon klar, okay?“
„Wie kommst du auf Vellu?“, fragte ich verwirrt.
„Weil ich weiß, wie ihr euch anseht. Schon ne ganze Weile. Hanna, er ist absolut verändert, wenn du nur den Raum betrittst, Von Anfang an schon, deswegen hast du es wohl nie mitbekommen. Es ist, als würden alle Mauern in ihm mit einem Mal einfallen, wenn du in seiner Nähe bist.“
„Danke“, murmelte ich. „Aber das bleibt unter uns, okay?“
„Sicher.“
Wir schwiegen eine Weile, dann sah ich Janne wieder an.
„Warum hast du dann auf Jussi gewettet.“
„Ich hab anfangs nicht gedacht, dass du auf Vellu stehen würdest. Ich dachte, Mädchen wie du stünden auf Jussi.“
„Mädchen wie ich?“
„Ja, freundliche, unkomplizierte Mädchen. Die meisten machen sich nicht die Mühe verschlossene Typen wie ihn kennen zu lernen.“
„Du hast mich für eine oberflächliche Ziege gehalten, weil ich aus den USA komme“, stellte ich fest.
„Ja“, gab Janne zerknirscht zu. „Aber jetzt weiß ich, dass du einfach ein toller Mensch bist. Ich hab dich sehr gern, Hanna. Schon allein, weil du es schaffst, das Beste aus Vellu rauszuholen. Ich bewundere dich dafür.“
Ich lief knallrot an.
„Jetzt schalt halt einen Gang zurück, Janne.“
„Das ist mein Ernst. Du bist das Beste, was ihm passieren konnte. Ich bin froh, dass du und Tarja hergekommen seid.“
„Bin ich auch, glaub mir.“ Ich küsste Janne auf die Wange. „Danke für alles. Du weißt, wie man jemanden wieder aufbauen kann.“
„Nein, ich weiß nur, dass die Wahrheit manchmal am glücklichsten macht.“


„Ich werd dich vermissen.“
Ich umarmte Tommy nochmal, bevor er in den Bus steigen musste. Wir standen vor dem Hotel, Tarja, Axu und Vellu waren mitgekommen. Heute war Tag der Abreise, das hieß, dass ich Tommy auf unbestimmten Zeitraum nicht sehen würde. Tränen standen mir in den Augen.
„Ich dich auch, Baby“, sagte Tommy und küsste mich kurz auf die Lippen. „Aber ich weiß ja, dass du in guten Händen bist.“ Er zu anderen drei. „Passt mir ja gut auf mein Baby auf“, rief er.
„Klar“, gab Axu zurück. Ich sah zu Vellu, doch er schaute total desinteressiert in eine völlig andere Richtung. Wut und Trauer kämpften in meiner Brust, wie konnte ein Mensch nur so gleichgültig tun?
„Okay, ich muss jetzt.“ Tommy und ich umarmten uns noch einmal, dann stieg er in den Bus.
„Ich hab dich lieb“, brachte ich hervor, ehe ich vollends in Tränen ausbrach.
„Ich dich auch, Baby.“
Die Tür schloss sich hinter ihm und der Bus fuhr los. Ich starrte hinterher, bis jemand mir eine Hand auf die Schulter legte.
„Is ja gut“, flüsterte Axu. Ich drehte mich um und ließ mich von ihm in den Arm nehmen. Über seine Schulter hinweg schaute ich zu Vellu, der immer noch in der Gegend herum starrte. Es war wie ein Faustschlag in den Magen. Warum war ich ihm denn so egal? Warum war er es nicht, der mich tröstete? Bedeutete ich ihm denn gar nichts? Unter diesen Umständen hatte eine Beziehung doch keinen Sinn mehr.
„Lass uns nach hause fahren“, meinte Axu. „Ich hab Vellu und Tarja gebeten heute da zu bleiben, damit du Gesellschaft hast.“
Toll, dachte ich. Vellu konnte ich jetzt ja gar nicht gebrauchen. Ignorantes Arsch, das. Hoffentlich würde Axu Tarja nicht den ganzen Abend in Beschlag nehmen, dann könnte ich wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht hatte sie ja eine Rat für mich.


„Du solltest ihn vor vollendete Tatsachen stellen.“
Tarja und ich saßen in unserem Garten, während Axu und Vellu drinnen irgendeine dämlich Serie schauten, auf die Tarja und ich keinen Bock gehabt hatten. Also waren wir rausgegangen und ich hatte ihr alles erzählt.
„Und wenn er dann Schluss macht?“
„Dann hat er dich eh nicht verdient, find ich.“
„Aber ich hab ihn doch gern.“
„Und? Wenn er dich wirklich gern hat, dann will er auch, dass du glücklich bist, Hanna.“
Ich seufzte und sah zur Tür. Sie hatte wahrscheinlich Recht. Aber ich wollte Vellu nicht verlieren.
„Tarja!“ Vellu stand plötzlich neben uns und deutete mit dem Daumen zum Haus. „Axu verlangt nach dir.“
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Tarja zuckte nur die Schultern, stand auf und ging. Ich versuchte krampfhaft, Vellu nicht anzusehen.
„Wie geht’s dir?“, fragte er schließlich.
„Schlecht“, erwiederte ich kalt.
„Was ist denn los, Hanna?“
„Du bist los“, sagte ich leise.
„Wie meinst du das?“
„Ich hätte dich heut früh gebraucht, als Tommy weg ist. Du hättest mich einfach nur in den Arm nehmen können.“ Ich sah zu Boden. „Du hast keine Ahnung, wie sehr mir das geholfen hätte, Vellu.“
Er ließ sich neben mich auf den Boden fallen.
„Aber das haben wir doch besprochen.“
„Schon“, gab ich zu. „Aber bei sowas braucht man einfach jemanden, verstehst du. Du kannst mich doch wohl mal in den Arm nehmen.“ Ich sah ihn fest an. „Ich dachte, du magst mich. Das war wohl ein Irrtum.“
„Natürlich hab ich dich gern. Aber was, wenn es mit uns nicht funktioniert? Die anderen müssen das doch nicht alles mitkriegen.“
„Für wie blöd hälst du deine Freunde eigentlich? Janne hat es sich schon zusammen gereimt. Und die anderen werden es auch bald wissen. Sieh’s ein, Vellu. Sie kennen dich besser, als du denkst.“ Ich stand auf. „Außerdem geht es hier gar nicht um die anderen. Hier geht es nur um uns. Und wenn du nicht zu mir stehst...“ Ich schluckte schwer. „Dann sehe ich für uns keine Zukunft.“
„Das ist Wahnsinn.“
Ich schaute Vellu überrascht an. Er erwiederte meine Blick und stand auch auf.
„Es ist Wahnsinn“, wiederholte er. „Wie kommst du nur darauf?“
Mein Blick wechselte von überrascht zu rasend vor Wut. Doch ich riss mich zusammen. Vellu kam zu mir und sah mir tief in die Augen.
„Wie kommst du nur darauf, dass ich dich gehen lassen würde?“
Ich brachte kein Wort heraus. Ich betete nur innerlich, dass ich mich nicht verhört hatte.
„Glaub mir, Hanna, ich weiß, wann es Zeit ist meine Prinzipien über Bord zu werfen. Du bist wundervoll, minun aurinkoni.“ Er umarmte mich und mein Herz schlug wie verrückt. Vellu schob mich ein Stück zurück und küsste mich lange.
„Hanna!“
Vellu und ich fuhren auseinander. Axu stand mit dem Telefon in der hand in der Terrassentür und schaute etwas verwirrt.
„Telefon.“
Ich lief zu ihm und nahm ihm das Gerät ab.
„Seid ihr...?“
Ich nickte und mein Bruder grinste.
„Wurd ja auch mal Zeit.“
„Wer ist es denn?“
„Aus Amerika“, antwortete Axu nur. Ich dachte kurz nach. Tommy war um sechs Uhr heute morgen abgeflogen, der Flug dauerte etwa 12 Stunden, jetzt war es acht. Doch, könnte hinkommen.
„Hallo?“
„Hanna?“
„Mrs Schwall?“ Ich hörte ein Schluchzen in der Leitung. „Mein Gott, was ist denn passiert?“
Vellu trat neben mich und legte einen Arm um mich. Auch Axu und Tarja kamen gerade aus dem Haus und schauten mich fragend an.
„Tommy“, weinte Mrs Schwall.
„Was ist mit ihm?“, fragte ich panisch.
„Das Flugzeug...es ist abgestürzt.“
„Abgestürzt?“, wiederholte ich ungläubig. Vellu, Axu und Tarja sahen total geschockt aus, Wahrscheinlich konnten sie sich denken, was passiert war...
„Ja“, brachte Mrs Schwall hervor.
„Ist er...“ Tot. Das wollte ich fragen. Doch ich konnte es nicht. Es ging nicht.
„Das wissen sie nicht. Die haben...die Leichen noch nicht identifiziert.“
„Gab es Überlebende?“
Mrs Schwall antwortete nicht, also wiederholte ich meine Frage.
„Noch nicht.“
Mir rutschte das Herz in die Hose. Tränen strömten meine Wangen hinunter. Was war das bloß für ein Tag?
„Hör zu, ich ruf dich wieder an, wenn es was Neues gibt, okay?“
„Okay. Danke Mrs Schwall.“ Ich legte auf. Vellu zog mich sofort in seine Arme und ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust.
„Er darf nicht tot sein“, heulte ich. „Ich hab doch schon meine Mom verloren. Ich will Tommy nicht verlieren.“
Vellu nahm mein Gesicht in seine Hände und wischte mit den Daumen über meine Wangen.
„Hey, er is’n zäher Bursche. So leicht haut den nichts um.“ Er küsste mich auf die Stirn und auf die Lippen und nahm mich wieder in den Arm. Auch Tarja sah unheimlich fertig aus und Axu legte zaghaft einen Arm um sie. Plötzlich klingelte das Telefon wieder. Eigentlich war mir nicht danach, aber ich nahm trotzdem ab. Es war ein furchtbares Rauschen in der Leitung, ein paar Stimmen im Hintergrund und schon war die Verbindung wieder unterbrochen.
„Keiner dran“, murmelte ich. Wir gingen wieder rein und setzten uns ins Wohnzimmer, das Telefon auf ‚laut’ gestellt, und sahen Fernsehen. Wir hatten uns alle auf eine lange Nacht eingestellt.

° Tarja °

Eineinhalb Stunden später waren wir immer noch nicht schlauer.
Hanna war erschöpft in Vellus Schoß eingeschlafen, Vellu streichelte seiner Freundin immer wieder über den Kopf, während er versuchte sich auf eine Fernsehsendung zu konzentrieren.
Ich lehnte gegen Axu, der einen Arm um mich gelegt hatte und er spielte mit meinen Haaren.
Immer wieder waren von mir oder Hanna leises schluchzen zu hören.
Denn auch im Schlaf schien sie keine ruhe zu finden.
„Gott, bitte lass es ihn überlebt haben“ murmelte Axu leise vor sich hin.
In meinen Augen sammelten sich wieder Tränen.
Vor knapp 24 Stunden saß ich mit Tommy noch an einem Tisch und jetzt sollte er Tot sein?
Ich wollte gar nicht erst wissen, wie sich Hanna fühlte.
„Ich… ich muss raus!“ Hektisch machte ich mich von Axu los und stürzte aus dem Raum auf die Terrasse.
Ich bekam in dem Raum einfach keine Luft mehr.
Ich ließ mich auf einen alten Liegestuhl fallen und zog die Knie an.
„Ist alles klar bei dir?“ Axu hockte sich vor mich.
Traurig schüttelte ich mit dem Kopf.
„Ich kann es nicht wirklich begreifen….“
Axu stand auf, setzte sich breitbeinig hinter mich und legte seine arme um meinen Bauch.
„Wie Vellu schon gesagt hat, er is’n zäher Borsche, hoff ich.“

„OH MEIN GOTT!“ hörten wir Hanna nach einigen Minuten aus dem Wohnzimmer schreien.
Sofort sprangen wir beide auf und eilten ins zu den beiden ins Wohnzimmer.
„Verdammt, du bist WO?“ Hanna stand mitten im Zimmer, hielt sich das Telefon ans Ohr und schien ungemein erleichtert.
„In New York? Ihr habt das Flugzeug verpasst?“ Wiederholte sie für uns.
Unglaublich erleichtert fiel ich Axu um den Hals.
Hanna schluchzte am Telefon auf. „Oh Gott, Tommy, ich hatte solche Angst dich auch noch zu verlieren.“
Vellu war zu seiner Freundin gegangen und nahm sie zärtlich in den Arm.
Axu legte seine Hände vorsichtig um meine Hüfte und ich ließ meinen Kopf an seine Schulter fallen.
„Danke lieber Gott!“ nuschelte er gegen meine Haare und drückte mich fester an sich.
Ich legte meine Arme um seine Schultern und atmete erst einmal tief durch.
Tommy lebte!
Kurz nachdem Hanna das Gespräch beendet hatte, rief ein völlig verstörter Janne an, der von dem Flugzeugabsturz gehört hatte.
Nachdem er gehört hatte, das das Amerikanische Team am Leben war, versprach er Jussi und Matti zu benachrichtigen und zusammen mit ihnen und ein paar Pizzen vorbeizukommen.


° Hanna°


Als es an der Tür klingelte, sprang ich auf und raste los, um die Jungs reinzulassen. Ich riss die Tür auf und fiel Janne, der direkt vor mir stand, um den Hals.
„Ähm...ja, ich freu mich auch, dich zu sehen“, meinte er und tätschelte leicht meinen Rücken.
„Wie geht’s dir?“, fragte Jussi mich, als ich ihn umarmte.
„Bestens“, strahlte ich. „Tommy lebt.“ Dann begrüßte ich noch Matti und ließ sie dann herein. Ich folgte ihnen in die Küche, wo Vellu, Axu und Tarja saßen. Dummerweise waren alle Plätze belegt und ich verzichtete darauf, mich auf Vellus Schoß zu setzen. Immerhin wussten die anderen noch nichts, außer natürlich Tarja und Axu. Aber ich fand, Vellu hatte seinen guten willen gezeigt, das musste erstmal reichen.
„Hey, Schatz.“ Vellu zog fasste mich um die Taille und zog mich auf seinen Schoß. „Steh da doch nicht so in der Gegend rum.“ Er küsste mich kurz und griff sich eine der Pizzen, die Janne mitgebracht hatte. Jussi und Matti schaute etwas perplex drein. Nur Janne grinste zufrieden.
„Na endlich, ich hab’s ja gewusst.“
„Du hast es gewusst?“, fragte Matti.
„Na ja, geahnt.“
„Oh man, was für ein tag.“ Jussi fasste sich gespielt verzweifelt an den Kopf und schob sich ein großes Stück Pizza in den Mund. Ich strahlte Vellu an. Endlich war’s raus. Wir mussten nix mehr verbergen und das war eine unglaubliche Erleichterung. Jedenfalls für mich. Hoffentlich ging es Vellu auch so.


„Bist du glücklich mit der Entscheidung?“, fragte ich ihn, als wir abends im Bett lagen.
„Mit welcher Entscheidung?“ Vellu sah mich fragend an.
„Dass es jetzt alle wissen.“
Er lächelte und zog mich an sich.
„Weißt was, minun aurinkoni, das ist mir total egal. Es geht nur um uns, und ich will nur, dass du glücklich bist.“
„Oh“, machte ich gerührt und küsste Vellu. „Du bist so süß.“
„Ich weiß eben, was Frauen hören wollen.“
„Ja, ja, du bist unser Fachmann.“
„Halt die Klappe.“
„Ach was, bist wohl wirklich ein kleiner Aufreißer, was?“
„Klappe, sag ich.“
Ich lachte laut auf.
„Oh nein, mein Freund ist ein Ladykiller.“
„Sei still“, lachte Vellu und hielt mir den Mund zu. Ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien, doch es funktionierte nicht. „Bist du ruhig?“ fragte Vellu schließlich. Ich nickte hektisch und er ließ los.
„Na endlich, Loverboy.“
„Ja, ja, ich lieb dich auch.“
„Was?“
„Ach, nichts weiter.“ Vellu schaltete das Licht aus und legte sich hin. „Nacht.“
„Nacht.“ Ich grinste bis über beide Ohren und kuschelte mich an ihn. Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und flüsterte: „Ich dich auch.“ Dann legte ich mich wieder richtig hin.
Vellu küsste mich auf die Stirn und zog mich noch dichter an sich. Zufrieden seufzend schloss ich die Augen. Dieser Tag hatte es echt in sich gehabt...

° Tarja °

„Euch ist hoffentlich klar, dass ich eine Wette gewonnen habe?“
Vellu und Hanna waren schon in Hannas Zimmer verschwunden, während wir anderen unser Gelage mittlerweile ins Wohnzimmer verlegt hatten.
„Was für eine Wette?“ Jussi sah mich von oben herab an.
Ich lag mit dem Kopf in Jannes Schoß, während meine Beine über Axus Oberschenkel drapiert waren.
„Ach, wir haben nur darum gewettet, wann Hanna und Vellu zusammen kommen…“
Versuchte Matti sich rauszureden.
„Ach und Tarja hatte auf heute gesetzt?“ Fragte Jussi interessiert nach.
„Nicht direkt“ gab Janne zu.
„Was dann?“
Manno Jussi! Lass es gut sein.
„Ähm nun ja, sie hatte als einzige auf Vellu gesetzt.“ Stotterte Axu herum, ich hielt mich lieber ganz raus.
„Und auf wen hattet ihr gesetzt?“ Jussi sah sich um und wir sahen alle ihn an.
Dann schien es klick zu machen.
„Doch nicht etwa… Nein. Hey! Warum ich?“ Wir grinsten alle vor uns hin und ich ließ mich weiter von Janne mit Gummibären füttern, während die Jungs fleißig ihr Bier und ihren Schnaps weiter tranken.

„Wollen wir noch Schwimmen gehen?“
„Ja, gleich nach deinem Tabledance.“ Erwiderte ich sarkastisch.
Hatte der Junge schon mal auf die Uhr gesehen?
„Nein jetzt mal im ernst!“ Janne richtete sich auf und ich musste mich hinsetzten.
„Es ist erst halb Zwei! Wisst ihr wie geil das jetzt am See ist?“
Die anderen Jungs schienen langsam gefallen an dem Gedanken zu finden.
„Dann muss ich aber erst noch mal nach hause und…“ Versuchte ich mich raus zu reden, doch Jussi unterbrach mich.
„Du hast doch ’n BH an, oder?“
Missmutig sah ich ihn an.
„Ähm ja?“ „Na ja, dann bekommst du noch ne Schwimmshorts von Axu und schon hat es sich geregelt!“
„Und ihr?“ Hakte ich weiter nach.
Matti grinste. „B-o-x-e-r-s-h-o-r-t-s“ buchstabierte er mir.
Axu war derweil aufgestanden und hatte ein paar Handtücher, Decken und eben die besagte Schwimmshorts mitgebracht.

„Jeeeeaaaahhhh“ Axu, Janne, Jussi und Matti liefen gleichzeitig, nur mit Boxers bekleidet, ins Wasser, während ich immer noch skeptisch am Ufer stand.
Ein paar Minuten sah ich den Vier beim Planschen zu, dann kamen Janne und Axu auf mich zu.
„Lasst mich in Frieden!“ Doch es war zu spät, während Janne sich meine Beine geschnappt hatte, griff Axu mir unter die Axeln (HaHa, Wie schlecht!) und zusammen beförderten sie mich ins Wasser.
„Ahhh!“ Kaum war ich wieder an der Wasseroberfläche, klammerte ich mich an Axu.
„Ist das kalt!“ bibberte ich.
„Ach was.“ Er deutete zum Strand „Jussi macht schon Feuer.“
Janne, der sich von hinten an mich ran geschlichen hatte, legte seine Arme um meinen Bauch und zog mich von Axu weg und ehe ich auch nur an das Wörtchen ’HILFE’ denken konnte sah ich mir schon wieder Wasserpflanzen an.
Diesmal klammerte ich mich wie verrückt um Jannes Hals, der nur auflachte und wieder auf Tauchgang ging.
Obwohl eigentlich nicht wirklich der passende Moment war, um darüber nachzudenken, viel mir doch mal wieder auf, wie gut gebaut die Jungs doch waren.
Doch wirklich, dieser Anblick bzw. dieses Gefühl an Jannes Brust zu hängen ließ sogar die Tauchgänge erträglich werden.
„Bitte Janne!“ bibberte ich 15 Minuten später. „Lass und rausgehen… Mir ist verdammt kalt!“
Janne blickte besorgt auf mich hinunter, irgendwie ich “hing“ immer noch an ihm, während die anderen schon ums Feuer hockten.
„Du hast ganz blaue Lippen.“ stellte er fest.
Ich lächelte schief. „Du auch, Janne!“
„Weiß du was da hilft?“ Flüsterte er sah mir dabei direkt in die Augen und legte seine Arme um meine Taille.
„Hmm?“ Ich war wie hypnotisiert von seinem Blick.
Langsam beugte er seinen Kopf weiter zu mir hinunter, bis seine Lippen auf meine trafen.
Ich genoss den Kuss und vergaß alles um mich herum.
Für einen Moment vergaß ich sogar das Wasser um mich herum.
Janne lehnte seine Stirn gegen meine und lächelte mich an, während seine Hände meinen Rücken streichelten.
„Wir sollten wirklich raus gehen….“ murmelte er leise vor sich hin.
Am Feuer angekommen werden wir von allen komisch angeguckt.
Jussi sieht uns beide mit einer Hochgezogenen Augenbraue an. Ja Junge, is gut!
Ich hab kapiert, dass du es nicht gut findest.
Aber ich weiß doch selber nicht, was das gerade war.
Ich weiß nur, dass immer wenn Axu den Raum betrat mein Herz einen Sprung machte.
Selbst als ich noch mit Björn zusammen war, wusste ich, dass das was ich für Axu fühlte weit über Freundschaft hinausging.
Eigentlich war mir Björn nur zuvorgekommen.
Okay, ich hätte wahrscheinlich mit ihm Schluss gemacht, bevor ich mit jemand anderes rumknutsche!
Aber jetzt? Was sollte das ganze?
Janne legte eine Decke um mich, da es nicht wirklich warm war. Auch am Feuer nicht.
„Wo ist Axu?“
Wieder bekomme ich so einen Du-reitest-dich-nur-noch-tiefer-rein-Blick von Jussi.
„Keine Ahnung, er ist Richtung Wald gegangen.“ Matti zuckte mit den Schultern.
Nachdenklich starre ich aufs Feuer, bis Janne mich anstupst.
„Hier!“ meint er leise und hält mir seinen Übergroßen Kapuzenpulli hin.
Fragen schaue ich ihn an.
„Es tut mir leid, das eben im See.“ Er lächelt mir aufmuntert zu „Auch wenn es schön war.“
Dann machte er eine Kopfbewegung Richtung Wald.
„Na los, such ihn!“
Ich lächele, schnappe mir den Pulli und drücke ihm noch einen Kuss auf die Wange.
„Ich hab dich lieb Janne! Nicht mehr und nicht weniger!“
Er legt den Kopf schräg und lächelt. „Ich dich auch kurze!“

„Verfluchte Scheiße!“ Ich stolperte, auf der suche nach Axu, durch den Wald und zog die Ärmel des Pullovers über meine Hände, da diese kurz davor waren zu erfrieren.
„Du sollst nicht so viel Fluchen!“
Erschrocken drehte ich mich um und erkannte, im schwachen Licht des Mondes, Axu, der mit angezogenen Beinen auf einem Baumstamm hockte.
„Scheiße! Und du sollst mich nicht erschrecken!“
Ich lächelte vorsichtig und ging auf ihn zu, doch Axu verzog keine Miene.
„Können wir reden?“ fragte ich leise, während ich mich neben ihn auf den Baumstamm fallen ließ.
„Worüber?“ abweisend starrte er weiter in den dunklen Wald.
„Du weißt ganz genau worüber.“ „Nein, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass du Janne geküsst hast und dass das verdammt weh tat. Aber wenn du meinst er ist der Richtige, dann geh und werde mit ihm glücklich! Ich stehe dir dabei nicht im Weg!“
Mit diesen Worten stand er auf und ging noch tiefer in den Wald.
„Axu warte!“ schrie ich ihm nach und sprang ebenfalls vom Stamm, wobei ich aber als ich aufkam umknickte und hinfiel.
„Scheiße!“ stieß ich aus, als ich merkte, dass ich meinen Fuß nicht belasten konnte.
Er tat wirklich höllisch weh.
„Axu, bitte!“ schrie ich den Tränen nahe.
„Du bist so ein Trottel!“ Axu stand auf einem mal, mit in die Hüfte gestemmten Armen, vor mir.
„Ja klar, ich mach das extra. Nur für dich. Hab ja auch sonst nichts zu tun.“ meckerte ich, und Axu ging in die Knie und begutachtete meinen Fuß, der innerhalb von Minuten blau verfärbt hatte und dick angeschwollen war.
„Ahhh“ schluchzte ich auf, als Axu mir den Schuh ausgezogen hatte und versuchte den Fuß zu beugen.
„Sieht schlecht aus.“ stellte er nach ein paar Momenten fest.
„Ach“ Erwiderte ich sarkastisch und versuchte krampfhaft nicht zu heulen.
„Könntest du bitte aufhören mich anzumeckern, sonst gehe ich nämlich!“ Axu sah mich sauer an.
„Ich?“ fragte ich. „Wer war es denn bitte schön, der vor nem Gespräch weglaufen musste, huh?“
„Du willst reden? Na los rede!“ Axu starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an und ließ sich genau vor mich fallen.
„Da ist nichts mit Janne. Der Kuss ist einfach aus der Situation heraus entstanden. Ich bekomme keine Schmetterlinge im Bauch, meine Knie werden nicht weich, ich habe nicht das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt.“ Ich machte eine Pause und redete dann erheblich leiser weiter.
„Das alles habe ich nur bei dir.“
Axus Gesichtsausdruck wechselte von Düster in Überrascht dann kurz in Freundlich und schließlich wieder in Düster.
„Und warum erzählst du mir das alles?“
Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Dieses Arschloch! Ich schütte ihm mein Herz aus und alles was er dazu zu sagen hat ist mich zu fragen, warum ich ihm das erzähle?
„Du bist so ein eingebildetes, arrogantes Arsch!“
Ich versuchte aufzustehen und hielt mich an einem Ast fest, der mich aber nicht aushielt und ich somit wieder auf dem Boden landete.
Axu lachte kurz auf. „Trottel.“
„Arsch!“ Seine Stimme war schon wieder sehr viel freundlicher.
„Und mit Janne lief wirklich nichts, außer dem Kuss?“ Plötzlich wurde seine Stimme ziemlich leise und gedrückt.
„Nein!“ Axus Gesicht war auf einemmal direkt vor mir.
„Könntest du dann das von vorhin bitte noch einmal wiederholen?“
Ich runzelte die Stirn. „Du bist ein arrogantes Arschloch?“
Er grinste. „Du weißt genau was ich meine.“
„Muss ich das wirklich alles wiederholen?“ Axus Gesicht kam meinem immer näher.
„Du darfst es abkürzen.“ Ich gab Axu einen kurzen Kuss auf beide Wangen.
„Ich glaube,“ Ich küsste seine Stirn, „dass“ Ich küsste seine Nasenspitze, „ich mich in dich verliebt habe.“
„Ach?“ Lächelte Axu mich an. „Was können wir nur machen, damit du dir da sicher wirst?“
Ich grinste kurz und schon waren wir in einen langen Kuss versunken.
Plötzlich zuckte ich zurück.
„Axu, versprichst du mir etwas?“ Ich sah ihn ernst an und er strich mir eine Strähne meines immer noch feuchtem Haares aus dem Gesicht.
„Alles was du willst mein Engel!“
„Tu mir nicht so weh, wie Björn es gemacht hat!“
Axu lächelte kurz und wurde dann wieder ernst. „Nie! Das verspreche ich dir!“
Er gab mir noch einen Kuss und löste sich dann von mir.
„Wir sollten dich in ein Krankenhaus bringen, der Knöchel muss geröntgt werden.“
Mit diesen Worten legte er seine Arme unter meine Knie und unter meinen Rücken und hob mich hoch.
Ich lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter und schloss selig die Augen.
„Ich hab dich lieb Axu“ murmelte ich.
„Ich dich auch, kleiner trotteliger Engel!“

„Ach, lassen wir uns jetzt immer tragen?“ Jussis Spruch ließ mich gerade dann wieder aufwachen, als Axu mich auf eine Decke legte.
„Sie hat sich wahrscheinlich den Knöchel angeknackst, oder so.“
„Habt ihr denn alle Probleme aus der Welt geschafft?“ fragte Janne verschlafen. „Ich meinen lange genug wart ihr ja im Wald.“
Axu grinste Janne und die beiden anderen breit an.
„Jep, haben wir!“
Er fing an alles zusammen zu packen. „Wer von uns hat am wenigsten intus?“
„Du“ gaben alle drei zurück. „Immerhin, hast du uns auch hergefahren.“
„Gut.“ Meinte Axu und gab mir flüchtig einen Kuss auf die Stirn. „Sollen wir euch zu Hause absetzten, oder wollt ihr mit ins Krankenhaus?“
„Ich komme mit!“ stimmte Janne zu. „Ich kann doch hinterher bei dir schlafen, oder Axu?“
Auch die anderen beiden stimmten zu, uns im Krankenhaus Gesellschaft zu leisten und hinterher bei Axu zu übernachten.

Wir mussten schon eine komische Truppe abgegeben haben.
Vier Jungs und ein Mädchen, dass von einem der Jungs Huckepack getragen wurde.
Die Schwestern in der Notaufnahme grinsten jedenfalls ständig, wenn sie mich auf Jussis Rücken sahen. Aber mir mal nen Rollstuhl anzubieten, darauf kamen die auch nicht.
Mittlerweile war es halb Fünf Uhr morgens und wir warteten gespannt auf die Ergebnisse vom Röntgen.
„Also Fräulein, es ist nichts gebrochen, sondern nur stark geprellt. Das heißt, sie werden den Fuß die nächsten 2 bis 3 Wochen auf jeden fall schonen. Ich gebe ihnen eine Überweisung für ihren Hausarzt mit, bei dem sie sich bitte in den nächsten 2-3 Tagen melden.“
Ich nickte, viel bekam ich ohnehin nicht mehr mit.

„Bekomme ich ein Shirt von dir?“ Ich stand unschlüssig und mit Krücken in der Hand in Axus Zimmer und wartete darauf, dass er mir irgendwas gab, in dem ich schlafen konnte.
„Klar!“ Er warf mir eins über die Schulter und ich ging ins Badezimmer um mich umzuziehen.
Als ich wieder ins Zimmer kam, lag Axu schon, alle viere von sich gestreckt, quer auf seinem Bett.
„Gibt es da irgendwo auch noch Platz für mich?“ Er schlug seine Augen auf und lächelte.
„Aber immer doch!“
Ich legte mich neben ihn und kuschelte mich an ihn.
„Schlaf schön Engel!“ war das letzte, was ich hörte, bevor ich ins Land der Träume abrutschte.

° Hanna°

„Ich sterbe.“
„Besser nicht.“ Vellu legte einen Arm um mich und zog mich an sich. „Ich brauch dich noch.“
„Denkst du, das hält mich auf?“
„Dann nicht.“ Er nahm seinen Arm wieder weg und schmollte.
„Tut mir leid. Ich...will nur nicht.“
„Du schaffst das schon.“
„Das sagst du so einfach.“
„Jetzt mach halt.“
„Wie du willst.“ Ich krallte mich in den Lenker, trat leicht gegen das Gaspedal und ließ die Kupplung kommen. Was für eine bescheuerte Idee. Vellu war heute morgen aufgewacht und hatte beschlossen, ich müsse Auto fahren lernen. Und jetzt saß ich im Wagen seines Vaters auf dem Verkehrsübungsplatz und kam beinahe um vor Angst.
Wir hatten vorher Axu und Tarja in der Stadt abgesetzt. Seit die beiden vor zwei Wochen zusammengekommen waren, waren sie unzertrennlich. Deswegen war Janne neuerdings zu einer „Freundin“ geworden. Ich gönnte Tarja ihr Glück und Janne spielte die Rolle echt gut. Im Moment saß er hinten im Auto und grinste vor sich hin.
„Schön, dass wenigstens du dich freuen kannst“, maulte ich, während ich im Schneckentempo über den Platz juckelte.
„Ich finde, du machst das toll“, meinte Janne.
„Halt dir Klappe, oder ich fahr gegen nen Baum.“
„Is ja gut.“ Er lehnte sich im Rücksitz zurück und schaute aus der Windschutzscheibe.
„Wann fängst du denn mit dem Führerschein an?“
„Bald.“
„Du wirst in zwei Monaten 18“, erinnerte Vellu mich. „Du könntest echt mal anfangen.“
Ich lächelte ihn an und strich ihm kurz über die Wange.
„Ich hab doch dich, mein Schatz.“
„Und wenn dein Schatz mal einen heben will, wer holt ihn dann ab?“
Ich zeigte grinsend mit dem Daumen nach hinten und Janne riss empört die Augen auf.
„Ich? Nee!“
„Klar, du.“
„Ich dachte, du liebst mich“, zog Vellu mich auf.
„Ja“, wiederholte Janne. „Ich denke, du liebst mich...ääh...ihn.“
Ich rollte mit den Augen.
„Okay, ich überleg’s mir.“
„Wenn du’s nicht tust, zwingen wir dich jede Woche mit uns auf den Übungsplatz zu fahren“, drohte Janne mir an.
„Kein Grund, gemein zu werden“, witzelte ich.
Am nächsten Tag meldete ich mich bei der Fahrschule an.


„Weißt du, was ich nicht verstehe?“
„Nein. Was?“
„Warum hast du sie geküsst?“
Janne, der auf meinem Bett lag, sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Bin mir net sicher...es kam so aus der Situation.“ Er grinste. „Und sie ist süß.“
„Hey, wenn du meinem Bruder die Freundin ausspannst, sind wir die längste Zeit Freundinnen gewesen“, witzelte ich. Janne sprang auf, riss mich zu Boden und kitzelte mich durch.
„Unverschämtes Ding“, lachte er.
„Das ist nicht fair“, brachte ich hervor. „Lass mich los.“
„Gibt’s net.“
„Bitte! Bitte Janne!“
Plötzlich räusperte sich jemand in der Tür.
„Vellu, hilf mir“, brüllte ich.
„Nö, er wird schon seine Gründe haben. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass wir jetzt zum See wollen. Wenn ihr euch irgendwann voneinander lösen könnt, dürft ihr gerne mitkommen.“
„Dann hilf mir!“, bat ich ihn erneut.
„Fein.“ Vellu kam zu Janne und mir und hielt meine Arme fest. „An der Seite ist sie besonders kitzelig.“
„VELLU!“
Er und Janne knallten sich voll weg, während ich beleidigt am Boden lag. Irgendwann stand ich auf, nahm meinen Rucksack und lief die Treppe runter. Axu und Tarja warteten schon im Auto. Wir wollten zelten und in der Nacht schwimmen gehen. Alle bis auf Tarja, die noch nicht wieder durfte. Ja, ja Liebe ist schmerzhaft...
„Hanna!“ Vellu hatte mich eingeholt und legte seine Arme um mich. „Tut mir leid.“
„Das fällt dir aber reichlich spät ein“, motzte ich und tat zutiefst beleidigt.
„Es tut mir so leid, enkeli.“
„Na gut“, ließ ich mich erweichen. Vellu lächelte und ich schmolz dahin. Für dieses Lächeln würde ich töten (à für Glüxbärchis auch!) . Ich küsste ihn kurz und wir stiegen alle ins Auto. Diesmal fuhr Janne, was uns allen nicht so geheuer war, aber bitte.
Jussi und Matti kamen kurz nach uns am See an. Wir bauten unter Leibeskräften die Zelte auf, was auch alle mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Nur die roten Striemen an Vellus Hals wiesen darauf hin, dass er sich beinahe selbst stranguliert hatte, als er das Überzelt aufbauen wollte.
Als er wieder bei Bewusstsein war, gingen wir schwimmen. Nur Tarja und Vellu, dem immer noch etwas duselig war, blieben erstmal draußen. Vellu hatte von Axu den ausdrücklichen Befehl bekommen, gut auf seinen Engel aufzupassen. Er ging so süß mit ihr um, ich fragte mich, ob Björn auch immer so zu ihr gewesen war. Und ob sie noch manchmal an ihn dachte. Wenigstens an die schönen Zeiten.
„Aufwachen!“ Jussi spritzte mir eine Ladung Wasser ins Gesicht. Ich sah mich um und merkte, dass es schon ziemlich dunkel war.
„Wo sind denn alle?“
„Gerade raus. Es ist scheißkalt hier drin. Hast du das nicht bemerkt?“
Ich schüttelte den Kopf und Jussi sah mich besorgt an.
„Is alles okay?“
„Ja, hab nur nachgedacht.“
„Worüber?“
„Alles mögliche.“
„Wusstest du, dass die anderen gewettet haben, dass wir zusammen kommen?“
Ich sah Jussi ein bisschen überrascht, aber wohl eher schuldbewusst an, denn ihm bleib der Mund offen stehen.
„Du hast es gewusst?“, fragte er nach.
„Ja, schon.“
„Warum hast du nix gesagt, die hätten wir voll auflaufen lassen.“
Ich lachte auf. Typisch Jussi.
„Jetzt isses eh zu spät“, meinte ich.
„Aber das wäre lustig geworden. Wir hätten denen das Blaue vom Himmel gelogen...“ Jussi brach ab und sah mich an. „Oder auch nicht.“
Hey, jetzt mach keinen scheiß, dachte ich mir im Stillen.
„Na ja, Tarja hat ja die Wette gewonnen“, sagte ich schnell.
„Kann ich dich mal was fragen?“
„Ääh...sicher.“
„Hatte ich jemals ne Chance?“
„Eine Chance?“ Bloß dumm stellen, dann hört er vielleicht von alleine auf.
„Eine Chance bei dir, typerys.“
„Na ja...“ Ich lief knallrot an, dann grinste ich. „Als ich dich das erste Mal an der Tür gesehen hab, bin ich fast tot umgefallen.“
„So schlimm?“, witzelte Jussi.
„Tomppeli, natürlich nicht. Genau das Gegenteil.“
„Echt?“
„Ja.“
„Und trotzdem hat Vellu das Rennen gemacht.“
„Es war kein Rennen.“ Ich grinste breit. „Aber wenn, wärst du eindeutig zu langsam gewesen.“
„Vuohi!“ Jussi drückte mich lachend unter Wasser und ich kam prustend und spuckend wieder hoch. Jetzt merkte ich auch, dass es ziemlich kalt war. Für einen Moment dachte ich daran, was Tarja und Janne in dieser Situation gemacht hatten. Aber ich ließ es bleiben. Stattdessen kraxelte ich zum Ufer, nahm mir ein Handtuch und setzte mich neben Vellu. Der legte eine Decke um uns und nahm mich in die Arme. Ich kuschelte mich an ihn und schloss die Augen. Irgendwann strich er mir zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. Ich lächelte und dachte an den ersten Abend in Finnland. Ich küsste Vellu auf den Arm und strahlte ihn an. Er lächelte zurück.
„Minä raastan sinua“, sagte er leise.
„Ich dich auch“, erwiederte ich.
Ich sah kurz zu Axu und Tarja, die ebenso angekuschelt aneinander da saßen. Ich lächelte Tarja zu und sie lächelte zurück. In dem Moment waren wir uns glaub ich einig:
Hier gehörten wir hin.

ENDE











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